© Henrik Ohsten/Zentropa Entertainments (aus "Der Rausch")

Sinnsuche im Wein

Freitag, 23.07.2021

Ein Interview mit Thomas Vinterberg zu „Der Rausch “

Diskussion

Thomas VinterbergsDer Rausch“ gehört mit mehreren Europäischen Filmpreisen und einem „Oscar“ zu den höchstdekorierten Kinohighlights der letzten Monate; der Dreh war indes überschattet von einer persönlichen Tragödie des dänischen Regisseurs, sein internationaler Start von der Corona-Pandemie. Im Interview spricht der Filmemacher auch darüber, wie er mit Krisen umgeht und wie sich das in seiner Arbeit niederschlägt.


Herr Vinterberg, seit 2020 bestimmen die gewaltigen Ausmaße der Corona-Pandemie weitgehend unseren Lebens- und Arbeitsalltag. Und ein wirkliches Ende der Misere ist nach wie vor nicht in Sicht. Wie sind Sie bisher durch diese besonders herausfordernde Zeit gekommen?

Thomas Vinterberg: Natürlich hat diese große Pandemie auf einen Schlag sehr viel verändert. Das war in Dänemark genauso wahrzunehmen wie in vielen anderen europäischen Nachbarländern. Auch bei Ihnen in Deutschland war die erste Welle ja sehr heftig. Diese unmittelbaren Folgen habe ich daher in meinem Familien- und Arbeitsleben ebenfalls sofort gespürt: Wie geht es jetzt weiter?


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Damit einhergehend wurden auch die Kinos in Deutschland im Gegensatz zu denen in Ihrer dänischen Heimat bald geschlossen, sodass der deutsche Kinostart Ihres Films „Der Rausch“ hierzulande immer wieder verschoben wurde. Ursprünglich hätte er seine Weltpremiere in Cannes feiern sollen. Wie frustriert waren Sie, als Sie von der Absage des Festivals erfuhren?

Thomas Vinterberg: Ich hoffe zuerst einmal, dass er jetzt wirklich auch in Deutschland zu sehen ist. Bei mir zu Hause ging das zum Glück im letzten Jahr zuerst noch ganz gut: Da waren die Kinos richtig voll, was mich sehr freute, weil alle meinen Film sehen wollten. Das war wirklich ein riesiger Erfolg. Und die abgesagten Filmfestspiele von Cannes? Ja, das war ärgerlich, aber es ging eben nicht anders. Diese Pandemie ist im Grunde nichts Kontrollierbares und stellt uns weiterhin vor gewaltige Herausforderungen. Deshalb hat sie viele von uns auch so stark aus ihrer Komfortzone gerissen.


Thomas Vinterberg (© Anders Overgaard)
Thomas Vinterberg (© Anders Overgaard)

Dabei ereignete sich die größte Tragödie Ihres Lebens bereits ein Jahr vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Genauer gesagt während des Drehbeginns von „Der Rausch“, als am vierten Tag Ihre Tochter Ida bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam. Sie hätte darin eigentlich die Tochter von Mads Mikkelsen spielen sollen. Wie hat Sie diese schreckliche Katastrophe als Mensch verändert? Und was haben Sie für sich als Künstler wie als Familienmensch aus dieser absoluten Extremsituation gelernt?

Thomas Vinterberg: Das ist in der Tat eine sehr schwierige Frage. Ich weiß auch gar nicht, ob ich sie „richtig“ beantworten kann. Aber ich möchte es folgendermaßen versuchen: Zuerst einmal habe ich in dieser unglaublich schweren Zeit sehr viel übers Trauern gelernt. Und dabei erkannt, wie notwendig diese Trauerarbeit für alle Betroffenen ist. Dabei konnte mir auch meine Frau, die Pastorin ist, immer wieder helfen. Dazu zählt für mich als Erkenntnis die Tatsache, dass man sein eigenes Leben wirklich beim Schopfe packen muss! Alle unsere Existenzen sind schließlich etwas sehr Wertvolles. Denn im Leben kann auf einen Schlag alles aus und vorbei sein! Das habe ich mir zusammen mit meiner Familie in dieser harten und sehr traurigen Zeit immer wieder vor Augen geführt. Zudem habe ich den Wert eines glücklichen Ortes mit vielen lieben Menschen um einen herum noch einmal von Neuem schätzen gelernt.

Sie haben Ihrer verunglückten Tochter Ihren bereits rund um die Welt gefeierten Film gewidmet. Wie sehr fehlt Sie Ihnen? Und wie haben Sie es am Set geschafft, nicht sofort alles über den Haufen zu werfen und depressiv zu werden?

Thomas Vinterberg: Das liegt in erster Linie an der unvergleichlichen Liebe, die ich und meine Frau von ihr erfahren durften. Das hat uns beide stark gemacht und uns als Familie sicherlich noch einmal enger zusammengeschweißt. Natürlich fehlt sie uns! Und das wird auch immer so sein. Daran besteht kein Zweifel. Trotzdem haben wir in der Zwischenzeit irgendwie versucht, das zu akzeptieren, obwohl es eigentlich überhaupt nicht möglich ist... Während des Drehs hat mich mein Hauptdarsteller Mads Mikkelsen, und überhaupt das wunderbare Team, sofort dazu ermutigt, unbedingt weiterzumachen und bloß nicht aufzugeben, auch wenn das verdammt schwer war und ich am Anfang auch nicht weiterwusste. An diese extremen Umstände denke ich bis heute oft zurück. Als Filmregisseur habe ich in diesem schwierigen Prozess gelernt, dass es für mich seitdem wichtig ist, nur noch relevante Filme zu drehen. Das heißt: Filme zu machen, hinter denen ich zu hundert Prozent stehe, weil ich sie ganz bewusst mit einer Bedeutung auflade. Das soll alles nicht umsonst sein! Meine Filme sollen den Menschen etwas geben. Darum geht es mir.

Inwieweit kann die Liebe zum Kino und zur kreativen Arbeit am Film wie am Drehbuch unter diesen extremen Umständen sogar ein Rettungsanker sein?

Thomas Vinterberg: Die Fortsetzung der Dreharbeiten hat mich auf jeden Fall davor bewahrt, verrückt zu werden. Der freie Fall war da ganz nah. Das habe ich damals auch sofort gespürt: Wie kann ich mit all dem umgehen? Wie kann ich das überhaupt je verarbeiten? Das muss ich für mich seitdem jeden Tag aufs Neue herausfinden. Ich weiß auch gar nicht, ob man „lernen“ kann, wie man mit dieser Situation umgeht: Es ist einfach unglaublich herausfordernd. Mir wurde in dieser Zeit mit auf den Weg gegeben, dass ich durch dieses Tal hindurchkommen, aber im Grunde niemals wirklich darüber hinwegkommen werde. Und so sehe ich das im Wesentlichen bis heute. Ich muss jetzt einfach beständig versuchen, das irgendwie zu akzeptieren, auch wenn es verdammt hart ist.

© Weltkino
© Weltkino

Den Umgang mit ernsthaften Problemen und Tragik wie Komik im Leben fokussieren Sie auch im Plot Ihres Films. Dabei spielt der Themenkomplex „Sucht und Abhängigkeit“ wie eine generelle Sinnsuche im lethargischen Leben Midlife-Crisis-geplagter Männer eine zentrale Rolle. Wie kam dieser Filmstoff überhaupt zu Ihnen? Und warum haben Sie für das Drehbuch bereits zum vierten Mal mit Tobias Lindholm zusammengearbeitet? Was wollen Sie in der westlichen Gesellschaft mit diesem Film konkret anprangern? Ohne Alkoholkonsum wären schließlich viele Kunstwerke, Filme und Romane wahrscheinlich überhaupt niemals entstanden: Da reicht die Palette genialischer Süchtiger von Winston Churchill über Friedrich Schiller bis zu Ernest Hemingway oder Rainer Werner Fassbinder, die quasi immer Alkohol im Blut hatten.

Thomas Vinterberg: Trinken kann schon mal die Lösung sein. Aber es ist niemals die einzige, so wie ich es auch in „Der Rausch“ gezeigt habe. Viele von uns streben doch nach einem erfüllenden und inspirierenden Leben: Darum geht es doch im Kern. Woran leiden also diese vier männlichen Protagonisten gerade in unserer westlichen Gesellschaft? In Ländern wie Dänemark oder Deutschland geht es den meisten Männern doch recht gut. Trotzdem sehnen sich einige von ihnen deshalb erst recht nach mehr Risiko und einer gewissen Gefahr, um so dem eigenen Kreislauf aus Sicherheiten zu entkommen: Sie wollen etwas wagen. Viele von ihnen haben schließlich einen sicheren Arbeitsplatz, eine liebe Frau und feste Familienstrukturen, was sich aber auch zu einer emotionalen Wüste entwickeln kann. Diese vier Männer wollen zuallererst etwas erkunden und herausfinden. Damit begeben sie sich völlig bewusst auf dünnes Eis. Mir gefällt zum Beispiel, dass das englische Wort „spirit“ für Geist und Sinn zugleich auch in dem Wort „inspiration“ steckt, was sich im Bedeutungsspektrum auch mit Eingebung oder Erleuchtung übersetzen lässt. In dieser Logik starten die vier Männer dieses verrückte Alkohol-Experiment...

...wodurch Ihr Film „Der Rausch“ zuerst als feuchtfröhliches Buddy-Movie beginnt, ehe sich alles zu einer berührenden Tragikomödie wandelt.

Thomas Vinterberg: Ja, das gibt die gewaltigen Stimmungsumbrüche meines Films gut wieder, die mir in ihrer Lebendigkeit und Farbigkeit sehr wichtig waren. Einerseits ist „Der Rausch“ ein Film übers gemeinsame Trinken und Feiern unter Männern. Trotzdem soll er andererseits aber auch in meinen Augen viele Menschen dazu ermuntern, in ihrem Leben nach neuer Inspiration zu suchen und dafür auch mal ungewöhnlichere Wege einzuschlagen. Wenn ich diese Neugierde bei möglichst vielen Zuschauern wecken kann, bin ich als Regisseur umso glücklicher.

Szene aus "Der Rausch" (© Zentropa Entertainments))
Szene aus "Der Rausch" (© Henrik Ohsten/Zentropa Entertainments)

In der Summe ist Ihnen mit diesen verschiedenen Genre-Zutaten ein geradezu berauschender Film-Cocktail gelungen.

Thomas Vinterberg: Mir ging es dabei vor allem darum, dass mein Film an keiner Stelle limitiert ist. Er sollte möglichst frei sein! Diese Mischung macht ihn für mich auch so besonders. Natürlich wird in manchen Szenen geblödelt, während andere Passagen vor Zärtlichkeit und Wärme strotzen. Zusammen soll daraus in meinen Augen eine gewisse Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sprechen. So hatte ich auch von Anfang an mein Konzept für den Film angelegt. Und in vielen Reaktionen spüre ich, dass mir das offensichtlich bei vielen Zuschauern gelungen ist, worüber ich mich sehr freue. Es war schließlich alles andere als einfach, diesen Film zu drehen.

Sie arbeiteten in Ihrer Filmkarriere bereits mit verschiedenen Bildgestaltern wie Anthony Dod Mantle, Charlotte Bruus Christensen oder Jesper Toffner eng zusammen. Warum hatten Sie sich nun für „Der Rausch“ für den norwegischen Kameramann Sturla Brandth Grøvlen entschieden? In Deutschland kennt man ihn beispielsweise durch seine Zusammenarbeit mit Sebastian Schipper. Für dessen One-Shot-Berlinale-Hit „Victoria“ wurde er 2015 mit einem „Silbernen Bären“ für eine herausragende künstlerische Leistung prämiert. Worin liegen seine besonderen Qualitäten?

Thomas Vinterberg: Zuerst einmal lag es an seiner Arbeit für genau diesen Film, weshalb ich ihn für „Der Rausch“ engagieren wollte. Ich schätze an Sturla, dass er über eine hohe Sensibilität und ein ausgesprochenes Feingefühl verfügt. Das hat mir auch während des Drehs sofort imponiert. So schafft er es, mich mit seiner Kameraführung sofort zu fesseln und gleichzeitig innerlich zu bewegen, wenn er Bilder kreiert. Er versteht es am Set außerdem, eine besonders fruchtbare Atmosphäre für die Schauspieler zu schaffen, in der sie regelrecht nach oben gehievt werden und so über sich hinauswachsen können. Auf diese Weise haben wir sowohl den Filmlook wie die Grundstimmung von „Der Rausch“ konzipiert: von geschmeidig-leichtfüßig zu radikal-dramatisch, bis am Schluss der große Moment der Ekstase einsetzt...

...wenn Ihr Hauptdarsteller Mads Mikkelsen eine unvergessliche Tanzeinlage vor den Augen seiner Schüler und Freunde hinlegt.

Thomas Vinterberg: Ja, da hatten wir es dann wirklich geschafft, weil am Set auch noch ausgelassen weitergetanzt wurde, als Sturlas Kamera längst ausgeschaltet war. Somit ist es am Ende ein Film von zwei Künstlern geworden. Wir hatten beide den Mut, einfaches Alltagsleben mit einer großen Sensitivität anzugehen und neben unterhaltsamen Faktoren auch auf ruhige wie ausgelassene Momente zu setzen, was im Zusammenspiel sehr gut aufgegangen ist.


Mads Mikkelsen in "Der Rausch" (Henrik Ohsten/Zentropa Entertainment)
Mads Mikkelsen in "Der Rausch" (©Henrik Ohsten/Zentropa Entertainments)

Sie hatten im letzten Jahr noch das Pech, dass „Der Rausch“ wie erwähnt zuerst nicht in Cannes und dann auch nicht in allen EU-Ländern gleichzeitig starten konnte. Wie beurteilen Sie den aktuellen Filmmarkt sowie die generelle Situation der Kinos? Wo steht der europäische Autorenfilm angesichts des rapiden Wachstums diverser Streaming-Plattformen?

Thomas Vinterberg: Ich bin in diesem Bereich ein Optimist – und bleibe es auch! Allein in meinem kleinen Heimatland sind letztes Jahr schließlich 800.000 Zuschauer in die Kinos gerannt, um meinen Film zu sehen. Zur gleichen Zeit hatte ich von einem Kinoexperten erfahren, dass es mehr als eine Pandemie benötigen würde, um die Sehgewohnheiten der Menschen vollkommen zu verändern. Das müsste dann schon ein Weltkrieg sein oder ein weiteres globales Drama in allernächster Zeit, was ich mir persönlich nicht vorstellen kann. Ich bin aber schon dahingehend beunruhigt, dass viele Menschen nach der schlimmsten Phase der Pandemie sofort wieder in ihre Routine zurückfallen werden. Und dann zum Beispiel wieder in Flugzeuge steigen, um damit rund um die Welt zu fliegen, was nicht gut sein kann. Wenn ich dieses Muster auf die Akzeptanz und den Status des Kinos übertrage, bin ich ebenfalls fest davon überzeugt, dass alle wieder möglichst schnell zurück in die Kinosessel stürmen werden. Hier in Dänemark kann ich das in der Zeit der Corona-Pandemie genauso erleben: Da herrscht eine unglaubliche große Lust, wieder gemeinsam ins Kino zu gehen.

Stichwort Zukunft abseits der Corona-Pandemie: Woran arbeiten Sie im Moment und welches Film- oder Serienprojekt wollen Sie als nächstes angehen?

Thomas Vinterberg: Zurzeit arbeite ich an einer Serie fürs Fernsehen, die ich auch selbst schreibe. Außerdem lese ich im Augenblick sehr viele Drehbücher, die mir angeboten wurden. Am liebsten ist es mir aber, wenn ich im nächsten Jahr erst einmal diese Serie inszenieren kann. Gerne wieder mit all meinen Lieblingsschauspielern! Darauf habe ich wirklich große Lust.

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