© DCM (Kristen Stewart als Lady Di in "Spencer")

Venedig 2021: „Spencer“ von Pablo Larraín

Sonntag, 05.09.2021

Der chilenische Regisseur Pablo Larraín widmet der "Prinzessin der Herzen" einen biografischen Film, der bei der 78. „Mostra“ Premiere feierte und am 27. Januar 2022 auch in die deutschen Kinos kommt

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In diesem Sommer wäre die britische Prinzessin Diana 60 Jahre alt geworden. Der chilenische Regisseur Pablo Larraín widmet der Herzogin einen biografischen Film, der in Venedig gerade Premiere feierte und das ikonische Bild der Lady Di als schillernde Oberfläche für surreale Projektionen nimmt.



Prinzessin Diana wäre in diesem Sommer 60 Jahre alt geworden – und ist nicht vergessen, wie die Flut an Publikationen anlässlich dieses Jubiläums wieder gezeigt hat. Bei der 78. „Mostra“ feierte der chilenische Regisseur Pablo Larraín die 1997 verstorbene „Prinzessin der Herzen“ mit dem biografischen Film „Spencer“ (ab 27.1.2022 in den deutschen Kinos). Die US-Schauspielerin Kristen Stewart schlüpft in die Rolle der seelisch angeschlagenen Lady Di, die 1991, kurz vor der offiziellen Bekanntgabe der Trennung von Prinz Charles, ein letztes Weihnachtsfest mit der königlichen Familie auf Schloss Sandringham verbringt.

Setbild von den Dreharbeiten zu "Spencer" mit Kristen Stewart als Lady Di (DCM)
Setbild von den Dreharbeiten zu "Spencer" mit Kristen Stewart als Lady Di (DCM)

Das Setting des mit deutschen Fördergeldern und von der Produktionsfirma Komplizen Film mitproduzierten Films – die Szenen im malerischen Schloss wurden teilweise in Hessen gedreht - spielt eine wichtige Rolle. Ähnlich wie schon in „Jackie“ schwelgt Larraíns auch in „Spencer“ genüsslich in äußerem Dekor, in exquisiten Kulissen und Kostümen. In beiden Filmen reproduzieren die Kostümdesigner hingebungsvoll den „signature style“ der Protagonistinnen; die Bilder berauschen sich an den durch unzählige Fotografien zu Ikonen geworden äußeren Erscheinungen der Figuren. Die Filme versuchen nicht, hinter die Oberflächen der Protagonistinnen zu blicken, hinter den Images und Mythen zur „wahren“ Persönlichkeit durchzudringen; sie machen aus den schillernden Oberflächen vielmehr so etwas wie surreale Projektionen eines vom Filmemacher imaginierten Innenlebens.


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In „Spencer“ wird so z.B. eine Perlenkette, die Charles seiner Frau zu Weihnachten schenkt, zum Symbol für das Leiden an der lieblosen Ehe; eine alte Jacke von Dianas verstorbenem Vater wird zum Bild für Dianas Trauer über eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, bevor sie ins Haus Windsor einheiratete.

Der zeitliche Rahmen der Erzählung ist knapp bemessen. Er beschränkt sich auf drei Weihnachtstage, in denen Diana einen ihr zutiefst verhassten, durchgetakteten Parcours aus Festtagsterminen im Kreis einer (bis auf ihre zwei Söhne) ungeliebten und lieblosen Familie hinter sich bringen muss, vom Tee nach der Ankunft übers große Christmas-Dinner bis zum gemeinsamen Kirchgang am ersten Feiertag und der Fasanenjagd am „Boxing Day“.

Larraín und sein Drehbuchautor Steven Knight nutzen diese kammerspielartige Konstellation, um aus der Titelfigur eine Art fragiles, aber auch ziemlich scharfkantiges Sandkorn zu machen, das ins imposante, gut geölte Getriebe des königlichen Haushalts gerät und dort den Betrieb nach Kräften stört. Diana kommt grundsätzlich zu spät, hält sich nicht an die Planung, welches Kleiderensemble zu welchem Anlass zu tragen ist, hängt nach den Mahlzeiten regelmäßig überm Klo, um Cremesuppen und Torten wieder von sich zu geben, und macht zur Beunruhigung des Sicherheitspersonals nächtliche Exkursionen über die frostigen Wiesen rund um das Anwesen: eine nervös-labile Diva, eingesperrt in einen goldenen Käfig, die sich mit Händen und Füßen weigert, weiterhin die Rolle zu spielen, die sie mit ihrer Heirat mit Charles übernommen hat.



Mit ihm Blick: das Hauspersonal

Die Inszenierung kann durchaus als Diana-Hommage durchgehen, da sie konsequent an der Seite der Hauptfigur bleibt und deren Perspektive teilt, bis hin in wahnhaft-halluzinatorische Wachträume, in denen Diana ihre entfernte, von Heinrich VIII. geköpfte Urahnin Anne Boleyn als Schicksalsgefährtin herbeiimaginiert. Dass der Blick auf die Prinzessin trotzdem nicht rückhaltlos den Opfer-Mythos bedient, hängt unter anderem auch damit zusammen, dass ihr als Sparringspartner mit Ausnahme ihrer Söhne nur in sehr wenigen Szenen direkt die Royals gegenübergestellt werden, sondern das Hauspersonal. Es obliegt dem Küchenchef, den Zofen und einem alten Faktotum namens Major Gregory (Timothy Spall), der für die Sicherheit auf Sandringham zuständig ist, mit den nervlichen Aussetzern und kleinen Sabotageakten der Prinzessin umzugehen – wobei man sie oft mehr bedauert als die Prinzessin; das mit Hingabe zelebrierten Leiden der Prinzessin an dem Druck, zum Wohl des Königshauses eine ihr unliebsame Rolle spielen zu müssen, wird durch das unprätentiöse Arbeitsethos derjenigen relativiert, die den Laden hinter den Kulissen am Laufen halten.

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