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Fritz-Gerlich-Preis 2021: Ganz unten in New York

Mittwoch, 07.07.2021

Das Drama „Topside“ von Celine Held und Logan George gewinnt den Fritz-Gerlich-Preis 2021

Diskussion

Das Drama „Topside“ des US-amerikanischen Regie-Duos Celine Held und Logan George ist am Mittwochabend im Rahmen des 38. Filmfests München von Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg mit dem diesjährigen Fritz-Gerlich-Preis ausgezeichnet worden. Der zum neunten Mal vergebene Preis wird im Gedenken an den katholischen Journalisten Fritz Gerlich (1883-1934) verliehen, der mit der Wochenzeitung „Der gerade Weg“ Anfang der 1930er-Jahre gegen den Nationalsozialismus anschrieb und am 30. Juni 1934 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde. Der nach ihm benannte Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird von der katholischen Filmproduktionsfirma Tellux gestiftet. Ausgezeichnet wird jedes Jahr ein Film aus dem Programm des Filmfests München, der sich für mehr Menschlichkeit und gegen Diktatur, Intoleranz und Verfolgung ausspricht.


Hinein in die Welt des Untergrunds

„Topside“ handelt von der drogenabhängigen Nikki und ihrer fünfjährigen Tochter Little, die zusammen mit anderen Obdachlosen in einem früheren U-Bahnschacht in New York leben. Die Bahnen bringen die Räume regelmäßig zum Beben und kaum ein Lichtstrahl fällt von oben in die Dunkelheit herab. Doch trotz ärmlichster Zustände empfinden die beiden ihr Zuhause inmitten von Bahnlärm, Dunkelheit und Schmutz als behaglich. Bis die New Yorker Behörden eines Tages den Tunnel evakuieren wollen und Abgesandte von Polizei und Obdachlosenhilfe mit Taschenlampen darin vordringen. Nikki flieht daraufhin mit dem Kind an die Oberfläche und sucht verzweifelt einen Unterschlupf. Inszeniert ist das über weite Strecken aus der Perspektive des Mädchens, eine ruhelose Handkamera macht die Überforderung mit der unbekannten Stadt hautnah spürbar. Mehr und mehr rückt dabei aber auch die Mutter in den Fokus, die sich zu einer harten Entscheidung gedrängt sieht.

Die Oberwelt ist für die fünfjährige Little eine unbekannte und unheimliche Region (© ELO Films)
Die Oberwelt ist für die fünfjährige Little eine unbekannte und unheimliche Region (© ELO Films)

In ihrer Preis-Begründung zog die Jury einen direkten Vergleich zwischen der Haltung Fritz Gerlichs und der Mutterfigur. Der Film thematisiere durch die Darstellung der extremen gesellschaftlichen Schere die Frage der Menschenwürde. „Auch in einer extremen, ausweglos erscheinenden Situation kann der Mensch in sich eine Entscheidung treffen, die über ihn selbst hinausweist und einem anderen einen Neuanfang, ein neues Leben ermöglicht“, erklärte die Jury. Zudem würdigte sie die Bild- und Tonsprache des Films. Diese nehme die Zuschauer „in intensiver Weise mit hinein in die dunkle Welt des Untergrundes“.

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Recherchen über die sogenannten „Mole People“ waren die Basis des Films

Celine Held und Logan George, beide 1990 geboren, haben nach mehreren preisgekrönten Kurzfilmen mit „Topside“ ihren ersten Spielfilm gedreht. Zuvor standen lange Recherchen über die sogenannten „Mole People“ („Maulwurfsmenschen“) in New York, über die bereits in den 1990er-Jahren erste Reportagen verfasst wurden. Held und George inszenieren quasi-dokumentarisch und bleiben eng an den Figuren. Besonders die Gefühle des Mädchens vermitteln sich unmittelbar: Erst die Geborgenheit der dunklen Höhle, in der die Kleine ihr bisheriges Leben verbracht hat, dann die Angst vor der in grellem Licht strahlenden und überfüllten Oberwelt. In hohem Tempo folgt der Film der Odyssee von Mutter und Kind durchs nächtliche New York. In der Wohnung eines Dealers und Zuhälters machen sie einen Stopp, flüchten aber dann weiter, ebenso aus dem Gemeindehaus einer Kirche, als die Gemeindemitglieder erkennen, dass die beiden obdachlos sind.

Anfangs erscheint die Mutter (gespielt von Regisseurin Celine Held) egoistisch und weitgehend rücksichtlos gegenüber ihrer Tochter, die sie mit wachsendem Ärger hinter sich herzieht. Dieser Eindruck wandelt sich jedoch mehr und mehr durch kleine Gesten des Trostes, die Nikki der erschöpften Little spendet. Im letzten Drittel des Films kommt es dann zu einer Trennung der beiden; bei Nikkis verzweifelter Suche nach ihrer Tochter sind ihre Liebe und Sorge unmissverständlich. Hier gelingt es der Inszenierung, die Spannung noch einmal stark anzuziehen und Hoffnung auf ein glückliches Ende für beide Hauptfiguren zu machen. Der Ansatz der Regisseure bleibt aber konsequent dem Realismus verpflichtet. Am Ende kann deshalb keine ergreifende Wiedervereinigung stehen, sondern der Film steuert auf eine moralische Entscheidung zu: Zu welchem Opfer ist Nikki zum Wohle ihrer Tochter bereit?

Die U-Bahn-Tunnel sind das Heim der „Mole People“ (© ELO Films)
Die U-Bahn-Tunnel sind das Heim der „Mole People“ (© ELO Films)


Weiterführende Informationen zum Fritz-Gerlich-Filmpreis finden sich hier.


Die Begründung der Jury im Wortlaut:

Der Film „Topside“ zeichnet sich durch eine ganz eigene, besondere Bild- und Tonsprache aus und nimmt dadurch die Zuschauer in intensiver Weise mit hinein in die dunkle Welt des Untergrundes, in einen ehemaligen U-Bahn-Schacht, ebenso wie nach der Vertreibung der beiden Hauptfiguren, Mutter und Tochter, aus dieser prekären Zuflucht an die laute und grelle Oberfläche des hektischen New York.

Dadurch und durch die großartige schauspielerische Leistung vor allem der Darstellerinnen von Mutter und Tochter, werden die Zuschauer aus der anfänglichen Distanzierung immer mehr mit in den Film hineingenommen, und obwohl es auf den ersten Blick kaum Analogien zwischen dem Leben der in „Topside“ Dargestellten und unserem eigenen Leben gibt, wird eine Identifizierung mit der Figur der Mutter, ihrer Wahrnehmung der zunehmenden Ausweglosigkeit und ihrem Ringen um die zentrale Entscheidung am Schluss des Films ermöglicht. Der Film entwickelt einen Sog, der eine immer stärkere Identifikation mit den Figuren von Mutter und Tochter ermöglicht und stark emotional involviert, wozu auch die besondere Tonbearbeitung und die Soundcollage wesentlich beitragen.

Der Film richtet den Fokus auf die Abgehängten in der Gesellschaft, ermöglicht ein Hineindenken, ohne die Situation zu idealisieren oder zu verharmlosen. Die absolut prekären Verhältnisse werden nicht romantisiert. Dass am Ende des Films dennoch Hoffnung aufscheint, wird einzig durch die Entscheidung der Mutter im Sinne ihres Kindes ermöglicht, indem sie sich dafür entscheidet, sich von ihrem Kind zu trennen und ihrer Tochter dadurch eine neue Lebensperspektive zu geben – sie weist durch diese Entscheidung über sich selbst hinaus und trifft die für eine Mutter entsetzlichste Entscheidung.

Dem Film gelingt bravourös die Gratwanderung, die Figur der Mutter in ihren vielen Dimensionen zu zeigen – sie wird nicht „entschuldet“, es wird nicht entschuldigt, dass sie mit ihrem Kind in diese prekäre Situation gekommen ist, aber gerade in aller Gebrochenheit der Figur zwischen Fürsorge, Zuwendung, Versagen und Verschulden wird der Zuschauer mit auf den Weg zur Entscheidung genommen. Die Entwicklung dieser Figur gewinnt dadurch höchste Glaubwürdigkeit – ebenso werden auch Nebenfiguren in all ihrer Ambivalenz und Mehrdimensionalität gezeigt, gerade die Gebrochenheit aller Charaktere verleiht dem Film eine große Intensität.

Würdig für die Verleihung des Fritz-Gerlich-Filmpreises ist aus Sicht der Jury „Topside“ deshalb, weil darin die Frage der Menschenwürde thematisiert wird durch die Darstellung der extremen gesellschaftlichen Schere, die die Figuren in fast ausweglose Situationen führt. Dabei zeigt sich die Bewahrung der Würde in der Darstellung der Mutter, das Erringen von Würde durch die Entscheidung der Mutter. Darin sehen wir eine Verwandtschaft zur Haltung von Fritz Gerlich: Auch in einer extremen, ausweglos erscheinenden Situation kann der Mensch in sich eine Entscheidung treffen, die über ihn selbst hinausweist und einem anderen einen Neuanfang, ein neues Leben ermöglicht.

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