© Michael Reusse

Essenz des Lebens - Janna Ji Wonders

Donnerstag, 21.10.2021

Ein Interview mit Janna Ji Wonders über „Walchensee Forever“

Diskussion

Die Filmemacherin Janna Ji Wonders porträtiert in ihrem Dokumentarfilm Walchensee Foreverein Jahrhundert ihrer Familiengeschichte: Von der Urgroßmutter, die 1920 ein Ausflugscafé am bayrischen Walchensee eröffnete, über die pflichtbewusste Großmutter sowie Mutter und Tante, die sich in den 1960er-Jahren auf Selbstfindung begaben, bis zu sich selbst und ihrer Tochter. Ein Gespräch über eine faszinierende Chronik weiblicher Emanzipation und Vergangenheitsaufarbeitung zwischen Schmerz und Befreiung.


Der Walchensee – still, dunkel und unergründlich liegt er da. Er ist einer der tiefsten und größten Alpenseen Deutschlands. Wie ein unsterblicher Chronist überdauert der See alle Zeiten und bietet im Film die Kulisse, vor der sich eine Familiengeschichte über vier Generationen abspielt. Womit haben Sie bei der Recherche gerechnet und was war überraschend?

Janna Ji Wonders: Die Arbeit am Film war ein langer Prozess. Eigentlich habe ich den Film schon angefangen, als ich ein Kind war. Nur wusste ich das damals noch nicht. Meine Mutter hat mich oft mit ihrer Videokamera gefilmt und mir Fragen gestellt. Für mich war das wie ein Spiel, ich wollte dann oft selbst hinter die Kamera und ihr Fragen stellen. Erst nach der Filmhochschule war ich bereit, diesen Film zu machen, weil ich auch wusste, dass es emotional eine große Herausforderung wird.

Frauke, die verstorbene Schwester meiner Mutter, war der Schlüssel zu diesem Film. Sie starb auf mysteriöse Weise, bevor ich auf die Welt kam. Frauke war wie ein Irrlicht, das über unserer Familie schwebte, und das habe ich als Kind schon gespürt. Erst durch die Arbeit am Film wurden mir ihre exzessive Suche, ihre Sehnsucht im Leben und auch ihr Tod bewusster.

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Die Geschichte bleibt ganz im Privaten. Sie setzen viel Hintergrundwissen über die gesellschaftlichen Verhältnisse im 20. Jahrhundert voraus. War das eine bewusste Entscheidung?

Wonders: Ja, es ist eine sehr persönliche Geschichte. Es war für mich auch ein Forschen nach den eigenen Wurzeln. Die Verbundenheit von Müttern und Töchtern und die generationsübergreifenden Verstrickungen. Die Suche der Frauen in meiner Familie hat mich geprägt. Aber ich habe auch versucht, die Geschichte universell zu erzählen, in der Hoffnung, dass Menschen sich selbst darin wiederfinden können. Ich denke, dass es so etwas wie ein Familiengedächtnis gibt, das sich fortschreibt. Und dass wir es oft gar nicht bemerken, wenn wir innerhalb dieses Familiengedächtnisses handeln. Aber ich glaube, dass die Hoffnung darin liegt, sich dies bewusst zu machen, um dadurch seinen eigenen Weg zu finden.

Die Schwestern Anna und Frauke suchten Ende der 1960er-Jahren den Kontakt zur Hippie-Kultur (© Farbfilm)
Die Schwestern Anna und Frauke suchten Ende der 1960er-Jahren den Kontakt zur Hippie-Kultur (© Farbfilm)


Wie und wo haben Sie diese Unmengen an Dokumentationsmaterial gefunden? Und welcher Anstrengung bedurfte es, Struktur in die einzelnen Erzählstränge zu bekommen?

Wonders: Im Dachboden des Cafés meiner Großmutter war das private Archivmaterial in Kisten und Schuhschachteln gelagert, völlig unsortiert. Ich habe erstmal alle Materialien digitalisiert und nach Jahreszahl und Namen der Familienmitglieder geordnet. Bevor es an den Schnitt ging, habe ich die komplette Familienchronologie aufgeschrieben. Während meine Editorin, Anja Pohl, sich schon mal im Schneideraum an einen Teil des Materials herangetastet hat, habe ich am Walchensee noch gedreht. Wir haben uns ständig ausgetauscht darüber, was noch fehlt, sei es an Gesprächen mit meiner Mutter, an Fotos, die ich noch gezielt rausgesucht habe, oder Brief-Auszügen, immer im Hinblick darauf, was der Geschichte dient. Dadurch, dass es ja meine eigene Familiengeschichte ist, war Anja ein ganz wichtiger Gradmesser für das Wesentliche. Ihr klarer und konzentrierter Blick von außen hat uns auch davor bewahrt, in den großen Materialbergen zu versinken.


Für das Konzept zum Film erhielten Sie 2016 den „Berlinale“-Förderpreis „Made in Germany“. 2020 kehrte der fertige Film zurück zur „Berlinale“ in die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“. Es folgte der „Bayerische Filmpreis“ als bester Dokumentarfilm. Ihr fulminantes Langfilmdebüt zeigt, dass diese Geschichte erzählt werden musste. Für wen macht man einen solchen Film?

Wonders: Für mich hat sich nicht die Frage gestellt, für wen ich den Film mache, sondern ich musste diesen Film machen. Auch für mich. Ich bin reingewachsen in eine Familie, die sich ständig selbst dokumentierte. Und ich war nun diejenige, die die losen Fäden zusammenzieht und ein Bild vervollständigt, das vor ewigen Zeiten begonnen wurde.


Im Fokus ist die Sicht der Frauen. Jede geht ihren eigenen Weg, dabei ist die persönliche Unabhängigkeit ein zentrales Bedürfnis und wird zur Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen. Dokumentiert der Film eine Emanzipationsgeschichte?

Wonders: Ja, in gewisser Weise dokumentiert der Film am Beispiel der vier Generationen von Frauen eine Emanzipationsgeschichte. Im Mittelpunkt des Films stehen die Frauen, die das Café in bald 100 Jahren zu einem kleinen Matriarchat werden ließen. Ich konzentriere mich dabei vor allem auf die Sicht der Frauen, von denen jede auf ihre Weise den patriarchalen Strukturen ihrer Zeit trotzt.


Die Frau, die alles zusammenhält, ist die Großmutter. Dieser damaligen Pflichterfüllung hat sich die nachfolgende Generation entzogen. Sie sind in den USA geboren, Ihre Mutter ist allein mit Ihnen zurück nach Deutschland gekehrt und hat mit Ihnen bis zu Ihrem 17. Lebensjahr im „Harem“ von Rainer Langhans gelebt, sich als Fotografin etabliert und von allem emanzipiert. Und jetzt? Wie geht es mit der nächsten, Ihrer Generation weiter? Welche Mauern müssen da noch eingerissen werden?

Wonders: Meine Großmutter hat ihr Leben pflichtbewusst im Café am See verbracht, ganz hermetisch mit harter körperlicher Arbeit, symbolisch von äußeren Mauern umgeben. Die einzige kleine Rebellion gegen ihre Eltern war die Wahl ihres Ehemannes, der ja Künstler war. Im Gegensatz zu meiner Großmutter wollte sich meine Mutter dann aus der Enge des Dorfes befreien und ist als Fotografin und Musikerin um die Welt gereist. Der Walchensee hat aber auch sie nie ganz losgelassen. Ich wiederum habe heute eigentlich alle Freiheiten. Und ich habe das Gefühl, dass ich keine äußeren Mauern einreißen muss, sondern eher innere Mauern, um mich weiterzuentwickeln.

Mutter, Großmutter und die Regisseurin (© Farbfilm)
Mutter, Großmutter und die Regisseurin (© Farbfilm)


Männer gibt es auch, und die stehen im Schatten. Rainer Langhans kommt als einziger zu Wort. Er eröffnet als Wegbegleiter Ihrer Mutter und deren Schwester den Blick von außen. Einer, der wegging, ist der Großvater, im Film ein Schlüsselerlebnis. Ein zitierter Brief an seine Frau, die Großmutter, beschreibt, wie er schlussendlich gehen muss, weil er in dieser Familie keine Perspektive für sich sieht. An dieser spannenden Stelle vermisse ich den Großvater im Gespräch. Wo bleibt seine Stimme?

Wonders: Was meinen Großvater betrifft, habe ich kaum eine Erinnerung an ihn, er ist gestorben, als ich ein Kind war. Daher kommt er im Film nur durch seine Briefe zu Wort. Die Männer waren in meiner Kindheit und Jugend größtenteils abwesend, und deshalb sind sie auch im Film so abwesend. Es waren die Frauen, die mich geprägt haben.


Das Prinzip Mutter-Tochter wird in Ihrem Film mehrfach durchgespielt. Ergänzend zum Archivmaterial zeichnen Sie Gespräche mit Ihrer Mutter auf, die manchmal bis an die Schmerzgrenze gehen. Wie kam es dazu, diese persönlichen und emotionalen Geständnisse mit der Kamera festzuhalten?

Wonders: Wir waren immer kreativ. Sei es Fotografieren, Filmen, Schreiben, Musik. Und da war nie eine Trennung zwischen Kunst und Privatem. Meine Mutter war gewohnt, dass ich sie filme, aber bei diesem Filmprojekt ahnte sie, dass es ans Eingemachte geht. Es war für sie eine große Herausforderung, sich so zu zeigen. Erst nach vielen Gesprächen hat sie sich darauf eingelassen und wurde durchlässiger. Und als ich dann ganz allein, ohne Team, mit ihr gedreht habe, war da wieder diese Offenheit und das Spielerische, so wie früher.


Sie sind auch Musikerin. Ein Lied Ihrer Band „YA-HA!“ heißt „Frei“ und das von Ihnen produzierte Musikvideo passt perfekt in die Chronologie des Films. Hat sich durch den Film ein Knoten gelöst?

Wonders: Natürlich war auch die Angst da, was die Arbeit am Film emotional mit mir macht, aber im Nachhinein ist es ein befreiendes Gefühl, den Film gemacht zu haben. Am Ende war meine Mutter auch überwältigt, im fertigen Film so klar die Essenz ihres Lebens zu sehen. Verdrängte Dinge wurden ins Bewusste gehoben. Wir sind beide froh, diesen Weg gegangen zu sein.

Der Walchensee überdauert alle Veränderungen (© Farbfilm)
Der Walchensee überdauert alle Veränderungen (© Farbfilm)


Die neue Generation könnte schon wieder die Kamera in die Hand nehmen. Ist der Titel „Walchensee Forever“ zukunftsweisend?

Wonders: Walchensee Forever? Natürlich ist da auch ein Fragezeichen. Vor allem im Hinblick auf meine Tochter. Der Film ist für sie und gleichzeitig auch ein Versuch, sich von den generationsübergreifenden Verstrickungen zu befreien. Der Stab wird weitergereicht, und was meine Tochter daraus macht, ist ihre Sache.

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