The Walking Dead - Zum Auftakt von Staffel 11

Montag, 23.08.2021

Gibt es ein Mensch-Sein nach der Zombieapokalypse? Eine Würdigung der Horror-Dauerbrenner-Serie zum Auftakt der elften und finalen Staffel.

Diskussion

Gibt es ein Mensch-Sein nach der Zombieapokalypse? Eine Würdigung der Horror-Dauerbrenner-Serie zum Auftakt der elften und finalen Staffel.


„Acheron“ heißt die Doppelfolge, die den Auftakt der elften und finalen Staffel der Zombie-Serie „The Walking Dead“ bildet, benannt nach einem der Flüsse, auf denen in der griechischen Mythologie die Seelen der Verstorbenen ins Totenreich übersetzen. Eine Art Unterweltsfahrt steht auch den Protagonisten bevor. Um neuen Proviant für die Enklave Alexandria zu besorgen, die noch von den in den letzten beiden Staffeln geschilderten Kämpfen gezeichnet ist, bricht eine Truppe um die Protagonisten Maggie (Lauren Cohan) und Daryl (Norman Reedus) zu einem Feldzug in Richtung von Maggies vorherigem Lager auf; sie wollen den mysteriösen, in Staffel 10 erstmals erwähnten Gegnern („Reaper“), die dieses Lager schleiften und einen Großteil von Maggies Leuten ermordeten, die erbeuteten Vorräte wieder abjagen. Der Weg dorthin führt durch ein altes U-Bahn-System, das alsbald zur tödlichen Falle zu werden droht – eben ein veritables Totenreich, nur dass es keine Schatten sind, die es bevölkern, sondern Zombies.

Wem die Bonusfolgen am Ende von Staffel 10 mit ihren vertiefenden Exkursen rund um einzelne Charaktere nicht handlungsgetrieben genug waren, dürfte sich da ganz in seinem Element fühlen: Der Serien-Plot bekommt wieder eine deutlichere Stoßrichtung; die Reaper als Antagonisten haben am Ende der Doppelfolge einen fiesen Cliffhanger-Auftritt, der sie als neue mächtige Bedrohung etabliert, und zwischendurch gibt es in der U-Bahn einen jener blutig-makabren Totentänze mit Scharen von Untoten, die im Laufe der Serie immer wieder als grausige Horror-Höhepunkte fungierten.


Die Lebenden, die Toten – und alles dazwischen

Der „Acheron“ als Topos für die Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten: Das passt freilich auch zu dem Dauerzustand, in den die Figuren der Serie geworfen sind. Seit Staffel 1 strampeln sie sich in einem Dazwischen ab. Ein Leben, das über das reine Überleben hinausgeht, ist ihnen mit dem Zusammenbruch aller gesellschaftlichen Strukturen abhandengekommen, den Tod haben sie ständig vor Augen; und alle Versuche, wieder festeren existenziellen Boden unter die Füße zu bekommen – eine sichere Heimstatt, Infrastrukturen, Ackerbau und Handwerk, um aus dem Jäger-und-Sammler-Modus herauszukommen – , scheitern früher oder später durch die Konfrontation mit Zombie-Horden, aber auch durch immer neue Banden anderer Überlebender, mit denen sich die Held:innen verlustreiche Kleinkriege liefern: Homo homini zombie est.

Seitdem die erste Folge der Serie im Spätjahr 2010 startete, treiben die Serienmacher dieses Spiel zwischen Hoffnung und Verzweiflung voran – eine erstaunliche Langlebigkeit angesichts der Tatsache, wie überstrapaziert das Zombie-Motiv durch die seit den 1970er-Jahren nicht abreißende Flut von Horrorfilmen schon lange vor dem Serienstart war. Doch „The Walking Dead“ ist eben kein Film; und Serienschöpfer Frank Darabont und seine Nachfolge-Showrunner verstanden es auf der Basis der Comics von Robert Kirkman und Tony Moore sehr gut, die Stärken des Formats fruchtbar zu machen.


Das Gespenst der moralischen Zombifizierung

Die epische Breite, in der ein vielgestaltig-diverses Figurenensemble entworfen und einzelne Charaktere und ihre Entwicklungen detailliert ausgemalt werden, verleiht dem Zombieapokalypse-Horror einen spannenden Resonanzraum. Zu den blutigen Thrills kommt das facettenreiche Drama über die menschlichen Reaktionen darauf. Da geht es um schmerzhafte Abschiede von zivilisatorischen Standards, um den Verlust der vertrauten sozialen Wertesysteme und Rollen (wobei sich Letzteres für einige Figuren, etwa die misshandelte Ehefrau Carol oder den „White Trash“-Redneck Daryl, auch als Befreiung und Chance herausstellen konnte) und das Hineinwachsen in neue Identitäten. Es geht ums Weiterleben mit dem Tod geliebter Menschen, der, wenn er Figuren ereilt, deren Schicksal man zuvor über mehrere Staffeln verfolgt hat, eine emotionale Drastik erfährt, wie sie Gore-Effekte allein nie erzielen könnten. Und es geht um die Wirkung um sich greifender Barbarei, die die Überlebenden schon vor ihrem Ableben mit der moralischen „Zombifizierung“ bedroht: „The Walking Dead“ ist nicht zuletzt ein „morality play“, dessen Held:innen nicht nur um ihr Leben, sondern auch um ihre Humanität kämpfen, individuell wie als (Stammes-)Gemeinschaft.

Von Staffel 6 bis zu Beginn von Staffel 9 erfuhr die Serie durch eine „politische“ Erweiterung eine neue Dynamik. Nachdem die Figuren mit dem Ort Alexandria in Staffel 5 endlich so etwas wie eine Heimat finden konnten, rückte ab Staffel 6 das Verhältnis dieser Enklave zu anderen Gemeinschaften ins Zentrum, und damit das Ringen um eine Organisation untereinander, also um erste Ansätze von so etwas wie einer neuen Gesellschaftsordnung.


US-Gründungsmythos in Zombie-Variation

Gegen die dominante, am Recht des Stärkeren orientierte Gruppe der „Saviors“ – unter Führung des charismatischen Negan (Jeffery Dean Morgan), der nach Art eines Diktators regierte und andere Gruppen zu tributpflichtigen Kolonien machte – scheiterten zunächst die in den ersten Staffeln antrainierten Kämpfer-Qualitäten der Held:innen (gipfelnd im markerschütternden Auftakt der siebten Staffel); stattdessen wurden diplomatische Fähigkeiten wichtig, um mit anderen, ebenfalls von den Saviors geknechteten Gemeinschaften eine Allianz zu schmieden: Die Endzeit-Serie bewegte sich so plötzlich in Richtung eines Gründungsmythos, der sich motivisch an die glorifizierten Zeiten der Geburt der USA anschloss, mit den „Saviors“ als Pendant des tyrannischen Englands, den Zombies als wilden „Natives“ und den Siedler-Enklaven Alexandria, Hilltop, Kingdom und Oceanside als neuen „Vereinigten Staaten“, die schließlich sogar eine gemeinsame „Verfassung“ unterzeichnen.

Im Lauf von Staffel 9 verlor die Erzählung allerdings deutlich an Schwung. Das lag weniger am Ausscheiden der zentralen Figur Rick Grimes (Andrew Lincoln) (eigentlich ließ sich schon seit Staffel 2 nicht mehr von einer Hauptfigur und auch kaum noch von einem Kern-Ensemble, sondern nur noch von einem sich stetig verändernden Netz miteinander verbundener Figuren sprechen), als vielmehr daran, dass es dem Autorenteam offensichtlich zu heikel war, der in Staffel 7 und 8 in Gang gesetzten Dynamik zu vertrauen und vom Überlebensmodus endgültig in den Kreativmodus zu wechseln: Die Serie kehrtein der zweiten Hälfte von Staffel 9 mit der Einführung einer weiteren brutalen Feindesgruppe, den „Whisperern“, in den bewährten, wenngleich schon reichlich abgenutzten Acheron-Zustand zurück.


Zurück zum nackten Existenzkampf

Trotz der furchterregenden Konzeption der Gegner, die eine größtmögliche Nähe zum Zombie-Dasein pflegen, und trotz des Charismas von Samantha Morton als Anführerin der „Whisperer“, machten sich Abnutzungserscheinungen bemerkbar. Das wurde zwar durch interessante Figurenentwicklungen abgemildert (allen voran der des Ex-Bösewichts Negan, dem am Ende der 8. Staffel ein überraschender Akt der Gnade zuteilwurde), war aber doch deutlich spürbar.

Während die besondere Dramaturgie des seriellen Erzählens den „Walking Dead“ lange half, über die ausgetretenen Zombiefilm-Pfade hinauszugehen, drohte die Serie jetzt, ins Hamsterrad unendlich serieller Repetition zu geraten – forciert durch die mittlerweile entstandenen und noch geplanten Spin-offs. Die finale Staffel 11 dürfte sich schwertun, noch einmal zum alten Drive zurück und zu einem runden Abschluss zu finden. Die „Reaper“ als x-te Schurkentruppe werden dies allein kaum gewährleisten können. Eher noch ein zweiter, in der ersten Doppelfolge von Staffel 11 als parallele Handlung entfalteter Plot um die Begegnung einiger Figuren mit der Gemeinschaft des „Commonwealth“, deren technologisch-organisatorisches Niveau mehr als das aller anderen Gruppen an die alte Zivilisation anschließt, auch wenn deren Intentionen vorerst im Ungewissen bleiben. Diese Konfrontation hat das Potenzial, nicht nur auf einen weiteren actionreich geführten Krieg hinauszulaufen, sondern könnte eine tatsächliche Weiterentwicklung in Gang setzen.

Ob es letztendlich eine Wiedergeburt der menschlichen Gesellschaft geben wird oder ob der endgültige Untergang droht? Man wagt kaum zu hoffen, dass die Serienmacher das Schicksal des Franchises mit dem Serienfinale aus dem Acheron des Dazwischen herausholen. Schließlich ist eine weitere „Walking Dead“-Serie um zwei der populärsten und langlebigsten Figuren, Carol (Melissa McBride) und Daryl (Norman Reedus), schon angekündigt; und auch eine Kino-Trilogie um Andrew Lincoln steht weiter im Raum. Um die Aufgabe, daraus dichte, temporeiche Epen zu machen, wie es der Mutterserie über fast zehn Jahre hinweg gelang, und dramaturgisch nicht im Untotsein zu verschlurfen, braucht man die Autoren nicht zu beneiden.

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