© Berlinale/Reiner Bajo

Der Star von nebenan

Donnerstag, 15.07.2021

Der deutsche Schauspieler im Interview über sein Regiedebüt „Nebenan“, die Gentrifizierung in Berlin, „politische Korrektheit“ im Showbiz und den neuen Spaß am roten Teppich nach Monaten des Corona-Lockdowns.

Diskussion

Daniel Brühl, einer der wenigen international renommierten deutschen Schauspieler, legt mit „Nebenan“ sein Regiedebüt vor: Eine schwarze Komödie über Gentrifizierung und Abgehängtsein auf der einen Seite, falschen Stolz und falschen Ruhm, Versagerängste und Selbstüberschätzung auf der anderen. Er steht auch in der Hauptrolle vor der Kamera, als Filmstar und Promi Daniel, dem Peter Kurth als perfider Nachbar Bruno in einer Berliner Eckkneipe unangenehme Wahrheiten sagt. Für Brühl eine in vieler Hinsicht lehrreiche erste Regie-Erfahrung, wie er im Interview berichtet.


Wie viel Daniel Brühl steckt in der Filmfigur Daniel?

Daniel Brühl: Ich wollte bewusst mit Erfahrungen spielen, die ich in über zwanzig Jahren Berlin gesammelt habe, dazu gehören auch Demütigungen am eigenen Leib. Eine Beobachtung der Stadt, ein Blick auf das Viertel, in dem ich auch wirklich lebe. Es sollte von Anfang an klar sein, dass ich eine eitlere und gockeligere Figur spiele als in der Realität, jemanden, der sich anders als ich komplett in seinem Beruf und seiner Karriere verloren hat. Ich finde es spannend für den Zuschauer, die Grenzen zwischen Wahrheit und Spiel nicht genau aufzulösen, ich möchte den Film nicht entzaubern.

Daniel Brühl beim Dreh von „Nebenan“ (© 2021 Amusement Park Film/Warner Bros. Ent./Reiner Bajo)
Daniel Brühl beim Dreh von „Nebenan“ (© 2021 Amusement Park Film/Warner Bros. Ent./Reiner Bajo)


Sind Sie nicht auch eine Art Gentrifizierer, der in eine Gegend gezogen ist, aus der die Einwohner nach und nach verdrängt wurden? Plagt Sie da manchmal ein schlechtes Gewissen?

Brühl: Mit diesem Gefühl lebe ich schon, seitdem ich aus Köln weg bin, mit so einer Inkohärenz, die man da spürt: Man weiß, dass man nicht schuld ist, sieht sich aber trotzdem eindeutig als Teil dieses Prozesses. Ich hatte das Glück, mir durch meinen frühen beruflichen Erfolg ein bestimmtes Leben leisten zu können, dass ich schnell eine Wohnung am Prenzlauer Berg fand, wo damals jeder hinziehen wollte. Als ich dann für eine Zeitlang nach Barcelona wechselte, war es genauso; da konnte ich mir leisten, in ein Viertel zu gehen, wo auch jeder hinwollte. Wenn man mit einer gewissen Sensibilität und Beobachtungsgabe durchs Leben geht, spürt man das ja auch. Ich bin zum Glück von meinen Eltern zu einem politischen und sozialen Bewusstsein erzogen und bin mir meiner Privilegiertheit bewusst. Deshalb wollte ich da möglichst erdig sein und mir als Filmfigur auch dieses Nachfragen gefallen lassen.

     Das könnte Sie auch interessieren:


In den Gesprächen zwischen Daniel und seinem Nachbar Bruno geht es nicht nur um den Wandel in der Großstadt, sondern um Lebenslügen, um seelische Entblößung.

Brühl: Ich fand es reizvoll, die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der vermeintlich im Saft steht und dessen Leben auf den ersten Blick perfekt erscheint, dann aber sukzessive auseinandergenommen wird. Wir behandeln das Thema Gentrifizierung auf eine humoristische Art, aber der Film wird nach und nach immer dunkler, bekommt fast thrillerartige Züge. Man sollte dann auch verstehen, was einen Menschen wie Bruno dazu treibt, so weit zu gehen – die Lebenstragödie von jemandem, der sich verraten und abgehängt fühlt. Dabei habe ich vermieden, mich auf irgendeine Seite zu schlagen, nicht den einen sympathischer als den anderen zeichnen.


Mir hat gefallen, wie bei Daniel die Coolness blättert, die verschwitzten Haare am Kopf kleben, das ganze Ego wackelt. Können Sie das nachvollziehen?

Brühl: Mir würde es sicherlich nicht anders gehen, wenn ich so jemanden treffen würde; da käme ich auch ganz schnell ins Schwitzen. Das kann ich auf jeden Fall nachvollziehen.


Braucht man als Schauspieler eine Art von Narzissmus?

Brühl: Vielleicht. Ich würde mal behaupten, dass alle Schauspieler mehr oder weniger eitel sind, es geht darum, diese Eitelkeit gut zu kaschieren. Ich selbst bin auf jeden Fall eitel beziehungsweise gehe mit großem Ehrgeiz und Selbstbewusstsein an diesen Beruf heran. Ständig unter Beobachtung zu stehen, ist anstrengend und kräftezehrend, das ist auch ein Thema des Films. Und natürlich spielten da Ideen mit hinein über Karrieren, die über Nacht in sich zusammenfielen und kaputtgegangen sind.

Daniel Brühl mit Peter Kurth beim Berlinale Summer Special 2021 (© IMAGO / Future Image)
Daniel Brühl mit Peter Kurth beim Berlinale Summer Special 2021 (© IMAGO / Future Image)


Das Internet vergisst nichts. Der Nachbar findet imageschädigende Informationen und serviert sie maliziös. Wie kann sich jemand in Ihrer Position gegen Shitstorms in den Sozialen Medien wappnen?

Brühl: Man muss sich manchmal schon wundern, wie viele Leute im Internet einfach Dinge über sich preisgeben und dadurch auch Angriffsflächen bieten. Man muss nicht zu jedem Thema einen Post raushauen…


Aber Sie sind auf Instagram…

Brühl: Da halte ich mich zurück. Wenn ein Thema zu komplex ist, um es auf Instagram zu behandeln, dann lasse ich die Finger davon. Mit manchen Fragestellungen kann man sich nicht kurz mit einem Post, mit einer Story oder einem schicken Satz auseinandersetzen. Es liegt an einem selbst, zu bestimmten Dingen keine Position zu beziehen. Natürlich beeinträchtigt das auch meinen Alltag. Ich versuche, meine Kinder aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, und wundere mich manchmal schon über Leute, die mich heimlich filmen, wenn ich mit meinen Söhnen unterwegs bin. Eine Situation, in der ich dann scharf und dünnhäutig reagiere.


Wie reagieren Sie, wenn Sie auf der Straße oder im Lokal angesprochen werden?

Brühl: Wenn ich eine gewisse Erwartungshaltung spüre von Leuten, die ein Foto möchten oder ein kurzes Gespräch, fährt man immer besser damit, diese zu bedienen. Da kann ich mir viel Ärger ersparen. Und reden wir mal Klartext: Angesichts der Eitelkeit von Schauspielern muss man zugeben, dass es oft oder manchmal sehr schön ist, Beachtung oder ein freundliches Wort zu erhalten. Die Schauspieler, die sich darüber beschweren, denen unterstelle ich manchmal auch, dass sie sich noch mehr aufregen würden, wenn sie nicht so oft erkannt werden.


Ich will Sie nicht in Verbindung bringen mit der Coronapolitik-kritischen Aktion „#allesdichtmachen“, aber mich hat es schon überrascht, mit welcher Wucht und Wut die beteiligten Schauspieler verfolgt wurden, oft von Leuten, die die Clips gar nicht gesehen hatten. Bedroht eine zu übertriebene „politische Korrektheit“ nicht die Kunstfreiheit?

Brühl: Es entwickelt sich immer mehr dahin; da muss man sehr vorsichtig sein. Die Kontroverse habe ich zum Teil auch als sehr schockierend empfunden, weil ich einige der Beteiligten sehr gut kenne und weiß, wie das alles entstanden ist. Die Aktion mag nicht geglückt sein, das haben viele auch sofort eingestanden, deshalb fand ich diese völlig überzogene und emotional aufgeladene Gegenreaktion mindestens genauso bescheuert. Wir müssen gesellschaftlich aufpassen, dass unser Umgang miteinander nicht total vergiftet wird. So etwas kann sich rasant und in eine gefährliche Richtung entwickeln. Bestimmte Bewegungen wie „Me Too“ sind sehr wichtig und richtig gewesen. Aber wenn sich Bewegungen verselbständigen, muss man darauf achten, dass Angegriffene die Chance zur Verteidigung erhalten und die Fakten stimmen. Da hakt es manchmal bei dem rasanten Tempo in den Sozialen Medien.

Handlungsspielort ist die Eckkneipe (© Berlinale/Reiner Bajo)
Handlungsspielort ist die Eckkneipe (© Berlinale/Reiner Bajo)


Nach der Übersetzungsdiskussion von Amanda Gormans Inaugurationsgedicht wird die Forderung nach Diversität neu diskutiert, überspitzt: Schwule sollen Schwule spielen, Transgendermenschen Transgendermenschen, geschlagene Frauen geschlagene Frauen etc. Ist das die Option für eine kreative Zukunft?

Brühl: Auch eine Entwicklung, die ich für sehr schwierig halte. Man muss von Fall zu Fall entscheiden, aber Pauschalitäten und ein Übermaß an Korrektheit tötet einfach auch immer was ab. Die Leichtigkeit und die Spielfreude, um die es in unserem Beruf geht, habe ich schon manchmal sehr beeinträchtigt empfunden aufgrund irgendwelcher neuer moralischer Gesetze oder Bestimmungen. Das ist ein Prozess, bei dem im Kern vieles richtig ist, trotzdem muss man sehr vorsichtig damit umgehen, damit es nicht ins Gegenteil kippt und eine sterile, korrekte und auch humorlose Reaktion einsetzt, eine Atmosphäre, in der vieles nicht mehr erlaubt ist. Einen Mittelweg zu finden, ist schwierig.


Was hat Sie die Regie gelehrt, was Sie als Schauspieler noch nicht wussten? Sie sprechen von einer „beglückenden Erfahrung“.

Brühl: Der Lernprozess war riesig, von Anfang bis Ende. Drehbuchautor Daniel Kehlmann über die Schulter zu schauen, war spannend: Während er mir zuhört, weiß er bestimmte Improvisationen, Fragmente, Fetzen und irgendwelche Sätze und Ideen gleich zu übersetzen und in eine Dialogform zu bringen. Zu sehen, welche Ideen er zu einer Figur hat und an welchem Punkt er sie dann strukturell einsetzt: da habe ich erst einmal wahnsinnig viel übers Schreiben gelernt. Dann die Diskussion mit dem Kameramann über die visuelle Auflösung, die Schaffung von Spannung durch die Kamera, das war irrsinnig aufschlussreich für mich. Und das ging weiter im Schnitt: Wie geht ein Cutter mit so einer Partitur – eigentlich wie bei einem Konzert – um, wann setzt die Ruhe ein, wann muss angezogen werden, welche Szene muss vielleicht rausfliegen, damit das Gesamtresultat besser wird? Diese Tempofragen, die man im Schnitt zu stellen lernt, fand ich berauschend. Auch die Mischung habe ich sehr genossen, also wenn man sieht, wie auf der akustischen Ebene Details noch einmal das ganze Produkt verbessern; was es mit der Szene macht, wenn im Hintergrund ein bedrohlich klingender LKW vorbeifährt, Wasser im Hintergrund plätschert oder ein Drummer live die Musik einspielt, man sich mit dem Musiker auseinandersetzt und ihm erklärt, was man in einer bestimmten Szene für einen Effekt haben will. Das war alles total spannend.


Ich hoffe, Sie arbeiten weiter als Regisseur.

Brühl: Ich bin da ganz pragmatisch herangegangen. Wäre es nach hinten losgegangen, hätte ich gesagt: Schluss damit. Jetzt schaue ich auf eine sehr schöne Erfahrung zurück und schließe eine nochmalige Regie nicht aus. Vor allem die Arbeit mit Daniel Kehlmann war großartig. Wir haben gesagt, dass wir gerne noch einmal zusammenarbeiten, und sind jetzt auch dabei. Es ist zu früh, Details zu verraten.

Aktuell ist Brühl in „The Falcon and the Winter Soldier“ zu sehen (mit Sebastian Stan, l., und Anthony Mackie) (© Marvel Studios)
Aktuell ist Brühl in „The Falcon and the Winter Soldier“ zu sehen (mit Sebastian Stan, l., und Anthony Mackie) (© Marvel Studios)


Sie gehören zu den wenigen deutschen Schauspieler mit internationaler Karriere. Möchten Sie das verstärken? Strecken Sie die Fühler Richtung USA aus?

Brühl: Auch da bin ich ganz pragmatisch. Es ist mir erst einmal egal, woher ein interessantes Angebot kommt, wie groß oder wie klein ein Projekt ist. Das kleinste Arthouse-Projekt kann für mich interessanter sein als eine Megaproduktion. Ich habe größere Projekte schon abgesagt, weil sie mich einfach nicht interessierten. Je weiter man seine Fühler ausstreckt und je mehr Möglichkeiten sich eröffnen, umso besser. Gute und inspirierende Bücher sind rar. Es ist toll, sich auch andere Märkte zu erschließen. Das war im Hinblick auf Amerika nie ganz klar mein Ziel. Ich habe das für vermessen gehalten, für zu groß und zu schwierig, und dann ist es passiert. Natürlich nehme ich das dankend an und bin immer total neugierig, aber ich sage nicht bei jedem Projekt aus den USA gleich zu. Es muss mich im richtigen Moment anfixen.


Sie äußerten mal den Wunsch, ein französischer Schauspieler zu sein. Warum?

Brühl: Ich glaube, die Franzosen feiern ihre Leute mehr, schätzen ihre eigenen Filme mehr, die eigene Kultur. Sie zelebrieren ihre eigenen Stars mit Lust und Liebe, und sie sind im Kino wirkliche Meister, im Arthouse-Bereich wie auch kommerziell. Nach wie vor sind die Franzosen für mich ein totales Vorbild.


Macht Ihnen der rote Teppich und das ganze „Bohei“ noch Spaß oder ist das alles nur noch Pflicht?

Brühl: Nach anderthalb Jahren Pandemie freue ich mich, dass es überhaupt wieder einen Roten Teppich gibt. Ansonsten habe ich ihn in den letzten Jahren als den Zirkus wahrgenommen, der er ist und der auch nicht unwichtig ist. Man sollte ihn nicht zu ernst nehmen oder sich verrückt machen, sondern das „Bohei“ mit Spaß annehmen. Und nach dieser langen Zeit ohne Veranstaltungen und Begegnungen habe ich das Screening während der „Sommer-Berlinale“ von ganzem Herzen genossen.

Kommentar verfassen

Kommentieren