© IMAGO / Everett Collection (Joaquim Pinto in „E Agora? Lembra-me“)

In die Körper geschrieben

Montag, 11.10.2021

Das Kino, die Wirklichkeit und ich (IV): Ein Essay im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums

Diskussion

Über eigene Krankheiten und den angegriffenen Körper zu schreiben oder sie filmisch zu dokumentieren und öffentlich zu machen, ist ein unabdingliches Mittel, um die Krankheit überhaupt erst sichtbar zu machen. In ihrem neuen Essay im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums beschäftigt sich Esther Buss mit Video-Tagebüchern, in denen die Erfahrung von Krankheiten geteilt wird.


„Mein Leben ist nicht außergewöhnlich. In einer Weile werde ich Staub sein. Eine Weile darauf werden HI- und Hepatitis-C-Viren von gestern sein, im menschlichen Genom schlummern, in harmlose Viren mutiert oder einfach ausgemerzt sein. Andere, vielleicht bereits im Entstehen, werden die Lücke wieder füllen.“

Joaquim Pinto


„Everything about being sick is written in our bodies first and sometimes written in notebooks later“, betont Anne Boyer. Als der amerikanischen Lyrikerin und Essayistin ein aggressiver Brustkrebs diagnostiziert wird, versucht sie sich die Krankheit schreibend begreiflich zu machen. The Undying. A Meditation on Modern Illness (2019) geht dabei weit über ihre eigenen Erfahrungen mit Schmerz, psychischen Krisen und den Mühlen der Medizin hinaus. Boyers Bericht ist eine persönliche Untersuchung von Krankheit im 21. Jahrhundert, die sich mit Verschwörungstheorien und der Kapitalisierung der heutigen Gesundheitsversorgung ebenso befasst wie mit literarischen Texten zu Krankheit, Überleben und dem nahenden Tod – etwa von Kathy Acker, Audre Lorde, Susan Sontag und Virginia Woolf. Eine Frage, auf die Boyer immer wieder zurückkommt, ist die nach der Übersetzung von Krankheit in Sprache. Sie spricht dabei die autobiografische Äußerung an, aber auch den medizinischen „Dialekt“, der in den Tiefen und Untiefen des Internets vor sich hinwuchert und die Wahrnehmung des eigenen Körpers bestimmt und verändert. „My fear wasn’t of cancer itself, about which I knew almost nothing then. My fear came from a search engine. I was afraid of what Google gave back to me when I entered ‚breast lump’ into it, afraid of the culture of disease as circulated on blogs and on discussion boards, afraid of how people were turned into patients with handles and signatures, agonies, neologisms, and encouragements. Mets. Foobs. NED. I was afraid, on the first day, for my vocabulary.“


Krankheit entmetaphorisieren

Auch Susan Sontag, die in den 1970er-Jahren zum ersten Mal an Krebs erkrankte, beschäftigte das Zusammenwirken von Krankheit und Sprache. Ihr Buch Illness as Metaphor seziert auf analytische – jedoch gänzlich unpersönliche – Weise das metaphorische Denken, das die Rede über Krankheit beherrscht: „Die kontrollierenden Metaphern in den Beschreibungen von Krebs sind tatsächlich nicht der Ökonomie entlehnt, sondern der Sprache der Kriegsführung: Jeder Arzt und jeder bemühte Patient ist mit dieser militanten Terminologie vertraut, wenn nicht schon dagegen abgestumpft. So vervielfachen Krebszellen sich nicht einfach, sie sind ‚invasorisch‘. [ ...] Die Rede von Belagerung und Krieg, wenn es sich um die Beschreibung einer Krankheit handelt, hat heute beim Krebs eine auffallende Wörtlichkeit und Autorität.“ Anstatt die Krankheit durch Psychologisierungen, die den Betroffenen letztlich die Verantwortung für die Erkrankung wie auch für die Gesundung übertragen, unter eine vermeintliche Kontrolle zu bringen, plädiert Sontag dafür, die „Realität“ der Krankheit anzuerkennen und zu erklären. Jede und jeder sei schließlich mit einer „doppelten Staatsbürgerschaft“ geboren, früher oder später würden wir uns wahrscheinlich alle – zumindest für eine gewisse Zeit – im Königreich der Kranken wiederfinden.

„Silverlake Life - The View from Here“ zeigt die letzten Monate eines männlichen Paares (© Kurztext)
„Silverlake Life - The View from Here“ zeigt die letzten Monate eines männlichen Paares (© Kurztext)

Während Sontag sich weigerte „Ich“ und „Krebs“ in einer Gedankeneinheit zu vereinen, wie Boyer feststellt, forderte die afro-amerikanische Schriftstellerin und lesbische Aktivistin Audre Lorde dazu auf, die Krankheit sprechend zu teilen. In The Cancer Journals dokumentiert sie aus eigener Erfahrung, was es bedeutet (als schwarze Frau) an Krebs zu erkranken und wie Rassismus sowie Klassen- und Geschlechterpolitiken auf dem Feld der Krankheit zum Ausdruck kommen. Sie erinnert sich etwa an die feindseligen Reaktionen, die ihr von Männern und Frauen gleichermaßen entgegenschlugen, als sie sich nach der Mastektomie gegen eine Brustprothese entschied und ihre Erkrankung damit sichtbar am eigenen Körper trug. Lorde spricht geradezu refrainartig davon, das Schweigen in Sprache und Handeln umzuwandeln, sie selbst fand Trost in der Gemeinschaft anderer Frauen: „I was going to die, if not sooner then later, whether or not I had ever spoken myself. My silences had not protected me. Your silence will not protect you. But for every real word spoken, for every attempt I had ever made to speak those truths for which I am still seeking, I had ever made contact with other women while we examined the words to fit a world in which we all believed, bridging our differences.“


Sprechen, Zeigen, Stören

„My rage is really about the fact that WHEN I WAS TOLD THAT I’D CONTRACTED THIS VIRUS IT DIDN’T TAKE ME LONG TO REALIZE THAT I’D CONTRACTED A DISEASED SOCIETY AS WELL“, ruft der 1992 verstorbene Künstler, Schriftsteller und Aids-Aktivist David Wojnarowicz in seinem Text Postcards from America. X Rays from Hell aus. Zu keinem Moment war das Öffentlichmachen einer Krankheit dringlicher, vehementer und von Politik und Gesellschaft so unterdrückt wie zu Zeiten der Aids-Krise. „Silence=Death“ lautete der Slogan der gleichnamigen Gruppe, die sich eineinhalb Jahre vor Gründung von „Act Up“ zusammenfand, um das Schweigen über die Repression und Vernichtung von schwulen Menschen zu durchbrechen. Jede – auch künstlerische – Äußerung, die den privaten Schmerz öffentlich machte, bedeutete eine Störung für die Gesellschaft, die von der Krankheit nichts wissen und sehen wollte und darauf hoffte, sie würde sich durch das schnelle Sterben im Verborgenen schon selbst abschaffen.


Körperprotokolle

Alles über das Kranksein wird zuerst in unsere Körper geschrieben und später manchmal auch in bewegte Bilder, ließe sich mit Boyer sagen. Die Umwandlung des Schweigens in Sprache und Handeln, das Teilen von Schmerz wie die Suche nach Darstellungsmitteln für körperliche Erfahrungen bestimmen auch die zahlreichen Video-Diaries über Krankheit. Die Erkrankung weiterzusagen, den angegriffenen Körper auszustellen und das Leiden und Sterben den Blicken der anderen auszusetzen, bedeutet immer auch eine Überschreitung. Verwundung und Schmerz sind intim, niemand verlangt danach, sie zu sehen, gleichzeitig gibt es wohl wenige Erfahrungen, die – erst recht mit dem Aufkommen von Videoportalen wie Youtube und der sozialen Medien – so viel und ausgiebig geteilt werden. Das Krankheits-Videotagebuch ist so gesehen auch ein Tätigkeitsfeld der Amateurfilmer – man muss dafür nicht zwingend Filmemacherin oder Filmemacher sein. Das Drehbuch schreibt die Krankheit selbst, sie ist Plot und Drama genug.

Eine posthume Hommage an den verstorbenen Onkel ist „Danny“ von Aaron Zeghers (© Aaron Zeghers)
Eine posthume Hommage an den verstorbenen Onkel ist „Danny“ von Aaron Zeghers (© Aaron Zeghers)

Nicht immer entsteht aus dem aufgezeichneten Material ein Film und manchmal auch erst posthum – wie etwa Danny (2019). Als der kanadische Filmemacher Aaron Zeghers die Aufnahmen seines Onkels entdeckte, der sich nach seiner Leukämie-Diagnose Anfang der 1990er-Jahre mit einer Videokamera aufnahm, montierte er sie zusammen mit Lewis Bennett zu einem fünfzigminütigen Film. Danny Ryder folgt darin jedoch weniger den Dramaturgien seines kranken Körpers als seiner zweifelnden Gedanken. Anders als die meisten (auch fiktionalen) Krankheitsgeschichten, die die verbleibende Zeit als etwas Rares und Kostbares erzählen, wird die Krankheit zum Anlass einer von Bedauern getragenen Rückschau auf ein verpasstes Leben. Der Film endet abrupt im Spitalzimmer. Danny monologisiert über seine geringen Überlebenschancen: „I don’t want to be melodramatic about it“, sagt er noch, dann bricht das Bild ab.


Uniforme Körper

Bei der Darstellung von Krankheit kommt das Kino schnell an seine Grenzen. Körperliches Leid lässt sich schwer erzählen, die Sprache der Abstraktion übernimmt, Röntgen- und MRT-Bilder, Laborwerte und Befunde reduzieren den Körper auf Licht und Schatten, Zahlen und fremd klingende Wörter. Auch die Motive und Orte der Krankheitsdokumentation sind definiert, Klinikzimmer, Spitalflure und Bett drängen sich als zentrale Schauplätze auf; Bilder von Medikamentenschachteln und Pillen, von medizinischen Apparaturen, Klinikpersonal und der auf ihre Körper zurückgeworfenen Kranken sind so redundant wie uniform. Die entindividualisierenden Effekte von Krebs beschreibt auch Boyer: „The cancer pavillon is a cruel democracy of appearance: the same bald head, the same devastated complexion, the same stereoid-swollen face, the same plastic chemotherapy port visible as a lump under the skin. The old seem infantile, the young act senile, the middle-aged find all that is middle-aged about them disappears.“

Wie Sontag in ihrem Folgewerk Aids und seine Metaphern (1989) feststellt, ist Krebs eine Krankheit im Raum, in der Geographie des Körpers – anders als Aids, für dessen Definition die Konstruktion einer zeitlichen Abfolge von Stadien entscheidend sei. In seinem autofiktionalen Roman Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat (der zum Skandal in der französischen Kulturszene wurde, weil das Buch Aids als Ursache von Michel Foucaults Tod enthüllte) spricht der an HIV erkrankte Fotograf und Schriftsteller Hervé Guibert von einer sehr langen Treppe, die sicher in den Tod führt, wobei jede einzelne Stufe eine „einzigartige Lehrzeit“ darstelle. Die Sichtbarkeit dieser mit außergewöhnlichem Leid verbundenen Stadien, das sukzessive Wenigerwerden des Körpers bis zum unausweichlichen Tod machen die frühen Selbstdokumentationen über das Virus zu erschütternden Zeugnissen.

Der Blick in den Badezimmerspiegel auf der Suche nach neuen Zeichen sei ein unausweichliches Ritual, erklärt Guibert zu Beginn von La Pudeur ou l’impudeur (1992), seinem einzigen Videowerk. Anders als Peter Friedmans und Tom Joslins Journal Silverlake Life: The View from Here (1993), das extrem nah, detailliert und emotionalisierend die letzten Monate eines schwulen Liebespaares dokumentiert, sucht er nach einer konzeptuellen Sprache zwischen Selbstporträt und Autofiktion, wenn er sich gleichzeitig als Autor und Protagonist in Szene setzt. Seine durch die Krankheit veränderte Wahrnehmung der Zeit spielt im Film eine wiederkehrende Rolle: „AIDS hat mir eine Zeitreise ermöglicht: Der Körper eines schwachen, erbitterten, alten Mannes hat meinen 35-jährigen Körper in Besitz genommen, ich bin 85 Jahre alt wie meine Großtante. Jeden Tag verliere ich die Fähigkeit, eine Geste auszuführen, die ich am Tag zuvor noch ausführen konnte. Ich kämpfe gegen die Uhr.“

Auch der französische Autor Hervé Guibert dokumentierte mit „La Pudeur ou l’impudeur“ seine AIDS-Krankheit (© Banco Productions)
Auch der französische Autor Hervé Guibert dokumentierte mit „La Pudeur ou l’impudeur“ seine AIDS-Krankheit (© Banco Productions)

In meist statischen Einstellungen sieht man Guibert bei undramatischen Handlungen. Er telefoniert, wartet auf die Blutabnahme, lässt sich massieren, macht Kniebeugen, sitzt mit Durchfall auf dem Klo, schreibt, liest aus einem Buch vor, zwischendrin lässt er die Kamera über Gemälde streifen, während er aus dem Off spricht, und befragt seine beiden uralten Großtanten, ob die Schwere seiner Krankheit einen Selbstmord rechtfertigen würde. Später fliegt er auf eine Insel, schwimmt, genießt die Sonne und lässt sich von einem kräftigen Mann nach Hause tragen. Und zurück in Paris sitzt er wieder am Schreibtisch, bis er die Szene verlässt und die Maschine selbsttätig ohne ihn weiterschreibt. „La Pudeur ou l’impudeur“ (was so viel heißt wie: Schamhaftigkeit oder Schamlosigkeit), nach Guiberts versuchtem Suizid, an dessen Folgen er starb, nur einmal im französischen Fernsehen gezeigt, entwickelt eine sonderbare Poesie gerade durch seine Erratik und Schroffheit. Der Film reicht niemandem die Hand und bittet um nichts, er ist das Dokument einer mitleidslosen Selbsttrauer. Silverlake Life: The View from Here (1993) steht dagegen ganz in der Tradition des bekenntnishaften Diary-Films. Tag für Tag dokumentieren Tom Joslin und sein Partner Mark Massi mit großer Aufrichtigkeit den langsamen Übergriff der Krankheit auf den Körper, bis Joslin zu schwach ist, um die Kamera noch selbst halten zu können. Peter Friedman, ein Freund und Schüler am College, hat den Film schließlich fertiggestellt.


Symptombilder

Zoé Chantre leidet seit ihrer Kindheit an einer starken Verkrümmung der Wirbelsäule, die Ursache ist für heftige Migränen und Bewegungs- und Wahrnehmungsstörungen. In ihrem verspielten, gelegentlich auch etwas verbastelten Tagebuchfilm Tiens moi droite (2012) versucht sie sich ihrer Beeinträchtigung mit den Mitteln der Zeichnung zu nähern. Das Medium erlaubt ihr, die schwer fassbaren körperlichen Zustände in flüchtige Skizzen zu fassen, Auflösungserscheinungen oder das Gefühl einer deformierten Wirbelsäule vermag die gezeichnete Linie anschaulicher wiederzugeben als jedes Röntgenbild. Chantre verwebt Bleistiftskizzen ihres Körpers, medizinische Schaubilder und Aufnahmen kruder selbstgebauter Objekte (etwa eine Pillenapparatur) zu einem assoziativen Gewebe. Geradezu besessen sucht sie nach Bildern, die ihre körperlichen Zustände und Symptome möglichst plastisch wiedergeben. Türme aus Festplatten ersetzen fehlende Bandscheiben und für ihre explosionsartigen Kopfschmerzen findet Chantre Analogien im Vulkanausbruch auf Java: „Ich wünschte, ich könnte meine Wirbelsäule nach oben drücken und Lavaströme über meine Haut fließen lassen“, sagt sie einmal.


Im Königreich der Kranken

Auf ihre seriellen Krankheiten und Verletzungen antwortet Su Friedrich mit sarkastischem Humor und – ganz im Sinne von Sontags Kritik an Krankheitsmetaphern – medizinischer Klarheit. The Odds of Recovery (2002) rekapituliert chronologisch und überaus detailgenau ihre Krankheitsgeschichte von der ersten Operation (20. November 1977, 22 Jahre alt) bis zur vorerst letzten (15. Oktober 1999, 44 Jahre alt). Das Gefühl, (zunächst ohne Krankenversicherung) in das Getriebe der Medizin geraten zu sein, erzählt der Film durch Serialität und Wiederholung. Immer wieder sieht man Friedrich in diversen OP-Hemden in Krankenhauszimmern bei den immer gleichen Abläufen („Get dressed, get undressed, get dressed, get undressed, eat your lunch, wait, get undressed again, get dressed, I’ll talk to her, I’ll talk to you, she’ll talk to you, I’ll talk to her, we’ll talk to each other ...“, betet sie genervt vor sich hin).

In „The Odds of Recovery“ rekapituliert die Filmemacherin Su Friedrich zwei Jahrzehnte ihrer Krankengeschichte (© Su Friedrich)
In „The Odds of Recovery“ rekapituliert die Filmemacherin Su Friedrich zwei Jahrzehnte ihrer Krankengeschichte (© Su Friedrich)

Die Arztgespräche scheinen sich im Kreis zu drehen, wechselnde Protagonistinnen sind vor allem ihre diversen Organe und Körperteile. Texttafeln und Voiceover teilen medizinisches Wissen über die Milz, Eierstöcke, Polypen und den Meniskus, über Progesteron, Östrogene und Relaxin, hinzu kommen Patientenbriefe, aber auch Einblicke in Friedrichs Gefühls- und Sexualleben, die durch das ständige Kranksein schwer belastet werden. Auf der Bildebene wechseln Abbildungen aus medizinischer Fachliteratur und Aufnahmen des eigenen Körpers mit Stickereien – Friedrich widmet jeder Operation ein Stickbild mit anatomisch korrekten Darstellungen der operierten Körperteile – und Gartenarbeit. Während Organe entnommen, Gelenke verstärkt, der Körper aufgemacht und wieder zugenäht wird, wachsen und welken die Pflanzen im Brooklyner Dachgarten der Filmemacherin im natürlichen Zyklus von Leben, Tod und Regeneration vor sich hin.


Viren, Medizin und Liebe

Als Joaquim Pinto 1986 begann, Filme zu machen, verlor er gerade die ersten Freunde: Kurt Raab, Serge Daney, Manfred Salzgeber, Derek Jarman und viele mehr. Rund zehn Jahre später erhielt er selbst die Diagnose, mit HIV infiziert zu sein, seitdem lebt und überlebt er mit Aids und Hepatitis C. In seinem expansiven Tagebuchfilm E Agora? Lembra-me (2013) dokumentiert der portugiesische Filmemacher und Toningenieur (er arbeitete unter anderem mit Raul Ruiz, Paulo Rocha und Werner Schroeter zusammen) ein Jahr seines Lebens, das er gemeinsam mit seinem langjährigen Partner Nuno überwiegend auf dem Land verbringt. In dieser Zeit lässt er sich mit einem neuen und in Portugal nicht zugelassenen Medikament behandeln, das heftige Nebenwirkungen auf seinen Körper hat. An manchen Tagen ist seine Erschöpfung so überwältigend, dass sein Körper selbst die einfachsten Dinge nicht auszuführen vermag, die er ihm aufträgt – etwa die Hand oder den Arm zu heben. Pinto beschreibt auch den Wunsch, dem eigenen Körper entweichen zu wollen, ein Gefühl, für das er mit einer Überblendung ein so einfaches wie konkretes Bild findet: Während er auf dem Sessel sitzt, erhebt er sich gleichzeitig und geht davon.

Zu den zahlreichen Beeinträchtigungen zählt auch der Gedächtnisverlust. Manchmal sagt er im Voiceover dasselbe zwei Mal direkt hintereinander, was zunächst wie ein Fehler klingt. „Man muss wollen, um zu wollen“ ist dagegen ein Satz, der wie ein Refrain wiederkehrt. Zirkuläre Bewegungen bestimmen die Dramaturgie des Films, Pinto hat dabei einen ganz eigenen Begriff von Wiederholung. Anders als Friedrichs repetitive Selbstbeobachtung zieht seine Erzählung mit jeder Wiederholung neue Kreise, die seinem Leben eine neue Schicht hinzufügen. Auf fließende Weise verbinden sich so verschiedene Perspektiven und Wahrnehmungsformen: Blicke auf das große Ganze und Mikrobeobachtungen, Alltag und Reflexion, Rückschau und Gegenwart.

„E Agora? Lembra-me“ von Joaquim Pinto ist ein Film über ein Leben, das von Krankheit geprägt, aber nicht vereinnahmt wird (© IMAGO/Everett Collection)
„E Agora? Lembra-me“ von Joaquim Pinto ist ein Film über ein Leben, das von Krankheit geprägt, aber nicht vereinnahmt wird (© IMAGO/Everett Collection)

Bei allen Einschränkungen, mit denen der Künstler zu leben hat, gibt es in seinem Film unendlich viel Platz. Etwa für Lektüren literarischer Texte und medizinischer Bücher, für philosophische Überlegungen und Rückblicke auf sein Leben und die Menschen und Dinge, die ihn prägten: all die Filme, die er nach der Revolution plötzlich zu sehen bekam, das sexuelle Erwachen, die Begegnung mit dem französischen Philosophen und Aktivisten der Schwulenbewegung Guy Hocquenghem, die Arbeit mit Raul Ruiz, die Reisen, die Liebe zu Nuno. Pinto filmt sich selbst, wie er regungslos im Bett liegt, vor dem Computer sitzt und besessen in das Studium von Viren und die Geschichte der Epidemien eintaucht, beim Sex mit Nuno und in Behandlungszimmern und Fluren von Krankenhäusern. Sein Blick gilt ebenso der Natur, den Pflanzen und Tieren, den vier Hunden, die mit ihnen leben und den vernichtenden Waldbränden, die in der Gegend wüten.

Neben dem Körperprotokoll ist „E Agora? Lembra-me“ auch eine große Liebesgeschichte mit vielen Empfängern – das Leid macht sie nicht größer, aber es gibt ihr ein anderes Gewicht. Pinto metaphorisiert die Krankheit nicht, aber das, was sie mit seiner Wahrnehmung, seinem Körper und seinem Gefühl des In-der-Welt-Seins macht, nimmt er an als etwas ihm Zugehöriges. Er ist nicht im Krieg.


Literatur:

Anne Boyer: The Undying. A Meditation on Modern Illness, 2019.

Hervé Guibert: To the Friend Who Did Not Save My Life, 1990.

Audre Lorde: The Cancer Journals, 1980.

Susan Sontag: Krankheit als Metapher, 1978; Aids und seine Metaphern, 1989.

David Wojnarowicz: Close to the Knives: A Memoir of Disintegration, 1991.


Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

Kommentar verfassen

Kommentieren