© Deblokada/Christine A. Maier

Gift in den Herzen - Jasmila Žbanić

Dienstag, 03.08.2021

Ein Interview mit Jasmila Žbanić zu „Quo vadis, Aida?“

Diskussion

In „Quo Vadis, Aida?“ erzählt die bosnische Filmemacherin Jasmila Žbanić von den dramatischen Tagen vor dem Massaker in Srebrenica im Juli 1995, bei dem 8000 Zivilisten von der bosnisch-serbischen Armee unter Ratko Mladić ermordet und in Massengräbern verscharrt wurden. Die bei der Stadt stationierten niederländischen UN-Soldaten gewährten nur wenigen in ihrem Lager Schutz. Im Mittelpunkt des „Oscar“-nominierten Dramas steht die Übersetzerin Aida, die für die UN arbeitet und versucht, ihre Familie und andere Menschen zu retten.


Im Juli jährte sich das Massaker von Srebrenica zum 26. Mal. Ist Ihr Film ein Fanal gegen das Vergessen?

Jasmila Žbanić: Mich hat vor allem die menschliche Seite interessiert, weniger das Datum. Ich habe von so viel Leid gehört und versucht, den Bogen zu unserer heutigen Welt zu schlagen. Wir wussten auch nicht, wann wir fertig sein würden oder ob überhaupt. Die Finanzierung war sehr schwierig, insgesamt dauerte die Arbeit fünf Jahre, allein das Drehbuch habe ich x-mal umgeschrieben. Aber wenn mein Film Menschen an das schreckliche Ereignis erinnern kann und zu Fragen motiviert, wie so etwas in Europa passieren konnte – umso besser. Mir ging es darum, die Reise der Menschen zu zeigen, die das alles durchlitten haben. Keine bosnische Geschichte, sondern eine globale.


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Mir scheint, dieser Krieg wurde bewusst aus dem Gedächtnis getilgt. Andererseits wollen Leute auch vergessen, sonst können sie kein neues Leben anfangen.

Jasmila Žbanić: Wir haben ein sehr komplexes und in der Region immer noch sehr politisches Thema aufgegriffen. Ich wusste, dass ich mich in die Nesseln setzen würde. Politisch wird das Massaker geleugnet und verdrängt, ein Tabu. Auch weil viele Politiker in die Entscheidungen eingebunden waren und jetzt nichts mehr davon wissen, nicht mehr darüber reden wollen. Sogar Bosnier wissen wenig darüber. Mich beschäftigt die Frage, wie die Entscheidungen heute ausfallen würden, und bin da nicht sehr optimistisch.


Jasmila Žbanić (© Deblokada/Imrana Kapetanovic)
Jasmila Žbanić (© Deblokada/Imrana Kapetanovic)

Könnte so eine „ethnische Säuberung“, so ein Genozid wieder stattfinden?

Jasmila Žbanić: Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens hetzte man muslimische, serbische und kroatische Menschen aufeinander, Nachbarn, die friedlich miteinander gelebt hatten, waren plötzlich Feinde. Ausgrenzung ist immer der Anfang. Für mich fehlt es heute an Solidarität, am Glauben an humanistische Werte, die nur für bestimmte Privilegierte existieren, nicht für alle. Und wenn ich sehe, wie faschistische Strukturen und rechte Regierungen in Europa und im Rest der Welt, auch der USA, zunehmen, macht mir das Sorgen. Bestimmte Worte und Begriffe in manchen Reden erinnern mich an den Beginn des Jugoslawienkrieges. Das Gift frisst sich langsam in Herzen und Hirn und setzt sich dort fest.

Ist die Geschichte fiktional oder gibt es einen wahren Hintergrund?

Jasmila Žbanić: Wir hatten die Rechte an Hasan Nuhanovićs autobiografischem Buch gekauft, er war damals Übersetzer. Mit den fiktionalen Charakteren haben wir uns bemüht, den Ereignissen und Gefühlen treu zu bleiben. Eine ziemliche Gratwanderung zwischen dokumentarischen und fiktionalen Aspekten und den ambivalenten Figuren. Die üblichen bekannten Fernsehbilder reichten mir nicht, ich wollte einen stärkeren emotionalen Zugang schaffen.

Ich kann mir vorstellen, dass die Recherchen schwierig waren, die Gespräche mit Überlebenden.

Jasmila Žbanić: Je mehr ich recherchierte, umso schockierter war ich, was im modernen Europa der 1990er-Jahre passieren konnte. Die meisten Überlebenden sind traumatisiert, bei vielen Schicksalen möchte man nur weinen. Ich habe eine Frau getroffen, die 60 Menschen verloren hatte, den Vater, Brüder, Söhne, männliche Verwandte. Eine andere Frau sucht seit 25 Jahren nach den Überresten von Mann und Söhnen. Über 1000 Leichen wurden noch nicht gefunden. Das Leid und den Schmerz kann man nicht visualisieren. Einmal im Jahr treffen sich Überlebende am Srebrenica Memorial, ich weiß nicht, wie sie das alles verarbeiten, woher sie die Kraft nehmen und diese Humanität. Es gibt nicht einen einzigen Rachefall in Bosnien. In vielen Organisationen sind Frauen vertreten, sie sitzen nicht in der Ecke und weinen, sondern machen weiter, auch damit die Welt von dem Unrecht erfährt. Hausfrauen, Arbeiterinnen, Akademikerinnen. Für all diese Kämpferinnen steht Aida.


Szenenbild aus "Quoa vadis, Aida" (Deblokada/Christine A. Maier)
Szenenbild aus "Quo vadis, Aida" (© Deblokada/Christine A. Maier)

Wie haben Sie die Figur der Aida entworfen? Eine wirkliche Kämpferin zwischen all den Männern.

Jasmila Žbanić: Ich brauchte eine Identifikationsfigur. Vieles, was ich erfahren habe, inspirierte mich für die Figur. Deshalb ist „Quo vadis, Aida?“ vor allem die Geschichte einer Frau, die ihren Mann und ihre zwei Söhne retten will. Ich bin Feministin. Der weibliche Blick auf den Krieg ist ein ganz anderer als der männliche. Ich versuche, alles Spektakuläre und Spekulative zu vermeiden. Diese oft kindliche Freude von Männern an Panzern und Kriegsgerät ist mir fremd. Als wir endlich einen Panzer zur Verfügung hatten, gerieten die männlichen Teammitglieder aus dem Häuschen und ließen sich vor dem Trumm fotografieren. Sogar Antikriegsfilme vermitteln oft einen bestimmten Eros oder irgendeine Lust am Krieg. Für mich hat Krieg nichts Faszinierendes, sondern nur etwas Abstoßendes. Das merkt man dem Film hoffentlich an. Es ist ein sehr persönlicher Film.

Wie haben Sie die wunderbare Jasna Duričić für die Aida gefunden?

Jasmila Žbanić: Ich hatte schon mit ihr gearbeitet, hatte sie aber nicht auf dem Schirm. Aber nach der letzten Drehbuchversion wusste ich, es kann nur Jasna sein.


Jasna Duričić (r.) als Aida (© Deblokada/Christine A. Maier)
Jasna Duričić (r.) als Aida (© Deblokada/Christine A. Maier)

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten General Ratko Mladić überzeichnet?

Jasmila Žbanić: Um genau diesem Vorwurf von Mladić-Anhängern zu entkräften, haben wir seine Worte übernommen und nichts erfunden. Er ist ein Kriegsverbrecher, in Srebrenica wurde unter seinem Kommando Völkermord begangen. Dass er Süßigkeiten an Kinder verteilte, ist in diesem Zusammenhang zynisch.

Waren die niederländischen UN-Soldaten wirklich so hilflos? Hätten Sie das Massaker nicht doch verhindern können?

Jasmila Žbanić: Mein Film wendet sich nicht gegen die UN. Aber die sollte keine politischen Interessen verfolgen, sondern sich den Menschenrechten verpflichtet fühlen. Die 400 Blauhelme hätten sicherlich die vor dem Camp wartenden Menschen aufnehmen oder sie irgendwohin transportieren können. Ich bin überzeugt, hätte es sich nicht um Muslime, sondern um Katholiken gehandelt, wären die Reaktionen anders ausgefallen. Da gab es schon Vorurteile und Animositäten. Die Niederländer weisen alle Schuld von sich. Aber warum haben sie nicht durchgegriffen oder zurückgeschossen? Nicht eine einzige Kugel wurde abgefeuert. Oberstleutnant Thomas Karremans hatte die Möglichkeit, NEIN zu Mladić zu sagen, es gibt immer einen Weg. Ein Foto zeigt die beiden bei einem gemeinsamen Trinkspruch. Der Report nach dem Genozid attestiert den Niederländern mangelnde Vorbereitung, sie hausten in ihrem Camp weit weg von der Bevölkerung, wussten nicht, was draußen vorging. Viele der sehr jungen Soldaten, die erstmals im Ausland eingesetzt wurden, waren total überfordert. Auch von ihnen sind viele traumatisiert. Bei meinen Gesprächen hatte ich den Eindruck, sie waren froh, mal alles rauszulassen, viele machen sich Vorwürfe.


Szenenbild aus "Quoa vadis, Aida" (Deblokada/Christine A. Maier)
Szenenbild aus "Quo vadis, Aida" (Deblokada/Christine A. Maier)

Sie sagen, es gab keine Racheakte seitens der Opfer. Aber wie leben die Menschen heute miteinander? Das muss doch furchtbar sein, den Mörder seines Mannes als Nachbarn zu haben.

Jasmila Žbanić: Ich zähle zu meinen Freunden Juden, Kroaten, Serben... Hass ist nicht per se da, sondern wird gesät. Politiker bestimmen das Verhalten, sie schüren Angst, um ihrer Pfründe nicht verlustig zu gehen, die Wiederwahl zu gewinnen. Nicht wenige würden ihren Job verlieren, wenn es zu einer ehrlichen Aufarbeitung käme. Der Bürgermeister von Srebrenica leugnet immer noch den Genozid, erkennt die internationale Gerichtsbarkeit nicht an. Wir durften auch nicht dort drehen. Die Kinder gehen gemeinsam zur Schule, aber es herrscht eine bedrückende Stille. Die Eltern schweigen. Wir wollen die Gesellschaft nicht spalten, aber es wäre besser, offen miteinander zu reden und zu verstehen, zu versuchen, unsere Wunden zu heilen. Vielleicht kann die junge Generation in Zukunft etwas ändern. Das ist meine einzige Hoffnung.

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