© MAGO / ZUMA Wire (Vicky Krieps 2021 in Cannes bei der Premiere von "Hold Me Tight")

Die Renaissance-Frau - Vicky Krieps

Freitag, 05.11.2021

Die Porträt der Schauspielerin Vicky Krieps

Diskussion

Die 1983 in Luxemburg geborene Schauspielerin Vicky Krieps wurde 2017 durch ihre Hauptrolle in Paul Thomas Andersons Der seidene Fadenschlagartig international bekannt: Als widerspenstige Muse eines egozentrischen Modedesigners verblüffte sie die Zuschauer. Seitdem hat die Karriere der Darstellerin mit dem markanten Gesicht und dem leisen Spiel mächtig Fahrt aufgenommen, aktuell spielt sie die Hauptrolle in Mia Hansen-Løves Drama Bergman Island.


Vor vier Jahren stolperte eine weitgehend unbekannte Schauspielerin aus dem kleinen Land Luxemburg dem Publikum buchstäblich vor die Füße. Ihr Gesicht ist noch unbeschrieben, das ist wichtig für die Rolle, die sie zu spielen hat, wichtig auch für ihren Spielpartner, der sich dem Method Acting verschrieben hat und darauf besteht, dass ihre erste Begegnung im Film gleichzeitig im Leben stattfindet. Vicky Krieps ist in Paul Thomas AndersonsDer seidene Faden (2017) Alma, eine Kellnerin ohne eigene Geschichte. Ein wenig windschief und mit hastigem Schritt betritt sie durch die Schwingtür den Frühstücksraum des Landhotels, streicht sich beim Gehen mit vollem Tablett noch schnell eine Haarsträhne hinters Ohr, stolpert, lächelt, und während sie sich fängt, fällt ihr Blick auf Reynolds Woodcock, den Betrachter ihres Auftritts. Sie errötet, lächelt erneut, doch dieses Lächeln gilt nun nicht mehr der eigenen Ungeschicklichkeit, sondern ganz ihrem Gegenüber. Als sie seine exzentrische Bestellung aufnimmt, ist ihr Blick offen, zugewandt, aber auch ein wenig herausfordernd. „If you want to have a staring contest, you will lose“, wird sie ihm gegenüber wenig später erklären.

Anderson konnte glücklich sein. In Vicky Krieps hatte er eine Schauspielerin gefunden, die Daniel Day-Lewis Präzisionsarbeit, seine messerscharfe, millimetergenaue Technik, die nichts dem Zufall überlässt, mit einem extrem organischen, eher instinktiven Spiel beantwortete. Das Stolpern war ungewollt und setzte den Ton für die Figur. In Woodcocks zu Tode ausgemessenem Leben wird Alma zum unberechenbaren Faktor, für die Form, in die sie als neue Muse des Schneiders gepresst wird, erweist sie sich bald als schlicht zu beweglich.


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In „Der seidene Faden“ bricht Vicky Krieps aus der ihr zugedachten Rolle der Muse rasch aus (© Weltkino)
In „Der seidene Faden“ bricht Vicky Krieps aus der ihr zugedachten Rolle aus (© Laurie Sparham/Focus Pictures/arte)

Vieles gleichzeitig

Krieps spielt diese Frau mit einer Mischung aus Verletzlichkeit, Entrücktheit und Bockigkeit. Sie ist vieles gleichzeitig: fahrig und geerdet, gefügig und renitent, schüchtern und forsch, verträumt und hellwach. Da sind eine Feinheit und Sensibilität in ihren Bewegungen, aber auch etwas Robustes, fast Trampeliges – allein ihre Art, am Frühstückstisch mit dem Messer geräuschvoll über ihren Toast zu kratzen, bringt Woodcock an den Rande eines Nervenzusammenbruchs („too much movement at breakfast“). Almas Einspruch gegen seine Empfindlichkeit und das ganze Getue, hinter dem er sich abschottet, passt jedoch nicht zu der gängigen Erzählung von Widerstand und Rebellion. Sie macht sich für Woodcock vielmehr durchlässig, ohne sich dabei zu verlieren. Jedes Teil von ihr habe sie ihm gegeben („every piece of me“), sagt sie einmal, Krieps glüht dabei von innen, als habe sie hohes Fieber.

Die US-amerikanische Presse staunte über die Unbekannte, die hierzulande schon ein Begriff war. Wie in Verlängerung ihrer Alma-Rolle aber blieb diese eigensinnig und ging erst einmal nicht den vorgezeichneten Weg der Vergrößerung (Hollywood). Sie machte sich vielmehr klein, fast ein wenig unscheinbar, tauchte mal hier, mal dort auf und dazwischen in der deutschen TV-Serie Das Boot (2018-2020). Ihre Filmografie, die sich bis vor kurzem noch durchwachsen, fast ein wenig sprunghaft liest, nimmt, so scheint es, erst jetzt klare Formen an. In diesem Jahr ist Vicky Krieps nicht zu übersehen. Neben einer Rolle in M. Night Shyamalans Mysterythriller Old ist sie die tragende Figur in gleich zwei französischen Produktionen (beide wurden in Cannes vorgestellt): Bergman Island von Mia Hansen-Løve und „Serre moi fort“ von Mathieu Amalric. Die Schauspielerin ist gefragt, es heißt, „alle“ wollten mit ihr arbeiten. „Corsage“, unter der Regie von Marie Kreutzer, ist bereits abgedreht (sie spielt darin Kaiserin Elisabeth), zu den laufenden Projekten zählen eine zweiteilige Adaption von „Die drei Musketiere“ mit großem Budget und französischen Stars, außerdem ein Film des Belgiers Philippe van Leeuw.

In „Das Zimmermädchen Lynn“ spürt Vicky Krieps als scheue Hotelangestellte den Leben der Gäste nach (© Movienet)
In „Das Zimmermädchen Lynn“ spürt Vicky Krieps als scheue Hotelangestellte den Leben der Gäste nach (© Movienet)

Ihr Gesicht kann nicht mehr vergessen werden

Vicky Krieps, 1983 in Luxemburg geboren, taucht bis zu Der seidene Faden vor allem in Nebenrollen im deutschen Kino, aber auch in europäischen Co-Produktionen auf, das Geld kommt meist aus Frankreich, Belgien, Luxemburg und England. Auftritte hat sie etwa in Wer wenn nicht wir (2011), A Most Wanted Man (2014), Colonia Dignidad (2015) und Der junge Karl Marx (2017). Die Filme sind schon ein wenig vergessen, vielleicht auch ihre Rollen, nicht aber ihr Gesicht: Es ist fein gezeichnet und blass, melancholisch und forschend – schön auf eine nicht gefällige Weise, man denkt sofort an Renaissance-Gemälde (verglichen wurde es schon mit Raffaels „Madonna“ und Meryl Streep).

Ausgiebig studieren ließ sich dieses Gesicht in Das Zimmermädchen Lynn (2014) von Ingo Haeb, dem Film, in dem Anderson sie das erste Mal sah – und in ihr etwas erkannte, das andere übersehen hatten. Krieps spielt eine verhuschte Frau mit Phobien und schlechtem Gang, die sich an ihrem Arbeitsplatz in andere Leben hineinschleicht. Lynn zieht sich die Kleider der Hotelgäste an, schnüffelt an ihren Sachen, legt sich unter die Betten der Fremden. Erst als sie durch die Begegnung mit einer Domina ihr masochistisches Begehren entdeckt, bekommt sie ein Gefühl auch für ihr eigenes Leben – und ihren Körper. Mit der Entdeckung der Lust wird ihr steifer, fast schon mechanischer Leib weich und empfänglich.

Innere Bewegungen, leise, glimmend und nervös oder körperlich und aufgewühlt, sind für Krieps’ Rollen (zumindest für die markanten) charakteristisch. Bergman Island und „Serre moi fort“ verhalten sich fast diametral zueinander. Die Figur der Filmemacherin Chris, die mit ihrem Mann zum Arbeiten auf die „Bergman“-Insel Fårö reist, hat etwas Gefasstes. Ihre Suche nach einer eigenen Stimme als Künstlerin und Partnerin eines schon älteren Mannes verläuft ganz im Stillen, Krieps spielt diesen Prozess ganz klein, aber unter einer stetigen Spannung. Bei der Arbeit am Schreibtisch mag Chris noch so stocken und verharren, ihre Auseinandersetzung mit sich, ihrer Kreativität, ihrer Beziehung und mit dem über der Insel thronenden Bergman, verleiht ihr etwas äußerst Lebendiges. Hansen-Løve setzt diese Figur bald aber auch äußerlich in Bewegung, gibt ihr Raum, umherzuschweifen – auch in ihrer eigenen Vergangenheit und Fiktion.

In „Bergman Island“ spielt Vicky Krieps an der Seite von Tim Roth eine Filmemacherin (© Weltkino)
In „Bergman Island“ spielt Vicky Krieps an der Seite von Tim Roth eine Filmemacherin (© Weltkino)

Der Körper, der alles zusammenhält

Als eine weitaus zersplittertere Figur zeigt sich Krieps in Amalrics Film, der selbst aus den Fugen ist. Clarisse, Ehefrau und Mutter zweier Kinder, ist eine Frau auf der Flucht, in ständiger Bewegung, im Chaos. Man sieht sie das Haus verlassen, unterwegs im Auto, in Kneipen, sie trinkt zu viel, spricht mit sich selbst, verfolgt ein junges Mädchen, knöpft einem Fremden das Hemd auf und streicht über sein Brusthaar. Erst mit der Zeit formt sich ihr Taumel durch Raum und Zeit als ein Überlebensversuch. Krieps ist in diesem in die verschiedensten Stimmen und Tonarten zersplitterten Drama der Körper, der alles zusammenhält, auch wenn er kurz davor ist, auseinanderzufallen.

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