© Pyramide Films (aus "Ce répondeur ne prend pas de message")

Aus der ersten Person #17: „Ce répondeur ne prend pas de message“ (1978) von Alain Cavalier

Montag, 13.09.2021

Mit dem Film „Ce répondeur ne prend pas de message“ überwand Alain Cavalier 1978 eine langjährige Schaffenskrise durch die Wende ins Autofiktionale

Diskussion

Hinter den tagebuchartigen Journalen des französischen Regisseurs Alain Cavalier steckt die Erfahrung eines Verlustes. Der Tod seiner Ehefrau Irène Tunc im Jahr 1972 warf Cavalier jahrelang aus der Bahn. Erst 1978 gelang ihm mit „Ce répondeur ne prend pas de message“ ein Comeback – mit einer Wende ins Autofiktionale, wie Esther Buss in ihrem Kracauer-Blog nachzeichnet.



Ein Aufzug fährt nach oben, im Hausflur wird ein Fenster geschlossen, dann eine Tür. Der Unbekannte, von dem lange Zeit nur die Hand zu sehen ist, öffnet einen Stromkasten, greift nach einem Schlüssel, schließt eine Wohnungstür auf. Die Kamera wartet innen schon auf ihn, zeigt, wie das Schloss sich dreht, die Tür aufgeht und sich wieder schließt.

In „Ce répondeur ne prend pas de message“ (1978) geht es um das Verschließen, sich Einschließen, um eine fast schon monströse Form der Selbstisolation. Ein Mann (Alain Cavalier) zieht sich in eine Wohnung zurück, bunkert sich ein. Ständig macht er Fenster und Türen zu, während eine Erzählstimme aus dem Off die Worte einer verzweifelt klingenden Frau rekapituliert („Sie sagte, ich weiß nicht, was ich mit mir machen soll ... Sie sagte, ich bin innerlich müde. Sie sagte ... etc.“). Der Mann ist verschlossen, ein Schwerverletzter, im allerwörtlichsten Sinn. Spricht nicht, zeigt sich nicht und als man ihn endlich sieht, ist sein Gesicht mit einer Mullbinde bandagiert. Seine versehrte Erscheinung hallt in den Schwarz-weiß-Fotos der Kriegstoten wider, die Cavalier mehrfach in die Handlung einstreut.

Szenebild aus "Ce répondeur ne prend pas de message" (Pyramide Films)
Szenenbild aus "Ce répondeur ne prend pas de message" (© Pyramide Films)

Der Mann legt sich aufs Bett. Mit dem Gesicht zur Wand wendet er der Kamera lange Zeit seinen Rücken zu. Mit anwesend im Raum, übermächtig und quälend, sind die Erinnerungen an seine verstorbene Frau. Allein mit ihren Fotos, Liebesbriefen und grotesken Aufzählungen (sie gibt ihm Anweisungen für die Zubereitung des Essens), beginnt er aus einem Schrank die wenigen verbliebenen Dinge auszuräumen und Möbel aus dem Bild zu schieben. Er zerkleinert einen Stuhl, breitet die einzelnen Teile auf dem Boden aus und streicht die Räume mit schwarzer Farbe an. Erst die Wände, dann den Fußboden, zunächst den Flächen entlang, die die Sonne auf den Boden wirft, zuletzt die Fenster. Der Raum wird zum Kerker; durch ein kleines Fenster fällt nur noch spärlich Licht herein. Als er auch die letzte Verbindung zum Außen mit Farbe verschlossen hat, ist die Existenz des Mannes so gut wie ausgelöscht.


Die Wende ins Autofiktionale

Alain Cavalier war Ende der 1950er-Jahre für einige Zeit Assistent von Louis Malle, bevor er begann, mit eher bescheidenem Erfolg eigene Filme zu drehen. Ein paar Jahre arbeitete er mit den großen Stars des französischen Kinos, mit Deneuve, Schneider, Piccoli, Delon. Dann geriet seine Laufbahn fast zum Erliegen; in den 1970er-Jahren drehte er kaum noch. 1978 schließlich kam mit „Ce répondeur ne prend pas de message“ wie aus dem Nichts eine Wende ins Autobiografische oder vielleicht eher: Autofiktionale. Der Anrufbeantworter nimmt keine Nachricht an: das ließ sich auch selbstreflexiv verstehen. Cavalier schnitt mit diesem Film auf radikale Weise seine Produktion von dem kommerziellen Werk des Filmemachers ab, der er einmal war. Ein extrem persönliches Werk nahm seinen Anfang. Seitdem macht er vor allem tagebuchartige Journale, die intime Eindrücke seines eigenen Lebens und der Menschen um ihn herum festhalten.

Szenenbild aus "Ce répondeur ne prend pas de message" (Pyramide Films)
Szenenbild aus "Ce répondeur ne prend pas de message" (© Pyramide Films)

Ce répondeur ne prend pas de message arbeitet mit der Erfahrung eines schrecklichen Verlusts. Einige Jahre zuvor war seine Frau, die Schauspielerin Irène Tunc (sie spielte in seinen Filmen „Mise à sac“ und „La chamade“) bei einem Autounfall tödlich verunglückt. In dem Erinnerungsfilm „Irène“ (2009), der immer wieder an den Todestag zurückkehrt und an die offene Wunde des verpfuschten letzten Moments, erzählt er, dass er kurz vor ihrem Tod ein wenig Geld aufgetrieben hatte, um mit ihr zusammen einen Film zu machen, nur sie beide als Paar in einem Hotelzimmer.

Ce répondeur ne prend pas de message“, gedreht in nur sieben Tagen mit einem Kamera- und einem Tonmann, knüpft an diese Idee an, nur dass an die Stelle einer „Bestandsaufnahme zu zweit“ der Bericht einer Selbsteinschließung tritt. Verarbeitung wäre wohl nicht das richtige Wort dafür. Das Abgeschlossene, das es impliziert, gibt es bei Cavalier einfach nicht. Er ist von seiner Vergangenheit vielmehr umhüllt und durchdrungen. Falls man so etwas Therapie nennen möchte, ist sie ziemlich einzigartig.


Ein Feuer aus Sperrholz

Cavaliers Interesse für unbelebte Objekte, das Bezeichnen und Inventarisieren, das bis heute seine Videotagebücher bestimmt, kündigt sich hier bereits an. Doch die Dinge in „Ce répondeur“ sind rar, das macht sie bedeutungsvoller, belasteter auch. Beunruhigend im Film ist auch die nahtlose Nebeneinanderstellung von Paar-Erzählung und Weltgeschichte, Unfalltod und Massenmord. Eine Historikerstimme spricht von einem Attentat und zählt zu Archivfotos der Toten Namen auf, die zumindest Wikipedia nicht kennt. Einmal legt der Mann ein Stück Toastbrot auf die Herdplatte und lässt es schwarz werden, während der Erzähler über die Verbrennungsöfen in den Konzentrationslagern spricht. Er legt ein Stück Seife daneben, das von der Platte rutscht und schüttet Wasser über das verkokelte Brot. Später hört man die Zeugenaussage des Mannes, der in den Unfall verwickelt war, bei dem Irène zu Tode kam – „Ich übernehme teilweise die Verantwortung“, sagt er. Vieles bleibt enigmatisch, nichts wird erklärt, der Film gibt den Schlüssel nicht weiter, den der Mann sich genommen hat. Am Ende immerhin gibt es etwas Licht im Dunkeln. Der Vermummte macht aus dem Sperrholz ein Feuer und kniet sich daneben.


Hinweis

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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