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Bildungs-Utopie - Maria Speth

Montag, 13.09.2021

Ein Gespräch mit Maria Speth über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Diskussion

In ihrem Dokumentarfilm Herr Bachmann und seine Klasse (zur FILMDIENST-Kritik) taucht die Regisseurin Maria Speth in den Unterricht der multikulturell zusammengesetzten 6b in der hessischen Kleinstadt Stadtallendorf ein. Über die dreieinhalb Stunden Länge des Films werden die Entwicklungen der Schüler und die sanften Methoden des unkonventionellen Lehrers Dieter Bachmann beobachtet. Ein Gespräch über das außergewöhnliche Projekt, das auf der „Berlinale“ 2021 den „Preis der Jury“ gewann.


Ich würde Sie zunächst gern zur Genesis Ihres Films „Herr Bachmann und seine Klasse“ befragen: Was war zuerst da, das Thema oder der Mensch?

Maria Speth: Ich kenne Dieter Bachmann privat schon sehr lange. Fast dreißig Jahre. Ich glaube, er hat etwa 2001 angefangen, als Lehrer in Stadtallendorf zu arbeiten. Er erzählte im Verlauf der Jahre immer wieder von diesem für ihn fast „exotischen“ Ort, der wie Berlin-Kreuzberg in der hessischen Provinz wirke und eine ganz besondere Geschichte habe, die in der Stadt auch überall noch sichtbar sei. Schließlich habe ich mir den Ort angesehen und Dieters Faszination hat sich auf mich übertragen.

Eine Stadt der Kontraste und Gegensätze. Auf der einen Seite die gigantisch anmutenden Industrien, um die sich Wohnblocks gruppieren, auf der anderen die dörflichen Fachwerk-Bauernhäuser. Türkisch dominierte Einkaufsstraßen und bungalowartige Gewerbebauten aus den 1930er-Jahren mit Flachdächern, auf denen Kiefern und Birken wachsen. Eine irritierende Form von Dachbegrünung. Architektonische Spuren, die in die NS-Zeit zurückreichen. Bis 1938 war Allendorf ein kleines Bauerndorf. Dann errichtete das NS-Regime dort die größten Sprengstoffproduktionsstätten Europas. 17.000 Fremd- und Zwangsarbeiter wurden eingesetzt. Da die Anlagen im Krieg nicht zerstört wurden, siedelten sich Anfang der 1950-Jahre neue Industrien an. Anfang der 1960er-Jahre kamen dann die Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, der Türkei. Der Migrationsanteil der Bevölkerung liegt bei 70 Prozent. Bei meinen filmischen Projekten geht der Impuls häufig von der Begegnung oder Erfahrung mit bestimmten Menschen aus. In diesem Falle war es aber tatsächlich das Phänomen dieser Stadt.


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Für mich stellte sich die Frage, wie man diese besondere Vergangenheit der Stadt mit der Gegenwart filmisch zusammenbringen kann. Und dafür schien mir die Schule der geeignete Ort zu sein, um die Bevölkerungsstruktur und die Lebenswirklichkeit der Menschen abzubilden. In der folgenden, längeren Recherchephase hat sich mein Interesse dann doch wieder stärker auf Personen konzentriert, die ich in diesem Prozess kennenlernte. Das Konzept verschob sich von der Begleitung eines Schüler-Theater-Projekts von 15-Jährigen unterschiedlicher Herkunft mit dem Thema „Erste Liebe“ hin zu Dieter Bachmann und seiner Klasse und deren Schulalltag.

Maria Speth (© Wolfgang Borrs)
Maria Speth (© Wolfgang Borrs)

Hatten Sie von Anfang an ein Langzeitprojekt geplant – oder sollte es zunächst eine Augenblicksstudie werden?

Speth: Ich habe es von Anfang an als Langzeitprojekt gedacht. Zunächst hat mich interessiert, diese Stadt in unterschiedlichen Jahreszeiten zu erleben. Aber auch für die Beobachtung des Klassenlebens schien es mir notwendig, einen längeren Zeitraum wahrzunehmen. Um die Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung zu begleiten, auch um der Vielschichtigkeit ihrer Persönlichkeiten gerecht zu werden. Wir haben uns daher über ein halbes Jahr hinweg an etwa dreißig Drehtagen in der Klasse aufgehalten. Jeden Tag im Durchschnitt sechs bis acht Stunden.

Welche Reaktionen löste Ihr Wunsch, einen Film zu drehen, bei Dieter Bachmann und seinen Schülern und Schülerinnen aus? Wie viel Überredungskraft bedurfte es, um sie für das Filmprojekt zu öffnen?

Speth: Bachmann war derjenige, der den Impuls zu dem Film gegeben hat; das heißt, ihn musste ich nicht überzeugen. Und man muss sehen, dass Lehrer auch immer Performer sind, die Klasse ihre Bühne ist. Was die Schülerinnen und Schüler betrifft, waren einige zunächst skeptisch und konnten nicht nachvollziehen, was an ihrem schulischen Alltag so interessant sein soll. Aber wir hatten das Glück, dass es viel Zeit gab, sich in der Vorbereitung der Dreharbeiten kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen, was die wichtigste Voraussetzung ist, um unauffällig und beobachtend drehen zu können. In dieser Hinsicht war es sicher auch hilfreich, dass der Kameramann und ich Freunde ihres Klassenlehrers waren. Wir sind den Kindern mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet und wurden so sehr schnell ein Teil dieser Gemeinschaft. Wir haben neben den Dreharbeiten vieles gemeinsam gemacht: gegessen, musiziert, bei den Hausaufgaben geholfen und vor allem viel geredet. Überhaupt habe ich das als etwas sehr Besonderes empfunden, dass Dieter in der Klasse so einen Freiraum geschaffen hat, um alles zu besprechen, was den Kindern auf der Seele brennt, sie herausfordert, eine eigene Meinung zu vertreten, und dadurch überhaupt so etwas wie eine Gesprächskultur etabliert.

Welche Verabredungen trafen Sie mit Ihrem Kamerateam? Die Kamera musste ja versuchen, sich im Raum bisweilen unsichtbar zu machen.

Speth: Zwei Kamerapersonen. Ein Tonmann. Eine Filmemacherin. Also war immer ein Team von vier Personen im Klassenzimmer anwesend. Die können physisch nicht unsichtbar sein, sondern nur dadurch, dass sie zu einem selbstverständlichen Teil der Klassengemeinschaft werden, dem die Kinder keine spezielle Beachtung mehr schenken und von denen sie sich dann auch nicht eingeschränkt oder eingeschüchtert fühlen.

Spielerische Ansätze gehören zu Dieter Bachmann dazu (© Madonnen Film)
Spielerische Ansätze gehören zu Dieter Bachmann dazu (© Madonnen Film)

Gab es von Seiten der Schülerinnen und Schüler Momente der „Öffnung“, die Sie überraschten? Hatte die Anwesenheit der Kamera Auswirkungen auf das Verhalten, vielleicht sogar auf die Persönlichkeitsentwicklung einzelner Schülerinnen und Schüler?

Speth: Die Offenheit der Schülerinnen und Schüler war grundsätzlich eine Überraschung für mich. Ihre direkte und emotional unverstellte Art. Vermutlich haben diese Kinder auf Grund ihres Alters noch keine sozialen Maskierungstechniken entwickelt und auf Grund ihrer Herkunft kein großes Interesse an Selbstinszenierung. Mich hat auch erstaunt, wie freundlich und respektvoll die Kinder nicht nur mit uns, sondern auch im Umgang mit anderen waren. Das war auch so, wenn die Kameras nicht liefen. Vielleicht hat die Anwesenheit der Kamera den Schülerinnen und Schülern ein wenig Stolz vermittelt, dass sie so „wichtig“ sind, dass ein Film über sie gedreht wird. Manchen zumindest.

Rabia zum Beispiel, die zu Beginn der Dreharbeiten noch tief versunken in ihrer Kapuzenjacke war, wurde im Verlauf unserer Dreharbeiten immer sichtbarer und hat ihren Schutzraum immer häufiger verlassen und sich zu Wort gemeldet. Das ist aber sicher auch der „familiären“ Atmosphäre im Klassenzimmer geschuldet, die Dieter Bachmann schafft, wo sich die Kinder so zeigen können, wie sie sind und wo Diskriminierung und Beleidigung verhindert werden, indem sie thematisiert werden. Das macht dann auch Glücksausrufe wie „Ich habe meine Klasse lieb“ und Körperlichkeit in Form von Umarmungen zwischen Schülerinnen, Schülern und Lehrern möglich.

Wie viel Material lag am Ende der Drehzeit vor? Bedauern Sie, dass die eine oder andere starke Szene dem Schnitt zum Opfer fallen musste?

Speth: Wir hatten über zweihundert Stunden Material gedreht. Das lag zum einen daran, dass wir entschieden hatten, beobachtend zu drehen und auf Interviews zu verzichten. Zum anderen haben wir überwiegend Unterricht gedreht, wir wussten also nie, was passieren wird, ob überhaupt Interessantes passiert, wohin sich ein Moment entwickelt oder wie eine Situation ausgehen wird. So waren wir gezwungen, die Kameras mehr oder minder ununterbrochen laufen zu lassen und wach und aufmerksam für den Augenblick zu sein. Bei der Montage habe ich zunächst jede dieser Unterrichtseinheiten auf 30 oder 20 Minuten gekürzt, um zu sehen, welche Themenkomplexe es gibt und wie sich die Protagonisten im Verlauf dieses halben Jahres entwickeln, welche dramaturgischen Linien sich abzeichnen. Die erste Schnittfassung war mehr als 20 Stunden lang, die habe ich im nächsten Schritt auf rund acht und dann auf fünfeinhalb Stunden verdichtet. Diese Fassung wäre für mich auch als finale denkbar gewesen. Bei einer Sichtung vor ausgewähltem Publikum gab es viele Reaktionen in dieser Richtung.

Daraus ist ersichtlich, dass ich mich im Prozess dieser Verdichtung von vielen starken und schönen Momenten trennen musste. Andererseits wollte ich aber unbedingt diese besondere Energie, die in der Klasse herrschte, bewahren. Ebenso die kleinen Running Gags, diese Wiederholungen, die eine schläft, die andere isst. Ich wollte die Charaktere erkennbar werden lassen, auch in ihrer Komplexität. Der Zuschauer sollten sich erinnern können, an Stefi, Hasan, Ayman, Ferhan. Das braucht Filmzeit. Und ich wollte auch das Multithematische nicht verlieren. Die Stadt, die Geschichte, die Industrie, die Religionen etc. Die 3,5-Stunden-Fassung ist nach meinem Eindruck sehr kompakt geworden.

Immer griffbereit: Die Gitarre (© Madonnen Film)
Immer griffbereit: Die Gitarre (© Madonnen Film)

Der Film ist rhythmisiert wie ein Jazzkonzert, eine Jamsession. Bachmann musiziert ja selbst für sein Leben gern. Hat Musik zur Findung des richtigen Rhythmus eine Rolle gespielt?

Speth: Die Analogie mit einer Jamsession oder Improvisation finde ich interessant. – Die Länge des Films lässt daran denken, bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht auch der Eindruck von Beliebigkeit im Ablauf. Wie beim Jazz ist das aber auch bei meinem Film nicht so. Es gibt die Chronologie des Schuljahres als übergeordnetes Bauprinzip. Dann die Setzung unterschiedlicher Themen, der Unterricht, einzelne Schülerinnen und Schüler, die im Fokus stehen, die Unterrichtsaktivitäten jenseits des Lehrplans, die kulturelle Diversität der Klasse, das Schulsystem, die Stadt, ihre Geschichte. Themen, die man verlässt und dann immer wieder zu ihnen zurückkehrt. Die Wiederholung, nicht des ewig Gleichen, sondern in Variationen, die dann in der Addition oder Schichtung ein neues Ganzes erscheinen lassen. Nur so lassen sich zum Beispiel die „Figuren“ des Films in ihrer Komplexität erzählen. Immer wieder neue Facetten dem gleichen Thema hinzufügen. Diese Struktur hat sich aber aus dem Material heraus ergeben. Der Stoff selbst hat zu dieser Organisation gedrängt, nicht die Analogie zur Musik.

Musik ist aber natürlich ein wichtiges „Thema“ für den Film, vor allem für den Unterricht von Herrn Bachmann, der seine Gitarre immer griffbereit hat. Oder in den „bunten Stunden“, das ist eine Unterrichtseinheit, in der jedes Kind frei arbeiten oder musizieren darf, kleine „Freestyle-Konzerte“ in der Klasse. Für mich war es faszinierend zu beobachten, wie die Klasse aus einem anfänglich scheinbaren Chaos in „Einklang“ kommt, und das nicht nur musikalisch. Und Musik ist ein wichtiges Kommunikationsmittel, um sprachliche, kulturelle oder soziale Barrieren zu überwinden.

Zum Beispiel beim Elterngespräch mit Stefi und ihrem Vater, der kein Wort Deutsch spricht. In dieser Szene kann man erleben, wie Musik das „Eis brechen“ kann und eine Situation, die vielleicht ansonsten wegen der sprachlichen Barrieren beklemmend, steif oder sogar unangenehm hätte werden können, zu einem kleinen emotionalen Feuerwerk wird. Musik ist eine Sprache, die jeder verstehen kann. Und somit hilft sie den Kindern in Bachmanns Klasse, die noch gar nicht oder sehr wenig Deutsch sprechen und gibt ihnen die Möglichkeit, sich neben den schulischen Anforderungen auch anders zu beweisen. Beispielsweise Hasan, der in Bulgarien ein guter Schüler war, dem aber hier die Schule in der fremden Sprache schwerfällt: Für ihn war es wichtig, dass er die Möglichkeit bekommen hat, Schlagzeug und Gitarre zu lernen, um so zu erfahren, dass er trotz seiner weniger guten schulischen Leistungen wertvoll ist. Gerade in dieser Phase, in der sich die Identitäten dieser jungen Menschen bilden, ist die Entwicklung von Selbstwertgefühl wichtig. Das Musizieren hilft aber auch dabei, den Kindern Themen nahezubringen, beispielsweise wenn Herr Bachmann mit der Klasse über gleichgeschlechtliche Liebe singt und dann spricht. Und manchmal wird in den Pausen einfach nur Musik gemacht, um sich zu entspannen...

Über ein halbes Jahr waren Maria Speth und ein kleines Team immer wieder in der 6b zu Gast (© Madonnen Film)
Über ein halbes Jahr waren Maria Speth und ein kleines Team immer wieder in der 6b zu Gast (© Madonnen Film)

Ahnten Sie von Beginn an, dass der Film – und die Unterrichtsmethoden Ihrer Hauptfigur – als Parabel auf eine Utopie wirken könnten? Die Utopie einer gerechteren Gesellschaft, einer „besseren“ Bildung, die ja auch Muße, Einfühlungsvermögen, Geduld erfordert?

Speth: Nein, das ahnte ich nicht. Diese Wirkung – falls sie tatsächlich so ist – war von mir auch nicht beabsichtigt, obwohl ich andererseits durchaus damit einverstanden bin, dass der Film so wahrgenommen werden kann. Dadurch dass ich mich entschieden hatte, beobachtend zu drehen, konnte und wollte ich keiner zielsetzenden „Arbeitshypothese“ folgen, sondern mich dem ausliefern, was in dieser Klassengemeinschaft im Verlauf dieses halben Jahres geschehen oder sich zeigen würde. Sicher habe ich diese Klasse und ihren Lehrer ausgewählt, weil ich die Art von Unterricht und die kulturelle Zusammensetzung der Klasse interessant fand. Aber was am Ende dieses Prozesses sichtbar würde, wusste ich nicht. Die filmische Arbeit war ergebnisoffen.

Am Ende Ihres Films geht Herr Bachmann in den Ruhestand. Die Hoffnung geht in Rente. Aus dem Film spricht für mich der Wunsch nach vielen Bachmanns an vielen deutschen Schulen – und zugleich die Einsicht, dass Bachmann eine höchst individuelle Figur bleibt, die es nicht zweimal gibt. Wie gehen Sie mit dieser Dialektik um?

Speth: Sie beschreiben in Ihrer Frage wieder sehr schön eine mögliche Lesart oder Wirkung des Films auf den Zuschauer. Aber auch hier gilt: Das ist keine von mir vorausgesetzte Absicht oder Zielsetzung der dokumentarischen Arbeit, die den sozialen Mikrokosmos einer Klasse beobachtet. Ob diese beiden Aspekte dialektisch zu vermitteln sind, weiß ich nicht. Vielleicht muss man sie einfach als Widerspruch aushalten.

Hatten Sie für Ihren Film Vorbilder – im Spiel- oder im Dokumentarfilm? Herr Bachmann könnte ja so etwas sein wie die alt gewordene „Karla“ aus dem DEFA-Spielfilm von Herrmann Zschoche. Andererseits scheinen mir Berührungen zu Nicolas Philiberts „Sein und Haben“ und Frederick Wisemans „High School“ unübersehbar.

Speth: In frühen Phasen der Stoffentwicklung, bei der Findung der wesentlichen Ansatz- oder „Zugriffs“-Punkte habe ich Sein und Haben und einige Filme von Wiseman gesehen. Nicht als Vorbilder im Sinne der möglichen Nachbildung, sondern als vorausgehende Filme, als Filme, die es in diesem thematischen Feld bereits gibt. Zur Verortung und Selbstfindung. Das Interesse Wisemans ist aber sehr stark auf gesellschaftliche oder institutionelle Strukturen gerichtet. Auf die Funktionsweise von Systemen. Mein Fokus liegt mehr bei den konkreten Personen, bei den Protagonisten, bei den besonderen Charakteren. Sein und Haben ist daher auch der Film, der meinem Film nähersteht. Wobei mein Interesse nicht so stark auf die Lehrerfigur konzentriert ist wie bei Philibert und Stadtallendorf kein romantischer Ort ist, der im Verschwinden begriffen ist, sondern eine durchschnittliche, deutsche, industriell geprägte Kleinstadt.

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