© Imago/Mary Evans ("Der Bienenkorb", 1982 mit dem "Goldenen Bären" ausgezeichnet)

Nachruf auf Mario Camus

Donnerstag, 23.09.2021

Erinnerungen an den spanischen Regisseur Mario Camus (20.4.1935-18.9.2021)

Diskussion

Der spanische Regisseur Mario Camus war ein nüchterner Filmemacher, der nichts von Schnörkeln und Experimenten hielt. Obwohl er in den 1960er-Jahren zum „Nuevo Cine Español“ gerechnet wurde und durchaus erfolgreich Musikfilme oder Italo-Western inszenierte, ist sein Name vor allem mit Literaturverfilmungen verbunden. Für eine von ihnen, „Der Bienenkorb“, gewann er 1982 bei der „Berlinale“ den „Goldenen Bären“. Im Alter von 86 Jahren ist er in seiner Heimatstadt Santander gestorben.


Als der spanische Regisseur Mario Camus 2011 von der spanischen Filmakademie mit dem „Goya“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, bekannte der Filmemacher, dass er sehr zurückgezogen leben würde. Das entsprach seiner Natur und dem Bild, das er von sich entworfen hatte. Mario Camus war ein zurückhaltender Mensch, der sich im Rampenlicht der Festivals nicht wirklich wohlfühlte und Privatleben und Arbeit strikt getrennt hielt.

Camus wurde am 20. April 1935 geboren, ein Jahr vor Beginn des spanischen Bürgerkriegs, geboren, in Santander, im Norden Spaniens an der kantabrischen Küste. Er entsprach so ganz dem Klischee des trockenen Kantabrers, nüchtern bis sarkastisch, immer mit beiden Beinen auf dem Boden. 30 Filme hat er zwischen 1963 und 2007 gedreht.

Er studierte zunächst Rechtswissenschaft und danach Filmregie. An der „Escuela Oficial de Cine“ in Madrid lernte er Carlos Saura, Basilio Martín Patino, José Luis Borau und anderen junge Filmemacher des „nuevo cine español“ kennen, die mit den Traditionen der Franco-Zeit brechen wollten und sich an den neuen filmischen Bewegungen der 1960er-Jahre orientierten. Camus begann 1959 als Co-Autor von Carlos Saura für dessen Regiedebüt „Die Straßenjungen“ und setzte diese Zusammenarbeit in „Cordoba“ (1964) fort. Ein drittes gemeinsames Projekt „La boda“ wurde dann allerdings schon in der Drehbuchphase von der Zensur verboten. Camus schrieb auch für Pilar Miró und Miguel Hermoso Drehbücher


Begeisterung für spanische Literatur

Sein eigenes Regiedebüt entstand 1963 und führte in die Welt der Hochstapler. „Passion der Komödianten“ basiert auf einem Roman des Schriftstellers Daniel Sueiro. Camus’ Begeisterung für die spanische Literatur zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Seine bekanntesten Filme waren allesamt Adaptionen: „Die heiligen Narren“ (1984) nach einem Roman von Miguel Delibes, „DerBienenkorb“ (1982) nach einem Buch von Camilo José Cela. Camus verfilmte aber auch Klassiker der spanischen Literatur, etwa „La leyenda del alcalde de Zalamea“ (1973) des Barockdichters Pedro Calderón de la Barca oder „Fortunata y Jacinta“ (1980) von Benito Pérez Galdós. Den Realismus eines Pérez Galdós übersetzte er so elegant wie die opulente Poesie eines Federico Garcia Lorca in „Bernarda Albas Haus“ (1986) und so präzise wie zeitgenössische Autoren, etwa Ignacio Aldecoa in „Los pájaros de Baden-Baden“ (1975).

Ein Publikumserfolg: "Der Teufel kennt kein Halleluja" mit Terence Hill (imago/Mary Evans)
Ein Publikumserfolg: "Der Teufel kennt kein Halleluja" mit Terence Hill (© imago/Mary Evans)

Aber nicht alles fußte auf Literatur. In den 1960er-Jahren wurde Camus einem breiten Publikum durch Musikfilme mit dem spanischen Schlagerstar Raphael bekannt. In seinem Italo-Western „Der Teufel kennt kein Halleluja“ (1971) arbeitete er mit dem Schauspieler Terence Hill zusammen. In seinem letzten Film „El prado de las estrellas“ (2007) geht es um die Freundschaft zwischen einem alten und einem jungen Radsportler und darum, dass es nicht auf Gewinne und Pokale ankommt, sondern vielmehr um charakterliche Reifung und mehr Mitmenschlichkeit.


Die Gesellschaft stets mit ihm Blick

Mario Camus war kein explizit politischer Regisseur, doch viele seiner Filme setzen sich mit dringenden Fragen der spanischen Gesellschaft auseinander. In der Fernsehserie „La Forja de un Rebelde“ nach dem Roman von Antonio Barrea geht es um den Spanischen Bürgerkrieg, „Die heiligen Narren“ (1984) setzt sich mit den nach wie vor feudalen Herrschaftsstrukturen in den ländlichen Regionen auseinander, „Sombras en una batalla“ (1993) und „La playa de los galgos“ (2002) drehen sich um die Schatten des Terrorismus, „Die Hinrichtung“ (1987) enthüllt dunkle Geheimnisse der spanischen „Transición“, dem Übergang von der Diktatur zur Demokratie."Die heiligen Narren" gab es 1984 in Camus 1984 den Preis der Ökumenischen Jury (© imago/United Archives)

Preis der Ökumenischen Jury in Cannes für "Die heiligen Narren" (imago/United Archives)
Preis der Ökumenischen Jury in Cannes für "Die heiligen Narren" (© imago/United Archives)

1982 wurde Mario Camus bei der „Berlinale“ für „Der Bienenkorb“ mit dem „Goldenen Bären“ ausgezeichnet. „Die heiligen Narren“ galt 1984 in Cannes als Favorit für die „Goldene Palme“; die beiden Hauptdarsteller Francisco Rabal und Alfredo Landa wurden mit dem Schauspielerpreis ausgezeichnet, der Film erhielt den Preis der Ökumenischen Jury. 1985 gewann Mario Camus den spanischen Filmpreis.


Ein solider Meister seines Fachs

Mario Camus war ein nüchterner Regisseur, ohne Schnörkel und Experimente. Künstlerische Eitelkeiten waren ihm fremd. In einer Zeit, als der Autorenfilmer in Mode gekommen war, fühlte er sich als solider Meister seines Fachs, für den Filme immer das Resultat aller Beteiligten waren: „Handwerklich bin ich sicherlich besser geworden“, erklärte Camus einmal trocken auf die Frage nach seinem besonderen Stil und der Entwicklung seines Gesamtwerkes. Am 18. September 2021 ist Mario Camus im Alter von 86 Jahren in seiner Heimatstadt Santander gestorben.

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