© DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (Key visual zur Ausstellung)

Was kommt nach dem Ende?: Ausstellung „Katastrophe“ in Frankfurt

Mittwoch, 21.07.2021

Eine Ausstellung im Deutschen Filminstitut in Frankfurt widmet sich dem Katastrophenfilm

Diskussion

Das Thema „Katastrophe“ ist uns angesichts der Corona-Pandemie und der derzeitigen verheerenden Überflutungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz schmerzlich nahegerückt: Allen menschlichen Bemühungen zum Trotz, die Umwelt zu beherrschen, sind wir nach wie vor – und in Zeiten des Klimawandels mit neuer Wucht – unkontrollierbaren Kräften ausgesetzt. Die Ausstellung Katastrophe. Was kommt nach dem Ende? im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main beleuchtet, wie das Kino im Lauf seiner Geschichte auf unsere Angst vor, aber auch Faszination für apokalyptische Szenarien reagierte. Die mit mehreren anderen Institutionen konzipierte Schau ist ambitioniert und enthält viele tagesaktuelle Bezüge.


Die Elefanten sind im Raum, immer. Sie füllen die fünf, sechs mit Flatterband gesperrten Sitze zwischen den paar Journalist*innen, die die Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung live vor Ort im Frankfurter DFF erleben, und – in übertragenem Sinne – auch die Pausen zur Demaskierung zwischen den vier (!) Einführungsvorträgen durch ebenso viele Damen der beteiligten Kulturinstitutionen, neben dem DFF sind das u.a. das Senckenberg-Museum und die Stadt Frankfurt am Main. Dennoch ist das C.-Wort selten bis nie zu vernehmen. „Reiner Zufall“ sei es, sagt DFF-Direktorin Ellen Harrington, dass die Schau mit dem Titel Katastrophe. Was kommt nach dem Ende? gerade jetzt an den Start gehe. Das mag man glauben oder nicht – die Präsentationen haben jedenfalls großen Anteil am Geist der Zeit.

Schon von alters her zeigten sich die Menschen fasziniert vom Katastrophischen, den (damals noch) unberechenbaren und unvermittelten bösen Launen der Götter und der Natur. Man denke etwa an die Berichte Plinius’ d. J. vom Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. oder an die unzähligen „katastrophischen“ Landschaftsgemälde der europäischen Romantik (Erdbeben, Feuersbrünste, Schiffe im Eis…), die dem Naturschönen stets auch dessen schrecklich-erhabene Kehrseite gegenüberstellten.

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Katastrophische Elemente schon im Stummfilm

Neben den Dioramen der Jahrmärkte mit ihren schaudererregenden Abbildungen von „Pikantem, Frappantem und Chokantem“ (Friedrich Schlegel) waren jene in ihrer Dramatik bereits ästhetisch-visuelle Vorläufer der ersten Katastrophenfilme, die, wie Kuratorin Stefanie Plappert herausstellt, schon sehr frühzeitig in der Filmgeschichte auf den Plan treten. Hatte nicht sogar das als einer der ersten Filme überhaupt geltende kurze Werk L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat etwas durchaus Katastrophisches an sich?

Filmstill aus dem Stummfilm „Verdens Untergang“ (© DFI – Dansk Film Institut)
Filmstill aus dem Stummfilm „Verdens Untergang“ (© DFI – Dansk Film Institut)

Die Entwicklung des Ton- und Farbfilms, der die Zuschauer das schlimme Geschehen erst so richtig mit allen Sinnen erfahren lässt, fällt historisch bezeichnenderweise zusammen mit dem Beginn des Atomzeitalters, in welchem es der Menschheit zum ersten Mal möglich wurde, sich selbst und ihren Planeten aus eigener Kraft abzuschaffen – ein ganz neues Szenario des Katastrophischen, mit seinen eigenen filmischen Potenzialen! Wer dazu und über andere anthropogene Apokalypsen mehr erfahren möchte, dem steht das umfangreiche didaktische Begleitprogramm des Senckenberg-Museums zur Verfügung, das zum Beispiel auch über große Expertise in aktuellen Klimafragen verfügt.


Verursacher, Zeugen, Kämpfer und Überlebende

Was aber gibt es nun Neues und Aufschlussreiches zu sehen in der Ausstellung? Wieder befindet sich die Schau im Sonderbereich für Spezielles unterm Dach des DFF, und wieder ist es gelungen, durch eine bewusst labyrinthische Wegführung ein Maximum an Fläche für Schaustücke und Informationen zu gewinnen. Nur lose chronologisch führt der rote Faden des Konzepts die Betrachter eher kategoriell gliedernd durch das Thema: Es wird sinnig unterschieden zwischen den Verursachern, den Zeugen und Betroffenen von beziehungsweise Kämpfern gegen Katastrophen und schließlich den Überlebenden, die den großen Re-Start beginnen und die verbesserte Version World 2.0 testen müssen. Klar, dass diese Struktur auch sehr unterschiedliche Filmbeispiele aufruft, etwa Das letzte Ufer (1959) oder The Day after Tomorrow (2004).

Manche von diesen werden im Zentrum des Raumes in kurzen, allzu kurzen Ausschnitten dargeboten; dabei liegt ein thematischer Schwerpunkt auf Werken der 1970er-Jahre, in denen das Genre sozusagen explosionsartig (!) den Massenmarkt eroberte. Lohnend etwa das Wiedersehen mit Filmen wie Flammendes Inferno (1974) oder Cassandra Crossing (1976), die beide im cineastischen Begleitprogramm gezeigt werden. Leider ist die Ausstellung etwas arm an besonderen Clous oder Exponaten, die die Fantasie der Besucher noch stärker anregen als die vielen in Vitrinen hinter Glas präsentierten Texte und Abbildungen. Das war der Ausstellung zu Stanley Kubricks „2001“ am selben Ort spürbar besser gelungen. Überhaupt fällt ein starkes Übergewicht an gerahmten Magazin-, speziell „Spiegel“-Titeln ins Auge – konzeptionell etwas einseitig und ohne die zugrunde liegende Recherchestrecke auch wenig aufschlussreich…

Hollywood-Bilder des Weltuntergangs in „2012“ (© Sony)
Hollywood-Bilder des Weltuntergangs in „2012“ (© Sony)


Gänzlich auf die Katastrophe einlassen

So bleibt der Eindruck einer didaktisch sehr ambitionierten und auch viele tagesaktuelle Bezüge reflektierenden Schau zu einem packenden und relevanten Thema, die ihren vollen sinnlichen Eindruck auf die Betrachterin oder den Betrachter allerdings erst entfalten wird, wenn sie oder er sich mit ausreichend Zeit an alle Orte der Ausstellung begibt (vielleicht zuerst ins Senckenberg-Museum, dann ins Obergeschoss des DFF und zum Abschluss ins Kellerkino des Filmmuseums). Es ist wie mit allen großen Dingen: Man muss sich gänzlich auf sie einlassen und auch der Katastrophe mit der Muße des Philosophen begegnen – das wahrt die Würde des Menschlichen im Angesicht der Apokalypse. Und keine Angst, der Weltuntergang steht noch nicht unmittelbar bevor: zumindest diese Ausstellung wird noch bis zum 9. Januar 2022 gezeigt…


Hinweise:

„Katastrophe. Was kommt nach dem Ende?“ Ausstellung im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum, Schaumainkai 41, 60596 Frankfurt am Main. 14. Juli 2021 bis 9. Januar 2022, Di–So, 9–18 Uhr, Eintritt: 9 Euro (ermäßigt 6 Euro). Aufgrund der Pandemie-Bedingungen wird darum gebeten, Tickets im Voraus online zu kaufen.

Weitere Informationen: https://www.dff.film/ausstellung/katastrophe/

Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen, der stärker noch als die Schau Klimawandel als Naturkatastrophe in den Fokus rückt und zum Schluss in etlichen kulturwissenschaftlichen Aufsätzen ernstlich der Frage nachgeht, was wohl 'nach dem Ende' komme. (Hardcover, 172 S.; 24,80 EUR)




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