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Kühl und leidenschaftlich

Dienstag, 28.09.2021

Zum 100. Geburtstag von Deborah Kerr: ein Rückblick auf die Glanzzeit Hollywoods und eine seiner funkelnden Stars

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Sie drehte mit den ganz Großen Hollywoods – denn sie war selbst eine der Großen: Deborah Kerr, eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen der Traumfabrik in den 1940er- und 1950er-Jahren, wäre am 30. September 100 Jahre alt geworden. Ein schöner Anlass, sich ihr filmisches Werk nochmal in Erinnerung zu rufen.


Manchmal braucht es nur eine Szene, um der Karriere einer Schauspielerin, eines Schauspielers, eine andere Richtung zu geben, ihr zumindest eine neue, bis dahin unbekannte Facette hinzuzufügen. 1953 spielte Deborah Kerr in Fred ZinnemannsVerdammt in alle Ewigkeit“ die Frau eines Offiziers, die mit Burt Lancaster als Sergeanten eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Berühmt geworden ist diese Szene: Eine große schäumende Welle rollt auf einen Strand zu und umspült die beiden Liebenden, die sich, im Sand ausgestreckt, innig küssen. „Nobody kisses me the way you do“, sagt Deborah Kerr, das kurze, nasse Haar zurückgeschoben, und meint es ehrlich. Bis Burt Lancaster mit seiner Eifersucht die Stimmung ruiniert. Erst die Beichte der Frau, ein neugeborenes Kind und die Liebe ihres Mannes verloren zu haben, besänftigt ihn. Bis wieder eine hohe Welle die Szene beendet.

Die ikonische Liebesszene in „Verdammt in alle Ewigkeit“ (© Columbia)
Die ikonische Liebesszene in „Verdammt in alle Ewigkeit“ (© Columbia)

„Es war nass und sandig und ungemütlich, aber wir arbeiteten und arbeiteten und mussten immer wieder warten, bis eine Welle kam, die wir brauchen konnten. Die Szene konnte vorher nicht richtig geprobt werden, erst an dem Strand in Hawaii, den Zinnemann ausgesucht hatte, entschieden wir, was wir machen wollten“, erzählt Deborah Kerr 1978 in einem Gespräch mit „Films and Filming“, wohl wissend, welche Erotik diese Szene mit schäumendem Wasser, halbnackten, engumschlungenen Körpern und unmittelbarer Nähe ausdrückte. Bis dahin hatte die Schauspielerin in ihren Rollen als elegante, gebildete und höchst reservierte Frau der feinen britischen Gesellschaft gegolten, die ihre Gefühle unterdrückte. „Ihre klaren, ausdrucksstarken Gesichtszüge, ihre anmutige Haltung, die Augen, die sich gelegentlich ein ironisches Funkeln erlaubten, und schließlich das delikate, feingliedrige Spiel ihrer Hände“ (Gerhard Midding) bestätigen diesen Eindruck.

Doch jetzt, nach „Verdammt in alle Ewigkeit“, änderte sich das schlagartig. Deborah Kerr war offen für andere Rollen, ihre Bandbreite erweiterte sich. Aus der strengen, zugeknöpften Schönheit wurde eine leidenschaftlich Liebende.

 

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Die Anfänge der Schauspielerin

Deborah Kerr, am 30. September 1921 im schottischen Helensburgh geboren, ist ausgebildete Balletttänzerin. Schnell stellt sie jedoch fest, dass sie sich mehr für das Theater interessiert, sie spielt in zahlreichen Shakespeare-Stücken sowohl Neben- als auch Hauptrollen. Bis sie 1941 an der Seite von Rex Harrison und Wendy Hiller in der Verfilmung von Bernard ShawsMajor Barbara“ ihr Filmdebüt gibt. Noch im selben Jahr entstehen der sozialkritische „Love on the Dole“ von John Baxter und „Der Hutmacher und sein Schloss“, eine sehenswerte Mischung aus Kostümdrama und britischem Film noir. Deborah Kerr muss sich darin unter der Regie von Lance Comfort, einem weithin unterschätzten Regisseur des britischen Genre-Kinos, gegen ihren größenwahnsinnigen Vater, einen schottischen Hutmacher, wehren. Zu allem Überfluss verlässt sie auch noch ihr Liebhaber, von dem sie ein Kind erwartet: Er hat erfahren, dass ihr Vater pleite ist. Doch die Vermutung, dass sie bei einem Zugunglück ums Leben kam, gewährt Deborah Kerr einen Neuanfang.

Wunderschön ist sie in diesem Film, die figurbetonten Kleider und die strengen Korsetts zwingen sie quasi in die Rolle der kühlen Lady aus vornehmem Haus, die ihr Schicksal mit Fassung trägt. Einmal jedoch ist sie in einem bequemen Mantel mit übergezogener, weiter Kapuze zu sehen – ein kurzer Eindruck des Burschikosen, der sich nicht lange halten wird.

„Die schwarze Narzisse“ (© imago images/Everett Collection)
Ein Film voller unterdrückter Gefühle: „Die schwarze Narzisse“ (© imago images/Everett Collection)

Schon früh erlangt Deborah Kerr in Großbritannien Starruhm, nicht zuletzt wegen der Filme von Michael Powell und Emeric Pressburger: „Leben und Sterben des Colonel Blimp“ (1943) und „Die schwarze Narzisse“ (1947). Ersterer erzählt die Geschichte eines steifen britischen Offiziers, der drei Kriege überlebt, aufgefächert von 1902 im Burenkrieg bis 1943 im London des Zweiten Weltkriegs. Dabei verliebt er sich in drei Frauen, die alle von Deborah Kerr gespielt werden, und es macht Freude, ihr dabei zuzusehen.

Doch noch aufregender ist ihre sensible Interpretation der Nonne Clodagh in „Die schwarze Narzisse“, die versucht, eine Missionsstation im Himalaja zu leiten. Aber das Klima und die Moral, die Einheimischen und ein gutaussehender Mann, dem Kerrs verführerische Schönheit trotz der Nonnentracht nicht verborgen geblieben ist, sorgen für Unruhe.

Ein eigentümlicher, unbequemer Film ist das, nicht zuletzt wegen der unterdrückten Gefühle und der unausgesprochenen Leidenschaften, wegen der romantischen Hysterie und der zerstörerischen Eifersucht, die sich bei einer Schwester Bahn bricht. Und doch gehört „Die schwarze Narzisse“ wegen der Kamera von Jack Cardiff und den überbordenden Technicolor-Farben zu den schönsten Filmen der Kinogeschichte, ein visueller Augenschmaus, der seinesgleichen sucht. Wenn Deborah Kerr am Schluss morgens am Steilhang die Glocke zum Frühgebet läutet und dabei fürchten muss, von der verrückt gewordenen Schwester in die Tiefe gestürzt zu werden, ist das ein Bild, das man so schnell nicht vergisst.


Deborah Kerr – reimt sich auf Star

Die schwarze Narzisse“ verschaffte Deborah Kerr eine Einladung nach Hollywood. Sie trat in Jack ConwaysDer Windhund und die Lady“ (1947) an der Seite von Clark Gable auf, in Victor Savilles „If Winter Comes“ (1948) und MGM warb mit „Deborah Kerr. It rhymes with star“. Man sah sie als alkoholabhängige Ehefrau von Spencer Tracy in George CukorsEdward, mein Sohn“ (1949) und als Prinzessin Flavia in Richard ThorpesIm Schatten der Krone“ (1952).

Als Prinzessin eines europäischen Kleinstaats trifft Deborah Kerr in „Im Schatten der Krone“ unwissentlich auf einen Doppelgänger des Königs (© MGM)
Als Prinzessin eines europäischen Kleinstaats trifft Deborah Kerr in „Im Schatten der Krone“ unwissentlich auf einen Doppelgänger des Königs (© MGM)

Dann – nach „Verdammt in alle Ewigkeit“ – spielt sie 1954 in Edward DmytryksDas Ende einer Affaire“ die strenggläubige Frau eines langweiligen Beamten, die sich in einen Schriftsteller verliebt. Als sie glauben muss, dass ihr Geliebter im Bombenhagel des „Blitz“ getötet wurde, betet sie inständig um sein Leben und gelobt, ihn zu verlassen. Das Wunder geschieht, der Mann überlebt, die Frau fühlt sich an ihr Gelübde gebunden. Aber damit fängt das eigentliche Drama erst an. „Deborah Kerr war eine Offenbarung. Eine ausgezeichnete Künstlerin, sensibel und leidenschaftlich auf der Leinwand, war sie nicht die Spur launisch oder eingebildet. Sie erschien für gewöhnlich eine halbe Stunde früher als nötig am Set, trank Tee mit dem Team und konnte es nicht erwarten, dass es losging“, schreibt Dmytryk in einer von ihm selbst kommentierten Filmographie.

Deborah Kerr konnte auch komisch sein, zum Beispiel in Walter LangsDer König und ich“, der Musical-Version von „Anna und der König von Siam“ (1946), nach Anna Leonowens’ gleichnamigem Buch. Als britische Gouvernante lässt sie sich von dem selbstherrlichen König, gespielt von Yul Brynner, nicht in die Schranken weisen – was in der Folge zu einigen Konflikten führt. Einmal aber ist sie sehr beeindruckt: Zur wunderschönen Musik von Richard Rodgers lässt der König all seine Kinder aufmarschieren, von ganz groß bis ganz klein. Drei Minuten dauert diese Szene, weil es so viele Kinder sind. Sprachlos nimmt Kerr ihren blauen Hut vom Kopf und lässt ihr rotes Haar leuchten. Die Kinder haben sie da bereits liebgewonnen.

Amüsant auch jene Szene, in der sie Brynner burschikos zum Walzer auffordert: „Shall we dance?“ Wunderschön sieht Deborah Kerr hier aus in dem hellen, schulterfreien Kleid mit Puffärmeln, die Lust am Tanz, die Freude an der Bewegung ist in ihrem strahlenden Gesicht zu erkennen. Brynner bleibt hingegen skeptisch: Er hat fortan mit ihrem ausufernden Reifrock zu kämpfen. „It was a performance full of warmth and tenderness and it was one of the best things she has ever done“, schreibt Clive Hirschhorn in „The Hollywood Musical“. Allerdings durfte Kerr nicht selbst singen. Das übernahm, wie bei Audrey Hepburn in „My Fair Lady“ und Natalie Wood in „West Side Story“, Marni Nixon, die Frau des Komponisten Ernest Gold.

Mit Yul Brynner als thailändischem König im Musical „Der König und ich“ (© IMAGO / Allstar)
Mit Yul Brynner als thailändischem König im Musical „Der König und ich“ (© IMAGO / Allstar)


Neben Tracy, Lancaster, Brynner, Mitchum, Grant

1956 drehte Deborah Kerr an der Seite ihres Sohnes John „Anders als die anderen“, unter der Regie von Vincente Minnelli. In „Der Seemann und die Nonne“, 1957 von John Huston inszeniert, schlüpft sie noch einmal in die Schwesterntracht, an der Seite von Robert Mitchum, gemeinsam schlagen sie auf einem kleinen Eiland im Pazifik während des Zweiten Weltkriegs den Japanern ein Schnippchen, trotz aller Unterschiedlichkeit. Nicht zu vergessen die Zusammenarbeit mit Cary Grant in Leo McCareysDie große Liebe meines Lebens“ (1957), jenem ergreifenden, tränenrührenden Melodram, dessen Happy End fast am Stolz von Deborah Kerr gescheitert wäre. Clark Gable, Spencer Tracy, Burt Lancaster, Yul Brynner, Robert Mitchum und Cary Grant – fast hat man den Eindruck, als könne die Männlichkeit dieser Schauspieler nur durch Deborah Kerrs Mischung aus Kühle und Leidenschaftlichkeit ausgeglichen werden.

1958 dann Otto PremingersBonjour Tristesse“ nach dem Roman von Françoise Sagan, ein wunderschöner Film, von den amerikanischen Kritikern lange verkannt, von den französischen sofort geschätzt. Deborah Kerr spielt darin Anne, die neue, elegante und ein wenig hochnäsige Lebensgefährtin eines reichen Witwers namens Raymond, deren einstudierte Nettigkeit von Beginn an etwas Verstörendes hat. Raymond wird von seiner verwöhnten Tochter Cécile (Jean Seberg) über alles verehrt. Gemeinsam genießt er mit ihr das Leben an der Riviera. Anne stört da nur, und darum lässt Cécile nichts unversucht, die Verbindung zu hintertreiben. So lädt sie einfach eine ehemalige Geliebte ihres Vaters ein – ein Treffen, das Anne aus der Ferne beobachtet. Durch die verletzende Intrige abgelenkt, kommt sie bei einem Autounfall ums Leben. In einer schwarz-weiß gefilmten Rahmenhandlung erinnert sich Cécile an den tragisch verlaufenen Sommer, nun in Farbe gedreht.

Farbe ist in „Bonjour Tristesse“ ein adäquates Mittel, um Figuren zu charakterisieren, voneinander zu unterscheiden oder Gemeinsamkeit herzustellen, um Gemütszustände nach außen zu tragen oder Stimmungswechsel zu signalisieren. Nicht zu vergessen die übervollen CinemaScope-Bilder, die bei Preminger noch breiter scheinen als bei anderen Regisseuren. Er zeigt uns nicht nur eine Idylle im gleißenden Licht, sondern auch gleichzeitig den Schatten, den sie wirft. Grausig der Moment, wenn Anne Raymond mit seiner alten Geliebten entdeckt. Der Schrecken, der Unglaube, die Abscheu – all das ist in Deborah Kerrs Gesicht enthalten. „Es ist ein weiterer Moment direkter, situativer Einsicht, sozusagen ein Erwachen vor den Tatsachen (…)“, schreibt Norbert Grob.

Ein Höhepunkt des Hollywood-Melodrams: „Die große Liebe meines Lebens“ mit Cary Grant (© IMAGO / Cinema Publishers Collection)
Ein Höhepunkt des Hollywood-Melodrams: „Die große Liebe meines Lebens“ mit Cary Grant (© IMAGO / Cinema Publishers Collection)

Sechsmal für den Oscar nominiert

In Henry KingsDie Krone des Lebens“ spielt sie 1959 Sheilah Graham, die Geliebte von F. Scott Fitzgerald, in „Schloss des Schreckens“, nach Henry James’ Novelle „Die Drehung der Schraube“ entstanden, verkörpert sie 1961 unter der Regie von Jack Clayton noch einmal eine Gouvernante, die das Böse, das die ihr anvertrauten Kinder zu beherrschen scheint, selbst herbeigerufen hat. „In dem von Freddie Francis schaurig-schön fotografierten schwarzweißen CinemaScope-Film verkörpert Deborah Kerr die Gouvernante zugleich reizvoll-anmutig und prüde; sie beherrscht dabei alle Nuancen zwischen Entzücken und Entsetzen, Güte und Grausamkeit“, war in einem Nachruf zu lesen.

Das Arrangement“ von Elia Kazan ist 1969 Deborah Kerrs letzter Kinofilm. Sie ist darin die Frau von Kirk Douglas als reichem Werbemanager, der allerdings mit Faye Dunaway eine leidenschaftliche Affäre hat. Ein wenig undankbar ist diese Rolle, weil das Leben an der Seite dieses Mannes so leer und sinnlos ist, weil sie so leidend dreinschauen muss, weil die 20 Jahre jüngere Dunaway mit ihrer Schönheit den ganzen Film überstrahlt. „Miss Kerr keeps even her emptiness in reserve“, mokierte sich damals Roger Ebert. Kerr zieht sich vom Film zurück, erst ab 1981 ist sie wieder in einigen Fernsehproduktionen zu sehen.

Sechsmal war Deborah Kerr innerhalb von zwölf Jahren für den Oscar nominiert: „Edward, mein Sohn“, Verdammt in alle Ewigkeit“, „Der König und ich“, „Der Seemann und die Nonne“ „Getrennt von Tisch und Bett“ (1958) sowie „Der endlose Horizont“ (1960). Erhalten hat sie ihn nie. Bis sie 1994, bereits von der Parkinson-Krankheit gezeichnet, bei der „Oscar“-Verleihung für den anrührendsten Moment sorgt, als sie den Ehrenoscar entgegennimmt. Am 16. Oktober 2007 starb Deborah Kerr in Suffolk im Alter von 86 Jahren. „She never gave a bad performance”, schreibt Leonard Maltin über sie. Lakonischer kann man der Bewunderung über ihre Karriere nicht Ausdruck verleihen.

Als Gouvernante in der Henry-James-Verfilmung „Schloss des Schreckens“ (© IMAGO / Cinema Publishers Collection)
Als Gouvernante in der Henry-James-Verfilmung „Schloss des Schreckens“ (© IMAGO / Cinema Publishers Collection)

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