© Filmfestival Gdynia ("The Tenant. You can’t burn us all")

Filmfestival in Gdynia: Die Angst und die Macht

Montag, 27.09.2021

Notizen vom 46. Nationalen Polnischen Filmfestival in Gdynia

Diskussion

Das 46. Nationale Filmfestival in Gdynia (20.9.-25.9.2021) offenbarte Trends und Tendenzen der polnischen Filmkunst. Das aktuelle Kino im östlichen Nachbarland macht zumeist einen großen Bogen um politische und moralische Fragen der Gegenwart. Umso bemerkenswerter, dass die Jury ein Zeichen setzte und das LGBT-Drama „Fears“ mit dem „Goldenen Löwen“ auszeichnete. Der Justizkrimi „Leave No Traces“, der für Polen am „Oscar“-Rennen teilnimmt, gewann den „Silbernen Löwen“.


In seinem Dorf ist Daniel, ein junger schwuler Künstler, so lange gut angesehen, wie er sich für die Interessen der Bauern einsetzt: Hinter seinem für eine Protestdemonstration gebauten Themenwagen, mit dem er auf die prekäre Situation der Landbevölkerung hinweist, den existentiellen Druck und die als Bedrohung empfundene Gesetzgebung, marschiert noch jeder gern mit. Doch die dörfliche Solidarität bricht schlagartig in sich zusammen, als Daniel eine Freundin ehren will, die sich das Leben genommen hat. Wegen eines offen lesbischen Bekenntnisses wurde das Mädchen wie eine Aussätzige behandelt: Nachts versammelten sich Nachbarn vor ihrem Fenster, um sie zu schmähen. Auch ihr Suizid soll ihr nicht verziehen werden. Und dass Daniel für sie eine Prozession organisieren möchte, die vom Kreuzweg Christi inspiriert ist, wird als unentschuldbare Blasphemie empfunden.

„Fears“ (Wszystkie nasze strachy), von Łukasz Ronduda und Łukas Gutt nach tatsächlichen Ereignissen inszeniert, ist der eindrücklichste polnische Film des Jahres. Beim Nationalen Festival in Gdynia bezeichneten ihn Kritiker als „polnische Antwort auf 12 Uhr mittags“: Tatsächlich steht, wie in dem Western-Klassiker von Fred Zinnemann, der Einzelne gegen eine in Tradition, Verdrängung und Selbstüberhebung verschworene Gemeinschaft, die zwar der felsenfesten Überzeugung ist, nach Regeln christlicher Nächstenliebe zu leben – und sich doch in den Netzen der Intoleranz fest verfangen hat.

Fears (© Jaroslaw Sosinski)
"Fears" (© Jaroslaw Sosinski)

Beeindruckend ist zu sehen, wie der tief religiöse Daniel, der nicht bereit ist, dem Glauben abzuschwören, immer wieder auch von seiner Kirche im Stich gelassen wird. Zur Beichte im fernen Warschau wird ihm bedeutet, er müsse sich eben daran gewöhnen, ein Dasein in Einsamkeit zu führen. Im eigenen Dorf verweigert ihm der Priester das Abendmahl, geht während des Gottesdienstes, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, an ihm vorbei. Doch der Film setzt auch Zeichen der Hoffnung: Sein Freund Olek, aus demselben Dorf wie er stammend, seine Sexualität aber verheimlichend und Daniels Engagement ablehnend, findet sich wieder am Treffpunkt ein.


Das könnte Sie auch interessieren:


Am Ende fällt Daniel jenen Baum, an dem sich das Mädchen erhängt hatte, schnitzt daraus ein überlebensgroßes Kreuz und befestigt in dessen Zentrum ein von der Mutter der Toten gestiftetes Kleidungsstück. An dem Ort, an dem er das Kreuz als stilles, mahnendes Zeichen setzt, sind in der Schlusstotale viele Kreuze mit vielen Kleidern aufgestellt: Es ist Zeit, dem Beschweigen und der Intoleranz ein deutlich sichtbares Symbol der Trauer und des Widerstands entgegenzusetzen.


Keine Spuren hinterlassen

Unter den 16 neuen polnischen Spielfilmen, die im Wettbewerb von Gdynia zu sehen waren, stellte „Fears“ die Ausnahme dar: Er war, abgesehen von Łukasz Grzegorzeks klugem Familienpsychogramm „My Wonderful Life“ (Moje wspaniałe życie), einer der wenigen Gegenwartsfilme. Ansonsten liegen die erzählten Geschichten oft Jahrzehnte zurück: Das polnische Kino frönt derzeit einer Vorliebe für Vergangenes.

Möglicherweise kann das als Flucht vor den Zumutungen und Fallstricken der aktuellen polnischen Innen- und Kulturpolitik, zum Beispiel der Forderung nach patriotischen Filmen begriffen werden. Es sei denn, man interpretiert die retrospektiven Fabeln als Gleichnisse, als mehr oder weniger geschickt getarnte Mahnungen für die Gegenwart. Diese Lesart wäre vor allem für „Leave No Traces“ (Żeby nie było śladów) denkbar, obgleich sich der von Jan P. Matuszyński inszenierte Film in seiner äußeren Form jedem vordergründigen Hinweis auf eine solche Interpretation enthält.

Leave No Traces (© Łukasz Bąk)
"Leave No Traces" (© Łukasz Bąk)

Leave No Traces“ beginnt mit einem furios inszenierten Sündenfall: Warschauer Polizisten nehmen 1983, in der Zeit kurz nach Verhängung des Kriegsrechts, zwei angehende Studenten fest, die sich auf den Straßen der Hauptstadt nichts weiter als einen ausgelassenen Jux erlaubt hatten. Einer der beiden Jungen stirbt nach brutalen Schlägen und Tritten der Staatsbediensteten. Der andere, der einzige Zeuge, sieht sich einer unbarmherzigen Maschinerie ausgesetzt. Staatssicherheit und Justiz suchen ihn mit allen Mitteln einzuschüchtern; auch der eigene Vater wird zum Verrat verpflichtet. Die Mutter des ermordeten Jungen, eine oppositionelle Autorin, muss schikanöse Verhöre und Erpressungen erdulden; als sie völlig entkräftet resigniert, bleibt der Freund der Letzte, der nicht bereit ist, die Tat zu beschweigen. Vor Gericht identifiziert er die Täter, und auch als ihn die Staatsanwältin mit ihren Fragen aus der Fassung zu bringen versucht, bleibt er konsequent bei der Wahrheit.

Matuszyński hat sein Gesellschaftspanorama der Jaruszelski-Ära, das den frühen anklägerischen Filmen eines Costa-Gavras ähnelt, als zorniges semidokumentarisches Pamphlet inszeniert. Das atemlose Tempo, mit dem „Leave No Traces“ startet, kann freilich nicht für die Dauer von zweieinhalb Stunden aufrechterhalten werden; da gibt es auch redundante Momente, die durch eine strengere Dramaturgie bezwingbar gewesen wären. Jene Szenen allerdings, in denen belegt wird, wie Partei und Staat die Aufgaben von Polizei und Justiz untergraben und Juristen in Marionetten der Politik verwandeln, haben Parabelcharakter.


So viel Nostalgie

Andere retrospektive Filme mochten sich Matuszyńskis geballter Düsternis nicht anschließen, sondern werfen mildere Blicke auf das, was einmal war. In „Back Then“ (Zupa nic) blättert Kinga Dębska in einem Album der 1980er-Jahre und verdichtet den Alltag einer durchschnittlichen polnischen Familie zum heiter-besinnlichen Kuriositätenkabinett inklusive langen Schlangen vor Lebensmittelläden, dem ersten Familienauto, einem Polski Fiat, und der gemeinsamen Urlaubsreise an den Balaton mit geschmuggelten Fuchsfellen um den Bauch. Wurde Ungarn bisher stets als „lustigste Baracke im Ostblock“ apostrophiert, so mag das nach diesem Film auch für Polen gelten: So viel Nostalgie war selten.

In „The Getaway King“ (Najmro. Kocha, kradnie, szanuje) setzt Mateusz Rakowicz einem legendären Ausbrecherkönig der realsozialistischen Zeit ein Denkmal. Dieser Zdzisław Najmrodzki hatte es sich mit seiner Bande zur Spezialität gemacht, Pewex-Läden, also Geschäfte, in denen in Polen mit Devisen eingekauft werden konnte, auszuplündern – und zwar aus reinem Spaß und an der Freude am Leben. Immer wieder verhaftet, gelangen ihm 29 spektakuläre Ausbrüche aus dem Gefängnis. Dafür wurde er vom Volk geliebt. Gedreht in digitalen Trash-Farben, sieht „The Getaway King“ aus wie Retro-Filme der 1980er-Jahre aus Hollywood. Das heiter-gelöste Katz-und-Maus-Spiel, gewürzt mit einigen rasanten Verfolgungsjagden, endet hier interessanter Weise nicht in der realsozialistischen Zeit, sondern erst in den frühen 1990ern, die in diesem Film als die weitaus gefährlichere Epoche erscheinen: Was zuvor wie ein einziger großer Spaß aussieht, nämlich den Staat an der Nase herumzuführen, mündet im Dschungel des neuen Raubtierkapitalismus, der nur Gier und keine Gnade mehr kennt.

The Getaway King (© Robert Palka)
"The Getaway King" (© Robert Palka)

Und noch ein Retro-Film: „Autumn Girl“ (Bo we mnie jest seks) porträtiert die Sängerin und Schauspielerin Kalina drusik, die polnische Marilyn Monroe, unvergesslich als sexbesessene Lucy Zuckerowa in Andrzej WajdasDas gelobte Land“ (1974) oder auch in Filmen von István Szabó, Krzysztof Kieślowski und Horst Seemann („Levins Mühle“). Leider nutzte Katarzyna Klimkiewicz die Möglichkeit nicht, aus Jędrusiks Biografie ein freches Spiel um verklemmte Sexualmoral und die Freiheit von Geist und Körper zu machen: Ihr Film verflacht zu einem belanglosen Duell zwischen der Titelheldin und einem schlechten Schauspieler, der in den 1960er-Jahren zum Unterhaltungschef des Fernsehens aufsteigt, von Kalina Jędrusik zurückgewiesen wird und sich rächt, indem er sie vom Bildschirm verbannt. Insgesamt bleibt „Autumn Girl“ auf einer eher privaten Ebene, ohne Verankerung in der damaligen gesellschaftlichen Realität. Ein Film, dem jede Fallhöhe fehlt. Immerhin konnte wenigstens Maria Dębska das Publikum und auch die Jury überzeugen, die sie in Gdynia als beste Darstellerin auszeichneten.


Holocaust und Propaganda

Und was gab es sonst zu sehen? Zwei neue Filme über die Zeit der deutschen Besetzung 1939-45 kreisen um das Thema Judenverfolgung und Holocaust. „Hitler’s Aunt“ (Ciotka Hitlera) von Michał Rogalski porträtiert einen alten Weichselschiffer, der eine aus dem Ghetto geflohene Frau und deren kleine Tochter vor der SS rettet. Rogalski verschweigt nicht, dass sich auch polnische Nachbarn an jüdischem Besitz vergriffen, zu Tätern wurden. Wichtiger als der anklägerische Aspekt ist ihm aber das Hohelied auf den „einfachen“ Polen, der aus christlicher Nächstenliebe handelt und seine Humanität auch in schwieriger Zeit beweist. – „Death of Zygielboym“ (Śmierć Zygielbojma) erinnert an den Warschauer Politiker Szmul Zygielbojm, der die Westmächte im Londoner Exil vergebens auf den Holocaust aufmerksam zu machen versuchte und sich, als ihm dies nicht gelang, im Mai 1943 das Leben nahm. Leider inszeniert Ryszard Brylski das tragische Geschehen hölzern und banal, im Stil eines abendfüllenden TV-Reenactments: gewissermaßen ein Mr. Jones für Arme.

Auch in „The Tenant. You can’t burn us all“ (Lokatorka) wird das Thema des Holocaust gestreift – und bis in die jüngste Vergangenheit verlängert. Michał Otłowski beleuchtet die mafiösen Verstrickungen von Immobilienspekulanten, Politikern und Juristen, die den Warschauer Wohnungsmarkt unter sich aufteilen, alteingesessene Bewohner terrorisieren und sogar ermorden – und das alles auf der Basis von Erbscheinen ehemaliger jüdischer Besitzer und den Ansprüchen der Jewish Claims Conference. Das Unrecht in den Okkupationsjahren findet seine Entsprechung im Unrecht der Neuzeit – eine problematische Gleichsetzung. Die Handlung von „The Tenant. You can’t burn us all“ ist freilich in der Ära vor der jetzigen PiS-Regierung angesiedelt, delegiert die Schuld an die bis 2015 herrschenden demokratischen Parteien und liefert zudem Nahrung für antisemitische Vorbehalte. Im Gewand eines Polizeithrillers erweist sich Otłowskis Opus als durchaus fragwürdiger Propagandafilm.

Kommentar verfassen

Kommentieren