© Caméra One Télévision (Emmanuèle Bernheim in jungen Jahren)

Aus der ersten Person #16: „Être vivant et le savoir“ (2019) von Alain Cavalier

Dienstag, 07.09.2021

Am Beispiel von „Être vivant et le savoir“ geht Esther Buss den tagebuchartige Erzählstrategien von Alain Cavalier angesichts von Krankheit und Abschied nach

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In „Être vivant et le savoir“ schaut der bald 90-jährige Alain Cavalier auf sein langes Leben zurück und seinem Ende entgegen. Mit Emmanuèle Bernheim will er deren Buch über den Freitod ihres Vaters verfilmen, doch dann erkrankt die Freundin und muss sich einer Therapie unterziehen. In ihrem Kracauer-Blog geht Esther Buss Cavaliers tagebuchartigen Erzählstrategien angesichts von Krankheit und Abschied nach.


Es gibt wohl kaum ein persönliches Werk, das so gründlich vom Tod durchdrungen ist wie das von Alain Cavalier. Seit dem finsteren Filmexperiment „Ce répondeur ne prend pas de message“ (1978), das eine Wende zum Autobiografischen einleitete, kreisen seine tagebuchartigen Journale um Krankheit, Verfall und Abschied. Geradezu obsessiv sucht er nach Bildern, in denen der Übergang vom Lebendigen zum Leblosen, zu Starre und Verwesung sichtbar wird; das Morbide und das Alberne liegen dabei stets nah beieinander. Cavalier filmt gerne Tierkadaver und vergammeltes Gemüse; ein besonderes Faible hat er für Butternusskürbisse in den verschiedensten Stadien der Verrottung. Manchmal stellt er in diese verfaulten Landschaftsbilder archaische Figuren, Holzscheite oder Äste. Aus allen möglichen Dingen baut er Gräber, Altäre, Gedenkstätten und Reliquienschreine.

Am Anfang von „Être vivant et le savoir“ (2019) steht eine Reise. Anne, eine schwer kranke Freundin des Filmemachers, hat sich einer Sterbehilfeorganisation angeschlossen, Cavalier möchte sie ein letztes Mal sehen. Während er spricht, filmt er sein Zugticket nach Genf, das ihn 200 Francs gekostet hat, und ein Exemplar von „Tout s’est bien passé“, das Buch seiner Freundin Emmanuèle Bernheim. Die Kamera wandert suchend weiter, bis sie auf einer sehr alten Kartoffel landet, die bereits zahllose Triebe gebildet hat: „Ich habe dieses Ding behalten, um zu sehen, wie es wächst.“

Das Buch von Emmanuéle Bernheim spielt eine große Rolle (Caméra One)
Das Buch von Emmanuèle Bernheim spielt eine große Rolle (© Caméra One)

In Annes Wohnung gilt sein Blick den Spatzen vor dem Fenster und dem Bücherregal, er filmt die Berge, den See, den Himmel. Annes Gesicht filmt er nicht, nur ihre Stimme hört man. Zurück in Paris hat er der Sterbenden einen kleinen Schrein errichtet, eine Kerze, eine Zeichnung, die eine Figur mit einem Becher zeigt (der tödliche Trank), getrocknete Herbstblätter, ein Twix und ein Mars; Anne hatte ihm die Schokoriegel für die Zugfahrt mitgegeben. Er erinnert sich, wie er sie das letzte Mal durch das Fenster des Taxis sah und an ihren Anruf. Er, Alain, solle in dem Moment, wenn sie aus dem Leben gehe, eine Kerze anzünden. Cavalier zündet die Kerze an: „Ich sage Dir Auf Wiedersehen, Anne.“ Lange und mit leicht wackeliger Hand richtet er die Kamera auf ein Schwarzweißportrait, das die Freundin als junge Frau zeigt. Mit seiner weichen, einfühlenden, auch ein wenig unheimlich intimen Stimme erzählt er dabei den Bericht von Annes Tochter über ihre letzten Momente in allen Details nach: aus der ersten Person, so, als sei er an ihrer Seite gewesen.

Im Zentrum des Films steht dann aber eine ganz andere Freunschaft – und ein anderer Abschied. „Être vivant et le savoir“ ist der Schriftstellerin und Drehbuchautorin Emmanuèle Bernheim (1955-2017) gewidmet. Cavalier möchte „Tout s’est bien passé“, ihr Buch über den verlangten Freitod ihres Vaters, verfilmen (was nun François Ozon verwirklicht hat), mit ihm selbst in der Rolle von André Bernheim. Doch dann muss sich die Freundin einer Krebstherapie unterziehen, und der Film wird zu einer flüchtigen Aufzeichnung von Spuren.

Ein Art Reliquienschrein aus "Être vivant et le savoir" (Caméra One)
Ein Art Reliquienschrein aus "Être vivant et le savoir" (© Caméra One)

„Être vivant et le savoir“ ist der Film eines alten Mannes, der auf ein langes Leben zurückschaut und dem Ende entgegensieht – Cavalier geht auf die neunzig zu. Sein Blick hat eine Geschichte, aber hat kein Alter, er ist wie der eines Kindes, unverdorben und wach.

Wie in seinen Journalen üblich, nähert sich Cavalier sich selbst und den Menschen um ihn herum über die Dinge. Er berührt sie mit seinem Blick und mit seiner Stimme, bezeichnet sie und sucht über das Bezeichnen nach ihrer geheimen Sprache.

Zu Beginn übergibt er Bernheim seine Kamera. In der eigenen Wohnung filmt sie in Cavalier’scher Manier ihre Sachen: Fotos, eines davon zeigt sie mit ihrem Lebensgefährten Serge Toubiana, ihren Roman „Stallone“, den Cavalier ihr vor die Linse hält, schließlich ihre „Waffensammlung“: eine Revolverzeichnung von Andy Warhol, eine Spielzeugpistole, ein Taschenrechner in der Form einer Pistole etc. Nach einem Cut folgt nun Cavalier den Händen von Bernheim, wie sie einen Gemüsesaft macht. Ausführlich widmet er sich jeder Zutat. Erst danach sieht man ihr Gesicht zum ersten Mal.

Bernheims Buch geht auf verschiedene Weise in den Film ein. Immer wieder bleibt Cavalier an der Zeichnung von Paul Klee hängen („X-chen“), die die Freundin für das Cover ausgewählt hat, blättert in dem Buch herum, liest Passagen daraus vor. Übergangslos bewegt er sich dabei in die Figur des André Bernheim hinein und wieder heraus. Einmal legt er sich zur Vorbereitung der Rolle minutenlang aufs Bett und stellt sich in allen Einzelheiten vor, wie es wäre, einen Schlaganfall zu erleiden. „Es lebe die Republik, es leben die Pommes frites“, ruft er, als er wieder ins Leben zurückkommt. Am Ende streift er in den frühen Morgenstunden bei schummerigem Licht durch seine Wohnung und fragt sich, ob Emmanuèle wohl noch am Leben sei. Lange spricht er bei Kerzenlicht über sie, mit ihr, auch mit ihr über sich selbst. Er ist ihr ganz nah, während sie stirbt.


Hinweis

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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