© Universal Pictures (Teaserplakat für "Keine Zeit zu Sterben)

James Bond von A bis Z

Donnerstag, 30.09.2021

Seit der „Geburt“ des britischen Geheimagenten 007 durch die Romane und Kurzgeschichten von Ian Fleming ist um den MI6-Spion ein ganzer Kosmos entstanden. Eine kleine Vergegenwärtigung in 17 Vignetten

Diskussion

Mit „Keine Zeit zu sterben“ verabschiedet sich Daniel Craig von der Rolle des britischen Geheimagenten, dem er seit „Casino Royale“ (2006) eine enorme körperliche Ausstrahlung, aber auch ein überraschend sensibles Innenleben verliehen hat. Den Spagat zwischen dem traditionellen Markenkern und einer allfälligen Erneuerung wird auch sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin zu meistern haben. Eine kleine Vergegenwärtigung des Bond-Universums in 17 Vignetten von Marius Nobach und Felicitas Kleiner.



Aston Martin

Autos kommen bei James Bond gleich nach Frauen, und so hat er im Laufe der Jahre schon etliche Modelle ausprobiert (und immer wieder auch zu Schrott gefahren). Keines der Vehikel war dabei schnittiger als der Aston Martin DB5, den 007 erstmals in „Goldfinger“ fuhr und dank Qs Gimmicks (Maschinengewehre, Reifenzerfetzer, Schleudersitz) effektiv zur Schurkenbekämpfung einsetzte. Unter Fans gilt der Aston Martin noch immer als das meistgeliebte Bond-Auto, das mit Daniel Craig als Bond-Darsteller seine nostalgische Wiederkehr feierte. Zuerst nur als kurze, augenzwinkernde Reminiszenz in „Casino Royale“, doch in „Skyfall“ schon mit einem Galaauftritt als vierrädriger Helfer, der in einem Lagerhaus nur darauf gewartet zu haben scheint, dass Bond und M mit ihm flüchten. Wie Bond ist das Auto ein „Oldtimer“, aber verlässlich wie eh und je (wenn auch nach Ms Meinung etwas unbequem). Nach seinem feurigen Ende in den schottischen Hochmooren in „Skyfall“ dient es auch in „Keine Zeit zu sterben“ erneut als Bonds fahrbarer Untersatz.


Bill Tanner

Als MI6-Stabschef ist Bill Tanner eine feste Größe im Bond-Kosmos. Seine Rolle beschränkt sich meist darauf, im Hintergrund wichtige, aber unspektakuläre Arbeit zu leisten, mit der er den Agenten bei Einsätzen den Rücken freihält. Dennoch ist Tanners krisenerprobte Zuverlässigkeit gerade in den Craig-„Bonds“ mit ihren vielen ungewissen Grenzen und Bedrohungen hochwillkommen. Ähnlich wie bei dem von Ralph Fiennes gespielten Mallory scheint auch in Tanner, der in „Keine Zeit zu sterben“ erneut von dem renommierten Theaterschauspieler Rory Kinnear verkörpert wird, weit mehr als ein Schreibtischhengst zu stecken.


Bond-Ladys

Sie werden als „production values“ nach wie vor ähnlich gehandelt wie das Bond-Auto oder der jeweilige Titelsong. Trotzdem haben sich die Vorzeichen für den Frauenverschleiß von 007 geändert. Mit Vesper Lynd (Eva Green) bekam 007 in „Casino Royale“ eine Partnerin an der Seite, die ihn emotional so sehr aus der Reserve lockte, wie es seit Tracy (Diana Rigg) in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ (1969) keiner Frau mehr gelungen war. In Craig-Bonds Beziehung zu Frauen trübt seitdem eine bittere Note das Frauenheldendasein: Während der Agent einst am Ende eines Films stets in Gesellschaft einer schönen Frau zurückblieb, endet Craig-Bond als einsamer Wolf; die elegante Coolness, mit der die älteren Bonds den vorzeitigen Tod von Gespielinnen wegsteckten, ist einem Zynismus gewichen, der als Abwehrreaktion durchsichtig ist. Craig-Bond kann zudem mit Frauen zusammenarbeiten, ohne auf sie herabzusehen oder sie gleich flachlegen zu müssen. So mischen sich beim Zusammensein mit Vesper Lynd Behutsamkeit und Respekt ins flirtende Geplänkel, und Olga Kurylenkos Figur in „Ein Quantum Trost“ erscheint sogar eher Beschützer- denn Jagdinstinkte zu wecken. Und Moneypenny, die ewige Tippse? Sie wurde zur schneidigen Kollegin auf Augenhöhe befördert.

Lockte Bond emotional aus der Reserve: Eva Green als Vesper Lynd (Sony)
Lockte Bond emotional aus der Reserve: Eva Green als Vesper Lynd (© Sony)

Craig-Bond & Ian Fleming

Es war ein schöner Brückenschlag zwischen Innovation und „Back to the Roots“, als Bond in „Casino Royal“ einem Fall antrat, der mit den Umtrieben des Kapitalmarktgenies Le Chiffre die Finanzkrise vorwegnahm; gleichzeitig konnte „Casino Royal“ aber auch eine „Originaltreue“ für sich verbuchen; schließlich lieferte der erste Bond-Roman (1953) nicht nur den Titel, sondern auch die zentralen Handlungsstränge rund um Bond, Le Chiffre und Vesper Lynd. Ähnliches gilt für die Andeutung einer dubiosen Organisation, die im Hintergrund die Fäden zieht. Fleming lieferte dafür die Basis (in Form von SMERSH, einem russischen Anti-Spionage-Netzwerk), und die Filmautoren machten daraus das moderne Angstbild eines „Corporate Evil“, einer geheimen Verschwörung aus Wirtschaft/Politik/Militär/Geheimdiensten, wie man ihm seit den 2000er-Jahren in gefühlt jedem zweiten Thriller begegnet. Mit „Ein Quantum Trost“ beriefen sich die Autoren dann zwar auch noch auf den Titel einer Ian-Fleming-Vorlage (interessanterweise eine kleine Bond-Erzählung, die gar nichts mit Spionage zu tun hat, sondern als „Geschichte in der Geschichte“ von einer schmerzhaft scheiternden Ehe berichtet); doch sie entwickelten die Handlung völlig frei – und lieferten zum ersten Mal in der Bond-Reihe ein veritables Sequel zu einem Vorgängerfilm, das punktgenau an dessen Ende ansetzt und dessen Konflikt weiterspinnt. Mit „Skyfall“ wurde dann nicht einmal mehr ein Fleming-Titel bemüht. Und die Bond-Figur selbst? Flemings Vorlage entspricht durchaus Daniel Craigs Modifizierung des Gentleman-Images, das vor allem Roger Moore und Pierce Brosnan betont haben, hin zu einer sozial schwer verortbaren Figur. Der Romanheld gilt als klassischer Macho; Craig-Bond liefert eine modernisierte Version, die mit einer starken weiblichen Vorgesetzten und Bond-Girls, die sich nicht mehr so einfach „konsumieren“ lassen, zurechtkommen muss. Allerdings hat Fleming durchaus einige der Charakteristika angelegt, die man an Craig-Bond schätzt. Etwa die Verletzbarkeit. Flemings Bond bleibt nicht in allen Romanen der „coole Hund“, sondern lässt sich durchaus emotional berühren, sei es von der Verstümmelung seines CIA-Kollegen Felix Leiter in „Leben und sterben lassen“, vom Tod eines Bond-Girls wie Vesper Lynd oder aber von Momenten des Selbstzweifels und der kritischen Reflexion seines Gewerbes. Auch Bonds unverbesserliches Frauenhelden-Gehabe, das in den meisten älteren Bond-Filmen mit Sean Connery, Timothy Dalton und Roger Moore genüsslich zelebriert wird, wird bei Fleming etwas relativiert. So bandelt Bond in „Moonraker“ mit einer Scotland-Yard-Dame an, die ihn zum Schluss für einen Kollegen schnöde sitzenlässt; und im Roman „Goldfinger“ verliert er sein Bond-Girl sogar an die bisexuelle Bandenchefin Pussy Galore.


Deutsche Schurken

Sie konnten sich in Ian Flemings Romanen nicht mit ihrer Niederlage in zwei Weltkriegen abfinden und griffen unverfroren nach der Weltherrschaft, bis sie in Bond ihren Meister fanden. Deutsche Schurken und Schurkendarsteller waren in den Bond-Filmen stets beliebt, sei es der gemeingefährliche „Goldfinger“ von Gert Fröbe, der meeresvernarrte Stromberg von Curd Jürgens in „Der Spion, der mich liebte“ – und auch in russischen Diensten tummelte sich selbstredend so mancher deutsch anmutender Gauner wie General Ouromov (Gottfried John) in „GoldenEye“. Am natürlichsten fügten sich teutonische Schurken in die Führungsetagen der internationalen Verbrecherorganisation SPECTRE ein: Deren Chef Ernst Stavro Blofeld hat ebenso deutsches Blut wie der Deutsch-Chinese Dr. Julius No in sich; zudem dient der Organisation eine erstaunlich hohe Zahl kaltherziger deutscher Killerinnen von Rosa Klebb (Lotte Lenya) in „Liebesgrüße aus Moskau“ über Helga Brandt (Karin Dor) in „Man lebt nur zweimal“ bis zu Irma Bunt (Ilse Steppat) in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät. Durchaus standesgemäß also, dass sich im „Spectre“-Film erneut ein Deutscher (Christoph Waltz) als Leiter der Organisation entpuppte, der im Kampf gegen Bond endlich etwas auszurichten versuchte. Dass es aber auch anders geht, beweist die einzig positive Figur der Reihe, die mit einem Deutschen besetzt wurde: Der gebürtige Bonner Walter Gotell mimte von 1977 bis 1987 den KGB-Chef Gogol – an sich auch er ein Widersacher Bonds, doch im Grunde ein aufgeschlossener, sympathischer Mann mit viel Verständnis für seine britischen Gegner.


England und der MI6

In dem Assoziationstest, den Bond in „Skyfall“ im Rahmen seiner psychologischen Überprüfung machen muss, antwortet er auf „country“ wie aus der Pistole geschossen „England“. Craig-Bond mag in vielerlei Hinsicht eine gebrochene Figur sein; ungebrochen ist jedoch seine Loyalität zu seinem Heimatland. Bei dessen Autoritäten sieht es schon anders aus: Bonds Verhältnis zum MI6 und zu M, seiner/seinem unmittelbaren Vorgesetzten, hat sich gegenüber früheren Filmen ebenso verkompliziert wie die des MI6 zu den Regierungsvertretern. Es steht von allen Seiten die Vertrauensfrage im Raum.


Felix Leiter

Auch ein einsamer Wolf wie James Bond kommt nicht ganz ohne Freunde aus, auch wenn sie eine ähnlich niedrige Lebenserwartung wie die Bond-Girls haben und wie René Mathis in „Ein Quantum Trost“ oft ein frühes, unrühmliches Ende finden. Am solidesten hat sich bei Fleming und in den Filmen die Freundschaft mit dem CIA-Agenten Felix Leiter erwiesen. Bei dem US-Kollegen kann Bond sich nicht nur über die Zumutungen bei der Arbeit beklagen, sondern sich im Ernstfall auch stets auf ihn verlassen. Die frühen Filme zeigten Leiter entweder als coolen Sonnyboy oder delegierten ihn zum Babysitter bei Bonds Abstechern in die USA – wo Bonds Befugnisse und seine Lizenz zum Töten an sich keine Gültigkeit haben. Erst die 1980er-Jahre entdeckten Leiter als gleichberechtigt an Bonds Seite kämpfenden Partner, was in „Lizenz zum Töten“ prompt die Ermordung von Leiters Frau und seine Verstümmelung nach sich zog. Danach erhielt er eine längere Auszeit kehrte erst in „Casino Royale“ und „Ein Quantum Trost“ wieder ins Bond-Universum zurückkehrte. In Gestalt des charismatischen Jeffrey Wright leistet Felix Leiter Bond dort moralische und am Casino-Tisch auch finanzielle Schützenhilfe. Nach Leiters Abwesenheit in „Skyfall“ und „Spectre“ kann die Freundschaft in „Keine Zeit zu sterben“ wiederaufleben.

Daniel Craig und Olga Kurylenko in "Ein Quantum Trost" (Sony)
Daniel Craig und Olga Kurylenko in "Ein Quantum Trost" (© Sony)

Globetrotter

Eine der Grundsäulen der Filmreihe, an die auch die Craig-Bond-Filme nicht rühren. M mag die Arbeit ihrer Agenten als „Kampf im Schatten“ bezeichnen, doch sie sehen stets eher nach Jet-Set-Dasein aus, so als wäre Bond kein staatlich lizensierter Killer, sondern ein Tourismusbeauftragter. „Skyfall“ war in dieser Hinsicht ein neuer Höhepunkt, wegen der großartigen visuellen Gestaltung: staubige Ockertöne in Istanbul wechseln mit satten Purpur- und Goldtönen in einem Casino im südchinesischen Macau, Blautöne und die Glasfassaden eines hypermodernen Hochhauses in Shanghai mit den gediegenen Grautönen klassizistischer Architektur im regnerischen London; einer aus Zivilisationsruinen bestehenden Insel, die der Superschurke Silva besetzt hat, steht die raue Natur der schottischen Highlands entgegen, in die Bond das Finale lenkt. Spätestens hier geht die Globetrotter-Schaulust allerdings ins Spiel mit der Symbolik von Räumen über; die Kulisse wird vom „eye candy“ zum Erzähl-Element.


Haifischbecken

Früher gehörte es in den 007-Filmen zum guten Ton: das Haifischbecken (oder wahlweise: Piranha-Becken) des Schurken als plastische Manifestation seiner skrupellosen Raubfisch-Natur. Die Basis dafür hatte Ian Fleming in dem Roman „Leben und sterben lassen“ etabliert, in dem sowohl die Haie als auch Piranhas blutig mitmischen. In den Craig-Bond-Filmen existieren die Haifischbecken im metaphorischen Sinne: Die Szene mit der Bregenzer Seebühne in „Ein Quantum Trost“ liefert ein geheimes Treffen menschlicher Monster, die deutlich macht, dass die Bösewichter dazugelernt haben. Denn die Haifische von heute tragen ihre Zähne nicht mehr offen im Gesicht; sie agieren im Dunkeln, getarnt als Stützen der Gesellschaft.


James

Wer ist der James hinter Bond? Der Mann hinter der „Waffe auf Beinen“? Eine Frage, die in dem Gros der älteren Filme wohlweislich außen vor blieb. Den Helden zu psychologisieren, indem man andeutet, wie er zu 007 geworden ist, könnte ja an der coolen Fassade kratzen. Die Filme hielten es damit so, wie es auch die meisten Romane von Fleming taten; ein James jenseits von 007 taucht höchstens am Rand auf. Ausnahme: Der Roman „Man lebt nur zweimal“, in dem ein Nachruf von M auf den angeblich verstorbenen Agenten biografische Angaben liefert. In den Craig-Bonds werden diese dankbar aufgegriffen, um den weichen Kern hinter der harten Schale von Craig-Bond auszumalen. In „Casino Royale“ werfen sich Bond und Vesper beim Kennenlernen ihre Erkenntnisse über die Herkunft des jeweils anderen an den Kopf (Waisenkinder!); in „Skyfall“ kommt Bonds Familiengeschichte inklusive des frühen Tods der Eltern in den schottischen Highlands ins Spiel.


Lizenz zum Töten

Auch wenn James Bond einen Killerinstinkt besitzt, darf er nicht einfach drauflostöten. Zu Beginn von „Casino Royale“ erwirbt sich Bond den Doppelnullstatus, indem er zwei Verräter eliminiert, und erhält damit auch die begehrte Lizenz zum (straffreien) Töten. Dass er diese nicht immer nur im Auftrag und zum Schutze Englands nutzt, stößt allerdings auch bei seiner Vorgesetzten M zusehends auf Befremden, ebenso wie die hohe Zahl der Toten, die seinen Weg säumen. Nicht auszuschließen, dass der von ihr befohlene Schuss am Anfang von „Skyfall“ den unterbewussten Drang verrät, 007 auch einmal spüren zu lassen, wie es sich anfühlt, wenn man zum Abschuss freigegeben ist.

Karin Dor und Sean Connery in "Man lebt nur zweimal" (United Artists)
Karin Dor und Sean Connery in "Man lebt nur zweimal" (© United Artists)

Product Placement

007 ist eine Werbe-Ikone für alles, was irgendwie mit Männern zu tun hat oder mit dem, wie sie gerne wären, jeder Bond-Film eine riesengroße Marketingkampagne. Statt „Im Dienst ihrer Majestät“ könnte es auch „Im Dienst von Sony, Heineken und Omega“ heißen; für „Skyfall“ sollen Lizenzverträge über mehr als 45 Millionen Dollar abgeschlossen worden sein. Bei anderen Filmen waren es sogar noch mehr. Bond, eine käufliche Schlampe? Ein gewisser Markenfetischismus war schon bei Fleming an der Tagesordnung, und das hatte durchaus Methode: Schließlich musste Bond die Vorzüge des kapitalistisch-konsumfreudigen Westens gegenüber den kommunistischen Spielverderbern vertreten. Diese ideologische Rechtfertigung besitzt Craig-Bond nicht mehr. Dass er sich trotzdem nicht aus den Netzen der Konzerne und Luxusartikel-Hersteller lösen kann, macht misstrauisch. Wahrscheinlich steckt „Spectre“ dahinter.


Q

Früher war Q ein freundlicher Mad Scientist mit lustigem Spielzeug. Doch das war vor Web 2.0, Mark Zuckerberg und „The Big Bang Theory“. Mittlerweile ist der Nerd der Mann der Stunde, und wenn man eine alte Heldenfigur nicht entsprechend zurechtbürsten kann (wie etwa „Sherlock“), dann muss man ihr immerhin einen achtbaren Nerd zur Seite stellen. In „Skyfall“ hat die Bond-Filmreihe entsprechend aufgerüstet und mit Ben Whishaw einen generalüberholten Q aus dem Hut gezaubert, der Bond beim ersten Treffen verbal zeigen darf, wo der Hammer hängt. Fehlt nur noch das eigene Spin-off: Q, wie er morgens per Computer die Welt rettet, vor dem Frühstück und im Pyjama.


Spectre

Bei Ian Fleming gab es zunächst SMERSH, eine Anti-Spionage-Einheit der Sowjetunion, die westlichen Agenten das Leben schwer macht. Später, ab „Thunderball“ (1961), trat eine andere Geheimorganisation in deren Fußstapfen: Spectre („Special Executive for Counter-Intelligence, Terrorism, Revenge and Extortion“) gehört keinem Land und keinem ideologischen Lager mehr an, allerdings gibt es eine gewisse personelle Verquickung mit den Nazis. Ähnlich wie „HYDRA“ in den Marvel-Comics ist „Spectre“ aber eine Chiffre für das strukturelle Böse, das immer wieder seine Facetten ändern kann. Im ersten Bond-Film, der „Spectre“ zum Titelhelden macht, darf zwar ein Mime aus dem deutschen Sprachraum traditionsbewusst den Oberbösewicht geben; anstatt des Faschismus steht jedoch (wie schon bei der „Quantum“-Gruppe aus „Casino Royale“ und „Ein Quantum Trost“) das „corporate evil“ global agierender Netzwerke aus Industrie, Politik und Finanzmarkt in der Kritik.


Titelsequenzen/Vortitelsequenzen

Bevor es offiziell losgeht, passiert immer schon etwas. Seit „Liebesgrüße aus Moskau“ gehören Vortitelsequenzen zu den Bond-Filmen dazu, die das Terrain abstecken und 007 auf seine zukünftige Herausforderung vorbereiten sollen. Diese Tradition der frühen Selbstbestätigung wird mit der persönlichen Betroffenheit von Craig-Bond in „Casino Royale“ und „Skyfall“ aber gebrochen: In „Casino Royale“ müht Bond sich mit seinen ersten Tötungsaufträgen ab, in „Skyfall“ machen ihm seine eigenen Verbündeten einen Strich durch die Rechnung, als er einmal mehr alles bei der Verfolgung eines Schurken gibt. Geblieben ist immerhin der Moment der Entspannung: Zum Bond-Song führt der Vorspann in „Skyfall“ kunstvolle Animationen vor, die rund um wiederkehrende Motive wie Frauenkörper, Pistolen, Feuer und Wasser die wichtigsten Elemente des Folgenden umreißen.

Daniel Craig und Léa Seydouy in "Keine Zeit zu sterben" (Universal Pictures)
Daniel Craig und Léa Seydoux in "Keine Zeit zu sterben" (© Universal Pictures)

Verfolgungsjagden

Sie gehörten zu Lande, im und unter Wasser oder in der Luft weiterhin fest zum Bond-Universum. Die Zeiten, als Autos sich in U-Boote (und später wieder zurück-)verwandelten, sind zwar vorbei. Zur Not wird aber immer noch alles zur Verfolgung genutzt, was gerade zur Hand ist, so wie beim Baggereinsatz auf dem Zug in „Skyfall“. Auch wenn Craig-Bond sich ähnlich wie seine Vorgänger aufs tollkühne Steuern von Autos, Motorbooten oder Flugzeugen versteht, scheint ihm die Verfolgung zu Fuß am meisten zu liegen. Der Adrenalinstoß beim Nachsetzen auf Baustellen und Flughäfen hilft ihm jedenfalls sichtlich über die Grenzen seiner körperlichen Gewandtheit hinweg.


Wodka Martini

Lange verkannt als simpelste Form der Barkeeper-Beschäftigung („geschüttelt, nicht gerührt“), ist Bonds Lieblingscocktail seinem Wesen nach sorgsam komponiert – und zudem nach seiner Geliebten Vesper benannt. Von Fleming eigens für „Casino Royale“ entwickelt, wird der Cocktail aus Gin, Wodka und Kina Lillet seit 2011 tatsächlich in der offiziellen Aufstellung der „International Bartenders Association“ geführt, sicher auch eine Folge der Neuentdeckung im ersten Craig-Bond. Dort verführt Bond fast die gesamte Tischgesellschaft zum Probieren der Neukreation und zeigt sich auch selbst von dem bitteren Geschmack angetan. Freilich nur, solange er nicht am Spieltisch eine wesentlich bitterere Erfahrung macht. Da verliert die Frage nach dem Schütteln oder Rühren dann ganz schnell jegliche Bedeutung.

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