© Filmfest München/Focus Features, LLC. (aus "Abseits des Lebens")

Die Überlebenden

Montag, 05.07.2021

Das 38. Filmfest München hat am 1. Juli begonnen. Über die spannendsten Filme der ersten Festivaltage

Diskussion

Das 38. Filmfest München ist am 1. Juli in eine Corona-gemäß reduzierte, aber dennoch durchaus ambitionierte Ausgabe gestartet. In der Reihe „Neues Deutsches Kino“ finden sich in den ersten Festivaltagen ungewöhnlich viele künstlerische Auseinandersetzungen mit der DDR und ihrem Erbe, während auch Filme aus den übrigen Sektionen um die Last des Überlebens und Übrigbleibens kreisen.


„Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber / wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber / (…) wo ich sterbe, da will ich nicht hin: / Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ Für den ostdeutschen Schriftsteller Thomas Brasch sind es die Paradoxien seines eigenen Lebens, die er in seinem Versdrama „Der Papiertiger“ niederschreibt, das 1977 kurz nach seiner Ausbürgerung aus der DDR erstmals erscheint: Über seinen zum Regierungsapparat gehörenden Vater steht er der Spitze des Staates nahe und fühlt sich den Theorien des Sozialismus in kritischer Zustimmung verbunden, doch zugleich ist er zu sehr Individualist, um in der stumpfen Gleichförmigkeit der DDR aufgehen zu können. Nach mehreren Dokumentarfilmen ist Andreas Kleinerts „Lieber Thomas“ die erste Spielfilm-Annäherung an die Familie Brasch, die nun beim 38. Filmfest München (1.7.-10.7.) ihre Weltpremiere feierte: eine auf zweieinhalb Stunden angelegte Hymne in Schwarz-weiß an den rebellischen Autor Thomas Brasch, mit vibrierender Vitalität von Albrecht Schuch gespielt.


Drei Auseinandersetzungen mit der DDR

Kleinert und Drehbuchautor Thomas Wendrich halten sich an die spannungsreichen Punkte in Braschs Leben – etwa seine Flugblatt-Proteste gegen den niedergeschlagenen „Prager Frühling“, die Auslieferung an die Stasi durch den eigenen Vater, die Beziehung zur Schauspielerin Katharina Thalbach, sein Ringen mit der nie bewältigten Form des Romans –, lassen aber auch Raum für Verfremdungsmomente und Albtraumsequenzen. Dabei ist nicht jeder ihrer Ansätze übermäßig originell, etwa der vielfach betonte Konflikt der Generationen, der immer auch einer mit der erstarrten Linie der DDR ist und folgerichtig auf die Vision eines Treffens mit Staatschef Erich Honecker zuläuft, in der dieser vom selben Schauspieler (Jörg Schüttauf) wie Braschs Vater gespielt wird. Doch in der konsequenten Experimentierbereitschaft erweist sich „Lieber Thomas“ nicht nur als vielfältige Auseinandersetzung mit den Untaten des DDR-Regimes, es gelingt ihm auch die Integration von Braschs widerborstiger Sprache ins Medium des Films.


© Peter "Lieber Thomas" (  © Filmfest München/Hartwig/Zeitsprung Pictures/Wild Bunch) Germany
© "Lieber Thomas" ( © Filmfest München/Hartwig/Zeitsprung Pictures/Wild Bunch) Germany

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Unter den vierzehn Werken, die 2021 in der Sektion „Neues Deutsches Kino“ zu sehen sind, setzen sich gleich drei mit den Erblasten der DDR auseinander. Ihre ästhetischen Herangehensweisen erwiesen sich dabei als bemerkenswert unterschiedlich. Anders als Kleinerts kontrastreiche Schwarz-weiß-Arbeit setzt Franziska Stünkel in ihrem Film „Nahschuss“ auf Bildkompositionen von Grau- und Khaki-Tönen, die ihren Figuren eine Zeitlang eine falsche Behaglichkeit in der DDR vermittelt. Der vom Schicksal des 1981 als letzter DDR-Bürger hingerichteten Wissenschaftlers Werner Teske inspirierte Film – der Titel spielt auf die Hinrichtungsmethode des unangekündigten Genickschusses an – stellt einen Ingenieur (Lars Eidinger) ins Zentrum, der vom Geheimdienst angeworben wird. Eine Ablehnung kommt ohnehin nicht in Frage, doch zunächst folgt Franz Walter linientreu seinen Befehlen, bis er die perfiden Lügenkonstrukte der Stasi gegen einen abtrünnigen Fußballer aus der DDR nicht mehr mittragen will. Der Umschwung erfolgt etwas abrupt, wie auch die anfängliche Blauäugigkeit des Wissenschaftlers ein wenig unglaubhaft wirkt, dennoch bringt Stünkel intensive Szenen hervor, namentlich nach Walters Enttarnung und seinem Fall in die Mühlen der DDR-Justiz.

Während Kleinert und Stünkel die Jahre des ostdeutschen Regimes unmittelbar in den Blick nehmen, sind diese im dritten Filmfest-München-Beitrag zu diesem Thema bereits Geschichte. Bei ihrem Spielfilm-Regiedebüt „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ setzt die Schauspielerin Katharina Marie Schubert im Jahr 1999 ein, in dem die DDR-Zeit in einem kleinen Ort nahe Berlin aber noch sehr gegenwärtig ist. Beim 60. Geburtstag der Hauptfigur Gudrun (Corinna Harfouch) gehören böse Witze auf Kosten der „Wessis“ zum Festprogramm, kurz darauf verlässt die für ihren Starrsinn gefürchtete Jubilarin ihre eigene Feier, weil der Bürgermeister (noch mal Jörg Schüttauf) das frühere örtliche Kinderheim, in dem sie ihre ersten Jahre verbrachte, an Investoren verkaufen will. Was von Gudruns Seite weniger mit konkreter Verklärung der Vergangenheit zu tun hat als mit dem generellen Drang, sich die (geschönten) Erinnerungen nicht rauben zu lassen, und mit dem Ausverkauf von DDR-Institutionen vieldebattierte Vorgänge aufgreift. Schubert zieht sich davon allerdings bald zurück, führt eine geheime Liebesgeschichte von früher ein und widmet sich vor allem den Konflikten der resoluten Gudrun mit ihrem passiven Partner (Peter René Lüdicke) und ihrer Tochter (Birte Schnöink) – schauspielerisch ist das versiert, weicht inhaltlich aber eher der härteren Auseinandersetzung mit der Historie aus.

"Das Mädchen mit den goldenen Händen" (© Filmfest München/Erik Mosoni/2021 Wild Bunch Germany)
"Das Mädchen mit den goldenen Händen" (© Filmfest München/Erik Mosoni/2021 Wild Bunch Germany)

Eindrücklich ist in „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ das Gefühl der Figuren, zu den Überlebenden von Vorgängen zu gehören, über die sie letztlich keine Kontrolle haben konnten, und ein damit verbundenes Schuldgefühl.


Ein „CineMerit Award“ für Robin Wright

Das teilt der Film mit anderen Werken, die in den ersten Tagen des diesjährigen Filmfests München zu sehen waren. „Warum bin ich noch hier?“, ist etwa die Kernfrage von „Abseits des Lebens“, dem Regiedebüt der US-Schauspielerin Robin Wright. Wright, der in München der diesjährige „CineMerit Award“ verliehen wurde, brilliert in dem einfühlsam inszenierten Film in der Hauptrolle einer Frau, die sich nach dem erschütternden Verlust ihrer Familie in eine Berghütte in Kanada zurückzieht. Es geht ihr um einen radikalen Bruch mit der restlichen Welt, als Selbstversorgerin, die nur für sich in der Natur lebt und dort in Ruhe mit sich aushandeln kann, ob ein Weiterleben für sie noch denkbar ist. Weitgehend unvorbereitet auf die Härten von Regen, Stürmen und Schnee, gerät sie allerdings in den ersten Monaten an den Rand des Hunger- und Kältetods, vor dem sie von einem Jäger gerettet wird. Damit wird die sorgfältig beobachtete Einsamkeitsstudie zwar absehbar zu einer Zweierpartie, die jedoch durch die Erdhaftung von Robin Wright und ihrem Schauspielpartner Demián Bichir nicht in wohlfeilen Romantikkitsch abdriftet. Die Konzentration der Regisseurin bleibt auf dem Trauma ihrer Figur, das durch die wachsende Vertrautheit mit der Berglandschaft gemildert zu werden beginnt.

"Abseits des Lebens" (© Universal Pictures International Germany GmbH)
"Abseits des Lebens" (© Universal Pictures International Germany GmbH)

Mit dem Vergangenen leben

Damit ist „Abseits des Lebens“ ein stimmungsmäßiger Gegenpol zum jüngsten Film des Guatemalteken Jayro Bustamante, der 2015 mit seinem ruhigen Porträt „Ixcanul“ über eine Kaqchiquel-Maya-Jugendliche aus dem Vulkan-Hochland auf der „Berlinale“ reüssierte. Mit „La Llorona“ tritt er in München im Cinemasters-Wettbewerb um den „ARRI/OSRAM Award“ an. Die titelgebende Todesbotin der lateinamerikanischen Legenden wird in seinem dunklen Drama von „Ixcanul“-Hauptdarstellerin María Mercedes Coroy gespielt, die in Gestalt eines neuen Dienstmädchens in die Villa eines greisen Generals gelangt. Dieser ist gerade vor Gericht schuldig gesprochen worden, im Bürgerkrieg am Genozid an der indigenen Bevölkerung mitgewirkt zu haben, und sieht sich einer nicht mehr weichenden Menge von Demonstranten vor seinem Anwesen ausgesetzt. Unmissverständlich ist aber auch die bedrohliche Aura der neuen Hausbewohnerin, die den von Visionen geplagten General in den Wahnsinn zu treiben scheint. Bustamantes atmosphärische Anleihen beim Horrorfilm sind weder spärlich noch subtil, effektiv aber führen sie den realen Schrecken der nationalen Geschichte in eindrückliche Sequenzen über. Indem die Familie den Bruch mit dem reuelosen Patriarchen vollziehen muss, der seinem Schicksal nicht entgehen kann, entfernt sich Bustamante auch von simplen Rachefantasien: Darin, mit dem Wissen um das Geschehene (und nicht Verhinderte) umgehen zu müssen, liegt die eigentliche Herausforderung.


"La Llorona" (© Filmfest München/Film Factory Entertainment)
"La Llorona" (© Filmfest München/Film Factory Entertainment)

Das teilt „La Llorona“ mit dem wiederum gänzlich anders gestimmten italienischen Film „Lesorelle Macaluso“ aus der „Cinevision“-Sektion. Der zweite Film der Theaterregisseurin und Schriftstellerin Emma Dante bildet in bestechender Detailgenauigkeit das Leben der fünf Schwestern Macaluso aus Palermo ab. In drei zeitlich voneinander abgehobenen Teilen erzählt Dante zunächst von einem Sommertag, der das nicht konkurrenzfreie, aber harmonische Miteinander der zwischen jungem Erwachsenendasein und Kindheit liegenden Schwestern für immer zerstören wird. Die jüngste verunglückt beim Schwimmen, eine andere verzehrt sich in Schuld, die sie in späteren Jahren zur kauzigen Einzelgängerin macht.

Jahrzehnte später kommt es bei einem Treffen zum Eklat, der von der Eröffnung einer weiteren Schwester, an Krebs zu leiden, gesprengt wird. Am Ende des Films steht der Tod der letzten noch in der alten Wohnung lebenden Frau viele weitere Jahre später und der finale Kontakt der zwei übrigen Schwestern an ihrem Totenbett. Was an sich eine tieftraurige Geschichte sein könnte, macht Emma Dante zu einem Ballett der kleinen Rituale, Gesten und scheinbar banalen Gegenstände, in dem sich der Verlust schmerzlich einnistet, die Verstorbenen aber in Erinnerungen (und gelegentlichen Manifestationen) präsent bleiben und immer wiederkehren, so wie die Tauben, die in der Wohnung der Macalusos frei ein- und ausfliegen. Boten des Lebens, nicht des Todes, wie es zu einem Festival passt, dessen 38. Ausgabe nicht zuletzt als Impuls für die Lebendigkeit der Filmkultur in Angriff genommen wurde.

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