© 2021 Focus Features, LLC. (aus "Belfast")

BFI London Film Festival 2021

Mittwoch, 20.10.2021

In der britischen Metropole wurden im Oktober viele Filme präsentiert, von denen in der kommenden Kino- und Filmpreis-Saison noch zu hören sein wird

Diskussion

Mitten im Herzen der englischen Hauptstadt ging am letzten Sonntag das 65. London Film Festival (LFF) zu Ende. Dominierte in den meisten Londoner Kinos das alles überschattende letzte James-Bond-Abenteuer, präsentierte das größte Publikumsfestival Großbritanniens parallel dazu in zehn Kinos – darunter dem British Film Institute und der 2000 Sitze zählenden Royal Festival Hall – internationale Filmkunst: 159 lange und 127 kurze Spiel- und Dokfilme sowie Serien und ein XR-Programm aus aller Welt, darunter 21 Weltpremieren.


„Sei brav, und wenn du nicht brav sein kannst, sei vorsichtig.“ So ermahnt der Vater in Kenneth Branaghs neuestem Film „Belfast“ seinen neunjährigen Sohn Buddy, als 1969 die sogenannten „Troubles“, die Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken, in der nordirischen Hauptstadt ausbrechen. Branaghs autobiografisch inspiriertes Werk, das auf dem London Film Festival (LFF) Europapremiere feierte und am 24.2.2022 in die deutschen Kinos kommt, wird als heißer „Oscar“-Anwärter gehandelt.

Von Kritik und Publikum gleichermaßen bejubelt, schildert der Schwarz-weiß-Film persönliche und historische Ereignisse durch die Augen seines kindlichen Protagonisten. Der protestantische Junge Buddy wächst behütet mit seiner Familie in einer typischen Reihenhausgasse auf. Doch als sein Vater immer mehr unter den Druck von fanatischen Loyalisten gerät und blutige Straßenkämpfe und Plünderungen zunehmen, erwägen die Eltern einen Umzug nach England. Branaghs mit etlichen (nord-)irischen Schauspielern aufwartendes Drama ist zunächst ein nostalgisches, manchmal zu gefälliges, aber doch anrührendes Feel-Good-Movie, über das so plötzlich wie brutal die übergeordnete Politik hereinbricht.

In seiner Mischung aus Anspruch und Publikumswirksamkeit ist „Belfast“ ein gutes Beispiel für eine typische Gala-Vorstellung auf dem LFF. So schritten zur Premiere neben Branagh selbst die Schauspieler seines illustren Ensembles über den roten Teppich des neuen Premierenstandorts Royal Festival Hall: Jamie Dornan, Ciarán Hinds und die mittlerweile 86-jährige Grande Dame des britischen Kinos, Judi Dench. Zwar ist das vom British Film Institute (BFI) veranstaltete und von American Express gesponserte Filmevent kein A-Festival, nimmt aber in seiner Mischung aus internationaler Filmkunst, Glamour und Branchentreff einen festen Platz in der britischen Kulturlandschaft ein.


Belfast (© 2021 Focus Features, LLC.)
Belfast (© 2021 Focus Features, LLC.)

Das in Normalzeiten von etwa 200.000 Zuschauern besuchte Filmfestival fand nach dem Corona-Jahr 2020 – neben einem zusätzlichen Onlineangebot – nun wieder analog statt. Die seit vier Jahren als Festivalleiterin fungierende Filmwissenschaftlerin und Kuratorin Tricia Tuttle erklärte schon zu ihrem Amtsantritt 2018 die Wichtigkeit des Standortes London: „Das Festival findet an einem der weltweit größten Produktionszentren statt, und hier gibt es auch eine große Anzahl von britischen und amerikanischen Academy-Wählern, wodurch sich das Festival zu einem wichtigen Moment für Werke mit Filmpreis-Ambitionen entwickelt hat.“


Schaufenster für den einheimischen Film

So rekrutiert das LFF für sein Programm einerseits Filme aus A-Festivals wie Cannes und Venedig, zeigt aber auch europäische Premieren, Weltpremieren und Erstlingswerke. Ein wichtiges Kriterium für Spielfilme besteht darin, dass es sich um britische Premieren handeln muss. Zusätzlich fungiert das LFF als Schaufenster für den einheimischen Film. Es sei wichtig für britische Werke, so Tricia Tuttle, hier wahrgenommen zu werden, um später Verleiher in aller Welt zu finden. Das LFF versteht sich explizit auch als Entdecker und Förderer von britischen Regisseuren und Regisseurinnen und achtet auf Diversität.

So wies der Eröffnungsfilm „The Harder They Fall“, ein Werk des schwarzen Londoner Autors, Musikers und Regisseurs Jeymes Samuel, eine von Idris Elbaangeführte mehrheitlich schwarze Besetzung auf.

Auch die Quote für Regisseurinnen ist auf dem LFF traditionell hoch. Die englische Regisseurin Harry Wootliff etwa präsentierte mit ihrem zweiten Spielfilm „True Things“ ein kontroverses Werk, das gut in die derzeitige Debatte um „toxische Männlichkeit“ passt. Zwar ist der von Tom Burke dargestellte Ex-Knacki Blond kein Frauenschläger oder Vergewaltiger, doch durch seine dominierende und manipulierende Art macht er das Leben seiner neuen Freundin Kate zur Hölle. Ruth Wilson spielt diese Kate mit an Masochismus grenzender Intensität. Ihre Figur sucht durch die Beziehung mit dem charismatischen, aber rücksichtslosen Mann einen Ausweg aus ihrem eintönigen Angestelltenleben in einer tristen englischen Küstenstadt – vergeblich. Der viel mit der Handkamera operierende Film begibt sich ganz in die Perspektive seiner Heldin und transportiert deren Schwebezustände zwischen Tagträumen, Rausch- und Angstzuständen durch Bilder, die Wirklichkeit und Einbildung verschwimmen lassen.


Zwischen Wach- und Wahnzuständen

Zwischen Wach- und scheinbaren Wahnzuständen changiert auch die Protagonistin in dem LFF-Hit „Last Night in Soho“. Doch Edgar Wrights Historienthriller kommt viel glamouröser daher als „True Things“ und ist in Bildsprache und seinem gezielten Einsatz von Popmusik aus den Sixties eine mitreißende Hommage an das London der 1960er-Jahre – auch wenn es sich eher als unheimlich denn als „swinging“ entpuppt. Die Story dreht sich um die junge, unscheinbare Provinzlerin Eloise (Thomasin McKenzie) aus Cornwall. Sie studiert in London Modedesign, transportiert sich nachts aber durch übersinnliche Fähigkeiten in das London der 1960er, wo sie sich auf die Fährte der angehenden Sängerin Sandy (Anya Taylor-Joy) begibt. Hinter den Kulissen des glitzernden Nachtlebens sieht es im wahrsten Sinne des Wortes düster aus – und wieder sind es Männer, die Frauen ausnutzen, weil sie es sich leisten können. Dass ausgerechnet Edgar Wright diesen feministischen Thriller inszeniert hat, mag angesichts seiner eher männerorientierten Filme aus der Vergangenheit erstaunen. Doch „Last Night in Soho“ ist rundum gelungen – wenn man von einigen eher ausbaufähigen Horror-Spezialeffekten einmal absieht.


"Last Night in Soho" (© Universal Pictures International Germany GmbH)
"Last Night in Soho" (© Universal Pictures International Germany GmbH)

Als britisches Erstlingswerk machte „Shepherd“ von Russell Owen auf sich aufmerksam. Wie in „Last Night in Soho“ schrillen hier bedrohlich, aber auch erlösend Wecker, wenn der Protagonist aus furchterregenden Albträumen erwacht. Denn Eric (Tom Hughes) hat sich nach dem Tod seiner Frau auf eine einsame schottische Insel zurückgezogen. Dort erwarten ihn nicht nur die Schrecken der rauen Natur samt Stürmen und baufälligem Haus tagsüber, sondern auch Verdrängtes und Schuldgefühle in der Nacht. Leider können die vorhersehbare Story und die banalen Horroreffekte nicht wirklich verschrecken, doch schön komponierte Bilder der harschen Landschaften und originelle Bildperspektiven bleiben im Gedächtnis.


Heiße Eisen

Alles in allem wies das London Film Festival in puncto Herkunft der Filme, Genres und kommerzieller Verwertbarkeit wieder eine enorme Vielfalt auf. Neben dem Wettbewerb liefen traditionell die zusätzlichen Sektionen „Laugh“, „Love“, „Debate“, „Dare“ und „Thrill“. Kavich Neangs sehenswerter Erstling „White Building“ aus Kambodscha etwa handelt von zunehmender Gentrifizierung in Phnom Penh, von verlorenen Lebensentwürfen und Entwurzelung. Das sehenswerte, mit Valeria Bruni-Tedeschi und Marina Foïs namhaft besetzte französische Drama „La fracture“ wiederum behandelt auf schwarzhumorige Art heiße politische Eisen: die überzogene Gewalt der französischen Bereitschaftspolizei CRS gegen demonstrierende „Gelbwesten“ und die katastrophalen Zustände in französischen Krankenhäusern, in die die Demonstranten eingewiesen werden müssen.

In Christian Schwochows deutsch-britischem Thriller „München“ nach dem gleichnamigen Roman von Robert Harris glänzt Jeremy Irons als britischer Premierminister Chamberlain, während Ulrich Matthes mit viel Understatement Hitler gibt und Jannis Niewöhner und George McKay als junge Idealisten das berüchtigte Abkommen von 1938 verhindern wollen. Die Produktion ist ein gut gemachter, unterhaltsamer Historienfilm, der im Januar 2022 auf der Streaming-Plattform Netflix auch in Deutschland zu sehen sein wird.


München (© Netflix)
München (© Netflix)

In diesem Jahr entschieden fünf Jurys in fünf Wettbewerben über die Gewinnerfilme des LFF. Im offiziellen Wettbewerb unter Vorsitz der polnischen Regisseurin Malgorzata Szumowska gewann Panah Panahis iranisches Roadmovie „Hit the Road“. Der Sutherland Award für den besten Debütfilm (Jurypräsidentin: Isabel Sandoval) ging an „Playground“ der belgischen Regisseurin Laura Wandel. „Becoming Cousteau“, Liz Garbus’ Film über den französischen Meeresforscher, wurde von der Jury unter Vorsitz von Regisseurin Kim Longinotto als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Den Preis für den besten Kurzfilm erhielt „Love, Dad“, Diana Cam Van Nguyens Hommage an ihren tschechisch-vietnamesischen Vater. Erstmals wurde auf dem LFF auch ein Werk aus der Sparte „Immersive Art and XR“ ausgezeichnet: „Only Expansion“ von Duncan Speakman mischt laut der Jury um Felix Barrett „die Geräusche der Stadt um Sie herum neu, um ein klangliches Porträt Ihres Lebens in der Zukunft zu entwerfen“.

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