© Piffl Medien (SIGNIS-Preis für "Maixabel")

San Sebastián 2021 - Ein Sieg der Frauen

Dienstag, 28.09.2021

Eine Bilanz des 69. Internationalen Filmfestivals in San Sebastián

Diskussion

Das 69. Filmfestival in San Sebastián feiert den Unterschied. Die Jury war mehrheitlich weiblich besetzt, im Wettbewerb liefen sieben Filme, die von Frauen inszeniert wurden, und auch der Hauptpreis ging an einen davon: an „Blue Moon“ der rumänischen Regisseurin Alina Grigore. Am meisten Eindruck aber hinterließ das Drama „Maixabel“ von Icíar Bollaín über den Dialog der Opfer des baskischen Terrors mit den Tätern.



Sieben der insgesamt 16 Wettbewerbsfilme beim Festival in San Sebastián (17.-25.9.2021) stammten in diesem Jahr von Regisseurinnen. Auch die Jury war mit drei Regisseurinnen, einer Schauspielerin und einem Produzenten mehrheitlich weiblich besetzt. Ihre Entscheidung für den Hauptpreis der „Goldenen Muschel“ war dennoch überraschend: Blue Moon“ von der rumänischen Regisseurin Alina Grigore galt nicht als Favorit. Das laute Drama handelt von zwei Schwestern, die ihre aggressive, dysfunktionale Familie und das große Haus in den Bergen verlassen möchten, um an einem anderen Ort ein neues, selbstbestimmtes Leben zu beginnen.

Grigore, die früher als Schauspielerin für Cristi Piu und Adrian Sitaru gearbeitet hat, drehte den Film chronologisch über mehrere Monate hinweg. Sie stammt selbst aus einem kleinen Dorf, das sie verließ, um Film zu studieren.

Gewann überraschend die "Goldene Muschel": "Blue Moon" von Aline Grigori (Filmfestival San Sebastián)
Überraschender Gewinner: "Blue Moon" von Alina Grigore (© Filmfestival San Sebastián)

Für die 37-Jährige hat sich an der Situation junger Rumäninnen in ländlichen Gebieten wenig geändert: „Die wenigsten schaffen es, wegzugehen. Der psychologische und soziale Druck, früh zu heiraten und Kinder zu bekommen, oder ins Ausland zu gehen, um dort hart zu arbeiten und die Familie finanziell zu unterstützen, ist einfach zu groß.“


Eine Astrid-Lindgren-Story für Erwachsene

Auch Tea Lindeburg erzählt in ihrem Spielfilmdebüt „As in Heaven“ von den Zwängen und Freuden der Familie, vom Traum einer Heranwachsenden, den elterlichen Bauernhof zu verlassen und in der Stadt die Schule zu besuchen. Der Film der dänischen Regisseurin handelt sehr lebendig von archaischen Rollenbildern, von harter Arbeit im Stall und auf dem Feld, von Müttersterblichkeit, Volksfrömmigkeit und Aberglaube auf dem Land Ende des 19. Jahrhunderts. „As in Heaven“ ist ein solide inszenierter, detailreich ausgestatteter Film, der ein vielschichtiges Porträt einer Großfamilie entwirft, mit zahllosen Haupt- und Nebenfiguren, was stellenweise wie eine Art Astrid-Lindgren-Story für Erwachsene wirkt und für den Lindeburg den Preis für die beste Regie gewann.

Der Sonderpreis der Jury ging an eine renommierte Filmemacherin: „Earwig“ von der französischen Regisseurin Lucile Hadzihalilovic erzählt eine düstere Geschichte um geheimnisvolle familiäre Zusammenhänge. In einem dunklen, palastartigen Haus wird offensichtlich ein kleines Mädchen festgehalten; es bekommt gerade neue Zähne und soll auf eine Reise vorbereitet werden. Die Inszenierung setzt vorrangig auf Atmosphärisches; die eigentliche Handlung bleibt kryptisch und wird mit der logischen Inkonsequenz eines Albtraums erzählt: Ist der Betreuer der Kleinen ihr Vater? Ist die Frau, die immer wieder in ihren Erinnerungen auftaucht, ihre Mutter? Der Film nach einem Roman des britischen Schriftstellers Brian Catling stützt sich auf die kunstvoll errichtete Schaueratmosphäre einer „gothic novel“, die der Imagination des Publikums großen Raum einräumt.

Düstere Familiengeheimnisse: "Earwig" (Filmfestival San Sebastián)
Düstere Familiengeheimnisse: "Earwig" (© Filmfestival San Sebastián)

Auch die peruanische Regisseurin Claudia Llosa spielt mit dem Unheimlichen und Genre-Elementen: Das Giftverbindet virtuos die Ängste einer jungen Mutter, indigene Traditionen und die Perspektivlosigkeit einer jungen Frau in der argentinischen Pampa. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman der argentinischen Autorin Samanta Schweblin, die auch am Drehbuch mitschrieb: „Film und Roman verbinden das Unheimliche mit Urängsten, die Mütter und Eltern immer haben, und den drängendsten Fragen weltweit, nämlich über die Befreiung der Frau und die Rettung des Planeten.“ Der virtuos inszenierte und sehr vielschichtige Film ging bei den Juryentscheidungen leer aus.


Im Schatten der Covid-Krise

Mit Spannung wurde der Preis für die beste Darstellung erwartet, denn nach dem Vorbild der „Berlinale“ hatte man auch in San Sebastián entschieden, die bisherigen Preise für die beste Darstellerin und den besten Darsteller durch einen geschlechtsneutralen Einheitspreis zu ersetzen. Der ging dieses Jahr ex aequo an zwei Frauen: Flora Ofelia Hofmann Lindahl, der Darstellerin der ältesten Tochter in „As in Heaven,“ und Jessica Chastain, die in der süßlichen Tragikomödie The Eyes of Tammy Faye die evangelikale Sängerin und Unternehmerin Tammy Faye Bakker spielt.

Neu ist in San Sebastián der Preis für die beste Ensembleleistung. Mit ihm wurde eine Gruppe Jugendlicher aus Madrid geehrt, die der spanische Filmemacher Jonas Trueba in dem dreieinhalbstündigen Dokumentarfilm „Quién lo impide“ porträtiert. Fünf Jahre lang blieb er mit der Kamera nahe am Alltag der Heranwachsenden, ihren Problemen und Träumen: „Es ist nicht meine Generation, aber wir haben etwas gemeinsam. Als ich anfing, Filme zu machen, beherrschte die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 den Alltag. Die Jugendlichen heute werden hingegen im Schatten der Covid-Krise erwachsen“, sagt der 40-jährige Filmemacher. „Quién lo impide“ war der gewagteste Film des Wettbewerbs und erhielt neben dem Preis der internationalen Filmkritiker-Vereinigung FIPRESCI auch eine besondere Erwähnung der SIGNIS-Jury.


Familienthemen und die Beziehung zwischen den Generationen

Die Themen Familie und die Beziehung zwischen den Generationen zogen sich wie ein roter Faden durch das Festival, oft im Zusammenhang drängender politischer oder sozialer Themen wie der Korruption in spanischen Mittelstandsunternehmen oder in evangelikalen US-Medienhäusern, aber auch mit Drogengeschäften der französischen Polizei oder der Boykott-Kultur und dem heuchlerischen Umgang mit der Immigration in Paris. Andere Filme beschäftigten sich mit einer belasteten Vergangenheit, etwa „Rosa Rosae. La guerra civil“ von Carlos Saura, ein kurzer Animationsfilm über den Spanischen Bürgerkrieg, oder der Blick zurück von Zhang Yimou in die Zeit der chinesischen Kulturrevolution.

Seine Tragikomödie „One Second“ ist eine Hommage an das alte Kino mit ratternden Projektoren und Zelluloidstreifen. Sie erzählt von einem flüchtigen Häftling, der in den Wanderkinos der Wüste Gobi nach einer Wochenschau sucht, in der seine mittlerweile verstorbene Tochter zu sehen ist.

Der zweite chinesische Film im Wettbewerb, „Fire on the plain“ von Zhang Yi, führt in die 1990er-Jahre zurück, in die Zeit der wirtschaftlichen Umbrüche mit Fabrikschließungen und Arbeitslosigkeit. Im Stil des „cine noir“ erzählt er von der Fahndung nach einem Serienmörder, wobei dunkle Bezirke der sterbenden sozialistischen Industriegesellschaft sichtbar werden.

Im Gegensatz zur bedrückenden Rückschau auf einen Sozialismus im Umbruch wirkte „Arthur Rambo“ des französischen Regisseurs Laurent Cantet geradezu erschreckend modern. Der Film erzählt von der Macht und der Zerstörungskraft sozialer Netzwerke, davon, wie schnell jemand nach oben geschleudert wird und genauso schnell wieder abstürzen kann. Der Höhenflug eines hippen jungen Schriftstellers, der einen Roman über seine Mutter, eine algerische Immigrantin, geschrieben hat und von der linksliberalen Presse bejubelt wird, endet dramatisch, als herauskommt, dass er seit Jahren unter dem Pseudonym Arthur Rambo Hasskommentare gegen Schwule, Juden und andere Minderheiten twittert. Der Protagonist versucht sich zu rechtfertigen; das sei ein literarisches Experiment gewesen; doch es hilft nichts, die Kulturwelt schließt ihn aus.

Aufstieg und Fall eines Media-Stars: "Arthur Rambo" (Filmfestifal San Sebastián)
Aufstieg und Fall eines Media-Stars: "Arthur Rambo" (© Filmfestival San Sebastián)

Das Pseudonym ist ein Wortspiel: Rambo, der ebenso populäre wie primitive Actionheld und Totschläger aus Hollywood trifft auf Rimbaud, den feinsinnigen Dichter und die Ikone des französischen Bildungsbürgertums. Cantet setzt sich mit der Macht der sozialen Netzwerke auseinander, aber auch mit der Heuchelei des Kulturbetriebs über Immigration und die Subgesellschaften in den Vorstädten.


Die Witwe Maixabel Lasa und ihre Darstellerin

Einer der bewegendsten Filme stammte aus San Sebastián selbst. Am 29. Juli 2000 wurde der sozialistische Politiker Juan Marí Jáuregui ermordet. Der Mord erschütterte nicht nur das Baskenland, sondern ganz Spanien. Elf Jahre danach erhielt seine Witwe Maixabel Lasa eine ungewöhnliche Anfrage. Einer der Mörder wollte mit ihr sprechen. Er bereute seine Taten und hatte mit der Terrororganisation gebrochen. Lasa ließ sich darauf ein, weil sie der Überzeugung war, dass jeder eine zweite Chance verdient.

Die Treffen von Tätern und Opfern fanden im Rahmen eines staatlichen Programms mit Mediatoren statt. Allerdings haben nur elf ETA-Häftlinge an den Gesprächen teilgenommen, auch Lasas Dialogbereitschaft wurde nicht von allen Opferverbänden geteilt. Als Beauftragte der baskischen Regierung für die Opfer des Terrorismus setzte Maixabel Lasa dann aber durch, dass alle Opfer miteinbezogen wurden, also auch die Opfer der antiterroristischen Todesschwadrone (GAL) des spanischen Staates.

Für den Filmproduzenten Koldo Zuazua aus San Sebastián war das der ideale Stoff für einen Spielfilm über den Friedensprozess im Baskenland; Maixabel Lasa sei ein einzigartiges Beispiel, wie man den Hass überwinden könne. Die Witwe unterstützte die Drehbuchautorinnen und Schauspieler bei ihrer Arbeit und vermittelte ihnen auch den Kontakt zu ehemaligen ETA-Terroristen. Für Blanca Portillo als Maixabel Lasa und Luis Tosar als früheren ETA-Terroristen Ibon Etxezarreta war dies sehr wichtig. Ebenso wie die Regisseurin Iciar Bollaín stammen sie nicht aus dem Baskenland: „Wenn man den Konflikt nur aus den Fernsehnachrichten kennst, wird das irgendwann zur Routine. Man sieht gar nicht mehr die Menschen hinter den Opfern“, sagt Iciar Bollaín: „Wenn man eine Geschichte erzählt, die so nah an der Wirklichkeit liegt, mit Menschen, die das alles erlebt haben, dann muss man sich ganz eng an der Wahrheit halten.“ Der Filmemacherin war klar, dass diese Geschichte mit äußerster Zurückhaltung inszeniert werden musste, da Filme über Terrorismus leicht Gefahr laufen, in Genre-Stereotypen zu verfallen.

Für Spanien ist Maixabel ein politisch wichtiger Film mit kathartischer Wirkung, weil er die schmerzhafte Vergangenheit des Terrorismus aufarbeitet, dem über die Jahrzehnte hinweg mehr als 850 Menschen zum Opfer fielen. Der Film ist konventionell inszeniert, aber er besticht durch seine Natürlichkeit, seine Zurückhaltung und das wunderbare Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller. „Maixabel“ erhielt den SIGNIS-Preis und wurde überdies als bester baskischer Film ausgezeichnet.

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