© Locarno Film Festival 2021 (aus: "Monte Verità")

Locarno 2021 - „Cinema is back“

Dienstag, 10.08.2021

Das 74. Locarno Film Festival löst sein Versprechen ein und präsentiert das Kino in seiner ganzen Vitalität wieder auf der großen Leinwand

Diskussion

Das 74. Locarno Film Festival löst sein Versprechen ein, dass das Kino in seiner ganzen Vitalität wieder auf die Leinwand zurückkehrt. Der Wettbewerb wie das Piazza-Programm sprühen nur so inszenatorischem Überschwang und kühnen Storys. Ein Zwischenbericht kurz vor dem Ende des unter dem neuen Leiter Giona A. Nazzaro wiedererstandenen Festivals.



Seit dem 4. August ziehen wieder Filme über die Leinwände von Locarno, auch auf der Piazza, zumindest wenn es das Wetter zulässt. Das ist nach knapp 24 Monaten wohltuend erlösend. Das erstmals von dem Italiener Giona A. Nazzaro verantwortete Programm des 74. Locarno Film Festivals (4.-14.8.2021) erweist sich in den ersten Tagen als unterhaltsam und durchaus sehenswert.

Der Leopard, der seit mehr als 15 Jahren vor jeder Projektion von links nach rechts über die Leinwand schreitet und vor seinem Abgang grollend brüllt, fehlt natürlich auch in diesem Jahr nicht. Doch danach folgt kein Festivaltrailer, sondern – schwarz auf gelb – lediglich drei Worte: Cinema is back.

Mission accomplished: die Pizza in Locarno beim abendlichen Screening (2021 Locarno Film Festival)
Mission accomplished: die Pizza in Locarno beim abendlichen Screening (© 2021 Locarno Film Festival)

Das ist eine gigantische Ansage, die unmittelbar an Filmtitel von Quentin Tarantino erinnert. Mit dieser Feststellung steckt man auch schon mitten im 74. Filmfestival von Locarno, dessen neuer künstlerischer Leiter Nazzaro ein leidenschaftlicher Cinephiler mit einem Faible für Actionfilme ist, der aber auch ein Herz fürs Arthouse-Kino hat und sich gern in Rage redet. Vor dem Festival hat er erklärt, dass die Kunst des Programmierens darin liege, nie zweimal das Gleiche zu tun - und versprochen, dass es nicht langweilig werde.


Giona A. Nazzaro hat Wort gehalten

Das löst das Festival bislang auch spielend ein, denn vor allem der Wettbewerb glänzt als buntgemischter Strauß. Vieles ist wild, manches auch ein bisschen verrückt. Einiges erscheint trashig, und mancher Film, der mit geballter Kraft beginnt, entpuppt sich zwischendurch unverhofft als verschmitzt; ab und zu finden sich sogar Filme voller Zartheit. Dabei handeln auffallend viele Filme von einer von Männern bestimmten Welt oder bedienen sich eines männlichen Blicks. Es kann sein, dass dies gerade besonders ins Auge sticht, weil in der Schweiz die Gender- und Frauenrechtsdiskussion heftig in Gang ist; de facto aber weist das 74. Locarno-Programm bei den langen Filmen ein Verhältnis von 30 Prozent Regisseurinnen zu 70 Prozent Regisseuren aus, was ziemlich genau das Verhältnis der Einreichungen widerspiegelt.

Als bislang aberwitzigster Wettbewerbsbeitrag entpuppte sich der Science-Fiction-Fantasyfilm „After Blue (Paradis Sale)“ von Bertrand Mandico. Darin haben die Menschen die marode Erde verlassen und sich in ferner Zukunft auf einem Planeten namens After Blue niedergelassen. Die Männer starben in Folge eines innerlichen Haarwuchses schon kurz nach der Ankunft. Auch den Frauen wachsen an komischen Körperstellen Haare, doch die lassen sich wegrasieren. Eines Tages findet die junge Roxy am Strand eine bis zum Kopf im Sand eingegrabene Frau. Sie verfällt ihr, gräbt sie aus, nicht wissend, dass die nur Kate Bush genannte Frau eine Kriminelle ist. In der Folge schicken die anderen Frauen Roxy und ihre Mutter los, um Kate Bush zu jagen und deren Leiche nach Hause zu bringen.

Im Bann wuchernder Haare: "After Blue (
Im Bann wuchernder Haare: "After Blue (Pardis Sale)" (© 2021 Locarno Film Festival)

Das ist in handgebastelten Kulissen gedreht und großartig trashig. Vieles glitzert in Rosa, die Wälder und Höhlen triefen und schleimen. Es gibt seltsame Figuren, entartete Kunst, zahllose Verweise auf die Kunst- und Modewelt, auf „Barbarella“ und andere Science-Fiction-Filme der 1980er-Jahre. Anfangs ist das sehr kurzweilig, wird aber zunehmend belangloser. Insbesondere auch, weil sich der Film, der in den Augen des Regisseurs „die Grausamkeit von Märchen, das Inventar von Western… und die Lyrik von Science-Fiction“ auslotet, vor allem als männliche Fantasie über Frauen entpuppt.


Lovestory & asiatische Kampfkunst

Ebenfalls in die Augen springen „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“ von Edwin und „Soul of a Beast“ von Lorenz Merz. Im Kern sind beide Filme Liebesgeschichten. Doch sie kommen stürmisch und wild daher und verbinden ihre Lovestory mit asiatischer Kampfsportkunst. In „Soul of a Beast“ verliebt sich der junge Gabriel in die neue Freundin seines besten Freundes Joel. Das könnte ein bisschen wie in „Jules und Jim“ sein. Doch Gabriel hat einen kleinen Sohn, um den er sich kümmern muss, weil dessen Mutter dazu nicht fähig ist. Joel ist eifersüchtig und hat ein asiatisches Schwert. Und die neue Freundin will alles sofort und kümmert sich wenig um die Gefühle von anderen.

Erzählt wird das in Bildern von Zürich, wie man sie bisher kaum gesehen hat. Einer oft nächtlichen Stadt, die rund um die Langstraße wie eine heruntergekommene Weltstadt aussieht. Die Liebesgeschichte vermischt sich mit einer Story um aus dem Zoo entwichene Tieren, darunter eine Giraffe und Panther, welche die Stadt unsicher machen; zugleich geht es um die Rolle, die Drogen im Leben junger Menschen spielen. „Soul of a Beast“ ist schnell und elliptisch geschnitten; außerdem gibt es einen Erzähler, der japanisch spricht und zwischendurch kluge Weisheiten absondert. Es beginnt mit einer rasanten Fahrt entlang der Langstraße, bei der triumphierend ein ums andere Rotlicht überfahren wird. Am fatalen Ende rast dasselbe Motorrad ebenfalls nachts erneut durch die Langstraße - in die entgegengesetzte Richtung.

Zürich, wie man es noch nie gesehen hat: "Soul of a Beast" (2021 Locarno Film Festival)
Zürich, wie man es noch nie gesehen hat: "Soul of a Beast" (© 2021 Locarno Film Festival)

Auch in „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“ wird Motorrad gefahren. Von Ajo und seinen Kollegen, die sich spielerisch duellieren. Bei ihren ernsthaften Auseinandersetzungen bedienen sie sich allerdings der Methoden asiatischer Kampfsportkünste. Ajo ist einer der besten Kämpfer und rettet damit seinen Ruf, denn um seine Manneskraft ist es kläglich bestellt. Diese erwacht auch dann nicht, als er sich in die so schöne wie schlagkräftige Iteung verliebt. Die beiden werden ein Paar und heiraten. Doch das ist erst der Anfang des leicht ausufernden, aber mit viel verschmitztem Bildwitz erzählten Films aus Indonesien, der mit toll choreografierten Kampfsportsetzen aufwartet, zwischendurch immer wieder eine verblüffende Wendung nimmt und unverhofft zu zärtlichen Momenten findet.


Frauen schlagen andere Töne an

Diesen lauten, actionprächtigen und von Regisseuren realisierten Filmen stehen im Wettbewerb eine Reihe leiserer, bedächtigerer, aber ausnehmend starker Filme von Frauen gegenüber. Natalya Kudryashovas „Gerda“ erzählt magisch aufgeladen von der Russin Lera, die in einer gesichtslosen Hochhaussiedlung wohnt und sich mit Studium, zerstrittenen Eltern und einem Gelegenheitsjob im Stripclub arrangiert. „La place d’une autre“ von Aurélia Georges handelt von der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Französin Nélie, die als Rotkreuzschwester 1914 während eines Bombenangriffs in die Kleider einer vermeintlich getöteten Schweizerin schlüpft und deren Identität übernimmt. Und in „Petite Solange“ von Axelle Ropert steht eine 13-Jährige im Mittelpunkt, die durch die sich anbahnende Scheidung der Eltern zunehmend traumatisiert wird.

Aussteiger unter sich: "Monte Verità" (2021 Locarno Film Festival)
Aussteiger unter sich: "Monte Verità" (© 2021 Locarno Film Festival)

Auch auf der Piazza dominiert eine ähnliche Mischung aus schnellem Actionkino, inszenatorischer Eigenwilligkeit und verschmitztem Witz sowie Erzählungen um (starke) Frauen. Wo „Beckett“ von Ferdinando Cito Filomarino als Lovestory beginnt und sich zum rasanten Actionfilm mausert, erzählt „Rose“ von Aurélie Saada, wie eine 78-jährige Jüdin nach dem Tod ihres Mannes eigene Wege zu gehen lernt. „The Alleys“ von Bassel Ghandour schildert ausgehend von der Denunziation einer geheimen Liebschaft das Leben in einem von Banden kontrollierten Stadtviertel. Und Stefan Jägers bilderprächtiger „Monte Verità“ entwirft vor dem Hintergrund historischer Fakten die fiktive Geschichte einer jungen Wienerin, die aus einer beengenden Ehe ausbricht und in der legendären Künstlerkolonie von Ascona zur Selbstbestimmung findet.

Zur Halbzeit erweist sich das 74. Filmfestival von Locarno somit als absolut sehenswert. Auch wenn im Vergleich zur vorpandemischen Zeiten merklich weniger Besucher gezählt werden, da die internationale Gästeschar fehlt, und es in der Stadt generell sehr ruhig ist, weil der Club- und Barbetrieb noch ruht, ist Locarno auf bestem Weg in eine Zukunft mit Kino.

Kommentar verfassen

Kommentieren