© Ascot Elite ("New Order")

Umsturz ohne Utopie

Donnerstag, 12.08.2021

Ein Interview mit dem mexikanischen Regisseur Michel Franco über seinen Film „New Order“, der nahe an der Realität die Dystopie einer korrupten Gesellschaft entwirft, die ins Chaos stürzt

Diskussion

Mit seinen Filmen „Después de Lucía“ (2012) und „Chronic“ (2015) hat sich der mexikanische Regisseur Michel Franco als außerordentlich provokativer Filmemacher erwiesen, doch erst in „New Order - Die neue Weltordnung“ (ab heute im Kino) wird er explizit politisch. Der Film handelt von Aufruhr und einem Staatsstreich, von Plünderungen, Folter, Mord und von der Verwandlung eines korrupten politischen Systems in eine autoritäre Militärdiktatur.


„New Order“ zeigt eine mexikanische Oberschicht, die komplett in Luxusproblemen gefangen ist und nichts mehr mit der sozialen Wirklichkeit des Landes zu tun hat. Ist das der Auslöser jener aggressiven und gewalttätigen Krise, die den Film von Anfang an bestimmt?

Michel Franco: Diese privilegierte Oberschicht, die es so oder in ähnlicher Form wahrscheinlich in vielen Ländern der Erde gibt, ist eine Minderheit, die aber den größten Teil des Reichtums auf sich vereint. Eine Klasse, die blind ist für alles, was sie umgibt und die nichts wahrnehmen will. Sie will mit der Wirklichkeit nicht konfrontiert werden, weil sie sehr genau weiß, wer der Nutznießer der sozialen und politischen Ungerechtigkeiten ist. Der Status Quo ist ein Erfolg dieser Kaste, und sie will nicht, dass sich irgendetwas ändert. Sie begreifen nicht, dass sie durch ihren Egoismus schlussendlich alles verlieren.

Der Film setzt Gewalt sehr deutlich in Szene. Hatten Sie keine Bedenken, dem Publikum zu viel zuzumuten?

Franco: Ich habe mir Mühe gegeben, dass alles sehr glaubwürdig wirkt. Ich lebe in einem Land, das langsam kollabiert, in dem sich die unzufriedenen Massen immer gewalttätiger in Szene setzen und eine brutale militärische Reaktion auf dieses Chaos erfolgt. Wenn man sich die jüngere Geschichte anschaut, etwa darauf, was in Chile oder Argentinien während der Diktatur passiert ist oder was jetzt wahrscheinlich in Venezuela passiert, wo die Menschenrechte komplett außer Kraft gesetzt wurden, oder wenn man sich erinnert, was in Europa während des Zweiten Weltkrieges passiert ist, dann glaube ich, dass das, was ich im Film zeige, noch hinter der Wirklichkeit zurückbleibt. „New Order“ funktioniert sehr gut in Kombination mit der Vorstellungskraft des Publikums, das weiß, dass es diese Gewalt gibt und das es in anderen Ländern brutale Unterdrückung gab. Leider existiert auch ein falscher Optimismus, eine abgründige Blauäugigkeit, die die Menschen glauben lässt, dass sich so etwas nicht wiederholen wird. Ich war in den 1990er-Jahren ein Jugendlicher und ich kann mich noch genau daran erinnern, wie erschüttert ich war über das, was in Sarajevo passiert ist; die heuchlerische Weltgemeinschaft hat damals nicht eingegriffen, einfach nichts gemacht. Gleiches gilt jetzt für Syrien oder Myanmar. Solange das schreiende Unrecht nicht im eigenen Wohnviertel passiert, hat keiner ein Problem damit. Mein Film regt die Leute auf, weil er zeigt, wie schnell die Gewalt bis vor die eigene Haustür gelangen kann, dorthin, wovon man immer denkt, dass so etwas nie passieren wird. Mein Film soll alle provozieren, die glauben, die Welt sei ganz wunderbar, so wie sie ist.

Michel Franco (Ascot Elite)
Setzt auf kompromisslose Filme: Der mexikanische Regisseur Michel Franco (© Ascot Elite)

Die Revolution in "New Order" basiert auf keiner Weltanschauung mehr. Sie wird nicht von sozialen Projekten oder Utopien geleitet. Was sind die Antriebskräfte dieses gewaltsamen Aufbegehrens unter dem grünen Banner? Eine Rebellion ohne Sinn, eine Explosion einer leicht manipulierbaren Masse?

Franco: Ich vertraue darauf, dass sich die Menschen überall auf der Welt - und nicht nur in Mexiko - bewusst sind, dass die soziale Ungleichheit das größte Problem ist, mit hochexplosiven Folgen. So führt die Immigration in Europa beispielsweise zu einer großen Polarisierung in der Bevölkerung. Die einen finden die Einwanderung gut, die anderen denken genau das Gegenteil. So kommt es, dass Figuren wie Marine Le Pen in Frankreich an Einfluss gewinnen. Für meinen Film hatte ich keine bestimmte Ideologie im Kopf. Ich wollte die Zuschauer nicht an meine politischen Ideen heranführen; ich wollte nicht zeigen, mit wem ich sympathisiere oder was ich gut und was ich schlecht finde. Die Revolte in „New Order“ hat mehr mit dem Geist der französischen Gelbwesten zu tun, auch wenn ich das Drehbuch schon geschrieben hatte, als sie die Schlagzeilen beherrschten. Da, wo sich die Ideologien mischen, rechts, links, Mitte, da gibt es keine Anführer mehr. Alle Altersgruppen und allen sozialen Schichten verbindet der Umstand, dass sie die Verhältnisse satthaben. Sie wollen nur noch schreien und Forderungen stellen, damit sich endlich etwas ändert. Ich wollte einen sehr allgemeingültigen Film machen, mit dem man sich überall auf der Welt identifizieren kann. Die Farbe Grün hat allerdings direkt mit der mexikanischen Fahne zu tun, der rot-weiß-grünen Trikolore. Grün ist die Farbe der Hoffnung, deswegen ist sie auch Teil unserer Fahne. Hinter der grünen Farbe steckt auch die Idee, dass die Demonstrationen friedfertig begannen, aber dann immer gewalttätiger wurden, nachdem sie nicht beachtet wurden - was an vielen Orten der Welt ja immer wieder passiert.

Ist „New Order" auch eine Reminiszenz an die filmische Ikonografie der Revolution, an vorstürmende Massen und wehende Fahnen, von „Panzerkreuzer Potemkin“ und „Metropolis“ bis hin zu den Wandbildern von Diego Rivera?

Franco: Das ist eine schwierige Frage für einen Regisseur. Der Film steht sehr stark in einem aktuellen Kontext. Damit meine ich nicht nur die letzten beiden Jahre, sondern eher die Zeit ab der Jahrtausendwende, in der sich das soziale Gleichgewicht massiv verschoben hat, von der Finanzkrise 2008 bis zur Covid-19-Pandemie. Während der Pandemie ist der Film in die Kinos gekommen. Sie hat diese Grundübel noch vertieft, aber sie hat sie nicht geschaffen, sie hat sie nur beschleunigt. Der Film greift natürlich auf eine revolutionäre Ikonografie zurück; einiges habe ich so geplant, andere Elemente sind im Entstehungsprozess dazugekommen. Manches ist dem aktuellen Kontext geschuldet. Die Zeit rückt vieles zurecht. Ich bin schon sehr gespannt, wie wir „New Order“ in einigen Jahren verstehen werden.

Hätten Sie den Film nach den Erfahrungen mit der Pandemie anders gemacht?

Franco: Ich finde, dass einige Szenen im Film schon vorwegnehmen. Die Kontrollen der Arbeiter – man sieht, wie sie desinfiziert werden und wie sie sich ausweisen müssen –, wirken wie die Kontrollen und Gesundheits-Checkpoints während der Pandemie. Ich muss aber wiederholen: Der Film ist ein Jahr vor der Pandemie gedreht worden. Ich hätte ihn aber auch später genauso gemacht, weil das Resultat gleich ist. Wir werden immer mehr Kontrollen haben, die Meinungsfreiheit wird immer mehr eingeschränkt; das hat sich durch die Pandemie nur noch einmal verschärft. Auch die Militarisierung der Welt wird immer schlimmer und durch die Pandemie nur noch mehr gerechtfertigt. Mit der Angst und der Krise unseres Gesundheitssystems wird ein großes Geschäft gemacht. All die restriktiven Maßnahmen werden, glaube ich, nicht mehr abgeschafft, sondern sie werden bleiben.

Die Revolute bricht sich Bahn: "New Order" (Ascot Elite)
Die Revolute bricht sich Bahn: "New Order" (© Ascot Elite)

Es gibt in „New Order“ böse und gute Menschen, aber die meisten sind indifferent. Zwei Protagonistinnen, Marianne und Marta, ragen aus diesem Gesamtbild heraus und versuchen, in dem Konflikt zu vermitteln, aber sie scheitern. Die eine ist eine Tochter aus reichem Haus, die andere eine Mutter aus der unteren Mittelschicht. Was ist die Tragödie beider Figuren?

Franco: Mariannes Tragödie liegt in ihrer Naivität; sie hat die besten Absichten, aber sie durchschaut die Situation nicht; ihre Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Die Tragödie von Marta liegt im blinden Gehorsam und einer bedingungslosen Treue ihren Arbeitgebern gegenüber. Dem opfert sie sogar ihr eigenes Wohlbefinden, doch ihr Edelmut wird sehr schlecht bezahlt. Mut kann einen sehr teuer zu stehen kommen, nicht nur in Mexiko. Das gilt nicht fürs Kino; dort haben wir uns an Darstellungsmuster gewöhnt, die den Mut von Protagonisten mit Erfolg belohnen. Eine einfache Lektion. Aber ich will dem Publikum keinen Unterricht geben. Ich glaube, wenn man die Konflikte offenlässt und das Publikum mit Ungerechtigkeit konfrontiert, ist das viel interessanter, weil so keine Scheinlösungen angeboten werden.

Am Ende von „New Order“ gibt es keine Hoffnung mehr, nur noch die Vision einer völlig entfremdeten, völlig inhaltsleeren Gesellschaft. Wir verstehen plötzlich, was diese „neue Ordnung“ wirklich bedeutet, die sich mit all ihrer Brutalität und all ihren Lügen etabliert. Hatten sie dieses dunkle Ende von Anfang an geplant?

Franco: Ja, das Ende hatte ich von Anfang an so im Kopf. Dunkel, das definiert den Film. Es gab Leute, die sagten: „Filme doch ein alternatives Ende, mit mehr Hoffnung, einem Licht am Ende des Tunnels“. Aber das war im Film einfach nicht angelegt.

Trotzdem ist es sehr ungewöhnlich.

Franco: Seitdem ich Kurzfilme gedreht habe, weiß ich, dass jeder Film das Ende hat, das er verdient. Das kann auch ein Happy End sein. Ich suche nicht unbedingt ein unglückliches Ende. Aber ich will auch keine konventionellen Filme mache, in denen jeder sofort die herrschenden Darstellungsmuster wiedererkennt. Ich glaube auch nicht, dass Zuschauer, die Tausende von Filmen gesehen haben, immer wieder die gleichen alten Formen sehen wollen.

Inwieweit beschreibt „New Order“ eine sehr mexikanische oder vielleicht auch lateinamerikanische Wirklichkeit? Und inwieweit ist es eine universelle Geschichte? Was ist Dystopie, was Wirklichkeit?

Franco: Nach den Preisen beim Filmfestival in Venedig und der Reaktion der internationalen Filmkritik habe ich gemerkt, dass die Geschichte weltweit verstanden wird. Der Film ist überallhin verkauft worden; als sie uns in Frankreich Geld für die Co-Produktion gegeben haben, stand in der Begründung: Das könnte auch ein französischer Film sein!

Könnte überall spielen: "New Order" (Ascot Elite)
Könnte überall spielen: "New Order" (© Ascot Elite)

Was waren die größten Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten?

Franco: Am schwierigsten war es zu zeigen, wie das ganze Land zusammenbricht und die Gesellschaft als Ganzes kollabiert. Manchmal standen Hunderte von Statisten vor der Kamera. Das glaubwürdig und technisch gelungen darzustellen, war sehr schwierig. Es ist mein sechster Film und der, der mir am meisten Arbeit bereitet hat. Als Debüt hätte ich das nicht machen können. Sowohl als Regisseur als auch als Produzent braucht man hier schon eine gewisse Erfahrung und Routine, um die Balance zu halten.

Was fasziniert Sie am politischen Film, und was stößt Sie ab?

Franco:Schlacht um Algier“ hat mir gut gefallen, auch fast alle Filme von Constantin Costa-Gavras. Ich halte aber nicht viel von der Idee, Filme als politisches Werkzeug zu gebrauchen. Ich glaube, dass Filme gewinnen, wenn sie gut gemacht sind, im Lauf der Zeit durch die Art ihrer Darstellung gewinnen, also durch ihren ästhetischen Aspekt; weniger durch die Ideen, die die Filmemacher ausdrücken wollten. Filme, die als Antwort auf politische Fragen entstanden sind, haben meist nur eine kurze Haltbarkeit und wenig Tiefe.

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