© Filmwelt/Stan Mende (Dar Salim und Sebastian Blomberg in „Curveball“)

Absurde Agentenspiele - Johannes Naber

Montag, 06.09.2021

Ein Interview mit Johannes Naber über seinen Film „Curveball - Wir machen die Wahrheit“

Diskussion

Der Irakkrieg 2003 wurde von den USA mit falschen Behauptungen über Massenvernichtungswaffen vom Zaun gebrochen, deren Ursprung ein Informant des deutschen Bundesnachrichtendienstes war. Regisseur Johannes Naber arbeitet in seinem Film Curveball – Wir machen die Wahrheit(ab 9. September im Kino) die Geschichte als Geheimdienstfarce auf, die ein beredtes Licht auf die Umtriebe hinter der großen Weltpolitik wirft. Ein Gespräch über seinen Film, das Verhältnis von Drama und Groteske und die Wichtigkeit der „vierten Gewalt“.


„Curveball“ basiert auf wahren Begebenheiten. Warum kommt die filmische Auswertung dieses Politskandals aus der Zeit der Jahrtausendwende gerade jetzt?

Johannes Naber: Vielleicht, weil der Realitätskonsens der westlichen Welt momentan so sehr in Frage steht wie nie zuvor? Wir merken in diesen Tagen ja, welche fatalen Auswirkungen die Genese des Irakkriegs auf unseren Wahrheitsbegriff hatte. Abu Ghraib und Guantanamo waren direkte Folgen des „War on Terror“. Auch Donald Trump und der Siegeszug der Verschwörungstheorien wären ohne diesen fatalen Vertrauensbruch nicht möglich gewesen, den die westlichen Politiker, allen voran die Bush-Administration, sehenden Auges in Kauf genommen haben. Die deutsche Weste ist auch nicht mehr so weiß, wie uns glauben gemacht wurde.

Johannes Naber bei der „Berlinale“ 2020 (© IMAGO / Snapshot)
Johannes Naber bei der „Berlinale“ 2020 (© IMAGO / Snapshot)

Sie kommen vom Dokumentarfilm. Welches Potenzial hat ein Spielfilm über diese Ereignisse? Hatten Sie auch mit dem Gedanken gespielt, einen Dokumentarfilm zu drehen?

Naber: Ja, klar. Das denkt man sofort. Aber es gab ja schon journalistische Aufarbeitungen und Dokumentarfilme, die nicht so viel bewirkt haben. Die Fakten liegen schon lange auf dem Tisch. Wir wollten sie nicht noch einmal aufzählen, sondern sie in eine Geschichte packen, die die Bedeutung hinter den Fakten begreifbar macht. Ich bin ein Geschichtenerzähler. Eine Geschichte zu erzählen bedeutet, einen Standpunkt einzunehmen. Vielleicht hat es auch deshalb so lange gedauert, diesen Film zu machen. Der Weg vom Empörungsgefühl zu einem fundierten Bild war kompliziert.

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Was bedeutet „Curveball“ überhaupt? Eine Metapher?

Naber: Das müssen Sie die US-Geheimdienste fragen, die dem Informanten, Rafid Alwan, diesen Codenamen gegeben haben – übrigens ohne ihn persönlich ja gesprochen zu haben, nur auf Grundlage der deutschen Berichte. Der BND wollte ihn ja unbedingt für sich behalten. „Curveball“ ist eigentlich ein Begriff aus dem Baseball-Sport und bezeichnet einen angeschnittenen Wurfball. Man kann es auch als ein Synonym für eine Finte verstehen.

„Curveball“ strebt ein wahrhaftiges Bild des BND an (© Filmwelt/Sten Mende)
„Curveball“ strebt ein wahrhaftiges Bild des BND an (© Filmwelt/Sten Mende)

Wie haben Sie die Fakten recherchiert? Wollten Sie den BND wahrheitsgemäß in seiner Struktur abbilden, personell und räumlich?

Naber: Wir haben alles untersucht, was wir in die Finger bekommen konnten. Dokumente, Zeitzeugen, journalistische Aufarbeitungen. Wir wollten ein wahrhaftiges Bild des deutschen Nachrichtendienstes zeichnen. Dafür war es weniger wichtig, dass die Farbe des Bodenbelags authentisch ist, sondern dass wir das Selbstverständnis und die Triebkräfte des BND in dieser Zeit auf den Punkt bringen.

Gab es Möglichkeiten, Gespräche mit BND-Mitarbeitenden oder ehemaligen Mitarbeitenden zu führen?

Naber: Ja, die gab es, und zwar mit Protagonisten aus allen Ebenen. Das waren allerdings informelle Gespräche, darauf wurde Wert gelegt.

Die Figur des echten „Curveball“, Rafid Alwan, bleibt intransparent. Rafid Alwan lebt heute in Karlsruhe. Konnten Sie mit ihm im Zuge der Recherche sprechen?

Naber: Wir haben uns nach längerem Hin und Her dagegen entschieden, Rafid Alwan zu treffen. Wir hatten durch viele Berichte ein fundiertes Bild über ihn. Dazu kamen die vielen Interviews, die er gegeben hat und die wir uns genau angesehen haben. Als Quelle, um Begebenheiten und Abläufe zu rekonstruieren, ist er unglaubwürdig und darum unbrauchbar; das war zumindest unsere Schlussfolgerung. Er stilisiert sich als Opfer des BND und als großer Kämpfer gegen die damalige Diktatur im Irak, was beides Quatsch ist. Zur Unglaubwürdigkeit kam ein zweiter Punkt: Wir wollten Rafid Alwan nicht die Möglichkeit bieten, sich als unser Stichwortgeber zu inszenieren.

Diese Geschichte ist so unglaublich wie wahr. Es lassen sich in den Mediatheken der Fernsehsender Beiträge in Form von Dokumentationen finden, etwa „Krieg der Lügen – Curveball und der Irakkrieg“ aus dem Jahr 2016 oder „Die Lügen vom Dienst: Der BND und der Irakkrieg“ von 2010. Darin wird Rafid Alwan als knallharter Hochstapler entlarvt. In Ihrem Film kommt er ganz gut weg. Was ist in Ihrem Film Realität und was Fiktion?

Naber: Rafid Alwan ist ein knallharter Hochstapler, und ein gewitzter dazu. Er hat die Bedürfnisse des BND erkannt und ausgenutzt. Seine Motive waren menschlich, er wollte ein besseres Leben. Dann haben ihn die Ereignisse überrollt. Seine Schuld ist begrenzt, weil er die Folgen seines Handelns nicht absehen konnte. Die Rolle des BND und der Bundesregierung ist dagegen viel interessanter.

Rafid Alwan (Dar Salim) wird für seine Behauptungen großzügig belohnt (© Filmwelt/Sten Mende)
Rafid Alwan (Dar Salim) wird für seine Behauptungen großzügig belohnt (© Filmwelt/Sten Mende)

Wie kam es zu der Entscheidung, Komödiantisches mit Dramatik zu mischen?

Naber: Der Fall „Curveball“ war Ausgangspunkt für einen verheerenden Krieg mit hunderttausenden Toten. Es verbietet sich darum, hier einfach nur auf Klamauk zu setzen. Aber bei aller Dramatik ist die Geschichte auch total absurd und grotesk. Der BND hat sich zuerst an der Nase herumführen lassen und dann stümperhaft versucht, die Sache unter den Teppich zu kehren. Wir konnten einfach nicht anders, als uns an der einen oder anderen Stelle lustig zu machen.

Wäre Ihr Dream-Team aus dem Spielfilm „Zeit der Kannibalen“ nicht auch eine Option für die Besetzung gewesen? Hätten Devid Striesow als Wissenschaftler und Sebastian Blomberg als Politiker oder umgekehrt und Katharina Schüttler als CIA-Agentin den Film anders werden lassen?

Naber: Natürlich wäre der Film anders geworden. Alberner wahrscheinlich. Striesow und Schüttler sind großartige Schauspieler. Für die CIA-Agentin wollte ich aber eine US-Amerikanerin, und glücklicherweise haben wir Virginia Kull überreden können, für den Film nach Deutschland zu kommen. Thorsten Merten und Michael Wittenborn als BND-Leute waren beide meine Traumbesetzung.

Sebastian Blomberg musste die Frage, ob er den echten Fall „Curveball“ kennt, verneinen. Für ihn wirkt die Geschichte „wie einem Drehbuch entsprungen, eine Posse der Begehrlichkeiten und Eitelkeiten der Geheimdienste“. Als verschrobener Wissenschaftler steht er nun im Fokus des Films. Wie wichtig war Ihnen diese Figur für die ganze Geschichte?

Naber: Der BND steht im Zentrum unserer Erzählung, und darum ist die Hauptfigur ein BND-Mitarbeiter – für den es eine reale Vorlage gibt. Es war tatsächlich so, dass der Kontaktmann von Rafid Alwan eigentlich Wissenschaftler und Experte für Biowaffen beim BND war. Der Wissenschaftsdiskurs und der Wahrheitsdiskurs sind ineinander verstrickt, auch jetzt in Zeiten von Covid. Menschen neigen dazu, sich die Wahrheit zurechtzubiegen und die Fakten gefügig zu machen. Das ist auch das Dilemma unseres Helden: dass er Opfer seiner Wünsche wird, dass er für eine These, an die er fest glaubt, nur die passenden Argumente gelten lässt. Normalerweise kontrollieren sich Wissenschaftler gegenseitig, damit das nicht passiert. Bei Geheimdiensten ist hingegen genau diese Kontrolle ausgehebelt.

Sebastian Blomberg als Wissenschaftler Dr. Wolf (© Filmwelt/Sten Mende)
Sebastian Blomberg als Wissenschaftler Dr. Wolf (© Filmwelt/Sten Mende)

Doktor Wolf wirkt wie Don Quichotte, der Ritter von der traurigen Gestalt, der gegen Windmühlen kämpft. Wieviel Komik verträgt diese tragische Rolle? Und bezieht sich die Verfolgungsjagd mit dem Schlitten, in der die Komik fast zum Slapstick wird, auf James Bond?

Naber: Wir haben im Genre des Agentenfilms gefischt und viel zitiert. Und das Genre selbst auch ein bisschen aufs Korn genommen. Das passiert fast automatisch, wenn man über den BND erzählt.

Ich musste sehr lachen, als die CIA in der Abhörstation in bayrischer Tracht mit Gamsbart und die US-Agentin wie ein Bond-Girl im weißen Skieinteiler in einer Schlüsselszene des Films auftauchen. Spätestens seit ihrem Spielfilm „Zeit der Kannibalen“ weiß man ja, dass Sie ein Faible für Filmausstattung haben. Was bedeuten in diesem Fall die Kostüme? War das Ihre Idee?

Naber: Die Frage war: Wie tarnen sich US-Agenten in Oberbayern? – und die Trachten waren die sarkastische Antwort darauf. Natürlich ist der Skianzug ein Bond-Zitat, genau wie das ganze Setting mit der Abhörstation auf der verschneiten Bergspitze. Der Film beginnt gemächlich, aber in der zweiten Hälfte wird er rasant, wenn dem BND mehr und mehr die Kontrolle über die Ereignisse entgleitet. Und wenn Doktor Wolf – nur mit Bademantel und Schlafanzug bekleidet – versucht, den Krieg zu verhindern.

„Curveball - Wir machen die Wahrheit“ lief 2020 auf der „Berlinale“. Seit eineinhalb Jahren musste der Kinostart immer wieder verschoben werden. Nun startet der Film am 9. September, zwei Wochen vor der Bundestagswahl. Ist das Zufall? Bestünde die Möglichkeit, dass der Film auf die Wahlentscheidung Einfluss haben könnte?

Naber: Wir mussten den Kinostart wegen Corona mehrfach verschieben, was wirklich zermürbend war. Dass der Film jetzt kurz vor der Wahl ins Kino kommt, war sicherlich auch ein Gedanke, aber nicht der ausschlaggebende. „Curveball“ setzt sich kritisch mit der damaligen Bundesregierung auseinander. Da geht es vor allem um die handelnden Figuren und weniger um Parteipolitik. Ich persönlich wünsche mir vor allem, dass die Leute überhaupt zur Wahl gehen.

Die CIA tarnt sich beim Verhör als Oberbayern (© Filmwelt/Sten Mende)
Die CIA tarnt sich beim Verhör als Oberbayern (© Filmwelt/Sten Mende)

Fakt und Fake mit fatalen Folgen, davon handeln auch die heutigen Verschwörungstheorien. Wie viel (traumatische) Erkenntnis verträgt das Publikum? Und steht der Protagonist von „Curveball“ für all jene Bürger, die den Glauben an das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) verloren haben?

Naber: Wir müssen eine klare Trennlinie ziehen zwischen einem investigativen Journalismus mit wachem, kritischem Blick auf der einen Seite und den Verschwörungsgläubigen und sogenannten „Querdenkern“ mit ihrer dumpfen, zersetzenden Pseudologik auf der anderen. Die Gesellschaft braucht die „vierte Gewalt“ als wachendes Auge und als Korrektiv für die Politik. Filme gehören für mich mit dazu. In vielen Ländern, beispielsweise in Osteuropa, kann man gerade dabei zuschauen, was passiert, wenn die vierte Gewalt kaltgestellt wird. Ich glaube, dass unser Doktor Wolf genau weiß, wofür er kämpft: eine wehrhafte Demokratie. Dazu gehört auch das Bürgerliche Gesetzbuch.

Während alle auf den deutschen Film schimpfen, versammelte Chinas einziges internationales A-Filmfestival in Shanghai im Juni mehr als zehn aktuelle deutsche Filme in der Sektion „Focus Germany“ und im Wettbewerb. In Shanghai wurde auch „Curveball“ gezeigt. Auf dem „Sundance Festival“ in der USA lief „Der menschliche Faktor“ von Ronny Trocker. Deutsche Filme werden weltweit gefeiert. Nur dort, wo sie spielen und produziert werden, haben sie es an der Kinokasse schwer. Wie steht es um den künstlerisch anspruchsvollen Film hierzulande? Wo sind die deutschen Cineast*innen? Gehen die noch ins Kino?

Naber: Also, Fakt ist, dass das deutsche Gegenwartskino hierzulande ein massives Kommunikationsproblem hat, und das ist hausgemacht. Die Filmhersteller und die Verleiher haben ihre Zuschauer einfach zu lange unterschätzt. Das Programmkino-Publikum möchte nicht mehr für dumm verkauft werden. Natürlich sind Fack ju Göhte und Ostwindgewinnträchtiger als ein Angela-Schanelec-Film. Das heißt aber nicht, dass sich alle auf dieses Niveau hinabbegeben müssen. Ich glaube, dass die deutschen Cineast*innen noch im Winterschlaf sind. Spring is coming!

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