© Good People (Atsushi Sakahara (hinten) und Hiroshi Araki)

Aus der ersten Person #19: „Me and the Cult Leader“ (2020) von Atsushi Sakahara

Donnerstag, 28.10.2021

In dem Dokumentarfilm „Me and the Cult Leader“ nimmt Regisseur Atsushi Sakahara, der bei den U-Bahn-Anschlägen von Tokio 1995 verletzt wurde, Kontakt mit einem Mitglied der Aum-Sekte auf

Diskussion

Der japanische Regisseur Atsushi Sakahara wurde im März 1995 bei den Giftgas-Anschlägen auf die U-Bahn von Tokio verletzt. In einem Film protokolliert er seine Begegnungen mit einem langjährigen Mitglied der Sekte, die für die Anschläge verantwortlich war – freundliche Treffen, die aber in zentralen Punkten keine Einigkeit ergeben. Esther Buss blickt in ihrem Blog im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums auf den Dokumentarfilm, in dem sich das Kräfteverhältnis zwischen den Männern allmählich verschiebt.


Am 20. März 1995 war Atsushi Sakahara in Tokio mit der U-Bahn unterwegs, als die Ōmu-Shinrikyō-Sekte, bekannt auch unter dem Namen Aum-Sekte, in fünf Pendlerzügen einen Giftgasanschlag verübte. 13 Menschen starben, mehr als 6200 wurden durch die giftigen Dämpfe des Sarins verletzt, darunter auch Sakahara. An Langzeiteffekten wie Müdigkeit, Lähmungserscheinungen und posttraumatischen Belastungsstörungen hat er bis heute zu leiden. Oft ist er so müde, dass er die Augen nicht mehr offenhalten kann. Er sieht dann aus, als würde er vor sich hindämmern.

„Me and the Cult Leader“ (2020) beginnt wie eine eher konventionelle Dokumentation im Stil eines True-Crime-Formats: mit Handyaufnahmen, Tatfotos und O-Tönen von Notrufen und Polizeimeldungen. Die etwas rumpelige Collage gibt einen Eindruck von dem Schock, der Verwirrung und dem Chaos, das in den betroffenen U-Bahn-Stationen ausbrach und auf die Straßen schwappte. Auch der eigentliche Film beginnt in der Tokioter U-Bahn. Durch die Fenster eines vorbeifahrenden Zuges sieht man auf einem Bahnsteig die zwei Männer stehen, die dem Film seinen Titel geben. Es sind der Ich-Erzähler Atsushi Sakahara und Hiroshi Araki, ein langjähriges Mitglied des Kults. Araki ist Chefsprecher von Aleph, wie sich Aum seit dem Jahr 2000 nennt, nur wenige Monate nach dem Anschlag war er schon einmal die Hauptfigur eines Dokumentarfilms (den ich nicht kenne): „A“ von Mori Tatsuya (1997/98).



Das erklärte Ziel ist die Demaskierung

Der Filmemacher möchte, wie er anfangs im Voiceover erklärt, den „Menschen hinter der Maske von Aum finden“. Sein Vorhaben stellt sich in einen begrifflichen Kontext, der fast schon reflexartig bemüht wird, wenn Täter nicht als augenscheinliche Monster in Erscheinung treten. Im Verweis auf Hannah Arendts These von der Banalität des Bösen wird dem etwas reißerischen Titel der Zusatz „A Modern Report on the Banality of Evil“ nachgestellt. Eigentlich ist diese Ansage selbst eine Maske. Denn tatsächlich verbirgt sich hinter dem Vorhaben der Demaskierung ein fragiler, schwer zu fassender Dialog zwischen zwei Menschen, deren Rollen als Opfer beziehungsweise Patient, Therapeut und Täter (Araki selbst zählt nicht zu den Beteiligten des Anschlags) alles andere als stabil sind.

Araki, der sich Aum ein Jahr vor dem Anschlag anschloss, lebt in radikaler Entsagung in der Gemeinschaft der Sekte, den Kontakt zu seiner Familie hat er zwei Jahre nach Eintritt abgebrochen. Am Anfang gibt er dem Filmemacher eine kurze Führung durch die extrem unwirtlichen Räume des Dôjôs: grelles Neonlicht, Überwachungsmonitore mit Blick auf die Straße, überhaupt viel technisches Gerät, ein rumpeliger Schlafbereich, in dem sich kaum aufrecht stehen lässt (geschlafen wird auf dem harten Boden), die Küche, in der sich Sakahara die Zusammenstellung der faden Aum-Mahlzeit erklären lässt: „Wir versuchen unserem Geschmackssinn nicht zu gefallen.“ Die Kamera, der Filmemacher führt sie nicht selbst, fängt diese Eindrücke eher flüchtig und fast etwas zerstreut ein. Tatsächlich interessiert sich der Film überhaupt nicht für die Binnenstruktur der Gemeinschaft und auch nicht für die wirklichen Gründe des Anschlags. Auch den wirren Lehren des Kults geht er nicht nach. Sakahara möchte stattdessen verstehen, warum Menschen wie Araki nach den Verbrechen noch immer ihren Glauben bewahren – und an Asahara Shōkō, dem Gründer und Guru von Aum, festhalten. Vor drei Jahren erst wurde er zusammen mit 11 weiteren zum Tode verurteilten Sektenmitgliedern hingerichtet.


Zeit gibt es genug

„Me and the Cult Leader“ besteht hauptsächlich aus langen Gesprächen, die im Zug, in Cafés und an anderen Orten, häufig aber auch zu Fuß im Modus des „Walk and Talk“ geführt werden. Zeit gibt es genug. Auf einer gemeinsamen neuntägigen Reise begeben sich die Männer in die Tanba-Region, die Teile der Präfekturen Kyoto und Hyogo umfasst. Beide wuchsen in der Gegend auf, sie studierten sogar an der gleichen Universität. Im Film erzählt Araki, wie er Asahara Shōkō zum ersten Mal auf dem Campus in Kyoto sah und sprechen hörte. Er erinnert sich an ein „starkes Gefühl“. Nach der einschneidenden Begegnung kamen ihm sein Begehren und seine Sinne zunehmend abhanden. Je mehr er trainierte und sich den Inhalten von Aum zuwandte, desto schmerzhafter wurde für ihn das irdische Leben.



Zu Beginn treten die beiden Männer fast wie ein odd couple auf. Sakahara ist ein fester, knuffiger Mann mit einem runden, gutmütigen Gesicht, Araki schmal und ein wenig gebeugt, er trägt eine Brille, einen zu dünnen Anorak und auch bei winterlichen Temperaturen offene Sandalen. Der freundliche Umgang zwischen den beiden Männern irritiert. Sie wirken wie gute Bekannte, sie lachen, sie machen Scherze, auf der Zugfahrt teilen sie sich wie alte Schulfreunde einen Kopfhörer.

Der Film entwickelt sich in einem langsamen, fast meditativen Rhythmus, Sakahara sucht nicht die Konfrontation. Mit einem Menschen wie Araki geht so was auch einfach nicht. Auf direkte Fragen antwortet er verschlungen und verdreht: „Ich könnte mir selbst Vorwürfe machen, dass ich es nicht erklären kann.“ Seine weiche, sanfte Art, gepaart mit seiner Unsicherheit, hat etwas Anrührendes. Araki braucht oft lange, um zu antworten, er macht Pausen, stockt, sucht nach Worten, gefilmt wird dabei fast ausschließlich auf sein schon recht zerknittertes Kindergesicht.


Der Patient übernimmt die Rolle des Therapeuten

Je mehr die beiden Männer sich den Orten ihrer Vergangenheit annähern, desto mehr weicht Araki auf. Sakahara, der Überlebende, der Patient, übernimmt mehr und mehr die Rolle eines Therapeuten, für sein eigenes Trauma und Leiden beansprucht er wenig Platz. Beim Essen einer Nudelsuppe und dem Besuch von vertrauten Plätzen kommen bei Araki die Geschmäcker und Bilder der Kindheit und Jugend zurück. Er erzählt von einschneidenden Erfahrungen, von Zweifeln und Enttäuschungen und rekapituliert den Abschied von seiner Familie, die seinen Schritt bis zuletzt aufzuhalten versuchte. Beim Steineflitschen am Fluss meldet sich die Körpererinnerung zurück, jetzt ist er wieder der kleine Schuljunge, beglückt lässt er die Steine über das Wasser springen, will gar nicht mehr aufhören. Als der Zug an dem Ort Halt macht, an dem seine geliebte Großmutter lebte, laufen ihm die Tränen über die Wangen. Da passiert etwas, aber was bedeutet es?



Vielleicht noch mehr als eine öffentliche Entschuldigung für die Taten von Aum, die aber auch beim Besuch einer Gedenkveranstaltung in der U-Bahn nicht folgen wird, möchte Sakahara, dass Araki seine Eltern wieder aufsucht. Während er selbst im Frieden wirkt mit seinem beeinträchtigten Leben, zeigt sich sein Gegenüber als der eigentlich Beschädigte, der Heilung und Fürsorge bedarf. In einem Kleidergeschäft kauft der Filmemacher dem bibbernden Mann eine Daunenjacke.

Arakis Zerbrechlichkeit führt schließlich zu nichts – zumindest zu nichts, das sich benennen ließe. In seiner Loyalität zu Aum bleibt er bei aller Unsicherheit und Verwirrtheit so unverrückbar und stur wie zu Beginn. Die Psychologie dieses Mannes kann und will Sakahara nicht auflösen. Aber indem er diesen Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit erlebt, hat er etwas verstanden, das für ihn (und uns) wertvoll ist.


Hinweis:

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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