© joon film ("Maman Maman Maman")

Aus der ersten Person #18: „Maman Maman Maman“ (2019) von Lucia Margarita Bauer

Mittwoch, 06.10.2021

In dem mittellangen Film „Maman Maman Maman“ versucht die Regisseurin Lucia Margarita Bauer, Schichten, Spuren, Stimmen und Überlagerungen ihrer Familie in einer überfordernden Gleichzeitigkeit spürbar zu machen

Diskussion

Autobiografische Familienfilme sind meist chronologisch oder linear aufgebaut. In dem mittellangen Film „Maman Maman Maman“ versucht die Regisseurin Lucia Margarita Bauer hingegen, die Schichten, Spuren, Stimmen und Überlagerungen ihrer Familie in einer überfordernden Gleichzeitigkeit spürbar zu machen.



Die historische Abbildung einer Totenbettszene, aus dem Off Stimmen, die durcheinanderreden, dazu Opernmusik aus dem Radio. Jemand sagt: „Sehe ich aus wie ein Menschenfresser?“, und die Filmemacherin fragt sich, ob die Kamera überhaupt an ist. Irgendwo dazwischen kommen noch mit Sternchen versehene Titel und Zwischentitel ins Bild, doch die Fußnoten zu den Zeichen liegen irgendwo unsichtbar verborgen zwischen den Falten und Verknitterungen des Films, der im weitesten Sinn um den Tod von Babet Berger, der Großmutter der deutsch-französischen Filmemacherin Lucia Margarita Bauer, kreist.


Eine Form für die Vielfalt

Bevor ich „Maman Maman Maman“ gesehen habe, war mir gar nicht aufgefallen, wie linear – und horizontal – autobiografische Familiengeschichten üblicherweise erzählt werden. Wie sehr sie ihre Aufgabe darin sehen, aufzuräumen, zu chronologisieren und das chaotische Gebilde Familie erzählbar zu machen. Lucia Margarita Bauer versucht dagegen eine Form zu finden, all die Schichten, Spuren, Stimmen und Gesichter, die angehäuften Dinge und Bilder und Ablagerungen, die eine Familie ausmachen, in einer überfordernden Gleichzeitigkeit spürbar zu machen. Wenn eine redet, hört man dazu stets ein Geräusch: Motorflugzeuggeknatter, Musik. Meistens redet aber nicht nur eine oder einer, sondern viele. Das wiederum hat mit der Familie von Bauer zu tun, die wie eine etwas schräge aristokratische Restgruppe aus einem Roman des 19. Jahrhunderts wirkt.

Die Großmutter Babet Berger in "Maman Maman Maman" (joon film)
Die Großmutter Babet Berger in "Maman Maman Maman" (© joon film)

Bühne und Schauplatz des Films ist das stattliche Anwesen, das sich seit 15 Generationen im Besitz der Familie befindet. Mittlerweile ist es ein wenig heruntergekommen und rumpelig. Die Familienporträts an den tapezierten Wänden hängen krumm und schief, an den Fensterrahmen blättert der Lack ab, auf einem gedrechselten Regal steht eine olle Kaffeemaschine herum. Während der Sommerferien füllt sich das in Preuilly, in der Mitte Frankreichs gelegene Schloss – auch Chateau Maman genannt –, mit Tanten, Onkeln, Cousinen, Cousins, Nichten und Neffen irgendwelchen Grades. Die Alten sitzen mit Stützstrümpfen in ausgeleierten Liegestühlen im Garten, ein Onkel, der im Krieg fünf Jahre in Gefangenschaft war, ruft „Ich bin ein Greis“ aus dem Fenster, ein junger Mann singt „Que sera sera“, ein anderer spielt Harfe. Wer hier wer ist und wie mit wem verwandt, wird nicht erklärt und ist auch nicht wichtig. Nur Maman ist gut erkennbar und immer wieder mal prominent in Szene gesetzt.


Der Baum & Jeanne d’Arc

Am Anfang sitzt sie mit großem Strohhut auf einem Rollstuhl unter einer toten Eiche und soll erzählen, was ihr der Baum bedeute. Sie hört schlecht. Stimmen hinter der Kamera rufen, der Baum habe Jeanne d’Arc gesehen, als sie auf dem Weg zu Karl VII. war.

Zwischen Familienfotos, Gemälden, Briefen, Super-8-Bildern, Handyaufnahmen der Cousinen und Werbefilmen für eine Anziehhilfe und einen Haar-Twister, zwischen so eleganten Namen wie Rose-Marie, Marguerite, Odette, Robert, Solange und leinengebundenen Buchcovern mit sprechenden Titeln („Geopsychische Erscheinungen“, „Le Misanthrope“ von Molière) kondensiert sich dann doch so etwas wie ein Plot mit kleineren Nebensträngen.

Zwischen Falten und Verknitterungen: "Maman Maman Maman" (joon film)
Zwischen Falten und Verknitterungen: "Maman Maman Maman" (© joon film)

Zuvor aber entfaltet sich zunächst ein leicht bizarrer Thriller um eine verrückte Gärtnerin namens Justine, die damit beauftragt wurde, ein Auge auf das Anwesen zu haben. Eine Kaminuhr verschwand, später auch ein Traktor, und die Mutter der Gärtnerin fand man stranguliert auf. Übergangslos geht es weiter mit der schwäbelnden Sprecherstimme eines Fernsehbeitrags über den Ort Altheim in Biberach. Hier hat Babet Berger die letzten sechs Monate ihres Lebens bei ihrer Tochter, der Mutter von Lucia Margarita Bauer, verbracht. Der letzte Teil des Films feiert den Abschied der Großmutter in Form einer slapstickhaften Geschichte um die Sargüberführung aus der Schwäbischen Alb zum Grab des Ehemanns.


Verbunden mit Maman

Die Leichtigkeit, mit der „Maman Maman Maman“ die versprengten Familienpartikel so zum Schweben bringt wie die winzigen Staubteilchen, die sich im Licht des Dachfensters in kosmischen Nebel verwandeln, schließt sich nicht aus mit einem tiefen Gefühl der Verbundenheit zu diesem schwer fassbaren Organismus Familie – und vor allem zu den innig geliebten Mamans.

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