© Locarno Film Festival 2021 (Ethan Hawke in "Zero And Ones")

Locarno 2021 - Weg vom Arthouse, hin zum Genre

Montag, 16.08.2021

Witzige Überraschungen, bizarre Nullrunden, ein verdienter Siegerfilm - Rückblick aufs 74. Locarno Film Festival (4.-14.2021)

Diskussion

Der erste Festival-Jahrgang in Locarno, den der neue Leiter Giona A. Nazzaro gestaltete, huldigte mit vielen Actionfilmen und Komödien dem Genrekino und tendierte dazu, einen männlichen Blick auf die Welt zu werfen. Nichtsdestotrotz wartete die Auswahl im internationalen Wettbewerb und den Nebensektionen mit schönen Entdeckungen auf. Ein Rückblick.



Locarno 2021: 11 Tage, 209 Filme, bei unbeständiger Wetterlage; von 15 Grad kühlen Nächten über sintflutartige Gewitter bis zu Hitzetagen mit über 30 Graden gab es alles. Das passte gut zur ersten Edition unter der künstlerischen Leitung des Italieners Giona A. Nazzaro, dessen Programm mit leisem Hang zum handfesten Actionfilm zwar einige rote Fäden, aber noch keine ausgeprägte Handschrift erkennen ließ.

Mit „Zeros And Ones“ von Abel Ferrara wurde gegen Ende des Festivals ein Film zur gegenwärtigen Weltlage präsentiert. Dessen Protagonist trägt wie die anderen Menschen im Film, sofern er nicht zuhause ist, eine (Hygiene-)Maske. Betritt er seine Wohnung, streift er diese ab, entledigt sich der Straßenkleidung und stopft sie in den Wäschekorb. Bevor er irgendetwas berührt, wäscht er die Hände mit Seife. Ethan Hawke, in der Doppelrolle eines zur Rettung der Welt antretenden US-Soldaten und dessen dem anarchischen Revoluzzertum zugeneigten Bruders, spielt dieses Reinigungsritual geflissentlich seriös. Auch eine etwas später vorkommende Liebesszene zollt - Küssen mit Maske, Sex mit Kondom – der Pandemie Rechnung.


Ein Film, in dem die Sonne nie aufgeht

So weit ist alles gut mit „Zeros And Ones“; doch dann säuft er visuell mit seinen extrem dunklen Bildern regelrecht ab. Nur mit Not lassen sich Geschehen und Ort erkennen: Rom, in der heutigen Zeit oder einer nicht so fernen Zukunft; ein (vergeblicher) Versuch, die Sprengung des Vatikans zu verhindern. Es gibt viel Spannung und Hektik, die Tonspur wummert nahezu unablässig. Nach der Explosion wird die Leinwand kurz knallgelb. Danach versackt der Film wieder in Düsterkeit. In diesem Film geht nie die Sonne auf; erst kurz vor Filmende kommt doch noch das Morgenrot. Rom erwacht, Verkehr kommt auf, Menschen gehen über Plätze und Straßen und setzen sich in Cafés. Was zum Teufel, wunderte man sich, hat man da denn nun gesehen?

Zwei Tage später bei der Preisverleihung wunderte man sich ein zweites Mal. Da vergab die Jury den „Leoparden“ für die beste Regie an Abel Ferrara für „Zeros And Ones“. Unerklärlich, weil Film doch eine Bildkunst ist und es bei der Regie vielleicht auch darum gehen sollte, die Zuschauer sehen zu lassen, was man erzählt.

Silberner Lepoard für Anastasiya Krasovskaya als „Gerda“ (Locarno 2021)
Silberner Leopard für Anastasiya Krasovskaya als „Gerda“ (Locarno 2021)

Die anderen Preisvergaben waren nachvollziehbarer - der Preis für die besten männlichen Darsteller an Mohamed Mellali und Valero Escolar etwa, die in „Sis dies corrents“ von Neus Ballús ein ungleiches Klempnerpaar spielen. Oder der „Leopard“ für die beste Schauspielerin an Anastasiya Krasovskaya, die in „Gerda“ von Natalya Kudryashova eine junge Frau mit gewalttätigem Vater und depressiver Mutter spielt, sich ihr Studium in einem Erotiklokal verdient und dabei viel Menschlichkeit an den Tag legt. Unvergesslich eine Szene, in der ihre Arbeitskollegin bewusstlos in einem Hotelzimmer liegt, Gerda sich aufs Bett stellt und ein unendlich trauriges Lied singt, sodass die anwesenden Männer ihre heruntergelassenen Hosen mit dem Kommentar „Ich werde nie mehr einen hochkriegen!“ wieder hochziehen.


Ein Clown im Jenseits

Verdient ist auch der Spezialpreis der Jury an „Jiao ma tang hui“ („A New Old Play“) von Qiu Jiongjiong, der in Theaterkulissen spielt und ausgehend von der Ankunft eines verstorbenen Clowns im Jenseits binnen 179 Minuten fünf Jahrzehnte chinesischer Kultur- und Theatergeschichte passieren lässt. Auch der Große Preis von Locarno, der „Pardo d’oro“ des internationalen Wettbewerbs, hat einen würdigen Träger gefunden. Er ging an die „Seperti Dendam Rindu Harus Dibayar Tuntas“ („Vengeance Is Mine, all the Others Pay Cash“) des Indonesiers Edwin, eine großartig unterhaltsame, actionreiche, zugleich liebevoll-verschmitzte Komödie, die sich zwischen den Filmen von Quentin Tarantino und den Prügelkomödien von Bud Spencer und Terrence Hill verordnet.

Verschmitzte Komödie von Edwin: "" (Locarno 2021)
Preis der Ökumenischen Jury: "Soul of a Beast" (Locarno 2021)

Tatsächlich hat Giona A. Nazzaro in seinem ersten Jahr als künstlerischer Direktor ein abwechslungsreiches, sehr kurzweiliges Programm vorgestellt. Auch ein publikumsfreundliches Programm, sofern man davon ausgeht, dass das Publikum in Locarno vor allem Action, Komödien und Filme mit lautem Soundtrack mag oder auch, dass dass in gefühlt fast jedem Film mindestens eine Sexszene vorkommt. Vor allem im internationalen Wettbewerb haben stillere Filme gefehlt.


Filmhighlights in der zweiten Festivalhälfte

In der zweiten Festivalhälfte hervorgestochen sind: Peter Brunners bilderprächtig in den österreichischen Alpen verortetes Drama „Luzifer“, in dem sich eine trockene Alkoholikerin und ihr mental beeinträchtigter Sohn mithilfe gottesfrömmiger Rituale gegen alles Böse im Leben wehren, insbesondere die anstehende Enteignung ihrer Alm, die einem neuen Skigebiet weichen soll.

Außerdem überzeugte Hannes Þór Halldórssos „Leynilögga“ („Cop Secret“). Der Film enthält vom Bösewicht mit teuflischem Plan über den hartgesottenen Cop mit marodem Beziehungsleben, rasanten Verfolgungsjagden und knallharten Actionszenen alles, was zu einem Polizei-Thriller gehört – und wartet darüber hinaus mit einigen Besonderheiten auf: mit Bildern, die ein nicht-idyllisches Island zeigen, einer wackeren Polizeichefin, die sehr menschlich wirkt, und zwei harten Cops, die, zur Teamarbeit gezwungen, sich mitten im Kugelhagel ihre Liebe gestehen.

Mysteriöses Drama: "Espiritu sagrado" (Locarno 2021)
Mysteriöses Drama: "Espiritu sagrado" (Locarno 2021)

Espíritu sagrado“ von Chema García Ibarra wiederum heftet sich an die Fersen einer Amateurgruppe von Ufologen, wobei nebenbei ein komplexer Fall von Pädophilie aufgedeckt wird, bei dem es auch um Organtransplantationen verschleppter Kinder geht.

Bemerkenswert ist auch „Medea“ von Alexander Seldowitch, der die klassische Tragödie von ihrer Vorlage löst und erst in die abgeschiedenen Weiten Russlands, später nach Jerusalem verlegt. Die Bilder sind sensationell, der Soundtrack bombastisch. Man trifft im Film auf russische Oligarchen, israelische Soldaten und versponnene Künstler; die Medea-Figur lebt in wilder Ehe mit einem Mann und hat – nicht nur mit ihm – Sex bis zur Bewusstlosigkeit.


In einer von Männern regierten Welt

Ätzend-schön war das, und das gilt für der in Locarno gezeigten (Genre-)Filme. Auch wenn darin viele alte, jüngere und junge Frauen, Mörderinnen und unschuldige Mädchen vorkommen, sind die meisten von ihnen „Männerfilme“. Filme, die in einer von Männern regierten Welt spielen, eine männliche Wahrnehmung der Welt spiegeln und auch dort, wo sich im Plot eine Frau befreit, in der männlichen Erzählperspektive verharren. Das ist eine bedauerliche Einengung für das Festival. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, bewegt man sich in Locarno blindlings weg von einer Gegenwart, die mehr Gendergerechtigkeit fordert und in der Themen wie Umwelt-, Klima und Artenschutz, Überalterung, politische Spannungen, kriegerische Auseinandersetzungen von dringlicher Bedeutung sind.

Doch man soll nicht vorschnell (ver-)urteilen; vielleicht überrascht Giona A. Nazzaro das Publikum zum 75. Jubiläum 2022 mit einem etwas anders ausgerichteten Programm. Er selbst, Festivalpräsident Marco Solari und der operative Leiter Raphaël Brunschwig zogen am Ende der 74. Ausgabe von Locarno eine positive Bilanz. Die Rückkehr auf die Piazza und zur physischen Durchführung hat in ihren Augen den Festivalgeist zurück in die Stadt am Lago Maggiore gebracht. Auch wenn die Abendvorführungen auf der Piazza Grande durch die Schutzmaßnahmen binnen elf Tagen nur knapp 30 000 Zuschauer verzeichneten, ist das ein schöner Erfolg.


Aus den Nebensektionen

Zu erwähnen bleiben drei besonders sehenswerte Filme aus anderen Sektionen. Sabrina SarabisNiemand ist bei den Kälbern“ ist eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Alina Herbing. Er handelt von der jungen Christin und ihrem Lebensüberdruss, der aus der Einöde und Beengung herrührt, in der sie mit ihrem Freund Jan auf dem Hof seiner Familie in Mecklenburg-Vorpommern lebt.

Doch Christin, die von sich selbst sagt, dass sie nichts anderes könne als auf einem Bauernhof zu arbeiten, ist unfähig, sich aus eigener Kraft zu befreien. Dass sie sich auf eine Affäre mit einem in der Umgebung tätigen Windkraftingenieur einlässt, macht die Situation nicht einfacher. „Niemand ist bei den Kälbern“ hat etliche Leerstellen, die mit deutschen Verhältnissen nicht betrauten Zuschauern mit offenen Fragen zurücklassen. Doch Saskia Rosendahl spielt Christin mit kräftiger Innerlichkeit, einer Art schluderigen Wut, die sie zu einer nicht unbedingt sympathischen, aber bewundernswert starken Filmheldin macht.

Saskia Rosendahl in "Niemand ist bei den Kälbern" (Locarno 2021)
Saskia Rosendahl in "Niemand ist bei den Kälbern" (Locarno 2021)

Auch Elene Naverianis „Wet Sand“ thematisiert das Leben in Abgeschiedenheit. Der Film spielt in Georgien, in einem kleinen Dorf am Schwarzen Meer. Der Alltag hier ist geruhsam, Amnons Strandcafé der Treffpunkt der lokalen Bevölkerung, unter der jeder jeden zu kennen meint. Doch dann findet man Eliko eines Tages tot in seiner Hütte. Mit dem Auftauchen seiner Enkelin Moe bricht im Dorf Unruhe aus. Nicht nur, weil plötzlich vergessen geglaubte Geschichten wieder auftauchen, sondern auch, weil Moe, die aus der Stadt kommt, sieht, was man im Dorf über 20 Jahre geflissentlich ignorierte: dass Amnon und Eliko heimlich ein Paar waren.

Und dass im Dorf noch andere Menschen leben, welche nicht ins bigotte Bild einer streng heterosexuellen Gesellschaft passen. „Wet Sand“ ist ein im Kern sehr tragischer Film. Aber er gibt, stark gespielt, schön fotografiert und feinfühlig erzählt, Menschen eine Stimme, die vielerorts noch heute nicht in voller Freiheit leben dürfen.

In der Kritikerwoche schließlich war Heidi SpecognasStand Up My Beauty“ zu entdecken, ein Porträt der Äthiopierin Nardos. Die Musikerin lebt von ihren Auftritten in einem Kulturzentrum in Addis Abeba, wo sie allabendlich traditionelle Azmari-Lieder singt. Doch Nardos, die von ihrer verwitweten Mutter als Mädchen zu Verwandten in Stadt geschickt wurde, damit sie zur Schule gehen und etwas lernen konnte, möchte lieber ihre eigenen Lieder singen. Lieder, die nicht von den Wirrungen der Liebe handeln, sondern vom Alltag und Leben der äthiopischen Frauen, die noch immer oft schon im Kindesalter (zwangs-)verheiratet werden und keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben.

Der Film, im über fünf Jahre hinweg entstanden ist, zeigt ein stark im Wandel begriffenes Äthiopien, in welchem globalisierte Moderne und traditionelle Kultur unmittelbar aufeinandertreffen. Es ist eine harte Welt, in Nardos ihre Kinder aufzieht und schließlich auch ihr erstes selbstkomponiertes Lied vorträgt. Es ist den Mädchen Äthiopiens gewidmet, beschreibt in blumigen Bildern deren Schicksal und preist tröstend die Kraft des Vergessens.

Die Kraft des Vergessens: "Stand Up My Beauty" (Locarno 2021)
Die Kraft des Vergessens: "Stand Up My Beauty" (Locarno 2021)


Mit dem Preis der Ökumenischen Jury wurde der Film „Soul of a Beast“ von Lorenz Merz ausgezeichnet. In den Augen der Jury ist der Film „eine Hommage an das Medium Film und eine mutige Geschichte voller Seele, verkörpert von jungen Menschen. Der Film nimmt mit auf eine fiebrige Heldenreise, die an der Zürcher Langstrasse beginnt, und lässt die Welt durch die tiefblauen Augen von Gabriel sehen. Hin und her gerissen zwischen dem Ruf der Wildnis und dem Wunsch nach einer Familie führt Gabriel vor Augen, dass ein Mensch wie er nur in Beziehung zu anderen er selbst sein kann. Gabriel erkennt, dass er frei ist, wenn er sich für das Gute entscheidet.“

Der Preis ist mit 20.000 Schweizer Franken dotiert und an den Verleih des Films in der Schweiz gebunden. Das Preisgeld wird von der Evangelischen Kirche und der Katholischen Kirche der Schweiz zur Verfügung gestellt. Mitglieder der Ökumenischen Jury waren: Anne Le Cor, Frankreich, Pascale Huber, Schweiz, Eva Meienberg, Schweiz, und S. Brent Rodríguez-Plate, USA (Präsident).



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