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Serie: „Pose“

Dienstag, 05.10.2021

„Pose“ spielt im Ballroom-Milieu der 1980er- und 1990er-Jahre unter dem mehrheitlich latino- und afroamerikanischen Teil der queeren Community und feiert den „familiären“ Zusammenhalt in allen Farben und Facetten

Diskussion

Nach drei Staffeln endet die Serie „Pose“ über eine Gruppe von trans- und homosexuellen „People of Color“ im New York der 1980er- und 1990er-Jahre. Die Vielzahl an Geschichten aus der Ballroom-Szene beleuchtet den mehrheitlich latino- und afroamerikanischen Teil der queeren Community und dringt von konkreten Anlässen immer wieder zu universellen Fragen nach Identität, Geschlecht und Gemeinschaft vor. Eine Würdigung.


Die Kinder nennen Blanca „Mother“. Nicht weil sie ihre leibliche Mutter ist. Sondern weil sie Menschen in ihr Haus aufnimmt, die wie sie selbst von ihren Familien wegen ihrer sexuellen Identität oder Orientierung ausgestoßen wurden. Das Haus ist ein „Safe House“, eine heruntergekommene Wohnung mitten in Harlem. Die Metallhähne rosten und die Tapeten pellen sich von den Wänden. Blanca (MJ Rodriguez) aber hat dem Anwesen einen glamourösen Namen gegeben: House of Evangelista. So wie das weiße Supermodel. Doch weiß ist in Blancas Ersatzfamilie niemand. Alle Familienmitglieder sind latino- oder afroamerikanischer Herkunft. Die „Mutter“ hat ihre Kinder von den New Yorker Straßen der 1980er-Jahre aufgesammelt: Damon (Ryan Jamaal Swain), der unbedingt Tänzer werden möchte, Angel (Indya Moore), die sich als Prostituierte ihr Geld verdient, und Lil Papi (Angel Bismark Curiel), der heimlich mit Drogen dealt.

Im Laufe der Serie „Pose“ werden weitere Familienmitglieder kommen und gehen. Die „Familie“ ist hier ein sehr dynamisches soziales Konstrukt. Jede und jeder mit Außenseiterstatus erhält Zugang. Sie können gehen, sobald sie „erwachsen“ werden, oder sie müssen sogar gehen, wenn sie sich nicht an die Regeln von Mother Blanca halten. Diese lauten: keine Drogen, kein ungeschützter Sex. Stattdessen gesundes Essen, eine Ausbildung oder Arbeit, und vor allem: zu allen Bällen erscheinen und auftreten. Der Juror kündigt das Motto vor jeder Folge an: The Category is … Live, Work, Pose!

Der Ballroom ist ein weiteres Safe Space der queeren latino- und afroamerikanischen Community, innerhalb derer Blancas Haus im Wettbewerb gegen andere Häuser antritt. Es ist ein leerstehendes Theater. Auf der Bühne sitzt die Jury, auf der Orchesterfläche performen, tanzen und posen die nach Themen fantasievoll gekleideten Teilnehmer. Parodie und Persiflage auf die hetero-normierte Kleidung haben hier etwas mit Selbstermächtigung zu tun. Die Welt ist eine Bühne und das Leben eine einzige Performance.


Judith Butler und ihr „Gender Trouble“

Zur Blütezeit der „Ballroom“-Szene erschien 1990 der wissenschaftliche Meilenstein „Gender Trouble“ von Judith Butler, in dem die nicht-binäre Philosophin forderte, Geschlechtsidentitäten zu vervielfältigen und zu verwirren, um so das binäre Machtgefälle in Kultur, Sprache, Politik und Ökonomie zu überwinden. In der Grenzüberschreitung der Geschlechternormen sieht Butler ein Ideal, das sich im Ballroom verwirklicht. Blanca erklärt es dem Neuankömmling Damon einmal so: „Bälle sind eine Versammlung von Menschen, die nirgendwo anders willkommen sind – eine Feier des Lebens.“ Die Serie „Pose“ erweckt eine marginalisierte Subkultur der 1980er-Jahre zum Leben, der filmisch bereits 1990 ein Denkmal gesetzt wurde. Als Vorlage diente der Dokumentarfilm „Paris is Burning“ von Jennie Livingston. Dieser dem New Queer Cinema zugerechnete Film ist in seiner Form weitaus kantiger als die glatt geschliffene Serie. Beide Produktionen haben aber dasselbe Ziel: Aufmerksamkeit auf eine Szene zu lenken, die im Mainstream bis dato nicht genug oder falsch repräsentiert wurde. Etwa durch das „Voguing“, einen Tanzstil, der durch das Musikvideo „Vogue“ von Madonna zumeist mit der weißen Sängerin verknüpft ist, weniger mit den latino-, afroamerikanischen und queeren Ursprüngen.


Um diesen Vorwurf zu umgehen, hat der Showrunner Ryan Murphy Darsteller und Filmcrew entsprechend divers besetzt. Nicht nur vor der Kamera spielen queere Schauspieler*innen mit nicht-weißem Background, sondern auch in der Produktion sind Kreative beteiligt, die in der US-Medienbranche sonst eher selten zum Zug kamen. Janet Mock ist beispielsweise die erste Transfrau of color in einem Writers’ Room einer Hollywood-Serie. Außerdem ist sie als Produzentin und Regisseurin beteiligt. Zwar konnte man in den letzten Jahren beobachten, dass immer mehr LGBTQ-Charaktere in Prestigeproduktionen der Fernseh- und VoD-Plattformen zentrale Rollen spielten, doch die überwiegende Mehrheit der Transmenschen in Serien wie „Transparent“, „Stadtgeschichten“ oder „Dispatches from Elsewhere“ wurden mit weißen Schauspieler*innen besetzt. Intersektional zu denken, also dass man aus unterschiedlichen Gründen mehrfach diskriminiert werden kann, ist erzählerisch herausfordernder als lediglich einen Konflikt zu behandeln.


Black Trans Lives Matter

Als sich Angel beispielsweise um einen Job in einem Juweliergeschäft im Trump Tower bewirbt, wird sie von der Inhaberin harsch abgewiesen: „Wir stellen niemand ein!“ Ob der wahre Grund darin liegt, dass Angel offensichtlich eine dunklere Hautfarbe hat oder dass sie weniger offensichtlich keine „Cis“-Frau ist, bleibt erschreckend uneindeutig. Ein anderes Mal wird Blanca wegen ihrer Transsexualität aus einer Schwulenbar geworfen. Sie protestiert mehrmals gegen den Betreiber, hat aber keine Chancen. Die Situation wiederholt sich auf ähnliche Weise in Staffel 2. Darin hat Blanca immer wieder mit der Skepsis einer reichen weißen Upperclass-Lady zu kämpfen, die als Vermieterin von Blancas Nagelstudio ihr das Leben unnötig schwermacht.

Dass die Serie mit der „Black Trans Lives Matter“-Bewegung von 2020 zeitlich zusammenfällt, mag ein Zufall sein, doch es zeigt auf, dass es mittlerweile ein öffentliches Bewusstsein für doppelt Diskriminierte gibt. Als es im selben Jahr zu den „Black Lives Matter“-Protesten kam, forderten queere Aktivist*innen, den Fokus auf Opfer zu erweitern, die keine „Cis“-Identität haben. Eine Statistik aus dem Jahr 2019 belegte, dass die meisten ermordeten Transgender in den USA mehrheitlich „People of color“ waren. Die doppelt oder vielfach diskriminierten Menschen fallen in der Mehrheitsgesellschaft öfters und leichter zwischen die Stühle.


Ein Leben im anderen Körper

Genau das versucht die Serie „Pose“ aufzuholen. Die erste Staffel setzt sich grundlegend mit den Themenkomplexen Identität, Körper und Sexualität auseinander. Da gibt es die jungen schwulen Charaktere wie Damon, der sich in den Tänzer Ricky verliebt, erste sexuelle Erfahrungen macht und Missgeschicke erfährt. Entgegen Blancas Rat haben die zwei Jungs unverhütet Sex. Tage später bekommt Damon Fieber. Die Panik vor AIDS ist groß. Der Virus schwebt wie ein Damoklesschwert über der queeren Szene. Blanca erfährt, dass sie HIV-positiv infiziert ist, genau wie der ältere Ballroom-Juror Pray Tell (Billy Porter). Beide behalten die Nachricht für sich. Zu groß ist die Scham, noch weiter ausgegrenzt zu werden oder das House und die Familie im Stich zu lassen.

Zu den transsexuellen Charakteren im engeren Kreis zählen Blanca, ihre Ziehmutter Elektra (Dominique Jackson) und die jüngere Angel. Alle drei haben noch mit anderen Herausforderungen als ihre männlichen Familienmitglieder zu kämpfen; allen voran mit der Transition, also der geschlechtsangleichenden Operation, was ein sehr kostspieliges Unterfangen sein kann. Elektra verlässt sich auf einen reichen Geldgeber, der sie nach einer Operation sexuell nicht mehr attraktiv finden würde. Als Elektra ihm trotzdem Geld stiehlt, trennt er sich von ihr und entzieht ihr damit ihre komplette Lebensgrundlage inklusive ihres glamourösen Lifestyles. Reumütig kommt sie zu Blanca zurück, die ihre frühere Mutter trotz Rivalität und Streitigkeiten bei sich aufnimmt. Familie bleibt eben Familie.


Ein weiterer Erzählungsstrang wirft eine ganz andere Identitätsfrage auf. Stan (Evan Peters) ist der Inbegriff des Typs Mann der Reagan-Ära: Familienvater, Vorstädter und Geschäftsmann. Außerdem weiß, wohlhabend und hetero. Als er Angel auf dem Straßenstrich trifft und sich traut, sie auf ein Hotelzimmer mitzunehmen, beginnt er sein bisheriges Leben zu hinterfragen. Sie haben keinen Sex, sondern liegen nebeneinander und reden auf dem Bett. Es entsteht eine Intimität, die sich in eine Liebesaffäre wandelt. Die beiden begehren sich gegenseitig, und doch ist keiner mit sich selbst zufrieden: „Was willst du vom Leben?“ – „Das hat mich noch niemand gefragt. Ich will mein eigenes Haus, und eine Familie. Ich möchte mich um mich selbst kümmern. Und ich möchte mich um jemanden anderen kümmern. Außerdem will ich wie jede andere Frau behandelt werden.“ Stan bewundert Angel für ihre sexuelle Freiheit, und Angel bewundert Stan für sein Familienleben. Beide wollen das, was die oder der andere hat, ihre Liebe bleibt trotz der emotionalen Verbindung unvereinbar mit der sozialen Wirklichkeit.


Individuum vs. Community

In Staffel 2 droht das Beziehungsgeflecht der Evangelista zu zerfallen. Die queere Community durchlebt dunkle Zeiten. Anfang der 1990er-Jahre erreichte die AIDS-Epidemie ihren Höhepunkt. Zeitweise spielt die Serie genauso oft auf Beerdigungen wie im Ballroom. Zwar formiert sich mit der Act-Up-Bewegung ein Widerstand, um unter anderem gegen die kirchliche Diskriminierung von Safe Sex zu protestieren. Doch nicht alle beteiligen sich mit dem gleichen Eifer. Es kommt zum Streit zwischen Pray und Elektra. Er wirft ihr vor, sich nur um die Trophäen zu kümmern und weniger um die Kranken und Toten. Die Auseinandersetzung steht exemplarisch für zahlreiche Konflikte in Staffel 2, die die Frage stellt, wie viel Selbstverwicklung möglich ist, ohne die eigene Minderheitengemeinschaft zu vernachlässigen.

Blanca eröffnet ihr eigenes Nagelstudio. Damon und Ricky verfolgen (getrennt) ihre Tanzkarrieren. Angel geht einen neuen, wenn auch steinigen Weg als Supermodel. Lil Papi wird ihr Manager (und fester Freund). Elektra beweist sich als professionelle Domina. Alle Figuren versuchen sich beruflich neu zu orientieren oder weiterzuentwickeln. Doch die zeitliche Investition geht auf Kosten der Community und des Hauses. Damon geht auf Tournee, Angel und Lil Papi ziehen aus, Elektra gründet wieder ein eigenes Haus. Blanca, Pray und später auch Ricky leiden unter HIV-Infektionen. Außerdem wird Candy, eine Transfrau der Ballroom-Szene und Prostituierte, in einem Hotelzimmer ermordet. Der Zusammenhalt in der Community ist zu diesem Zeitpunkt gefragter denn je.

Die schönsten Szenen in Staffel 2 sind jene, in denen alle zusammenkommen. Im Krankenhaus veranstalten Pray und Blanca ein Benefizkonzert für die Patienten. Im Krematorium und später im Ballroom erscheint der Geist der toten Candy und singt lippensynchron zu „Never Knew Love Like This Before“. Mit hoffnungsvollen Songs und kunterbunten Auftritten blühen alle in der Gegenwart des Todes auf.

„Pose“ ist mit Blick auf die Ausstattung ein Fest der extravaganten Kostüme und wagt gelegentlich Ausschweifungen Richtung Musical, ohne die Vergangenheit zu verklären. Freude und Traurigkeiten, Leben und Tod liegen hier oft sehr nah beieinander.



Familien aller Farben und Facetten

Tragischerweise setzt sich das Sterben auch in Staffel 3 fort. Gleich in der ersten Folge ist Cobby, ein Freund eines anderen Hauses, zu sehen, wie er bleich und abgemagert im Krankenhaus liegt und von Blanca versorgt wird. Blanca hat eine Arbeit als Krankenschwester angenommen. Sie ist die Figur mit dem größten Herz der Serie. Kurz vor Cobbys Tod trommelt sie seine leibliche Mutter und seine Ersatzfamilie zusammen. Bis zu den letzten Atemzügen teilen sie ihre gemeinsamen Erinnerungen. Wie alle um das Krankenbett sitzen, ist ein versöhnliches und hoffnungsvolles Bild der Blut- und Wahlverwandtschaft, das von der Überwindung der gesellschaftlichen Diskriminierung erzählt.

Aber nicht alle kommen mit der Anwesenheit des Todes klar. Pray ertränkt seinen Frust mit Alkohol. Angel greift zu härteren Drogen, um ihre deprimierende Arbeitslage als Model zu vergessen. Neben der AIDS-Epidemie setzen Alkohol, Crack und Heroin der Ballroom-Szene zu. Blanca schafft es zwar, die Familie immer wieder zu versammeln, doch Pray weist das gesammelte Geld für eine Entzugsklinik zurück und beleidigt im Rausch seine Freunde.

Geld und Anerkennung sind generell zwei Themenkomplexe, die in der dritten Staffel einen wichtigen Platz einnehmen. Blanca muss ihre Identität vor ihrer skeptischen Schwiegermutter, einer wohlhabenden und gebildeten Afroamerikanerin, verteidigen. Und Blancas neuer Freund legt die Kaution für Elektra aus, mit der Folge, dass sie das Gefühl hat, ihm etwas zurückzahlen zu müssen. Doch gerade darum geht es in der alternativen Familie: um Schulden und Schuld auf sich zu nehmen. Ein konkurrierendes Haus hat dagegen andere Absichten. Deren Mitgliedern geht es im Ballroom nur ums Preisgeld. Sie fordern die Evangelista heraus. In ihrer Preisrede ruft Blanca dem Publikum den eigentlichen Grund des ganzen Spektakels ins Gedächtnis. Der Abend steht unter dem Gedenken an Cobbys Tod und dem Tod vieler anderer geliebter Menschen. „Pose“ ist eine Serie, die Familien in all ihren Farben und Facetten zelebriert, und die darin erinnert, wieso es wert ist, das alles zu erhalten.

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