© Loco Films (aus „The Whaler Boy“)

44. Lucas Filmfestival 2021

Freitag, 15.10.2021

Das 44. Lucas-Filmfestival 2021 überraschte mit starken Dokumentarfilmen

Diskussion

Das 44. Internationale Filmfestival „Lucas“ in Frankfurt am Main (30.9.-7.10.) wurde seinem Anspruch, herausragende Filme für Kinder und Jugendliche zu präsentieren, insbesondere bei den Dokumentarfilmen im Programm gerecht. Die Leidenswelt junger Flüchtlinge, autistische Kinder und eine Protestaktion von US-Schülern gegen die Waffenlobby gehörten zu den Themen, die dem jungen Publikum präsentiert wurden.


Das Internationale Festival für junge Filmfans Lucas in Frankfurt am Main ist bekannt für eine solide Auswahl sehenswerter Kinder- und Jugendfilme aus aller Welt. Auch wenn das älteste deutsche Filmfestival für Kinder und Jugendliche seit Jahren versucht, in allen Sektionen mindestens ein dokumentarisches Format zu zeigen, so laufen dort doch meistens Spielfilme. In diesem Jahr wartete der 44. „Lucas“, der vom 30. September bis 7. Oktober 67 kurze und lange Filme aus mehr als 30 Ländern zeigte, jedoch mit einem ausgeprägten Dokumentarfilm-Schwerpunkt auf, darunter allein vier sehenswerte Langfilmdokus in den Wettbewerben.

Die Corona-Pandemie und der Kampf für den Klimaschutz haben in letzter Zeit das Thema Migration in der gesellschaftlichen Diskussion aus der ersten Reihe verdrängt. Dass Flucht und Vertreibung als brisanter Problemkomplex weiterhin virulent sind und auch viele Jugendliche betreffen, zeigt der niederländische Dokumentarfilm Shadow Game in der Festivalsektion 16+/Youngsters. Die Regisseurinnen Els van Driel und Eefje Blankevoort porträtieren darin zehn männliche Jugendliche, die hartnäckig versuchen, über die Balkanroute EU-Länder wie Ungarn, Kroatien oder Slowenien zu erreichen. Jano aus Syrien, SK aus Afghanistan, Mustafa aus Irak und Yaseen aus Pakistan hausen in Serbien oder Bosnien in Ruinen und Zelten, schlafen unter Autobahnbrücken, verstecken sich in Lastwagen oder Zügen oder überqueren nachts bei Minusgraden gefährliche Grenzflüsse. Auch wenn sie von Grenzpolizisten aufgegriffen, verprügelt und zurückgeschoben werden, lassen sich viele nicht entmutigen.

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Oft hautnah begleitet die agile Filmkamera die Flüchtlinge, die ihre Odyssee mit Smartphones filmen und auf TikTok und Instagram dokumentieren. Am Ende schaffen einige die entscheidende Hürde, Faiz aus Sudan überquert sogar erst im 20. Anlauf die Grenze von Italien nach Frankreich, andere stecken dagegen jahrelang unter menschenunwürdigen Bedingungen fest. Als erschreckendes Dokument illegaler Push-Backs zeigt „Shadow Game“ eindrucksvoll, mit welch zweifelhaften Mitteln auf dem Balkan die Festung EU verteidigt wird. Als bewegendes Zeugnis der unermüdlichen Suche nach einem besseren Leben plädiert der Film zugleich für Humanität, Toleranz und Barmherzigkeit.

Shadow Game (© Java Films)
Shadow Game (© Java Films)


Träume vom sozialen Aufstieg

Vom sozialen Aufstieg träumen auch viele Jugendliche, die die Stax Music Academy in Memphis in den USA besuchen. Der Name der Schule erinnert an das Plattenlabel Stax Records, das in den 1960er-Jahren die Bürgerrechtsbewegung musikalisch beflügelte. Der französische Filmemacher Hugo Sobelman porträtiert in seinem Debütfilm Soul Kids schwarze Jungs und Mädchen, die hier schulgeldfrei ihre Stimmen schulen und von engagierten Lehrern unterrichtet werden. Die Kamera begleitet die 12- bis 17-Jährigen, die oft tiefreligiös geprägt sind und von klein auf mit Gospels vertraut sind, beim Proben, Lachen und Komponieren, aber auch bei Diskussionen über den allgegenwärtigen Rassismus im Bundesstaat Tennessee. Sobelman gelingt es anschaulich, die Energie, Lebensfreude und Leidenschaft der Nachwuchsmusiker zu erfassen, deren Vertrauen er bei den zehnwöchigen Dreharbeiten im Jahr 2018 offenbar rasch gewonnen hat. Auch wenn nicht jeder Absolvent später vom Musikmachen leben kann oder gar ein Star wird, ein gestärktes Selbstbewusstsein und eine nachhaltige Selbstermächtigung kann er oder sie auf alle Fälle von der Academy mitnehmen.

Ebenfalls in den Vereinigten Staaten angesiedelt ist Us Kids von Kim A. Snyder. Die versierte Dokumentaristin, die 1994 den Oscar-prämierten Kurzfilm Trevor produzierte, schildert eine spektakuläre Protestaktion der überlebenden Opfer eines Amoklaufs an einer High School in Parkland in Florida, bei dem 2018 ein 19-jähriger Ex-Schüler 17 Minderjährige und drei Erwachsene erschoss. Einige junge Überlebende wie Emma Gonzalez starteten Protestaktionen wie den „March for our lives“, auf dem sie eine stärkere Beschränkung des Zugangs zu Schusswaffen in den waffenvernarrten USA forderten und zum Boykott der einflussreichen Waffenlobby National Rifle Association (NRA) aufriefen.

Über 18 Monate begleitete Snyder die jungen politischen Aktivisten zu vielen Auftritten in allen Bundesstaaten. Trotz einiger bewegender Momente bleibt die Reisechronik jedoch zu kleinteilig, kurzatmig und redselig, um Erkenntnisse zu gewinnen, die über Betroffenheitsimpulse hinausgehen. Im Abspann erfährt man, dass die Beteiligung junger Bürger bei der jüngsten Präsidentenwahl erheblich gestiegen ist und die NRA Insolvenz angemeldet hat.

Soul Kids (© The Party Film Sales)
Soul Kids (© The Party Film Sales)


Filmperle zum Autismus

Die größte Entdeckung des Festivals war der einfühlsame Eröffnungsfilm The Reason I Jump des britischen Dokumentarfilmers Jerry Rothwell (How to Change the World). Er beruht auf dem Buch Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann (2007), das der Japaner Naoki Higashida im Alter von 13 Jahren schrieb. Als er fünf Jahre alt war, wurde bei ihm schwerer nonverbaler Autismus diagnostiziert. Naoki lernte, mit einer Alphabettafel zu kommunizieren und schrieb schon früh Gedichte und Kurzgeschichten. Der mehrfach ausgezeichnete Autor, der bis heute kaum sprechen kann, publizierte inzwischen weitere Bücher. Sein erstes Buch, das in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde, gibt einen berührenden Einblick in die Wahrnehmungswelt eines Autisten, die neurotypischen Personen – so nennen Autisten Menschen mit „normaler“ neurologischer Entwicklung – üblicherweise verschlossen bleibt.

Der Regisseur kombiniert Auszüge des Buches, die aus dem Off zu Bildern eines umherstreifenden japanischen Jungen erzählt werden, mit Fallbeschreibungen von fünf jungen Autisten aus vier Kontinenten. Als zusätzlicher Wegweiser fungiert der englische Autor David Mitchell, der das Buch 2013 ins Englische übersetzt hat. Mitchell und seine japanische Frau Keiko Yoshida konnten erst durch Naokis Beschreibungen das Verhalten ihres eigenen Sohnes besser verstehen. Auch Aarti Khurana aus Indien verstand erst durch das Buch, was ihre autistische Tochter Amrit durchmacht, die auch zum Mobbing-Opfer wurde. Sie sagt im Film: „Für eine lange Zeit trug sie so viel Wut in sich, aber sie hatte keine Möglichkeit, uns davon zu erzählen.“ Nach und nach lernt Amrit, ihre Emotionen in Zeichnungen auszudrücken, am Ende werden ihre Werke in einer Einzelausstellung gezeigt.

In einer geschmeidigen alternierenden Montage beschreibt Rothwell weitere Lebensgeschichten von jugendlichen Autisten in Großbritannien, den USA und Sierra Leone. Dabei versucht er mit einer poetischen Bildsprache, für die besonders vielschichtigen Sinneseindrücke von Autisten visuelle Analogien zu kreieren. Der Film arbeitet in einer auch für das junge Publikum verständlichen Weise klar heraus, wie sich die Erfahrungswelten der jungen Protagonisten ähneln und wie stark diese unter Ausgrenzung und Diskriminierung leiden. Das trifft besonders auf Jestina aus Freetown in Sierra Leone zu, deren Mutter Mary sich von Nachbarn anhören muss, dass ihre Tochter „vom Teufel besessen“ sei. Erst nach langer Suche gelang es Mary und ihrem Mann Roland, eine geeignete Schule für Jestina zu finden.

The Reason I Jump (© Digital Cinema Media)
The Reason I Jump (© Digital Cinema Media)

„The Reason I Jump“ erhielt in Frankfurt den Preis für eine außergewöhnliche cineastische Leistung und war einer der zwei Gewinner des „MOZAIK Bridging The Borders Award“. Die Jury 13+ erklärte dazu: „Der Film veranschaulicht perfekt, wie autistische Menschen denken und leben. Wir waren alle der Meinung, dass es ein augenöffnender Dokumentarfilm über ein Thema ist, über das es wichtig ist, zu sprechen und nachzudenken.“ Den deutschen Kinoverleih übernimmt DCM.


Dokumentarfilm-Einführung auf Augenhöhe

Zum aktuellen Dokumentarfilm-Fokus sagte die Festivalleiterin Julia Fleißig der „Frankfurter Allgemeine“: „In ihrem Alltag treffen junge Menschen im Internet oder Fernsehen auf unterschiedliche nonfiktionale Formate, aber nicht unbedingt auf das, was wir künstlerischen Dokumentarfilm nennen. Vor allem nicht im Kino. Das möchten wir ändern.“ Mit dem Filmprogramm möchte das Festival den jungen Besuchern auf Augenhöhe begegnen und sie zum Diskutieren und Reflektieren einladen. Das gilt auch für Kinonovizen, denn auf Zuschauer ab drei Jahren wartete das dokumentarische Kurzfilmpaket „Frame the World“.

Konnte im Vorjahr ein Großteil des Festivalprogramms wegen der Corona-Pandemie nur im Internet gesichtet werden, so durften in diesem Jahr dank gelockerter Corona-Restriktionen große und kleine Besucher wieder in vier Kinos in Frankfurt, Offenbach und Wiesbaden gemeinschaftlich Filme erleben. Zudem stellten sich etliche Regisseure vor Ort den Fragen der jungen Besucher.

Zugleich konnten Schulklassen die 48 kurzen und langen Wettbewerbsfilme, davon 34 Deutschlandpremieren, in eigens gebuchten Vorführungen auch jenseits des Festivals sehen oder auch großenteils per Video-On-Demand abrufen. Damit erweiterte das Festival den potenziellen Nutzerkreis auf Kinder und Jugendliche in Orten, die zu weit weg wohnen, um ins Kino zu fahren.

Us Kids (© Cargo Film & Releasing)
Us Kids (© Cargo Film & Releasing)


Abenteuer im Tierhimmel

Mut zu sperrigen Themen bewiesen auch einige fiktionale Arbeiten in den Wettbewerbsprogrammen. So setzt sich der tschechische Animationsfilm Sogar Mäuse gehören in den Himmel von Denisa Grimmová und Jan Bubeníček auf phantasievolle Weise mit dem Leben nach dem Tod auseinander. Darin geht es um die Maus Whizzy und den Fuchs Whitebelly, die im echten Leben Akzeptanzprobleme bei ihren Artgenossen haben. Als sie durch einen Autounfall ums Leben kommen und sich im Tierhimmel treffen, entwickeln die einstigen Fressfeinde eine schöne Freundschaft. Indem Whitebelly der Maus hilft, ihren Vater zu suchen, erleben beide gemeinsam etliche spannende Abenteuer. Dabei lernen sie, ihre Ängste und Vorurteile zu überwinden.

Der charmante Stop-Motion-Film, durch den ein smarter Off-Erzähler führt, wurde mit mehr als 100 Puppen und 84 animierten Filmkulissen realisiert. Die abwechslungsreiche Adaption eines Romans von Iva Procházková besticht durch die liebevolle Animation, ein detailreiches Szenenbild, kurzweilige Action und putzige Figuren. In der Tradition klassischer Heldenreisen absolvieren die vermenschlichten Tierfiguren eine Kette von Lernprozessen über Vorurteile und Freundschaft, Solidarität und den unendlichen Kreislauf des Lebens. Die paritätisch mit Kindern und Erwachsenen besetzte Hauptjury zeichnete den Trickfilm als besten Langfilm der Sektion 8+ aus.

Ein weiteres Highlight in dieser Sektion war der marokkanische Underdog-Film Mica von Ismael Ferroukhi, der sich mit „The Reason I Jump“ den „MOZAIK Bridging The Borders Award“ in Frankfurt teilte. Darin geht es um den zehnjährigen Mica, der mit seiner Familie im Slum von Meknès lebt. Als sein Vater schwer erkrankt, muss er sich als Hilfskraft in einem großen Tennisclub im weit entfernten Casablanca verdingen. Zunächst plant er, wie ein Kumpel nach Südfrankreich zu gehen, doch dann entdeckt die ehemalige Tennis-Meisterin Sophia sein Tennistalent. Wie in einem Brennglas bringt der Tennisclub die scharfen sozialen Kontraste in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft, die auch Kinderarbeit duldet, zur Anschauung, etwa wenn reiche Jungs mit Verachtung auf Mica herabschauen. Der tapfere Knabe lässt sich jedoch nicht unterkriegen, sondern erarbeitet sich hartnäckig einen eigenständigen Weg in ein besseres Leben. Zakaria Inane verkörpert den Außenseiter in einer typischen Fish-out-of-water-Situation mit bewundernswerter Intensität.

Sogar Mäuse gehören in den Himmel (© Charades)
Sogar Mäuse gehören in den Himmel (© Charades)


Hoffnung auf sozialen Aufstieg

Eine schwierige Existenz am unteren Rand der Gesellschaft schildert auch Yohan Manca in dem französischen Familiendrama La Traviata, meine Brüder und ich, das bereits im Sommer in der Sektion „Un certain regard“ in Cannes gezeigt wurde. Hier schlagen sich der 14-jährige Nour und seine drei Brüder in einer ärmlichen Sozialsiedlung in Südfrankreich durch. Abwechselnd kümmern sie sich um die Mutter, die im Koma liegt. Weil sie italienische Opern liebt, spielt Nour ihr häufig Opernmitschnitte vor. Bei einem Aushilfsjob im Gemeindezentrum lernt er die Opernsängerin Sarah kennen, die dort einen Kurs für Kinder gibt und seine musikalische Begabung entdeckt.

Subtil beschreibt Manca das komplexe Beziehungsgeflecht der Brüder, die mit teils kleinkriminellen Aktivitäten mühsam den Lebensunterhalt der unterprivilegierten Familie bestreiten. Weitgehend aus der Perspektive von Nour erzählt, punktet der Film mit berührenden Szenen der Fürsorge für die todgeweihte Mutter und einem starken Ensemble. Ein Film, der zeigt, wie wichtig Vorbilder und Mentoren für Kinder sind, die ein trostloses Milieu hinter sich lassen wollen. Beim „Lucas“ gewann der Film den Preis für den besten Langfilm in der Sektion 13+.

Gegen starke Konkurrenz in der Sektion 16+ setzte sich bei der Youngster-Jury die russische Coming-of-Age-Dramödie The Whaler Boy durch. Der Regisseur Philipp Yuryev erzählt vom 15-jährigen Leshka, der in einem einsamen Inuit-Dorf an der Beringstraße lebt und als Walfänger arbeitet. Als er im Internet auf einer Erotikseite die junge HollySweet999 entdeckt, verliebt er sich sofort und bricht zu einer waghalsigen Bootsreise zum US-Bundesstaat Alaska auf, um die Schönheit zu treffen. In ihrer Begründung lobt die Jury unter anderem: „Faszinierende Landschaftsaufnahmen vermitteln das Gefühl der Isolation und des Klein-Seins in einer großen weiten Welt.“ Zwar kommt das skurrile Road Movie mit seinen langen Einstellungen etwas spröde daher, doch gelingt es Yuryev, eine gute Balance zwischen analoger sibirischer Einöde und digitaler Internet-Vielfalt, zwischen dramatischen Zuspitzungen und lakonischem Humor zu schaffen.

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