© Karlovy Vary 2021 ("Boiling Point")

Karlovy Vary 2021 - Wenn Träume zu platzen drohen

Montag, 30.08.2021

Ein Bericht über das 55. Filmfestival Karlovy Vary (20.8.-28.8.2021)

Diskussion

3G, Regenwetter und kühle Temperaturen dämpfen beim 55. Filmfestival in Karlovy Vary die Stimmung, doch den Filmen tat das keinen Abbruch. Die handelten von Menschen in Krisensituationen, dem Kampf um Anerkennung und Würde oder der Frage, welche Mittel moralisch legitim sind, um sich unter widrigen Umständen zu behaupten.


Im vergangenen Jahr musste das Filmfestival in Karlovy Vary Pandemie-bedingt pausieren, doch 2021 fand das Festival – mit siebenwöchiger Verspätung – endlich wieder statt. Wie schon in Locarno gab es auch hier strenge Corona-Bedingungen; die Kinos durften nur mit der 3G-Regel betreten werden, vollständig Geimpfte waren an einem Armband erkennbar. Viele Filmfans konnten oder wollten unter diesen Bedingungen nicht anreisen; russische Kollegen bekamen erst gar kein Visum. Regenwetter und kühle Temperaturen schlugen zudem auf die Feierlaune, und so ging es beim 55. Karlovy Vary International Film Festival (20.8.-28.8.) nicht ganz so lebendig wie sonst zu.

Den Filmen tat das keinen Abbruch. Der wohl stärkste Beitrag im Wettbewerb war „Boiling Point“ des englischen Regisseurs Philip Barantini. Er zeigt einen Mann in der Krise, in Echtzeit, die genauso lange dauert wie der Film, nämlich 94 Minuten. „Boiling Point“ spielt in einem Londoner Restaurant, aufgenommen in einer einzigen Einstellung, mit einer äußerst agilen Kamera, die den handelnden Personen folgt und ihnen zusieht, um sich dann an irgendjemand anderen zu hängen. Im Mittelpunkt steht der Chefkoch Andy, der soeben seine Schicht beginnt. Es ist der letzte Freitag vor Weihnachten, das Restaurant ist überbucht. Ein penibler Inspekteur unterrichtet Andy, dass die hygienischen Bedingungen in der Küche und im Vorratsraum unzureichend seien. Außerdem taucht auch noch Andys früherer Förderer mit einer Restaurantkritikerin auf.


Bis der Kragen platzt

Die Kamera zieht einen förmlich ins hektische Geschehen hinein: Serviererinnen, die sich von arroganten Gästen beschämen lassen müssen, faule Aushilfen, unerfahrene Lehrlinge, geniale Sauciers und eine temperamentvolle Köchin, der irgendwann der Kragen platzt (Vinette Robinson erhielt für diese Rolle eine besondere Erwähnung der Jury). Viel zu oft trinkt Andy, dynamisch dargestellt von Stephen Graham, aus einer weißen Plastikflasche, deren Inhalt verborgen bleibt; aus kurzen Telefonaten weiß man um seine desolate Familiensituation und ahnt, dass er den kleinen und großen Katastrophen dieses Abends nicht gewachsen sein wird.

"Boiling Point" von Philip Barantini (Karlovy Vary 2021)
"Boiling Point" von Philip Barantini (© Karlovy Vary 2021)

Einen anderen Mann in der Krise präsentierte der slowenische Regisseur Olmo Omerzu in „Bird Atlas“. Der gealterte Besitzer einer Gerätehersteller-Firma hat sein ganzes Leben der Arbeit gewidmet; eine Bürde, die nun immer mehr Tribut fordert. Immer wieder setzen ihn Herzanfälle außer Gefecht; Sohn und Schwiegersohn stehen schon in den Startlöchern, um die Firma zu übernehmen. Plötzlich stellt sich auch noch heraus, dass Zahlungen an Zulieferer seit Monaten ausgeblieben sind, und ausgerechnet jetzt ist die Buchhalterin im Urlaub. Der alte Mann kann sich auf nichts und niemanden mehr verlassen.

Daraus entsteht das packende Portrait eines Industriellen, der sein Lebenswerk, aber auch seine Würde schwinden sieht. Die dramatische Zuspitzung wird aber immer wieder durch ironische Brechungen aufgefangen, etwa durch die lebensfremden Illusionen der Buchhalterin oder eine Art griechischen Chor, der hier aus unterschiedlichen Vögeln besteht, die auf Ästen und Zweigen zirpen und tirilieren. Untertitel geben Aufschluss über ihre Namen (daher der Filmtitel) und ihre Kommentare. Diese Idee ist ein wenig neckisch, doch sie macht Sinn: Der Gesichtsverlust hat hier auch etwas Komisches.


Manchen fühlen sich missverstanden

Auch Frauen haderten mit ihrem Beruf, nicht nur die Kuratorin der Frankfurter Kunsthalle in „Le Prince“ von Lisa Bierwirth, die sich nach der Kündigung ihres Chefs um eine andere Stelle bewerben muss; gleichzeitig hat sie auch mit Vorurteilen gegen ihren schwarzen Partner, einen kongolesischen Geschäftsmann, zu kämpfen. In „The Staffroom“ der kroatischen Regisseurin Sonja Tarokic tritt eine junge Frau eine neue Stelle als Mediatorin an einer Schule an. Sie soll zwischen Lehrern und Schülern vermitteln, doch das gefällt nicht allen. Einige fürchten um ihre Pfründe oder fühlen sich missverstanden; es kommt zu Konflikten und Machtspielen. Der Film spielt zumeist im titelgebenden Lehrerzimmer, man blickt mit den Augen der Hauptdarstellerin Marina Redzepovic auf die anderen Figuren, die manchmal nur im Hintergrund zu sehen sind. Dabei geht es nicht nur um den Kampf einzelner, die innerhalb dieses komplexen Systems ihre Integrität wahren wollen; es geht auch um die Freude an der Lehre, am Weitergeben von Wissen und der Erziehung der Kinder.

in "Le Prince" (ZDF/Sebastian Bender)
Passi Balende, Ursula Strauss (r.) in "Le Prince" (© ZDF/Sebastian Bender)

Der größte moralische Konflikt wurde in „The Exam“ des kurdisch-irakischen Regisseurs Shawkat Amin Korki ausgetragen. Hier geht es um die Emanzipation der Frauen im kurdischen Teil des Irak, um ihr Recht auf Bildung und ihre Selbstbestimmung. Doch wie weit darf man gehen, um eine Gleichberechtigung zu erreichen? Die Schülerin Rojin muss die Aufnahmeprüfung an der Universität unbedingt bestehen, um einer arrangierten Heirat zu entgehen. Ihre ältere Schwester, gefangen in einer unglücklichen Ehe, will ihr helfen. Darum lässt sie sich mit geldgierigen Ganoven ein, die mit Handys und Bluetooth-Kopfhörern die richtigen Antworten ins Prüfungszimmer übermitteln.

Bildung bedeutet Freiheit für die Kurdinnen, das ist die Realität im Irak. Mit dem Betrug beschreiten die Protagonistinnen aber den falschen Weg, das macht der Film deutlich; doch für die Zwickmühle gibt es keine einfache Lösung. „The Exam“ zeigt überdies, dass Korruption große Teile der irakischen Gesellschaft durchdrungen hat. Die Ganoven hingegen schließen einfach ihr „Beratungszentrum“ im Keller eines Gebäudes, dessen Stahlträger wie Skelette in den Himmel ragen, und eröffnen anstelle dessen kurzerhand ein türkisches Restaurant. „The Exam“ wurde mit langen Ovationen gefeiert und gewann den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik.


Plötzlich ist die Ehefrau verschwunden

Ein anderes hochaktuelles Thema behandelte der serbische Regisseur Stefan Arsenijevic in „As Far as I Can Walk“. Ein Ehepaar aus Ghana ist nach Europa geflüchtet, mit Deutschland als Ziel. Doch in Serbien ist „Endstation“. Während der Mann sich im Flüchtlingslager halbwegs eingerichtet hat, träumt die Frau von einer Karriere als Schauspielerin. Plötzlich ist sie verschwunden, und der Mann macht sich auf die Suche nach ihr.

Die Handlung folgt einem mittelalterlichen serbischen Gedicht, in dem ein Adliger seine entführte Frau sucht. Arsenijevic macht daraus eine packende Bestandsaufnahme der Flüchtlingskrise mit all ihrem Leid, ihrer Entwurzelung, ihrer Hoffnungslosigkeit. Wenn der Mann verzweifelt durch die Lager streift, fühlt man sich mitunter an dokumentarische Nachrichtenbilder erinnert. Darüber hinaus ist dies aber auch die Geschichte einer großen, leidenschaftlichen Liebe, die hier ein herzzerreißendes Opfer verlangt. „As Far as I Can Walk“ gewann den Kristall-Globus als Bester Film und den Preis den Ökumenischen Jury; Hauptdarsteller Ibrahim Koma wurde als Bester Darsteller ausgezeichnet, Jelena Stanković erhielt für ihre Kameraarbeit eine besondere Erwähnung.

in "Wild Roots" (Karlovy Vary 2021)
Gusztáv Dietz, Zorka Horváth (r.) in "Wild Roots" (© Karlovy Vary 2021)

In der Reihe „East of the West“ über das Filmschaffen in Osteuropa überzeugte vor allem „Wild Roots“ der ungarischen Regisseurin Hajni Kis. Der Film erzählt die Geschichte eines Vaters, der nach sieben Jahren im Gefängnis seine inzwischen zwölfjährige Tochter kennenlernt. Es könnte die Geschichte eines Neuanfangs sein, doch das zornige Temperament des Vaters und die Vergangenheit stehen den beiden im Weg. „Wild Roots“ lebt von seinen charismatischen Hauptdarstellern Gusztáv Dietz und Zorka Horváth, deren Figuren sich gleichzeitig anziehen und abstoßen.


Ein Blick zurück

Das Festival blickt stets auch zurück, auf die tschechische Filmgeschichte, diesmal mit „Vom Fest und den Gästen“ (1966), einer wundervollen Parabel von Jan Nemec über die Macht und ihre Folgen, über Opportunisten und Informanten, Feiglinge und Profiteure. Doch auch die internationale Filmgeschichte hat ihren Platz.

In diesem Jahr stand ein Tribut an „The Film Foundation“ auf dem Programm, die Martin Scorsese 1990 gegründet hat, um alte Filme zu retten und zu restaurieren. Vom mexikanischen Horrorfilm „El fantasma del convento“ (1934) bis zum John-Cassavetes-Klassiker „Ein Frau unter Einfluss“ (1974) wurden mehrere Genres und Strömungen abgedeckt. Am beeindruckendsten waren der Film noir „Menschenschmuggel“ (1950) von Michael Curtiz, eine Verfilmung des Hemingway-Romans „Haben und Nichthaben“. Curtiz’ Film ist sehr viel näher an der literarischen Vorlage, sehr viel ernster und tragischer als die berühmte Adaption von Howard Hawks aus dem Jahr 1944. John Garfield ist hier in seiner wohl besten Rolle zu sehen. Ein Film, der unverhohlen die Desillusion der Nachkriegsgeneration verhandelt, die ihre Träume von Reichtum und familiären Glück platzen sieht.

Festival- und Plakatlogo (Karlovy Vary 2021)
Festival- und Plakatlogo (© Karlovy Vary 2021)


Die Preise des 55. Filmfestival in Karlovy Vary


Großer Preis: „As Far as I Can Walk“ von Stefan Arsenijevic

Preis der Jury: „Every Single Minute“ von Erika Hníková

Beste Regie: Dietrich Brüggemann für „Nö“

Beste Darstellerin: Éléonore Loiselle für „Guerres“

Bester Darsteller: Ibrahim Koma in „As Far as I Can Walk“


Publikumspreis: „Zátopek“ von David Ondříček

Preis der Ökumenischen Jury: „As Far as I Can Walk

FIPRESCI-Preis: „Exam“ von Shawkat Amin Korki

Fedeora-Preis: „Otar’s Death“ von Ioseb „Soso“ Bliadze

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