© Tatjana Turanskyj

Erinnerungen an Tatjana Turanskyj

Montag, 04.10.2021

Ihre Filme waren witzig und plakativ, wissend und manchmal auch ein wenig ratlos – Erinnerungen an die Filmemacherin und Produzentin Tatjana Turanskyj (27.7.1966-18.9.2021)

Diskussion

Die Filmemacherin, Autorin und Produzentin Tatjana Turanskyi (27.7.1966-18.9.2021) war eine Ikone des feministischen Filmschaffens, die von ihrem Spielfilmdebüt „Eine flexible Frau“ (2010) an die Zwänge und Widersprüche thematisierte, in denen sich Frauen in der heutigen Gesellschaft wiederfinden. Mit der von ihr mitgegründeten Initiative „ProQuote Film“ stieß sie wichtige Diskussionen innerhalb des deutschen Fördersystems an.


Geschmeidigkeit zählt nicht zu den Eigenschaften, mit denen die Frauenfiguren in den Filmen von Tatjana Turanskyj groß herauskommen. Zu kantig und rau für den Flow des flexiblen Kapitalismus, bekommen sie schnell Probleme: mit Arbeitgeberinnen und Kunden, mit Freundinnen und Kollegen und allen möglichen Menschen, die ihnen auf ihren holprigen Wegen begegnen. „An expert in crisis“, nennt sich Greta (Mira Partecke) in Turanskyjs Langfilmdebüt „Eine flexible Frau“ (2010). Schon ziemlich betrunken pöbelt sie den Satz eher heraus, als dass sie ihn sagt; er klingt nach einer Drohung, aber auch die Bitterkeit dahinter ist unüberhörbar.

Mit ihrer Mischung aus Widerspenstigkeit, Anpassungswillen und Sabotagelust gehört die arbeitslose Architektin, die keinen Fuß mehr in die Tür der neoliberalen Dienstleistungsökonomie bekommt und beim Billigjob im Callcenter fast das Sprechen verlernt, zu den ikonischsten Frauenfiguren des jüngeren – nicht nur feministischen – deutschen Kinos.


Ohne symbolischen Mehrwert

Ungeschmeidig zeigt sich Greta aber auch dann, wenn es darum geht, ihr Schlingern für eine emanzipative Antiheldinnen-Erzählung in den Dienst zu nehmen. Schließlich hatte es sich die Filmemacherin, Autorin, Produzentin und Aktivistin Tatjana Turanskyj zur Aufgabe gemacht, in ihren Arbeiten von den Verstrickungen und Widersprüchen zu erzählen, in denen Frauen sich in der heutigen Gesellschaft wiederfinden. Die Rolle der unflexiblen Frau hat sich Greta nicht selbst auf den Leib geschrieben, sie will ja arbeiten, Geld verdienen, teilhaben und in den Augen ihres Sohnes kein „Loser“ sein. Ihre Ambivalenz hat auch keinerlei symbolischen Mehrwert; dazu ist sie einfach auch nicht hip genug.

Widerspenstigkeit als Form: "Eine flexible Frau" (B-Film)
Widerspenstigkeit als Form: "Eine flexible Frau" (© B-Film)

Das Widerspenstige ist bei Turanskyj – gewollt, aber auch in Folge prekärer Produktionsbedingungen in einem Filmförderungssystem, das Kunst und Experiment für Betriebsfehler hält – auch eine Eigenschaft der Form. Ihre Filme, die mit absurd wenig Geld entstanden, sind voller Brüche und Unebenheiten; manches daran rumpelt und knirscht. Die Forderung nach mehr „Professionalität“, die sich Greta beim Bewerbungscoaching wiederholt anhören muss, wird in den Filmen in aller Ungeschmeidigkeit selbst ausgetragen.

Tatjana Turanskyj kam über Umwege zum Film. Ihre Biografie liest sich ähnlich brüchig wie die ihrer Figuren. Sie studierte Soziologie, Literatur- und Theaterwissenschaft, machte Theater und Perfomance-Kunst, arbeitete in der Werbung und war Mitbetreiberin der OK-GIRL$ Gallery. Mit dem Künstlerinnenkollektiv Hangover Ltd. (neben ihr waren das Christine Groß, Sophie Huber, Ute Schall, Claudia Splitt), das im Umfeld der Volksbühne aktiv war, entstanden so anarchisch-schillernde Filme wie „Petra“ (2003) und „Remake“ (2004). Der Einsatz des eigenen Körpers, die Rolle von Bühne, Kostümen (und Kostümwechseln), aber auch die Form des improvisierten, entfesselten Spiels verband die Performance-Kunst mit einem Begriff von Film, der das Bewegtbild wörtlich und umfassend verstand: als eine Bewegung von Körpern, Dingen, von Sprachmaterial und Stereotypen. Die Bezüge waren – unter anderem – Fassbinder, Cassavetes und lesbische Pornos.

Schon bei den Hangover-Projekten standen die Dynamiken und Machtverhältnisse zwischen Frauen im Vordergrund – „Petra“ etwa adaptierte und hysterisierte den Mythos um Fassbinders System aus Genie und Tyrannei, wobei verschiedene Weiblichkeitsbilder so exzessiv durchgespielt wurden, dass nicht mehr viel von ihnen übrigblieb.


Sanders, Ottinger, Frauen und Film

Nach der Auflösung der Gruppe suchte Turanskyj nach einer eigenen filmischen Sprache, eine Art zeitgenössisches Diskurs-Kino mit einem großen Gedächtnis für die Kämpfe und Errungenschaften ihrer Wegbereiterinnen. In ihren Filmen führen die Spuren erkennbar zu Helke Sanders „Die allseitig reduzierte Persönlichkeit“ (1977), zu Ulrike Ottingers „Bildnis einer Trinkerin“ (1979) und der Zeitschrift „Frauen und Film“, aber auch zu „Working Girls“ (1986), dem seinerzeit wegweisenden Porträt eines Bordellbetriebs von Lizzie Borden, öffnet sich ein Fenster.

Theoretische Referenzen fand Turanskyj in der feministischen, aber auch soziologischen Theorie: etwa bei Richard Sennett und Angela McRobbie. Mit der Lektüreerfahrung dieser und anderer Texte befasste sie sich in „Eine flexible Frau“ (2010) und „Top Girl oder La déformation professionelle“ (2014) mit Fragen der Emanzipation und der Dienstleistungsarbeit in der neoliberalen Ökonomie; der zusammen mit Marita Neher entstandene Film „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“ (2016) kreist vor dem Hintergrund von Migration und Sicherheitspolitik um das prekäre Verhältnis von Systemkritik und Privilegien.

Julia Hummer in "Top Girl oder La déformation professionelle" (Drop-Out Cinema)
Julia Hummer in "Top Girl oder La déformation professionelle" (© Drop-Out Cinema)

Turanskyjs Filme sind witzig und plakativ, wissend und manchmal auch ein wenig ratlos. Bei aller Kritik an patriarchalen Strukturen zeigen sie wenig Interesse daran, ihre Energie in auffallend misogyne Männerfiguren zu investieren; überhaupt spielen Männer – selbst in „Top Girl“, dem „Bildnis einer Sexarbeiterin“ – allenfalls eine Nebenrolle. Lieber schaute sie dorthin, wo Frauen sich zu Komplizinnen des „Systems“ machen – etwa wenn sich eine Schönheitschirurgin die Errungenschaften des Feminismus auf die Fahnen schreibt, um bei ihren „Schwestern“ für Vaginal-Operationen zu werben, oder wenn eine Casting-Agentin von der Schauspielerin Helena (Julia Hummer) verlangt, eine notgeile Frau auf Prosecco zu spielen, und dieselbe Helena als Sexarbeiterin dann ihrem besten Kunden für dessen Belegschaft ein sehr spezielles Jagdritual ausrichtet.


Kampf um Geschlechtergerechtigkeit

Turanskyj hatte auch einen genauen Blick für die Fragilität von Allianzen, die aus lauter Angst vor dem Verlust des „guten Bildes“ abrupt aufgekündigt werden. In „Eine flexible Frau“ fällt die Mitarbeiterin vom Jobcenter vorübergehend aus ihrer Rolle, solidarisiert sich und gibt sogar einen Schnaps aus ihrer Thermoskanne aus, um die Antragstellerin Greta dann aber umso überhasteter wieder aus ihrem Büro zu bitten. In einer anderen Szene wird eine Freundin plötzlich sehr ungemütlich, als Greta sich nach einem Job im Architekturbüro ihres Ehemannes erkundigt. Turanskyj wird wie „wir alle“ solche oder zumindest ähnliche soziale Formen und Deformationen in ihrem eigenen Alltag erfahren haben.

Dass mit der filmischen Arbeit ein Engagement in der feministischen Filmpolitik einherging, wirkt zwingend. 2014 gehörte Turanskyj zu den Gründerinnen von „Pro Quote Regie“, die sich für Geschlechtergerechtigkeit in der deutschen Filmindustrie einsetzt (seit 2018 „Pro Quote Film“). 2025, so die Vision, sollte sich die Initiative selbst abgeschafft haben, dann seien die Ziele erreicht: „Die bundesweiten Filmfördermittel gehen zu 50 Prozent an Frauen. Die Quote ist kein Thema mehr, Vielfalt und Diversität spiegeln sich im Fernsehen in den Förderentscheidungen.“

Die schizophrene Verbindung aus Emanzipations- und Anpassungsdruck, die auch im Filmsystem spürbar wird, bildet sich in Turanskyjs Arbeiten mitunter sehr unmittelbar ab. Ihr Kino ist jedoch nicht nur eines der lehrstückhaften Passagen, des agitatorischen Drives und der so hässlichen Wörter wie Coaching oder Agentpool. Es gibt darin auch Platz für Bach-Kantaten, Herrengedecke und merkwürdige Tänze auf dem Teufelsberg, für alkoholisierte Zustände und orientierungsloses Umherschweifen. Der Diskursfilm schließt die Emotion nicht aus. Als ich mir Turanskyjs Arbeiten im Juni im Rahmen der Werkschau im Arsenal 3 noch einmal ansah, war ich überrascht, wie sehr sie mich berührten. Frauen wie Greta, Helena und Lena sind keine abstrakten Modelle, sondern lebendige Figuren, die immer auch einen gründlichen Schmerz mit sich herumtragen.

Nina Kronjäger in "Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen" (Grandfilm)
Nina Kronjäger in "Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen" (© Grandfilm)

Im dritten Teil ihrer Trilogie zu „Frauen und Arbeit“ wollte sich die Filmemacherin, die seit dem Wintersemester 2020 auch an der HfG Offenbach lehrte, mit dem Komplex Frauen und Militär befassen. Den Film konnte sie traurigerweise nicht mehr machen und auch nicht all die anderen Dinge, die sie im Leben noch vorhatte. Am 18. September 2021 ist Tatjana Turanskyj gestorben.

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