© Hype Film (aus „Petrov’s Flu“)

Festival Cannes 2021: Ein Versprechen

Mittwoch, 14.07.2021

Cannes, die Covid-Sorgen und die Kino-Feier: Notizen zu Filmen von Asghar Farhadi, Kirill Serebrennikow, Nadav Lapid und Ryusuke Hamaguchi

Diskussion

Schon einige Tage vor seinem Abschluss lässt sich sagen, dass das 74. Filmfestival in Cannes erfolgreich die Angst der Kinobranche bekämpft hat, durch die Folgen der Pandemie Schaden zu nehmen. Dafür sorgen die Feierstimmung des Festivals, vor allem aber die hochwertigen Filme im Wettbewerb, bei denen sich mit den Werken von Asghar Farhadi, Kirill Serebrennikow, Nadav Lapid und Ryusuke Hamaguchi neue Palmen-Favoriten präsentiert haben.


Die große Frage, die das Cannes-Festival in den letzten Tagen beschäftigt hat, ist die nach den Auswirkungen der Pandemie und inwieweit es sich die Verantwortlichen zu leicht gemacht haben, inklusive der Behörden. Denn nach der Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Montagabend ist klar, dass angesichts steigender Inzidenzen viele Lockerungen in Frankreich zurückgenommen werden. Das betrifft auch die Kinos, die im Unterschied zu Deutschland längst in den Normalbetrieb zurückgekehrt sind. Künftig aber können sie nur noch mit einem sogenannten „pass sanitaire“ besucht werden, einer Art Gesundheitspass, der eine vollständige Impfung oder einen negativen PCR-Test bescheinigt. Diese Regelungen gelten ab Anfang August, was viele als Zugeständnis an das Cannes-Festival interpretieren, das am 17. Juli seine Preise vergibt.

Zum Aufreger wurde Covid erst, als durchsickerte, dass die Schauspielerin Léa Seydoux trotz Impfung positiv getestet wurde und ihren Besuch an der Croisette verschoben hatte, obwohl sie mit gleich drei Filmen, unter anderem „The French Dispatch“, als der Star des 74. Festivals gehandelt wurde. Als dann auch noch Thierry Frémaux abwiegelte und hervorhob, dass in den PCR-Testzelten an einem Tag kein einziger Besucher mit Covid-Viren entdeckt worden sei, während es sonst drei bis fünf Personen pro Tag seien, machte sich Unsicherheit breit, da die Auslastung der großen Festivalsäle bei den Premieren nahezu vollständig ist, andererseits aber selbst das Tragen einfacher Masken mitunter recht lax gehandhabt wird.

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Im Unterschied zu Venedig im Herbst 2020 hat Cannes auf eine Reduzierung der Sitzplätze verzichtet und die Testpflicht auf das Palais am Meer begrenzt; die drei Premieren-Kinos liegen zwar auch innerhalb des riesigen Komplexes, doch ist der Zugang so geregelt, dass sie wie alle anderen französischen Kinos betrieben werden können. Vor allem aus deutscher Perspektive, wo das öffentliche Leben weiterhin reglementiert ist, mutet dies ungewohnt – und angesichts steigender Zahlen – vielleicht auch fahrlässig an. Denn eine verbindliche Testung aller Besucher wäre durchaus möglich gewesen, da die medizinische und technische Ausstattung funktioniert; der damit verbundene Zeit- und Kostenfaktor hat aber wohl zu einer anderen Entscheidung geführt.

Mit Macrons Rede sind jedoch alle Gerüchte, dass das Festival vielleicht sogar abgebrochen werden könnte, vom Tisch; der Preis dafür ist ein gewisses Unbehagen und eine gesteigerte Aufmerksamkeit fürs Pandemie-Thema.

„Ghahreman“ (© Amirhossein Shojaei)
„Ghahreman“ (© Amirhossein Shojaei)

Großes für das Kino

Schiebt man dies einmal beiseite, muss man dem iranischen Regisseur Asghar Farhadi beipflichten, der nach der Gala seines neuen Films Ghahreman dem Cannes-Festival und Thierry Frémaux mit bewegenden Worten dankte: „Sie haben Großes für das Kino getan.“ Ähnliches hört man mit Inbrunst von vielen Kreativen auf der Bühne, die immer wieder darauf zurückkommen, wie erhebend es sei, Filme endlich wieder gemeinsam auf der großen Leinwand zu erleben. Wobei man eigentlich auch das Finale der Fußball-Europameisterschaft mit zu den Highlights von Cannes 2021 zählen muss, das rund um das Festivalgelände auf vielen Plätzen und den Terrassen lautstark mitverfolgt wurde und um Mitternacht zu einem euphorisierten, ganz und gar un-covid-mäßigen Taumel führte.

Gegen die Angst des Kinos, durch die Seuche endgültig über den Rand der Bedeutsamkeit gekippt zu werden, erhebt sich in dem Cannes-Vorort La Bocca ein futuristischer Widerspruch, das Cinéum-Imax-Kino mit über 500 Sitzplätzen, erbaut von dem Stararchitekten Rudy Ricciotti, das sich mit seiner bestechenden Optik zur heimlichen Pilgerstätte der Cinephilen entwickelt. Das innovative Gebäude passt vielleicht nicht zu jedem Festivalfilm, unterstreicht aber nachdrücklich den Glauben und die Hoffnung, dass sich das Kino nach der Pandemie wieder erholt; die positiven Nachrichten von den guten Besucherzahlen scheinen dem aktuell auch recht zu geben.

Dazu passt auch die Qualität des aktuellen Festivaljahres, das mit ambitionierten und durchgängig überzeugenden Filmen für sich einnimmt, auch wenn bislang vielleicht das überragende Meisterwerk fehlt. Asghar Farhadi schließt mit seinem Schuld-und-Ehre-Drama Ghahreman(„A Hero“) an die im Iran gedrehten früheren Werke wie Nader und Simin oder Elly… an, die mit ihren stillen, konzentrierten Beobachtungen gesellschaftliche Bruchstelle sichtbar machten; in „Ghahreman“ verschärfen die Sozialen Medien das Unheil erheblich, das aus dem strengen Sittenzwang des Landes entsteht. Ein Mann, der nach einer Insolvenz seines kleinen Copy-Shops im Gefängnis sitzt, erhält für ein paar Tage Ausgang, um seine Angelegenheiten zu regeln und die Schulden zu begleichen; eine kleine Notlüge soll dabei helfen, den hartherzigen Gläubiger zu bewegen, nur die Hälfte der Summe zu akzeptieren und den Rest abzustottern. Doch daraus erwächst eine Kaskade an Unstimmigkeiten und medial massiv verstärkten Verdrehungen, die immer weitere Kreise zieht und völlig Unbeteiligte mit ins Verderben zu ziehen droht. Das ist packend inszeniert und mit magischer Klarheit fotografiert; allerdings geht der Dramaturgie am Ende etwas die Luft aus; auch ist die Figur des aufrechten Protagonisten recht simpel gestrickt und das Verhältnis von Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Eigeninteresse, Stolz und Eifersucht etwas zu einfach konstruiert.

„Abeds Knie“ (© Grandfilm)
„Aheds Knie“ (© Grandfilm)


Surreale Wirbelstürme und raue Selbstreflexionen

Das krasse Gegenstück zu Farhadis kristalliner Durchlässigkeit ist der neue Film von Kirill Serebrennikow, Petrov’s Flu, ein zweieinhalbstündiger surrealer Wirbelsturm, der sich wie im Delirium an dem zugrundeliegenden Roman um einen Automechaniker am Silvesterabend abarbeitet, der im Fieberwahn nahezu ununterscheidbar durch die extremsten Zustände gleitet; von apokalyptischen Verhältnissen bis zu Super8-Aufnahmen aus der frühen Kindheit mischen sich dabei unterschiedlichste Zeiten, Empfindungen, Bezüge und Personen. Dramaturgisch kühlt der Film wie der Protagonist langsam herunter, ohne das inszenatorische Feuerwerk zu drosseln, das mit manisch-theaterhafter Energie Einfall über Einfall türmt; die Jury wird am Ende länger zu diskutieren haben, wie sie diesen berserkerhaften Ausfluss würdigen will.

Mit dem Stichwort Wut ist auch der neue Film von Nadav Lapid adressiert, der in Aheds Knie mit der Zensur des jüdischen Staates hart ins Gericht geht und einen Filmemacher verzweifeln lässt, der den titelgebenden Film über eine palästinensische Aktivistin nicht realisieren kann, weil er gegen die identitätspolitische Staatsräson verstößt. Eine vom israelischen Kulturministerium begleitete Filmvorführung in dem Negev-Örtchen Arava will der Protagonist für eine Demaskierung der repressiven Öffentlichkeit nutzen, ringt dabei aber nicht nur mit den Geistern der Kulturbürokratie und rechter Politik, sondern auch mit dem Sterben seiner Mutter, an die er immer wieder selbstreflektierende Videos schickt. Das ist gleichermaßen rau wie unkonventionell, strapaziert als autobiografische Reflexion über Lapids eigene Erfahrungen aber Dramaturgie und Einheitlichkeit des Films.

„Drive My Car“ (© C&I Entertainment)
„Drive My Car“ (© C&I Entertainment)


Ein Palmen-Kandidat: „Drive My Car“

In Drive My Car des japanischen Regisseurs Ryusuke Hamaguchi folgt hingegen ein Element logisch aus den anderen, auch wenn die unterschiedlichen Facetten des dreistündigen Dramas vielfach miteinander schwingen und beträchtliche Interferenzen erzeugen. Im Zentrum steht ein japanischer Schauspieler und Theaterregisseur, der in Hiroshima Tschechows „Onkel Wanja“ aufführen soll, in der ihm eigenen, vielsprachigen Weise: die Darsteller artikulieren ihre Parts in ihrer jeweiligen Muttersprache, neben Japanisch auch in Taiwanesisch, Koreanisch und als Zeichensprache, wobei ihre Sätze jeweils mit Untertiteln auf einer Leinwand übersetzt werden. Das erfordert bei den Proben eine enorme Anstrengung und Präzision, weil eine Kommunikation über den Text hinaus angezielt wird – was weit über die literarischen Worte hinausgreift.

Der Film nach einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami gilt nicht zu Unrecht jetzt schon als vielversprechender Kandidat für eine Palme, auch wenn noch wichtige Werke, etwas The French Dispatch von Wes Anderson, Red Rocket von Sean Baker oder Memoria von Apichatpong Weerasethakul ausstehen.

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