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Ein Rätsel mit ausgefülltem Leben - Ildikó Enyedi

Mittwoch, 03.11.2021

Ein Interview mit der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi über ihre Romanadaption „Die Geschichte meiner Frau“

Diskussion

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi hat sich nach ihrem „Berlinale“-Gewinn 2017 mit „Körper und Seele“ für ihren neuen Film Die Geschichte meiner Fraueinen bekannten Roman als Vorlage ausgesucht. Darin entfaltet sich ein Panorama der 1920er-Jahre um einen Kapitän, der über eine spontane Wette zum Ehemann einer Frau wird und von ihrem rätselhaften Verhalten überfordert ist.


Für gewöhnlich schreiben Sie Ihre eigenen Drehbücher. Dieses Mal haben Sie jedoch den Roman eines anderen Autors, Milán Füst, adaptiert. Was gefiel Ihnen so sehr an dem Roman?

Ildiko Enyedi: Es ist bestimmt das erste und das letzte Mal, dass ich eine fremde Vorlage adaptiere. Das war eine Ausnahme. Als Teenager war ich sehr beeindruckt von diesem Buch. Mehrmals in meinem Leben kam es zu mir zurück als etwas sehr Aktuelles, immer mit einem anderen Sinn. Das Buch behandelt Dinge von einem sehr bestimmten Gesichtspunkt aus. Darum dachte ich mir, dass man eine dreistündige Werbung drehen könnte, nicht so sehr für den Roman, aber für den Schriftsteller und seine Gedanken. Die deutsche Übersetzung soll nicht so gut sein, sie ist schon sehr alt. Ich kann also das deutsche Publikum nicht ermuntern, das Buch zu lesen. Trotzdem ist dies mein eigentliches Anliegen: dass die Menschen auch das Buch lesen.


Was sind die Herausforderungen, wenn man die Arbeit eines anderen adaptiert?

Enyedi: Zuerst die Vorteile: Wenn man ein Drehbuch selbst schreibt, hat man zunächst einige vage Ideen. Man versucht sie in eine Geschichte einzubinden. Dann versteckt man in der Geschichte all die Energie, die einen zu dem Projekt angetrieben hat. Man muss alles von Beginn erarbeiten. Jeder Schritt ist sehr persönlich und sehr schwierig. Wenn man aber so einen tollen Roman wie diesen hier hat, von einem so guten Autor, der höchst komplexe Charaktere entwirft, dann ist das so, als würde man von einer Holzhütte im Wald in ein Luxushotel ziehen, wo es Zentralheizung und elektrisches Licht gibt. Man fühlt den ganzen Komfort, den man sonst nicht gehabt hätte. Allerdings bin ich nicht die Einzige, die den Roman liebt. Es kommt also die Angst vor den Erwartungen der Leser hinzu. Jeder hat seinen eigenen Film im Kopf, so wie ich – bis zur Realität, die ich kreiert habe. Nach all den Previews und Premieren, bei denen der Film bislang gezeigt wurde, scheint mir aber, dass das Publikum mit meiner Übertragung auf die Leinwand ganz zufrieden ist.


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Die Französin Léa Seydoux spielt die Hauptrolle in „Die Geschichte meiner Frau“ (© Alamode)
Die Französin Léa Seydoux spielt die Hauptrolle in „Die Geschichte meiner Frau“ (© Alamode)


Sie haben den Film in mehrere Kapitel mit Überschriften eingeteilt.

Enyedi: Der Roman ist ein langer, ununterbrochener Monolog des Kapitäns – ohne Kapitelunterteilung. Viele Aspekte, die Eifersucht, die Liebesgeschichte, das Privatleben, sind über Seiten hinweg entwickelt. Ich entschied mich für einen anderen Weg, allerding erst nach langem Zögern. Ich wollte beim Publikum bestimmte Fragen aufwerfen, die der Roman behandelt. Der Raum, das Licht, die Fotografie, die Unterschiede zwischen Meer und Land – darüber soll man sich Gedanken machen. Die Kapitelnamen sind deshalb Startpunkte. Für eine Sekunde hat man innerhalb dieses langen Epos eine Pause und man kann sich Rechenschaft darüber ablegen, was man bis dahin erfahren hat oder was das nächste Kapitel bereithalten könnte, nicht so sehr vom Inhalt her, sondern mit Blick auf den Gehalt. Man soll die Geschichte nicht nur von der Handlung her beurteilen. Das war meine Absicht.


Der Kapitän Jakob Störr ist sehr kompetent und umsichtig auf See und sehr unsicher an Land. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Enyedi: Er hat ein sehr solides Arsenal an Fähigkeiten und Regeln, wie man sein Leben führen soll. Dann trifft er eine andere Person, und diese andere Person ist nicht so einfach. Er will verstehen, was passiert, aber die Fähigkeiten und Regeln, die er sich angeeignet hat, sind zu alt. Ich hatte Gespräche mit einer Reihe von Männern, die guten Willens sind, darunter auch mit meinem Sohn. Wundervolle, nette Männer. Aber sie sind wirklich unsicher darüber, was richtig ist und was nicht, wie sie sich verhalten sollen. Was eine Beleidigung ist und was ein Flirt? Ist der Flirt freundlich oder belästigend? Ich wollte das Augenmerk auf diesen Moment des Widerspruchs legen. Jakob Störr ist alles andere als perfekt. Und doch ist er auch ein liebenswerter Kerl.


Ich mag die Szene, wenn auf dem Schiff Feuer ausbricht und er einfach geduldig wartet, bis es zu regnen beginnt, während alle anderen ihn zur Eile antreiben, endlich etwas zu tun.

Enyedi: Im Buch ist die Szene ein wenig anders. Als Kapitän fühlt er sich auf dem Frachtschiff äußerst unwohl, auch gegenüber seinem eleganten Ersten Offizier, der ihn möglicherweise verachtet. Im Roman verliert er seine Sicherheit; er denkt sogar an Selbstmord. Im Film hatte er eigentlich alles verloren, was ihm wichtig war. Aber tief in ihm scheint noch etwas zu funktionieren.

Der Kapitän (Gijs Naber) und seine enigmatische Frau (Léa Seydoux) (© Alamode)
Der Kapitän (Gijs Naber) und seine enigmatische Frau (Léa Seydoux) (© Alamode)

Warum haben Sie Léa Seydoux für die Rolle der Frau ausgewählt? Welche Qualitäten schätzen Sie an ihr?

Enyedi: Erst hatte ich Zweifel, ob Léa Seydoux wirklich die richtige Schauspielerin für eine Figur wie Lizzy ist. Sie ist bewundernswert, ein wundervoller Mensch. Sie ist sehr aktiv, dynamisch, freimütig. Lizzy sollte aber eine stille Macht ausstrahlen. Sie ist keine Femme fatale, aber ein komplexer Charakter, den man entdecken soll. Als ich Léa Seydoux zum ersten Mal treffen sollte, saß ich schon im Café, während sie noch den Bürgersteig entlangging und nicht wusste, dass ich sie beobachtete. Das ist das Magische beim Casting: Ich sah eine schöne Stille und Stärke in der Verletzlichkeit, die ich für Lizzy brauchte. Als sie dann das Café betrat, war für mich klar: Diese verborgenen Farben soll auch das Publikum sehen. Ich wollte, dass Léa Seydoux etwas zeigt, was sie bislang versteckt hatte.


Mir gefiel sehr, dass Lizzy ein sehr enigmatischer Charakter ist. Ich kann bis zum Schluss nicht sagen, warum sie tut, was sie tut.

Enyedi: Das Publikum folgt zunächst dem Kapitän und befindet sich darum auf demselben Level wie er. Er ist, wie so viele von uns, nicht so gut darin, Fragen zu stellen oder eine andere Person zu entschlüsseln. Jemand anderes kann nicht in seiner Gänze entdeckt werden. Lizzy mag zwar ein Rätsel sein, aber sie ist ein Rätsel mit einem ausgefüllten Leben. Das muss das Publikum genauso herausfinden wie Jakob.


Die Idee, die erste Frau zu heiraten, die durch die Tür kommt – das ist doch ein sehr romantischer Gedanke. Aber ist er nicht auch gefährlich?

Enyedi: Zu Beginn glaubt der Kapitän, dass man zwischenmenschliche Beziehungen genauso behandeln kann wie alles andere auf seinem Boot. Er ist guter Laune, er will spielen. Dann aber ist sehr überrascht, dass er auf eine andere Spielerin trifft. Im ersten Drittel des Films, nach ihrer Begegnung, ist es keine romantische Beziehung. Es ist ein Handel zwischen ihnen: „Lass es uns versuchen.“ Eine Neugier verbindet sie, beide sind voneinander beeindruckt, zum einen, weil der andere so verschieden ist, zum anderen, weil das Gegenüber auch ein Spieler ist. Erst sehr viel später wird es emotional. Als der Verdacht aufkommt, dass Lizzy Affären haben könnte, entscheidet Jakob für sich, daraus kein Drama zu machen. Lizzy versteht diese Geste. Sie sieht in Jakob eine großzügige Person. Erst dann wird es romantisch. Dann gibt es diese Tangoszene. Ich bat den Choreografen, daraus keine Tanzszene zu machen, sondern eine Unterhaltung. Von dem Moment an können wir die Beziehung eine romantische Liebe nennen.

Aus einem spontanen Einfall im Café entwickelt sich ein unvorhersehbares Beziehungsdrama (© Alamode)
Aus einem spontanen Einfall im Café entwickelt sich ein unvorhersehbares Beziehungsdrama (© Alamode)

Ihr Film ist in den 1920er-Jahren angesiedelt, vor fast 100 Jahren also. Was sind die Herausforderungen, wenn man eine vergangene Zeit wieder aufleben lässt?

Enyedi: Ich wollte diese beiden Menschen in einer Situation zeigen, die uns allen vertraut ist, aber in einer anderen Welt wurzelt. Lizzy ist keine Revolutionärin. Sie ist eine autonome, souveräne Person. Sie kämpft nicht für die Rechte der Frauen. Sie ist in ihrer Gegenwart zuhause, so wie wir auch. Wir müssen sehr, sehr wichtige Fragen beantworten, damals wie heute. Was die Wiederbelebung einer vergangenen Ära betrifft: Ich wollte korrekt sein, eine Realität erschaffen, aber natürlich, weich und locker, sowohl in den Kostümen als auch in den Drehorten. Hamburg ist eine wundervolle, natürliche Verkörperung all der Werte, die Jakob Störr schätzt. Man sieht diese Gebäude in der Speicherstadt und fühlt sich ihm gleich näher, seinen Werten, seinen Gedanken, seinem Lebensstil. Es zerreißt einem das Herz, wenn man sieht, dass er schon so verloren ist in diesem Labyrinth, dass er in Hamburg nicht mehr auf einem Schiff anheuert, sondern einen ruhigen und auch demütigenden Job als Sekretär annimmt. Das soll zeigen, wie sehr er seine Konturen verloren hat.


Haben Sie sehr eng mit ihrer Set-Designerin zusammengearbeitet?

Enyedi: Absolut. Mit Imola Láng habe ich schon bei Körper und Seele gedreht. Wir hatten die schwierige Aufgabe, mit wenigen Objekten, der Blaupause eines Appartements, die innere Verfassung einer Person auszudrücken. Wie immer, wenn wir zusammenarbeiten, wollen wir nicht einen korrekten Sinn kreieren oder ein schönes Dekor. Der verborgenste und wichtigste Aspekt des Films über die Charaktere und deren Psychologie ist in jedem kleinen Objekt enthalten. Imola Láng ist wirklich fantastisch. In dem Zusammenhang möchte ich auch Noemi Hampel erwähnen. Sie ist die Sound-Designerin. Es war eine wunderbare Erfahrung, mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie wollte keinen korrekten, netten und reichen Ton-Hintergrund schaffen. Sie brannte so leidenschaftlich für die Geschichte, sie liebte die Figur des Jakob so sehr. Sie fand sehr ungewöhnliche, eigenartige und beklemmende Geräusche und arbeitete mit ihnen. Allein schon die quietschenden Töne des Frachtschiffs Aquitania: Sie nahm nicht nur die natürlichen Geräusche auf, das wäre zu einfach gewesen, sondern fügte noch einen weiteren Level mit Meeresklängen hinzu. Das gleiche gilt für die Dekors und die Fotografie. Da steckt ganz viel Energie drin, und doch bleiben die beiden Protagonisten im Vordergrund.


Wo Sie gerade auch die Kamera erwähnt haben: Mir gefiel eine Einstellung besonders, in der Jakob durch das Fenster eines Cafés blickt und auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Verkäuferin anschaut, die gerade eine Zigarettenpause macht.

Enyedi: Das ist meine Tochter! Ich war auf der Suche nach einer jungen Schauspielerin mit einer starken Ausstrahlung. Ich habe mehr als zwanzig Frauen vorsprechen lassen. Dies ist ja bloß eine weitere Erscheinung. Und doch muss man als Zuschauer fürchten, dass der Kapitän zurück im Leben ist, bevor Lizzy ankommt. Meine Tochter ist Lehrerin an einer Waldorf-Schule. Sie hat nichts mit dem Filmemachen zu tun. Ich freue mich aber, dass sie diese Einstellung bemerkenswert finden. Im Roman geht diese Szene über 120 Seiten. Jakob überlegt sich, wieder eine Beziehung einzugehen. An dem Tag, an dem er wieder heiraten will, steht Lizzy wieder vor ihm.

Durch einen hartnäckigen Verehrer (Louis Garrel, r.) wird die Situation noch komplizierter (© Alamode)
Durch einen hartnäckigen Verehrer (Louis Garrel, r.) wird die Situation noch komplizierter (© Alamode)


Gibt es mit „Die Geschichte meiner Frau“ auch eine Verbindung zu Ihren anderen Filmen, vielleicht zu „Körper und Seele“, in dem es auch um das Wesen der Liebe geht?

Enyedi: Die Frage habe ich mir auch gestellt. Viele US-amerikanische Kritiker haben angemerkt, dass dies nicht der Fall sei, weil „Die Geschichte meiner Frau“ zu klassisch sei. Ich finde, dass alle meine Filme an der Oberfläche ein wenig verschieden sind. Mein 20. Jahrhundert, der vor 30 Jahren zum Teil auch in Hamburg entstand, in schwarz-weiß, ist stilistisch sehr anders. Aber ich muss für mich Rechenschaft ablegen, was meine Persönlichkeit in diesen Filmen ausmacht. Ich suche stets nach Empathie, nicht nach dem, was uns trennt, sondern nach dem, was uns verbindet.

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