© Small Angst Prod. (Ed Pincus in "One Cut, One Life")

Aus der ersten Person #15: „Diaries: 1971-1976“ von Ed Pincus

Montag, 30.08.2021

Eine Annäherung an Ed Pincus, der mit "Diaries 1971-1976" ein radikales Werk des persönlichen Dokumentarfilms schuf, in dem er seine Frau, seine beiden Kinder und ihr gemeinsames Leben sieben Jahre lang obsessiv mit der Kamera festhielt

Diskussion

Der US-amerikanische Dokumentarist Ed Pincus schuf mit seinem 200-minütigen Werk „Diaries: 1971-1976“ ein Pionierwerk der persönlichen Dokumentation, indem er sieben Jahre lang obsessiv seine Frau, seine beiden Kinder und ihr gemeinsames Leben filmte. In ihrem Kracauer-Blog spürt Esther Buss der Faszination wie der Ambivalenz dieses monomanischen Unterfangens nach, in dem das Private und Intime als etwas verstanden wird, das auch andere angehen soll, angehen muss.



„The happy family“, sagt Jane Pincus anfangs halb zu sich, halb zur Kamera. Ihr Ehemann Ed filmt sie beide im Badezimmerspiegel, die beiden Kinder Ben und Sami turnen zwischen Waschbecken und Kloschüssel herum und schauen neugierig in die Linse.

„It’s hard for me to talk because I’m behind the camera“, erklärt Ed Pincus in der nächsten Szene, während er Jane im Close-Up fixiert. Ihre Replik kommt prompt: „It’s hard for me to talk because I’m in front of the camera.“ Die Gleichung ist schief. Er spricht von einer technischen Herausforderung, sie von der Schwierigkeit, von nun an die Hauptfigur seines Films zu sein und Auskunft über ihr Leben und ihre Gefühle zu geben.

Ed und Jane Pincus im Jahr 1981 (Ben Pincus)
Ed und Jane Pincus im Jahr 1981 (© Ben Pincus)

Von der Kamera redet Jane immer wieder als eine annähernd autonome Instanz, als sei sie etwas anderes als das Instrument seines Blicks. Sie hoffe nicht, dass die Kamera „denke“, sie sei hässlich. Kurz darauf wird sie von Ed, der ihr immer wieder versichert, wie schön er sie findet, in einer horizontalen Einstellung im Bett liegend gefilmt, mit Kleidern, die Decke bis unter das Kinn gezogen, unglücklich. Ihr folgender Monolog ist eine Anklage, der Ton ist jedoch frei von Wut, eher nachdenklich: „I feel invaded, I feel that my privacy is invaded. I feel I have to act, where I tried all my life not to act anymore. I feel I can’t be myself. I feel a little like I’m sacrificing myself for your film.“


Die Politik der ersten Person

Von den ersten Minuten in „Diaries: 1971-1976“ an ist alles da: Die filmische Apparatur als ständiger Bezugspunkt, die Selbstreflexivität, die schonungslose Offenheit, das Bekenntnishafte, die Überschreitung. Objekt der Betrachtung ist die Beziehung von Ed und Jane Pincus. Sie wird in den folgenden drei Stunden und zwanzig Minuten unaufhörlich in Frage gestellt, seziert und besprochen. Treibendes Element dieser Unternehmung ist die Politik der ersten Person. Das Paar stellt sich aus in seiner Liebe, seiner Verbundenheit, seinen Zweifeln und seiner Experimentierfreudigkeit, weil es auch andere etwas angehen könnte, angehen muss.

Ed Pincus zählt zu den Schlüsselfiguren des US-amerikanischen Dokumentarfilms in der Gegend um Boston – mit „Black Natchez“ (1967), einem frühen Beitrag zum Direct Cinema, begleiteten er und David Neuman eine afroamerikanische Gemeinschaft in Mississippi bei ihrem Kampf um Bürgerrechte. Für „Diaries: 1971-1976“, ein Pionierwerk der persönlichen Dokumentation, filmte er sieben Jahre lang seine Frau Jane (als Teil des Boston Women’s Health Book Collective schrieb sie 1970 mit an „Our Bodys, Ourselves“, ein feministischer Leitfaden zu den verschiedensten Aspekten der Gesundheit und Sexualität von Frauen), ihre beiden kleinen Kinder und verschiedene Frauen, mit denen er während der Zeit Liebesbeziehungen hatte.

Der Dokumentarist Ed Pincus (1938-2013; c Ben Pincus)
Der Dokumentarist Ed Pincus (1938-2013; © Ben Pincus)

Eine vergleichbare Aufzeichnung des privaten Lebens hatte es bis dahin nicht gegeben. Ed begleitet Jane zum Frauenarzt, wo sie eine Sterilisation in Erwägung zieht, befragt seine Freundinnen, filmt die Kinder beim Spielen und dokumentiert sich selbst in seinem Büro an der Uni, wo er vorübergehend einzieht, als es zuhause zu schwierig wird. Selbst das beiläufige Filmen des Alltags ist nie belanglos; immer geht es um etwas, jeder Konflikt – Verlustgefühle, die ungleiche Arbeitsteilung oder warum Jane immer niesen muss, wenn es um Intimität geht – ist ein Debattenthema. Die offene Ehe verlangt beiden viel ab, ständig müssen die Grenzen zwischen dem eigenen Raum und dem Familienleben neu ausgehandelt werden – „Space“ ist hier das entscheidende Wort.

Klar wird auch, dass das offene Beziehungsmodell für Jane nicht unbedingt ihre erste Wahl ist – die Rollenverteilung ist auch in diesem Punkt asymmetrisch –, sie wächst eher hinein, nimmt sich mit den Jahren immer selbstbestimmter den Raum, auch für ihre Liebschaften, zu denen die Kamera keinen Zutritt hat.


Ein Werk obsessiver Selbstbeobachtung

„Diaries: 1971-1976“ ist ein Werk der obsessiven Selbstbeobachtung. Erstaunlich ist dabei, wie abwesend die politischen Kämpfe der Zeit sind. Nur selten verlässt der Film das Gefüge aus Kleinfamilie, außerehelichen Beziehungen und (Männer-)Freundschaften, um sich nach außen zu bewegen – etwa für das flüchtige Dokumentieren einer Anti-Vietnam-Demonstration. Pincus filmt hauptsächlich zu Hause, auf Reisen und in Vermont, wo das Paar ein abgeschiedenes Haus mietet; ein wiederkehrender Gesprächsraum ist auch das Auto, was dem Film mit die schönsten Bilder schenkt. Sie verströmen die Atmosphäre der Road Movies aus dieser Zeit.

In Vermont versucht das Paar mit Eds Geliebter Jane eine Beziehung zu dritt, eine vorübergehende Idylle nach den Verstrickungen in Schuldgefühle und Eifersucht. Man liegt nackt im Gras, sonnt sich, lacht. Es gibt auch eine lustige Szene, in der die beiden Frauen Eds sexuelles Verhalten in der Nacht zuvor kritisieren und sich verbünden. Der Ton des Films ist überwiegend aber ernsthaft, offen und kompromisslos aufrichtig; die Ironie, die irgendwann als Distanzierungsmoment in die Beziehung aufgeklärter Menschen einzog – man kann das etwa sehr gut in Katrin Schlössers „Szenen meiner Ehe“ beobachten – ist kein Mittel, dessen man sich Mitte der 1970er-Jahre bediente. Einen Film wie „Diaries: 1971-1976“ könnte es heute nicht mehr geben, er ist ganz ein Produkt seiner Zeit. T(© Ben Pincus)

The personal ist political - "One Cut, One Life" (Ben Pincus)
The personal is political - "One Cut, One Life" (© Ben Pincus)

Die Rückkehr in die Monogamie erzwangen äußere Umstände. Dennis Sweeney, ein Freund und Bürgerrechtsaktivist, der auch in „Black Natchez“ auftrat, begann an einer paranoiden Schizophrenie zu leiden. Er glaubte durch seine Zähne Drohbotschaften zu bekommen, machte bald Pincus für die Nachrichten verantwortlich, bedrohte die Familie und ermordete schließlich im Wahn den ehemaligen demokratischen Abgeordneten Allard K. Lowenstein. Pincus’ Arbeit als Dokumentarist kam daraufhin nahezu vollständig zum Erliegen, das Haus in Vermont wurde zum permanenten Rückzugsort.


„It feels like rape“

Wie sehr die in „Diaries“ dokumentierten Erfahrungen bei den Beteiligten Spuren hinterlassen haben, wird auch in „One Cut, One Life“ (2013) spürbar, Pincus’ späte Rückkehr zum Ich-Film. Nach einer Leukämie-Diagnose beschloss er gemeinsam mit der Filmemacherin Lucia Small, mit der er 2007 in „The Axe in the Attic“ die Folgen von Hurrikan Katrina dokumentiert hatte, einen Film über seine Krankheit zu drehen. Mit einer Offenheit, die zuweilen über die Grenzen der Selbstentblößung hinausgeht, filmen die beiden Arztbesuche, Gespräche über das Sterben und über das gemeinsame Arbeiten. Die Krankheit und der bevorstehende Abschied werden vergleichsweise leicht behandelt; weitaus schmerzhafter ist Janes Gefühl des Ausschlusses angesichts der intensiven künstlerischen Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen ihrem Mann und Small. Die Kämpfe, die das Paar in den 1970er-Jahren ausfocht, setzen sich nahtlos auf einem anderen Feld fort. Auch die Kamera bleibt ein latentes Instrument der Gewalt – „It feels like rape“, bricht es aus Jane einmal heraus.


Hinweis

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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