Nach dem Ersten Weltkriegs überschwemmten US-amerikanische Stummfilme die europäischen Kinos. Das begünstigte eine Kurskorrektur des deutschen Filmschaffens, in dem sich Regisseure wie Ernst Lubitsch von den bis dahin dominierenden komödiantischen Stoffen abwandten und im Gefolge von „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ernsteren Stoffen öffneten.
So entstand auch „Carmen“ (1918), halb Liebesmelodram, halb Militärsatire, als ambitionierte Großproduktion des Produzenten Paul Davidson. In Abwandlung der populären Oper von George Bizet erzählt der Stummfilm die tragische Geschichte von Don José, einem spanischen Kavalleristen. Der gerät in den Bann der Romni Carmen, die ihn mit Liebe und Verachtung zugleich behandelt. Heillos verliebt, verhilft er Carmen zur Flucht und wird zur Strafe degradiert. José verstrickt sich immer tiefer in seine Leidenschaft und schließt sich Carmens Schmugglerbande an, nachdem er im Duell einen Offizier tötete. Als sich seine Geliebte dem Stierkämpfer Escamillo zuwendet, ersticht José die treulose Carmen vor der Stierkampfarena.
Der Film setzte ganz auf die Hauptdarstellerin Pola Negri, die mit „Carmen“ ihren internationalen Durchbruch errang. Zweieinhalb Jahre nach der deutschen Premiere kam der Film unter dem Titel „Gypsy Blood“ in den USA heraus; kurz darauf erhielt Pola Negri ihr erstes Engagement in Hollywood. „In Lubitschs Carmen-Film ist die Hauptfigur niemals Liebende, sie nutzt ihre weiblichen Kräfte als Lockvogel für die Banditen, zur Verführung des Gefängniswärters und zur flüchtigen selbstbetrügerischen Annäherung an das Establishment: berühmter Stierkämpfer und Offizier“, schrieb Werner Schroeter 1988 im „Lubitsch“-Band der blauen Hanser-Reihe.
Für die restaurierte Fassung des Films komponierte Tobias Schwencke eine neue Musik, die parallel zum Film auch als Bühnenmusik für ein großes Theaterprojekt unter gleichem Titel entstand. – Ab 14.