© Lupa Film/Hanno Lentz/DCM (aus "Fabian oder Der Gang vor die Hunde")

Die Welt aus den Fugen - Dominik Graf

Donnerstag, 05.08.2021

Ein Gespräch mit Dominik Graf über „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“

Diskussion

„Fabian - Die Geschichte eines Moralisten“ ist Erich Kästners meisterliches Zeitgeistporträt von 1931. Die Geschichte eines Werbetexters für eine Zigarettenfirma, der nachts das Berlin der 1920er-Jahre als zynischer „unmoralischer Moralist“ unsicher macht, wurde damals stark verändert und gekürzt. Das Buch gehörte trotzdem zu denen, die die Nazis 1933 ins Feuer der Bücherverbrennung warfen. Erst 2013 erschien die rekonstruierte Ausgabe „Der Gang vor die Hunde“. Anders als Wolf Gremm in der ersten Verfilmung 1980 bezieht sich Dominik Graf nun in seinem neuen Film auf diese härtere und präzisere Variante des Textes. Sie gehörte im Frühjahr 2021 zu den deutschen Beiträgen im Wettbewerb der Berlinale und startet nun am 5.8.2021 deutschlandweit in den Kinos. „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ ist ein langjähriges Lieblingsprojekt des Münchener Filmregisseurs. Im Interview berichtet er von seiner Auseinandersetzung mit der Vorlage aus der Perspektive der Gegenwart.


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Was hat Sie an Kästners Vorlage gereizt, dazu gebracht, diesen Roman ausgerechnet jetzt, hier und heute zu realisieren?

Dominik Graf: Es gab schon mal einen Versuch mit Andreas Bareis vor sechs, sieben Jahren. Ich habe damals auch das Gefühl gehabt, dass der Roman auf eine ähnliche Bruch- und Endzeit zustrebt, wie wir sie heute erleben. Das ergibt schon eine besondere Stimmigkeit, finde ich. Berlin damals, allein die Formulierung: „Der Gang vor die Hunde“ und der fröhlich-pessimistisch- fatalistische Lebensausdruck von Fabian: Das ist angesichts dessen, was Kästner damals schon vorausgesehen und teilweise auch schon erlebt hatte – das eine oder andere Nazi-Gegröle bereits inbegriffen – sehr verwandt zu dem, was heute passiert. Es gab solche Momente auch beim Drehen. In Görlitz drehten wir an einem Freitag Szenen in der Wohnung von Fabian, wir hatten das Fenster offen, und plötzlich brüllten auf der Straße rechts orientierte Jugendliche, als hätten wir sie als Komparsen gerufen. Die Welt dreht sich plötzlich in demselben Winkelgrad, als würde sie an einen bestimmten Punkt im Koordinatensystem der Geschichte zurückkehren. Und deshalb ist der Roman jetzt schon seit ein paar Jahren aus der Zeit, in der Wolf Gremm ihn damals mit Hans Peter Hallwachs verfilmt hat, wieder rausgewachsen. Das wurde bei Gremm damals auf liebenswerte Art eine Art West-Berlin meets „Golden Twenties“-Happening. Ich habe eine Einstellung daraus als Hommage an Wolf Gremm zitiert. Aber jetzt gerade dreht sich die Welt explizit politisch in denselben Koordinaten, Längen- und Breitengraden der Mentalitäten wie in den Zwanzigern: Totalitäre Führer allüberall, dumme Politiker allenthalben, Krieg – eigentlich sowohl mentaler Krieg als auch echter Krieg: „Die Welt ist aus den Fugen.“ Es gibt so viele Zitate aus „Fabian“, in denen von Dingen gesprochen wird, die man alle eins zu eins auf die Jetztzeit übertragen kann.


Dominik Graf (© Caroline Link)
Dominik Graf (© Caroline Link)

Die Aktualität ist das eine. Aber Fabian ist ja überhaupt eine tolle Figur. Ich kenne ganz viele Leute, die sagen, das ist ihr Lieblingsroman. Was bedeutet das für die Verfilmung?

Dominik Graf: Gott, das ist ja wieder eine Verantwortung! Meine Tochter hat ihn gelesen, gerade als wir angefangen haben zu schreiben, und kam täglich mit irgendeiner Szene an: Jetzt bin ich da und da. Ist die Szene drin? Nein! Hast du die Szene im Zeitungsverlag drin? Nein, hab’ ich nicht. Was haste denn überhaupt drin? Ja, wir erzählen schon das, was der Roman vorgibt. Es gibt aber auch Veränderungen. Constantin Lieb und ich haben uns ein paar Abbiegungen in einen anderen Grundton erlaubt, glaube ich. Es gibt sehr viel Sehnsucht und Melancholie. Die Liebesgeschichte hat einen großen Raum, endet auch nicht so abrupt wie bei Kästner, sie hat noch einen Nachhall. Das Ende ist grundsätzlich so, wie es im Roman ist, aber ich hatte bei ein paar Szenen auch das Gefühl, wenn ich sie alle in den Film nehme, dann wiederholen sich die Zeitdiagnosen und das Surreale zu sehr, die in ihnen stecken. Die Figur des „Erfinders“ habe ich zum Beispiel rausgenommen. Auch andere bizarre Figuren, die dann immer Fabians Weg kreuzen und mit hinunter in die Katastrophe gezogen werden. Es fehlen auch einige Episoden. Ein paar haben wir verändert. Vor allem Fabians Verhältnis zu den Frauen. Sie kommen zwar alle vor. Sie kommen auch teilweise genauso vor wie im Roman. Aber es gibt einen Satz, den im Roman Cornelia schon bei der ersten Begegnung sagt, ein Satz über die Beziehung der Männer zu den Frauen, was sie wünschen und ersehnen. Dieser grausame Satz taucht jetzt im Film relativ weit hinten auf und ist nun eine der letzten Äußerungen von der Figur Labude. Er beschreibt das Elend der Frauen nach dem Ersten Weltkrieg, die völlige materielle Abhängigkeit. Sie hatten nur die Wahl zwischen Hure und Gosse. Das hat Kästner viel besser ausgedrückt, als ich das jetzt zusammenfasse, und Albrecht Schuch als Labude spricht diese Passage auch toll. Es ist auch nicht immer nur materielles Elend, denn manchen Frauen geht’s ja in der Abhängigkeit ganz gut, vor allem dann vielleicht, wenn sie einen im Tee haben, scheint ihnen die Welt für einen Moment lang in Ordnung. Aber es ist natürlich eine Welt, in der die Frauen auch seelisch gnadenlos ausgebeutet werden. Das hat bei Kästner einen gewissen Zynismus. Und dann kommt da in den Puff ein alter Mann, der todkrank ist, nur ein Bein hat und bald sterben wird. Er kommt, um gegen Geld ein Mädchen schlagen zu dürfen. Das sieht man nicht, aber man ahnt, was geschehen ist, als das Mädchen hinterher zu seinen Freundinnen ins Lokal wankt. Was für ein Abgrund aus diesem Ersten Weltkrieg entstanden ist, der solche Anti-Empathie in den Männern zurückgelassen hat und den Frauen nur eine katastrophal chancenlose Opferrolle überlässt. Im Film sollten diese Szenen so markant sein, als hätte ich sie mit Rotstift in den Zeilen des Drehbuchs angemalt. Alles natürlich total unzeitgemäß verglichen mit dem heutigen gesellschaftlichen Denken, aber gerade deshalb muss man es so zeigen, glaube ich. Die Härte der vergangenen Zeiten darf man im Film nicht manipulieren. Man darf dem heutigen Publikum die Vergangenheit nicht „modernisieren“, das ist, als ob man Grimms Märchen umschreibt. Was ein Frevel ist, sowohl literarisch als auch an unserer eigenen kollektiven Psyche. Die einzige weibliche Figur, die sich aus der Abhängigkeit von Männern Szene für Szene aktiv zu emanzipieren versucht, ist Irene Moll, gespielt von Meret Becker.


Meret becker mit Tom Schilling in "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" (Lupa Film, Hanno Lentz, DCM)
Meret Becker mit Tom Schilling in "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" (© Lupa Film, Hanno Lentz, DCM)

Nun denkt man ja gleich: Eine andere Zeit – so viel Aufwand. So viel teure Gestaltungselemente. Wie kriegt man das passabel hin?

Dominik Graf: Wir hatten weniger Geld als für Die geliebten Schwestern“. Dafür ist der Film aber auch wieder relativ lang geworden, weil er die üppigeren Stimmungen im Detail ausspielen darf: Das „Kabarett der Anonymen“, die Kneipen, die Cafés, das hat dem Film schon von der Idee her eine gewisse Breite gegeben. Kästner selbst hat gesagt, sein Roman habe keine Geschichte, nein, er ist keine Netflix-Serie mit mechanisierten Plot-Points und Cliffhangern, er ist eine Perlenkette von Situationen. Ich wollte ihn möglichst getreu verfilmen, auch Kästners Sprache – bis auf die erwähnten dramaturgischen Änderungen in der Liebe von Fabian und Cornelia. Teilweise haben wir mit Super-8 gedreht. Das ist dann auch eine Art „kleiner schmutziger Film“ geworden – dieser Alexander-Kluge-Begriff, den ich immer sehr geliebt habe. Klein, schmutzig und lang. Auf der großen Leinwand.

Erich Kästner hat auch jede Menge tiefsinnige Feuilletons verfasst und nicht zuletzt „Fabian“ belegt, dass er ein großer Autor ist.

Dominik Graf: Er war auch ein großer Lyriker, und wenn Marcel Reich-Ranicki Kästners Roman als „schlecht gealtert“ und in seinen Sex-Eskapaden spießig bezeichnete, dann spricht daraus auch vielleicht nur der Neid.

Und der hatte ja eine bestimmte, sehr hermetische Sicht, was überhaupt ein Roman ist und was auf keinen Fall ein Roman sein kann. Ich finde, Kästner ist ein großer Stilist.

Dominik Graf: Absolut, seine Dialoge, die immer erfindungsreich, pointensicher und ein wenig vorlaut daherkommen, die muss man schon sprechen können.

Kästner wird gemeinhin arg unterschätzt. Er ist eher bekannt als Kinderbuchautor, dabei hat er mit seinem „Erwachsenen“-Roman ein vielschichtiges Zeitporträt hinterlassen. Steht das einem bei der Arbeit an so einem Film nicht ein bisschen im Wege?

Dominik Graf: Am Anfang habe ich auch gedacht: Der Roman ist ein bisschen „überschlau“ in den Dialogen. Auch der Fabian-Darsteller Tom Schilling fand das. Diese nach außen gedrehte Moral. Immer das Sprechen über die „Anständigkeit“, obwohl er selbst ja nicht wirklich anständig ist. Aber immer mit beißender Ironie: „Und jetzt frag ich Sie, Frau Hohlfeld, hat die Welt noch Talent zur Anständigkeit?“, sagt er zu seiner Vermieterin, nachdem er ihr eine jugendliche Mörderbanden-Story aus der Morgenzeitung vorgelesen hat und sie ihn an die fällige Miete erinnert. Am schönsten wäre es natürlich, wenn man diesen Roman ganz und gar verfilmen würde. Ich bin ja sowieso dafür, dass Literaturverfilmungen lang sein sollen. Eigentlich sollen sie so lang dauern, wie es dauert, den Roman zu lesen. Aber irgendwo ist dann natürlich Feierabend, reicht das Geld nicht. Man muss sich auch mal beherrschen können.


Dominik Graf (r.) mit hauptdarsteller Tom Schilling (© Lupa Film/Julia von Vietinghoff)
Dominik Graf (r.) mit Hauptdarsteller Tom Schilling (© Lupa Film/Julia von Vietinghoff)

Wenn man den Stoff etwas stärker auf das Dreieck beschränkt: Labude, Cornelia, Fabian – dann spürt man natürlich ab dem Moment, in dem Cornelia das Terrain betritt, eine unglaubliche Emotionalität, aber früh mit einem „Kipper“ zur Verzweiflung hin. Fabian ahnt ja schon von Anfang an, dass das nicht gutgehen kann. Er ist so gebaut, dass er in dem Moment, als er Cornelia kennenlernt, sie sich schon wieder verabschieden sieht. Dann passiert das auch tatsächlich noch zu einem Zeitpunkt, wo es ihn in der Art und Weise, wie es passiert, total überrascht. Er wird überrumpelt davon, er meint, die vorübergehende Trennung sei vielleicht sogar für die Zukunft gut. Das scheinheiligste, hinterhältigste Klischee aller Schönrednereien von Katastrophen: „Wir müssen uns ändern, damit es gleich bleibt.“ Fabian und Cornelia – es ist eine ganz tolle Art von Liebesgeschichte, in der eigentlich auch völlig klar ist, dass der arme Labude da nichts drin zu suchen hat. Der hat ja noch eine andere Welt, noch ein anderes Unglück, das Ausgestoßen-Sein von seinen Eltern. Und so sind die drei im Film doch emotional sehr stark zusammengezogen, „zusammengeschoben“ gewissermaßen im Leid. Ich finde, sie ergeben in den Situationen, die Drehbuchautor Constantin Lieb geschrieben hat, dann zusammen eine ein wenig andere Leidens-Gemeinschaft, als sie im Roman ist.

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