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Das System Zürcher

Donnerstag, 08.07.2021

Über die Filme von Ramon und Silvan Zürcher

Diskussion

Die Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher sind seit ihrem ersten Langspielfilm „Das merkwürdige Kätzchen“ (2013) Shooting Stars des Schweizer Autorenkinos. Mit „Das Mädchen und die Spinne“, der am 8.7. in den deutschen Kino startet, begeisterten sie das Publikum der diesjährigen Berlinale. Ihr unverkennbarer Stil macht ihre Werke zu Solitären in der aktuellen Filmlandschaft. Der Versuch einer Annäherung.


Wären die Filme von Ramon und Silvan Zürcher ein Fußballsystem, wären sie das oft genannte, selten erreichte Tiqui-Taca: ein virtuoses Spiel der kurzen Pässe, das der FC Barcelona und die spanische Nationalmannschaft vor etwas mehr als zehn Jahren perfektionierten. Ihre Filme folgen einem ureigenen, präzisen, beinahe hypnotischen, aber den konventionellen Regeln des Mediums widersprechenden und seltsam entrückten Rhythmus. Angefangen bei ihren Kurzfilmen, die die Schweizer Zwillinge im Rahmen der Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie produzierten, etablierten die Filmemacher (meist mit Ramon als Regisseur) einen Stil, der leicht wiedererkennbar ist und den man trotzdem nur schwer kopieren kann.


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Filmische Kartenhäuser

Die Filme erinnern an strukturelle Gedichte: Sätze, Geräusche, Farben, musikalische Themen und Gesten werden motivisch ineinander verschränkt und extrem verdichtet. Jeder Film steht wie ein Kartenhaus: schwebend leicht und auf den Millimeter gebaut. In ihrem jüngsten, erstmals gemeinsam realisierten Film „Das Mädchen und die Spinne“ zeigt sich einmal mehr, wie eng Kontrolle und Unberechenbarkeit in diesem Kino zusammenhängen. Da klettern Spinnen über Körper, Hunde sitzen in Autos und Katzen entlaufen wieder mal (sie sind bereits 2007 im Kurzfilm „Heute mag ich dieses Lied“ verschwunden). Gleichzeitig vollführt sich eine virtuose Dramaturgie der Blicke. Blicke, die aus dem Bild fallen, die etwas suchen oder betrachten, die sich entfremden oder finden. Blicke, die das Kino sind.


Silvan und Roman Zürcher (© Iris Janke)
Silvan und Roman Zürcher (© Iris Janke)

Penetrant bilden die Filmemacher Dreiecke zwischen den Menschen, die im Rahmen eines Wohnungswechsels oder einer Heimkehr oder eines Besuchs im Durchgang des Lebens stehen. Zwei schauen sich an und einer beobachtet sie. Zwei kommen sich näher und eine erwischt sie. Zwei lächeln und eine nicht. Wozu braucht man Hintergrundgeschichten, wenn man blicken kann? Zwischen den Blicken ist zwischen den Zeilen im System Zürcher. Und wer lesen kann, fühlt das, was in Menschen vorgeht. Schon in Ramon Zürchers brillantem Abschlussfilm „Das merkwürdige Kätzchen spielen dabei auch Wohnungen und Töne eine Rolle.


Alles zerfällt und setzt sich neu zusammen

Ein kleines Objekt, das auf einem Tisch vergessen wurde oder ein alle Stimmen übertönendes Hämmern. Ein tropfender Wasserhahn oder eine nicht schließbare Tür. Alles zerfällt und setzt sich neu zusammen, hält irgendwie zusammen. Dazu diese Risse und Öffnungen in den Wänden und Körpern und Seelen. Man denkt an an Georges Perec und seine „Träume von Räumen und muss begreifen, dass es hier um nicht weniger geht als einen Zustand des Seins. Oder Nicht-Seins, denn so oft stehen die Protagonisten im Raum, als wären sie nicht da. So oft wird etwas gesagt, was nicht gehört wird. So oft sagen sie nicht das, was sie sagen könnten. So oft wird gelogen. Selbst wenn gesprochen wird, wird nicht kommuniziert. Alle verharren immerzu in ihren eigenen Räumen. Räume in Räumen. Und dann ertönt wieder irgendein Geräusch und verschluckt alles. Womöglich sind das alles Gespenster oder Zombies. „Zombie“ heißt ein Studentenfilm von Silvan Zürcher. Auch er folgt dem System Zürcher, das kein System ist, sondern eine Wahrnehmung, ein Tanz.

Die Filme fragen auch, ob sich etwas ändern würde, wenn man nicht da wäre. Die Figuren erzählen ohne Unterlass von den Dingen, die passiert sind. Das, was passiert, ist nicht wirklich. Nur das, was war oder erträumt wurde, lungert in den Gefühlen. In „Gestern hat sich meine Freundin ein Fahrrad gekauft“ erzählt die titelgebende Freundin, wie sie sich ein Fahrradschloss gekauft hat. Sie erinnert sich der ausweichenden Blicke des Händlers, einer Kette von Zufällen. Die Zuhörende verschwindet in dieser Geschichte, alles handelt immerzu vom Verschwinden, zumindest der Möglichkeit dazu. Wie die Katzen, die merkwürdigen und die gewöhnlichen.


"Das merkwürdige Kätzchen" (© Peripher)
"Das merkwürdige Kätzchen" (© Peripher)

Mit Ausnahme von Cristi Puiu und Angela Schanelec gibt es heute keine Filmemacher, die Wohnungen so filmen wie die Zürchers. Es ist kein Zufall, dass ihr neuer Film mit einem Grundrissplan beginnt. Aber es ist auch kein Zufall, dass dieser Grundriss im Lauf des Films zerfällt. Die Zürchers filmen eigentlich keine Räume, sie filmen die Bewegungen durch Räume, die Bewegungen der Räume. Menschen tauchen auf und verschwinden, hinter Wänden, Türen und durch Fenster vollzieht sich ein Leben, das Narben hinterlässt, aber kaum Stabilität. Es vollzieht sich ein Ballett der Alltagsgesten.

Das Spiel der Zürchers mit dem, was sich jenseits des Bildes befindet, dem sogenannten Off-Screen, erinnert an den japanischen Meisterregisseur Yasujirô Ozu. Wie bei Ozu erzählt auch ein Lächeln von mehr als dem Glück. Es erinnert auch an Robert Bresson, aber man soll es nicht übertreiben mit den Vergleichen. Das Gesicht von Henriette Confurius enthält tausend Rätsel in „Das Mädchen und die Spinne“. Man glaubt, dahinter zu sehen, sowie man ständig glaubt, Symbole zu erkennen. Aber alles dreht sich nur in sich selbst, und man fragt sich, ob es da mehr gibt im Leben, in der Liebe, im Sein. Die Narrationen geistern um die Filme herum. Man spürt, dass es da mehr gibt, und wie im Leben entsteht aus dem Hunger auf dieses Mehr die Lust am Sehen.


Henriette Confuris (r.) in "Das Mädchen und die Spinne" (© Berlinale/Beauvoir Films)
Henriette Confuris (r.) in "Das Mädchen und die Spinne" (© Salzgeber)

Sätze, die im Raum stehen bleiben

In den Räumen fallen auch Sätze. Sätze, die im Raum stehen bleiben. Am Anfang von „Passanten“, einem Kurzfilm, der auf den Straßen statt in den Wohnungen spielt, sagt die Protagonistin: „Sie hat wirklich nur gesagt, dass sie ihn gut findet“. Solche Sätze gibt es oft. Sie sind wie Blicke und könnten alles bedeuten. Sie bleiben und man denkt über sie nach. Wie über die Farben. Wenn Gelb erwähnt wird, ist plötzlich überall Gelb. Das folgt wissenschaftlichen nachgewiesenen Gesetzen, bleibt aber erstaunlich. Sowieso gewinnt man den Eindruck in den Filmen der Zürchers, dass das Leben jenseits derer abläuft, die es leben.

Vor allem auf klanglicher Ebene gibt es eine Nähe zu Jacques Tati. Töne werden isoliert betrachtet. Sie bekommen eine Bedeutung und diktieren das, was man wahrnimmt. Es entsteht eine Choreografie, die fugenartig dafür sorgt, dass sich die Welt aus den Angeln hebt. Am radikalsten wurde damit in „Das merkwürdige Kätzchen“ gearbeitet. Der Ton ist wie die Bilder subjektiv. Das heißt, dass er der Wahrnehmung der Figuren zu entspringen scheint. Man nimmt wahr wie sie, man wird ihrer Welt ganz haptisch gewahr, ihre Neurosen sind eine Frage des Stils der Filmemacher. Manchmal hören die Figuren auch mehr als der Film. Die Einbildung existiert, nichts ist sicher. Die surrealen Tendenzen der Arbeit der Zürchers werden in Das Mädchen und die Spinne“ deutlicher formuliert. Sie waren aber immer da.


Von der Schwierigkeit zu leben und wahrzunehmen

Oft hört man etwas und sieht es erst später. Zum Beispiel die Plastikflaschen am Anfang von „Gestern hat sich meine Freundin ein Fahrrad gekauft“. Dadurch wird den Geräuschen Bedeutung verliehen. Sie sind nicht nur Teil dessen, was man sieht, sie gehen darüber hinaus. Alle bisherigen Filme der Zürchers kleben zusammen. Es ist ein großer Film, an dem sie arbeiten, eine einzige große Wahrnehmung. Sie handelt von der Schwierigkeit zu leben und wahrzunehmen.

"Das Mädchen und die Spinne" (© Beauvoir Films)
"Das Mädchen und die Spinne" (© Salzgeber)

Neben den Tieren bevölkern auch Kinder die Räume. Kinder, die aussprechen, was verborgen bleiben will. Kinder, die zur plötzlichen Härte gehören, die in den Filmen auftaucht: die Lust an der Zerstörung, Zersetzung und Peinlichkeit. All das womöglich nur, um etwas zu spüren, wenn es doch so schwer ist, etwas zu spüren. In „Reinhardtstraße“ nennt die Protagonistin alle Menschen, die sie Off-Screen passieren, „Arschloch“. Die Protagonistinnen (es sind deutlich mehr Frauen) wenden sich ab von dem, was von ihnen erwartet wird, sogar von dem, was die Kamera von ihnen erwartet. Trotzdem die endlose Faszination an Frauen, die in halbnahen Einstellungen melancholisch aus den Bildern blicken. Es ist ein Spiel zwischen Einschränkungen und Begehren. Die Welt findet an zu engen Orten statt, sie kann trotzdem atmen. Lassen wir das zu?

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