© imago/Mary Evans (Abderrahmane Sissako)

Ein Ort der Hoffnung

Montag, 04.10.2021

Ein Porträt des mauretanischen Regisseurs Abderrahmane Sissako, der in diesem Jahr mit dem Konrad-Wolf-Preis geehrt wird

Diskussion

In den Filmen des mauretanischen Regisseurs Abderrahmane Sissako geht es immer auch um die Auswirkungen von Globalismus und Kolonialismus auf die afrikanischen Länder südlich der Sahara. Doch dabei bleibt sein Kino nicht stehen, weil es mit Witz und Humor nach einer gelebten Utopie sucht – und sei es wie in „Timbuktu“ ein Fußballspiel ohne Ball. Für seine große Kunst, das Politische mit dem Poetischen zu verbinden, wird Sissako mit dem diesjährigen Konrad-Wolf-Preis geehrt.


Acht junge Menschen sieht man auf dem Schwarz-weiß-Foto. Die einzige Frau, zentral positioniert mit einem Blumenstrauß, lächelt, die anderen nicht. Das Foto zeigt die ausländischen Studierenden am Moskauer Gerassimow-Institut für Kinematographie (WGIK), irgendwann in den 1980er-Jahren, vielleicht an einem Prüfungstag der Regie-Klasse. Abderrahmane Sissako, vorne rechts, mit Afro-Haarpracht, wirkt ernst und nachdenklich. Hinter ihm steht der Kommilitone aus Angola, Afonso Baribanga, um den es in „Rostov - Luanda“ (1998) geht.

Sissako lebte von 1983 bis 1989 in Russland. Man hört ihn im Off mit seiner damaligen Russisch-Lehrerin telefonieren, auf der Suche nach eben diesem Foto, das zu einem Leitmotiv von „Rostov Luanda“ wird. Sissako hat den Kontakt zu Baribanga verloren und hofft, ihn in Angola wiederzufinden. Der Film erzählt von der Reise durch das vom Bürgerkrieg gezeichnete Land, auf der Suche nach dem verlorenen Freund, und davon, wie Sissako ihn ganz am Ende wiederfindet, in einer Ostberliner Mietwohnung.


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Man sieht Baribanga kurz auf einem Balkon, dann schließt sich die Haustür und der Film ist zu Ende. Ein typischer Sissako-Schachzug in Sachen Dramaturgie, wie überhaupt die Arbeitsweise des Regisseurs in diesem frühen Film bereits klar zu erkennen ist. Sissako hat sie bis zu seinem bislang erfolgreichsten Film „Timbuktu“ (2014) zur cinematografischen Meisterschaft weiterentwickelt, die ihn zu der vielleicht wichtigsten Stimme des afrikanischen Gegenwartskinos macht. Weil seine Filme auf einer Meta-Ebene hinterfragen, was afrikanisches Kino eigentlich charakterisiert, wer was erzählt und wie und über wen.

In Cannes gab es für "Timbuktu" den Preis der Ökumenischen Jury (Arsenal)
In Cannes gab es für "Timbuktu" den Preis der Ökumenischen Jury (© Arsenal)

Dazu folgen hier einige Beobachtungen. Es geht um einige wiederkehrende Besonderheiten im Werk des 1961 in Mauretanien geborenen Regisseurs, der in Bamako aufwuchs, in Moskau studierte, lange in Paris arbeitete und heute in Nouakchott lebt, wo er gerade seinen neuen Film „La Colline Perfumée“ vorbereitet, der im nächsten Jahr gedreht werden soll - in Taiwan und in einem noch nicht bestimmten afrikanischen Land.


Das wiedergefundene Foto & das genaue Hinsehen

Es ist sicher kein Zufall, dass man das wichtige Foto in „Rostov - Luanda“ erst relativ spät im Film zu sehen bekommt - das erhöht die Aufmerksamkeit für das eine Bild, ermöglicht das genaue Hinsehen und eröffnet das Bewusstsein für die vielen Interpretationen und Assoziationen, die sich in ihm entdecken lassen.

Unterwegs durch Angola reicht Sissako das Bild immer wieder anderen Menschen, da er darüber eine Spur von Baribanga zu finden hofft. Das Betrachten des Fotos wird mit größter Sorgfalt inszeniert, etwa durch ein älteres Ehepaar am Küchentisch, das sich eine Brille „teilt“, damit beide genau hinsehen können. Oder via eines aus Brasilien stammenden Exilanten im Wohnzimmer, den das Bild anregt, über seine eigene Odyssee in Folge des Krieges und über die Zerrissenheit seiner Familie nachzudenken. Das Foto wird zum Ausgangspunkt für Erzählungen der Betrachter, die sich allmählich wie ein Puzzle zusammenfügen und die Geschichte eines Landes verständlich machen, das sich nach 30 Kriegsjahren wiedererfindet. Seinen Freund findet Sissako in Angola zwar nicht, dafür aber das, was er eigentlich suchte: Ich habe das Afrika gefunden, von dem Baribanga mir erzählte: den Ort, wo Hoffnung unter allen Bedingungen fortlebt.“

Ein Foto öffnete die Menschen: "Rostov - Luanda" (absolutMedien)
Ein Foto bringt die Menschen zum Sprechen: "Rostov - Luanda" (© absolutMedien)

Ähnlich wie mit diesem Foto verfährt Sissako in all seinen Filmen; er verlässt sich auf die Kraft von Bildern und Szenen, ohne sie mit Eindeutigkeiten im Erzählfluss zu funktionalisieren. In seltenen Close-ups von Gesichtern oder abgestellten Schlappen vor Hauseingängen oder beim Verweilen auf großartigen Landschaftsaufnahmen eröffnen sich stets eine Vielzahl von Deutungen. Manches erschließt sich - zumindest dem westlichen Zuschauer - nicht sofort, vielleicht, weil man sie nicht sofort verstehen soll oder kann.

Es gehört zu Sissakos cinematografischem Gespür, Bilder zu finden und Sequenzen zu komponieren, die so vielschichtig sind wie Allegorien. Einer seiner Lehrer am Gerassimow-Institut, Marlen Chuzijew, erkannte diese Fähigkeit früh und sagte nach seiner Abschlussprüfung, Sissako habe „Augen, die sehen und fühlen können“.


Abderrahmane Sissako - ein Kosmopolit und Pan-Afrikanist

Sissakos Biografie ist von Umtriebigkeit und ständigen Ortswechseln geprägt - seine Filme sind es nicht minder. Er ist das Gegenteil eines sesshaften Dorfchronisten mit eindeutiger Verwurzelung. Und das, obwohl sein Geburtsort Kiffa der Ausgangspunkt der Reise in „Rostov - Luanda“ ist - und im Hof seines Vaters „Bamako“ gedreht wurde. In beiden Filmen dienen diese Drehorte wie eine notwendige Verortung, um größere, geografische Bezüge herstellen zu können.

Tatsächlich spielen Sissakos Filme durchaus wiedererkennbar in Mali oder Mauretanien oder Angola, doch die Schauplätze wirken wie Essenzen eines transkontinentalen Afrikas, das extrem von Kolonialisierung und Globalisierung geprägt ist. Chinesen, Portugiesen und Libanesen tauchen in Sissakos Afrika so selbstverständlich auf wie in Filmen über New York. Vor allem Europa ist stets präsent, als Fluchtpunkt, Schreckensort oder Traumziel vieler Protagonisten und Darsteller, die dorthin gegangen und nur manchmal zurückgekehrt sind oder die sich aufmachen wollen.

Von den Auswirkungen der Globalisierung auf den afrikanischen Kontinent erzählt Sissako durch abrupt abgebrochene, gewaltsam umgeleitete Lebenswege, vom „brain drain“ und von denen, die zurückbleiben.

In „Bamako“ steht eine Gerichtsverhandlung von Bewohnern der Stadt gegen die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds im Zentrum. Während die Kläger und Klägerinnen dem Gericht von den katastrophalen Auswirkungen der von diesen mächtigen Organisationen forcierten Privatisierung im Rahmen der „Strukturanpassungen“ berichten, etwa vom Zusammenbruch des Transport - und Gesundheitswesens, läuft im Hintergrund der Familienalltag und die Arbeit in der Färberei weiter. Ein kranker Mann verfolgt in seinem Zimmer, das an den Hof grenzt, die Anhörung - für ihn gibt es kein bezahlbares Krankenhausbett mehr. Eine Hochzeitsgesellschaft stört den protokollarischen Ablauf des Gerichts. Die schöne Hausherrin hat an dem Prozess so wenig Interesse wie einige jugendliche Zuhörer auf der anderen Straßenseite - er langweilt sie, obwohl das Verhör ja eigentlich genau sie betrifft. Ein Lehrer wird in den Zeugenstand gerufen - und sagt nichts. Sein Schweigen dauert eine ganze Weile, aber niemand traut sich, es zu unterbrechen - weder das Hohe Gericht noch die Nebenkläger.

Spiegelbildlich: Die Dreharbeiten zu "Bamako" (Kairos)
Spiegelbildlich: Die Dreharbeiten zu "Bamako" (© Kairos)

„Bamako“ ist auf einer Ebene ein aufklärerisches Lehrstück, durchaus mit Witz und Sinn für Komik; bei aller Dramatik ist der Film zwischendurch auch eine „culture clash“-Komödie. US-amerikanische Repräsentanten als wortgewandte „Weltenlenker“ zwischen Wäscheleinen und Kindergebrüll agieren zu lassen, ist der gelungene Kniff einer Farce, die die Absurdität eines aus dem Ruder gelaufenen Nord-Süd-Wirtschaftssystems fast physisch erfahrbar macht.

Für die Dauer des Films versammeln sich Zeugen und Zeuginnen, die nicht nur über Mali sprechen, sondern Menschen aus ganz Afrika repräsentieren, die genau wie sie unter den erdrückenden Schulden, unter Korruption und brutalen Wirtschaftsbedingungen leiden. Der Film gibt ihnen eine Bühne, auf der sie sich und ihren Plädoyers Gehör verschaffen können.

Die Adressaten der Anklagen hat der Kosmopolit und Pan-Afrikanist Sissako aus aller Welt in seinen väterlichen Hof geholt. Mit einer Art Zerrspiegel gelingt es ihm, unsere groteske Weltordnung so zu reflektieren, dass den Zuschauern eigentlich nur die Revolte als naheliegendste Reaktion bleibt. „Bamako“ ist ein Film, der mit den Mitteln des Kinos gegen die Verdrängung Afrikas aus dem medialen Bewusstsein des Nordens aufbegehrt.


Musik, Rhythmen & das afrikanische Sprachengewirr

Ein immer wiederkehrendes Motiv in Sissakos Filmen sind Menschen an den unterschiedlichsten Orten Afrikas, die sich treffen, aber sich nicht verständigen können, weil sie keine gemeinsame Sprache haben. In „Warten auf das Glück unterrichtet ein kleiner Junge den im Dorf gestrandeten Abdallah in Hassaniya und lacht sich dabei scheckig über dessen komische Aussprache. In „Bamako“ singt ein älterer Mann im Zeugenstand seine Anklage in einer Sprache, die das Hohe Gericht wahrscheinlich so wenig versteht wie die westlichen Zuschauer, zumal bewusst keine Untertitel mitgeliefert werden. In „Timbuktu“ weiten sich die Verständigungsschwierigkeiten zu einem massiven politischen Problem aus - Sissako entwickelt die Dramaturgie des Films daraus. „Timbuktu“ erzählt von der neunmonatigen Besetzung der malischen Stadt im Jahr 2012 durch aufständische Tuareg, aus dem Bürgerkrieg in Libyen zurückkehrende Söldner und andere Al-Qaida-Islamisten. Das Sprachengewirr in der Stadt ist babylonisch: die Besatzer heuern Übersetzer an, um ihre drakonischen Scharia-Gesetze den multilingualen Bewohnern verständlich zu machen. Die einen verstehen das Arabisch der anderen nicht.

Als der Mord am Fischer Amadou rapportiert wird, brüllt der Befehlshaber den Uniformierten seiner „Police islamique“ an: Sag es auf Englisch, Dein Arabisch ist unverständlich.“ In dem quälenden Verhör, bei dem die Hauptfigur Kidane zum Tode verurteilt wird, reagiert der junge Vater unglaublich gefasst und sagt, dass er den Tod nicht fürchte, aber um das Leben seiner Tochter nach seinem Tod. Den islamistischen Richter, der ihm am Verhandlungstisch gegenübersitzt, überkommt kurz ein Anflug von Mitgefühl; ihm entschlüpft ein verständnisvoller Satz. Er bittet den Dolmetscher ausdrücklich, diesen für Kidane nicht zu übersetzen.

Wo Sprache versagt, weil sie nicht verstanden wird oder nicht ausreicht, setzt Sissako in seinen Filmen gerne Musik oder Gesang ein, die viel mehr Gewicht als ein „Score“ oder ein „Soundtrack“ bekommt. Sie wird zur eigenständigen Kommunikationsebene, der Sprache komplett ebenbürtig. In „Timbuktu“ gibt es eine Szene, in der ein Islamist sich vergisst, als er auf dem Dach einer Bewohnerin Musik hört und zu tanzen beginnt.

Ein Spiel ohne Ball: "Timbuktu" (Arsenal)
Ein Spiel ohne Ball: "Timbuktu" (© Arsenal)

Das islamistische Verbot, Musik zu machen, inszeniert Sissako als fundamentalen Angriff auf die Identität der Menschen in der Stadt. Dem jungen Rapper, der sich den Islamisten angeschlossen hat, verschlägt es die Sprache, als er für ein Werbevideo der Islamisten vor laufender Kamera bekennen soll, der religionswidrigen Beschäftigung abgeschworen zu haben.


Eine klare politische Haltung

„Timbuktu“ hat wie alle Filme Sissakos eine klare politische Haltung. Mit zuweilen schwer auszuhaltenden Szenen, vor allem der Steinigung eines nicht verheirateten Paares, oder dem Auspeitschen einer Frau mit 40 Hieben, nur weil sie gesungen hat, verurteilt der Film jenes islamistische Terrorregime, das das sufistisch geprägte Timbuktu für neun lange Monate in die Hölle auf Erden verwandelte. Doch „Timbuktu“ gewinnt seine emotionale Kraft nicht allein durch die Entscheidung Sissakos, uns diese Schrecken vor Augen zu führen. Er hat sich genauso dafür entschieden, die Islamisten während der im Film dargestellten Besatzung nicht als anonyme Bestien zu zeigen, die als feindliche Einheit agieren. Die Besatzer entwickeln sich im Verlauf des Films zu Individuen mit unterschiedlichen Charakteren, zu Menschen. Ihre unterschiedlichen Sprachen lassen diverse Biografien und kulturelle Herkünfte erahnen. Diese Differenzierung macht die unglaublichen Ereignisse jener Monate in Sissakos filmischer Darstellung so komplex, bedrohlich und messerscharf.

Im Spätsommer 2021 kommt man nicht umhin, „Timbuktu“ zu sehen, ohne an die aktuelle Situation in Afghanistan zu denken. Sissakos Film wagt sich mit den Mitteln des Kinos in eben jenes gefährliche Terrain vor, in das in Afghanistan in den vergangenen 20 Jahren offenbar nur wenige genau hingeschaut haben.

Die veraltete Trennung zwischen dokumentarischem und fiktionalem Filmschaffen spielte für Abderrahmane Sissako nie eine Rolle; professionelle Schauspieler und Schauspielerinnen agieren in seinen Filmen selbstverständlich neben non-actors, „Sets“ werden in vorhandene „Settings“ integriert - manchmal sogar vor laufender Kamera, wie etwa in „Bamako“. Sissako der Regisseur erscheint gelegentlich auch vor der Kamera - mal als Protagonist wie in „Rostov - Luanda“, mal als Darsteller wie in „Das Leben auf Erden(1998).

Verbindet Dokumentarisches und Fiktionales: "Das Leben auf Erden" (Haut & Court)
Verbindet Dokumentarisches und Fiktionales: "Das Leben auf Erden" (© Haut & Court)

In diesem Film fährt Sissako von Paris nach Mali, um in dem Dorf seines Vaters die Jahrtausendwende zu erleben. Man sieht ihn in einem sehr bunten Anzug durch die Straßen radeln, in einem Zimmer lesend und schreibend, ohne sich von der tickenden Uhr ablenken zu lassen. Überhaupt scheint das Dorf von dem bevorstehenden Millenniumswechsel nicht sonderlich agitiert, ganz im Gegensatz zur Nachrichtensprecherin, die im plärrenden Radio davon erzählt, was in Paris gerade los ist. In Sokolo dagegen müssen die Vögel dringend von den Reisfeldern vertrieben werden. Ein scheuer Geliebter will wiedergefunden werden. So mühelos, wie Sissako in diesem Film dokumentarische mit fiktiven Handlungsstränge verbindet, so organisch fügt er literarische, philosophische Zitate als weitere „Quellen“ in den Erzählfluss ein. Darunter auch immer wieder Sentenzen von Aimé Césaire.


Das Ohr am Boden, der Morgen in der Luft

Dessen berühmter Ausspruch „L’oreille collée au sol, j’entendis passer Demain“ (Das Ohr an die Erde gedrückt, höre ich das Morgen vorbeigehen) taucht gleich in zwei Filmen von Sissako auf und kann vielleicht als Schlüssel für dessen Arbeitsweise dienen. Die Produktionsrealitäten in afrikanischen Ländern zwingen Sissako – wie fast alle afrikanischen Filmschaffenden – zu beständiger Improvisation, zu einer anderen Arbeitsweise, als man sie etwa aus Europa oder den USA kennt.

Das er „Ohr am Boden“ dabei als eine Chance begreift, als ein Geschenk, alle möglichen Quellen als Inspiration wahrzunehmen und in seine Filme einzubauen, erweitert nicht zuletzt klassische Genre-Grenzen, die in den Filmen von Sissako immer schon zu eng schienen. In „Bamako“ läuft während der Gerichtsverhandlung auf dem Fernseher der Familie ein Western - mit Sissakos Freund Danny Glover, dem kongolesischen Regisseur Zeka Laplaine und anderen, die als „Cowboys“ wild umherballern. Diesen Film-im-Film darf man wohl auch als den künstlerischen Anspruch Sissakos verstehen, afrikanisches Kino anders zu erzählen, als wir es aus anderen Teilen der Welt gewohnt sind.

Die wahrscheinlich unterhaltsamste Szene im Oeuvre Sissakos findet in dem Film „Warten auf das Glück“ im Postbüro des Dorfes Sokolo statt. Ein rotes Telefon, das vom Postvorsteher verwaltet wird, wird von allen möglichen Leuten frequentiert. Ein Anruf kommt rein, der Anrufer wird über die Dauer informiert, die es braucht, den gewünschten Gesprächspartner vom Feld zu holen. Er soll dann in zehn Minuten wieder anrufen. Das Wählen, das Klingeln und das Entgegennehmen des Hörers nach Beendigung des Gesprächs, inklusive ihn auf die Gabel zu legen, ist als Ritual mindestens so bedeutsam wie das Gesagte.

Ein Blick für Szenen
Weder exotisch noch archaisch: "Warten auf das Glück" (© imago/Mary Evans)

Sissako hat eine besondere Vorliebe für Bilder und Szenen, in denen „moderne Technik“ in traditionelles Afrika-Ambiente crasht: die schrappligen Lautsprecher in der Dorfstraße von „Bamako“. Die trächtige Kuh, die in „Timbuktu“ getötet wird, heißt GPS. Die Glühbirne in „Warten auf das Glück“, die erst nicht leuchten will und dann erlöscht, als Maata in den Sanddünen stirbt. Sissakos versichert sich mit diesen immer wieder auftauchenden „Kontrasten“ in seiner Bildsprache gegen die Exotisierung der afrikanischen Schauplätze und verankert seine Filme fest in der Gegenwart. Das gelingt ihm, weil er die vordergründig sichtbare „technische Rückständigkeit“ nicht als Armut inszeniert, sondern in der kreativen Umnutzung der Apparate überall kleine Reichtümer entdeckt. Etwa, wenn Makan in „Warten auf das Glück“ auf seinem Abendspaziergang am Horizont in der Wüstenlandschaft ein Flugzeug landen sieht und dann auf seine Armbanduhr schaut. Nicht, weil er wissen will, wie spät es ist. Makan kennt die Ankunftszeit der Maschine und kontrolliert nur kurz, ob der Flugverkehr reibungslos abläuft.


Die geliebte Utopie

In „Rostov - Luanda suchte Sissako nach der Hoffnung in Angola, von der sein Kommilitone erzählte. Einer Hoffnung, die Kriege und Katastrophen überlebte, die Widerstand provozierte und sich gegen die Viktimisierung des Kontinents zur Wehr setzte. Gegen das Bild vom Armutskontinent, das der Rest der Welt so oft und mit fatalen Folgen auf Afrika und seine Bevölkerung projiziert. Wenn es ein Thema gibt, das sich durch das filmische Werk Sissakos zieht, dann ist es diese gelebte Utopie, nach der er sucht und von dem sein Kino immer wieder neu und immer anders erzählt. Als die Islamisten den Jugendlichen in „Timbuktu“ das Ballspielen verbieten, spielen sie trotzdem Fußball - ohne den Ball. Die Szene ist wunderschön choreografiert, eine ästhetische Revolte und eine Hommage an die besondere Fähigkeit vieler Afrikaner, auf jede nur erdenkliche Weise Widerstand zu üben, um in Würde weiterzuleben.

Nach der Teilnahme am Wettbewerb in Cannes ging „Timbuktu“ um die Welt, von Festival zu Festival. Sissako wurde in Fernsehstudios von New York bis Sydney eingeladen. Im Al-Jazeera-Interview fühlt er sich sichtlich unwohl bei Fragen der Journalistin, die von ihm „punchline“-Antworten zur Terrorbekämpfung erwartete. In die Enge gedrängt, sagt er: Ich kann keine seichten Filme machen.“ Zugleich wehrt er sich gegen die Rolle, als „Sprachrohr Afrikas“ vereinnahmt zu werden. Fast alle afrikanischen Filmemacher kennen und fürchten das: Weil in den meisten Ländern südlich der Sahara nur sehr wenige Filme produziert werden, geraten Regisseure, deren Filme internationale Aufmerksamkeit erringen, im Business schnell in die Rolle von Sportlern, die ihre Nationen bei den Olympischen Spielen vertreten.

Ein Kino, das Räume eröffnet: "Timbuktu" (Arsenal)
Ein Kino, das Räume eröffnet: "Timbuktu" (© Arsenal)

Sissako ist es nicht nur gelungen, sich und seine Filme davor zu schützen. Sein Kino eröffnet stattdessen Räume, für die nationale Grenzen komplett irrelevant sind. Die französische Regisseurin Valérie Osouf, die sieben Jahre im Senegal lebte, hat 2017 einen Dokumentarfilm über ihn gedreht: „Abderrahmane Sissako: Par-delà les territoires“. Der Prolog beginnt mit Osoufs Brief an den Regisseur, der diese besondere Fähigkeit Sissakos als überaus elegantes Kompliment formuliert: „Lieber Abderrahmane, ... Ich selbst suche immer noch nach einem Ort, wo ich beides sein kann: von irgendwoher kommend, von überall her kommend. Und diesen Ort - das weißt Du bereits - finde ich in Deinen Filmen.“

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