© petit á petit prod. (Preisträger der Ökumenischen Jury: "May God Be With You")

Die Filme der anderen - DOK Leipzig 2021

Freitag, 05.11.2021

Das 64. Dokfilm-Festival in Leipzig präsentierte ein verschlanktes, aber höchst attraktives Programm

Diskussion

Die 64. Ausgabe von DOK Leipzig, dem ältesten deutschen Dokumentarfilmfestival, fand als Präsenzveranstaltung statt und präsentierte ein verschlanktes Programm von 170 Filmen aus über 50 Ländern; in der Stadt herrschte endlich wieder Festivalstimmung.


Ein gedrückter Lichtschalter zierte das diesjährige Plakat des größten deutschen Dokumentarfilmfestivals DOK Leipzig (25.10.-31.10.2021). Dessen Botschaft war klar: Die Kinolichter sind wieder an, und sie brennen analog. Vor einem Jahr, zum Amtsantritt des neuen Festivalleiters Christoph Terhechte, konnte das älteste deutsche Dok-Festival coronabedingt nur unter Einschränkungen stattfinden; jetzt waren die Kinos dank eines gewissenhaft kontrollierten 3G-Modells wieder mit Menschen gefüllt, und auch die Filmemacher waren anwesend.

Die in den rot-weißen Farben des Festivals gehaltenen Ticketstände sowie die Festivalplakate kündeten vom wiedergewonnenen Selbstbewusstsein. Auch Terhechte zog eine positive Bilanz: „Das Festival war ein großer Erfolg, nicht nur aufgrund der Filme, die im Laufe der Woche in der ganzen Stadt zu sehen waren, sondern weil bei allen Beteiligten – bei den Filmschaffenden genauso wie beim Leipziger Publikum – die Lust auf Filmkultur und Diskussionen zu spüren war. Viele Gäste haben sich bedankt, dass ein Festival in dieser Form wieder möglich ist; sie waren glücklich, ihre Werke im Kino präsentieren zu können.“


Wo Wasser zur Waffe wird

2020 hatte Terhechte das Programm verschlankt; die jetzt gezeigten 170 Dok- und Animationsfilme sowie Extended-Reality-Arbeiten in sechs Wettbewerben sowie Retrospektiven stellten das Publikum dennoch vor die Qual der Wahl. In den Filmen des internationalen Wettbewerbs für lange Dokumentar- und Animationsfilme erwies sich das Element Wasser als wiederkehrendes Motiv. Zwei sehenswerte Filme machten sich Gedanken über den Kampf um den wertvollen Rohstoff und wie er sich instrumentalisieren lässt. So spielt „The Great Basin“ von Chivas DeVinck im US-Bundesstaat Nevada, der vor allem durch seine Glitzerstadt Las Vegas von sich reden macht, ein hedonistisches, ressourcenverschlingendes Ungetüm. Seit 30 Jahren wehrt sich im ländlichen White Pine County eine Allianz aus Farmern, Umweltschützern und Ureinwohnern gegen Pläne, eine Pipeline zu errichten, um die Metropole mit Wasser zu versorgen.

Nevada jenseits von Las Vegas: "The Great Basin" (Dok Leipzig)
Nevada jenseits von Las Vegas: "The Great Basin" (© DOK Leipzig)

Der Film unterwandert die Klischees vom sogenannten Wüstenstaat und dringt bis zu den schneebedeckten Bergen vor, die man mit Nevada gewöhnlich nicht assoziiert. Der Filmemacher spricht mit den Menschen vor Ort, zeigt Sitzungen eines Bürgerrats oder ehemalige Industriearbeiter beim morgendlichen Schwätzchen. Außerdem offenbart er bei einigen Aktivisten eine interessante Mischung aus solidarischem, antilobbyistischem Zusammenhalt und bedingungsloser Befürwortung von privatem Waffenbesitz – in Nevada offenbar kein Widerspruch. Wie der Konflikt ums Wasser enden wird, bleibt offen.

Von einem kaukasischen Staudamm handelt „Water has no Borders“ der georgischen Regisseurin Maradia Tsaava. Das gewaltige Bauwerk am Fluss Enguri bildet die Grenze zwischen Georgien und Abchasien, das seit dem Bürgerkrieg quasi abgeriegelt ist. Der Film schildert die vergeblichen Bemühungen der Regisseurin, Abchasien zu bereisen. Ein georgischer Bekannter steht ihr zur Seite, erzählt vom Früher und vom Heute in einer Gegend, die seit den 1990er-Jahren von ethnischen Konflikten und viel Leid geprägt ist. Inmitten von nebelumhüllten Bergen erinnern sich Bewohner an Vertreibung, Tod, abenteuerliche Grenzübertritte und Bestechlichkeit, die es ärmeren Menschen unmöglich macht, legal nach Abchasien zu gelangen.

Nicht alle Regisseure konnten nach Leipzig reisen. Die, die nicht dabei sein konnten, sandten kurze Videobotschaften. Die Einschränkungen des 2020er-Festivals wurden in diesem Jahr ins Gegenteil verkehrt. „Positiv ist, dass wir die Neuerungen, die wir unter dem Eindruck der Pandemie entwickelt haben, beibehalten konnten“, bilanzierte Terhechte. „Dazu zählt auch die Möglichkeit, aus der Ferne am Festival teilzunehmen.“


Fluch und Segen der Moderne

Zum Kernbestand des Festivals zählen Filme, die das Schicksal einfacher Menschen ins Zentrum rücken und gesellschaftliche Zustände in den entfernten Winkeln der Erde beleuchten. So erzählt der Gewinner der „Goldene Taube“, der Film „Father“ von Wei Deng, dem 86-jährigen Großvater des chinesischen Regisseurs. Aufgrund seiner Behinderung war dem seit Kindheitstagen blinden Mann eigentlich die soziale Ächtung vorherbestimmt. Doch als Wahrsager entkam er nicht nur der Armut, sondern heiratete sogar und gründete eine Familie. Der eigensinnige alte Mann führt durch den Film, erzählt aus Kindheit und Jugend und offenbart eine von sozialer Grausamkeit geprägte chinesische Vorkriegsgesellschaft.

Zwischen Hypermodernität und Tradition: "Father" (Dok Leipzig)
Zwischen Hypermodernität und Tradition: "Father" (© DOK Leipzig)

Für das sich rasant ändernde heutige China steht der Vater des Filmemachers, Donggu Wei, ein Bauunternehmer, der alte Gebäude abreißt, um moderne Hochhäuser an ihrer Stelle zu errichten. Fast scheint es, als wolle er sich dadurch an einer Gesellschaft rächen, die ihm als Kind blinder Eltern einst übel mitgespielt hat. Als umtriebiger Unternehmer denkt er profitorientiert, doch die Verantwortung für seinen Vater und die Besinnung auf seine Wurzeln sind ihm ebenso wichtig wie der Glaube an die Prophezeiungen seines Erzeugers. „Father“ ist ein berührendes Werk, das die Widersprüche der chinesischen Gesellschaft zwischen Hypermodernität und Traditionen, Turbo-Kapitalismus und verordnetem Sozialismus schmerzhaft offenlegt.

Eine Art Hybrid aus Dokumentar- und Spielfilm stellt „Krai“ von Alexej Lapin dar. Der in Österreich lebende russische Regisseur besucht mit seiner Crew den kleinen Heimatort seiner Familie, offiziell, um ein Casting für einen historischen Film zu veranstalten. De facto porträtiert „Krai“ in Schwarz-weiß – mit liebevollen, humoristischen Anspielungen auf russische Klassiker der Literatur und des Kinos – aber die dörfliche Gemeinschaft, die wie aus der Zeit gefallen erscheint. Tagelang gibt es auf einer Seite des Flusses keinen Strom, Einheimische glauben an einen giftigen Nebel, eine junge Frau wird von ihrem Bruder eifersüchtig vor einem Verehrer beschützt.


Neugierig die Zeit hinterfragen

Auf der Suche nach familiären Spuren forschen zwei sehr unterschiedliche Filmemacherinnen, die dabei einen womöglich nur spielerisch gemeinten Narzissmus zur Schau stellten. In „Vor Zeit“ schickt die deutsche Regisseurin Juliane Henrich die Schriftstellerin Nannina Matz als naiv forschendes Alter Ego in den schlesischen Teil Polens, um Informationen über ihren deutschen Großvater zu finden. Die spärlichen Erkenntnisse über ihn kompensiert sie mit Reflexionen über Ausgrabungen im übertragenen Sinne, zu denen auch das örtliche Dino-Museum gehört.

Unterwegs in Schlesien: "Vor Zeit" (Dok Leipzig)
Unterwegs in Schlesien: "Vor Zeit" (© DOK Leipzig)

Que Dieu te protège“ („May God be with you“) der Französin Cléo Cohen wiederum forscht anhand ihrer nach Frankreich emigrierten Großeltern dem Leben und der de facto Vertreibung sephardischer Juden aus Tunesien und Algerien in den 1960er-Jahren nach. Bei den Großvätern treten dabei große Sympathien für die Unabhängigkeitsbestrebungen der französischen Kolonien zutage. Bei den Großmüttern ist eher eine Verbitterung zu spüren; zu erkennen sind auch Unterschiede der jüdischen Kultur in Algerien und Tunesien.

Die Filmemacherin erscheint als neugierig die Zeiten hinterfragende junge Frau, die sich in der Badewanne, beim Yoga oder Musikhören in Szene setzt, kulinarische und sprachliche Aspekte ihrer arabisch gefärbten jüdischen Herkunft erlernt und ihre Rolle als Nachkommin, Regisseurin und Handelnde vor und hinter der Kamera auslotet.

Die hochspannende Retrospektive „Die Juden der Anderen“ widmete sich in sechs Einzelprogrammen einem innerdeutschen Kapitel der Filmgeschichte. Sie zeigte auf, wie unterschiedlich sich DDR und BRD in – zum Teil stark propagandistischen – Dokumentarfilmen als der moralisch jeweils überlegene deutsche Staat in Bezug auf die Aufarbeitung des Holocaust inszenierten. In Ost- und Westfilmen, etwa über den NS-Juristen und späteren Adenauer-Vertrauten Hans Globke, über Israel oder den „Bildungsstand westdeutscher Schüler in den 1950er-Jahren“ offenbarten sich krasse Abwälzungen von Schuld, gegenseitige Vorwürfe und das Eingebundensein in den West- oder Ostblock.


Die Installation „Hallo du!“ von Shelly Silver

Als originelle Spielorte des DOK-Festivals erwiesen sich erneut die Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofs sowie die Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen vor den Toren der Stadt. Filmkunst im öffentlichen Raum war in Gestalt der Videoinstallation „Hallo du!“ von Shelly Silver auf der Fassade des Museums der bildenden Künste im Festivalprogramm präsent. „Mit der Installation, die bis zum Marktplatz zu sehen war, wurde die Stadt direkt angesprochen, über ihre Kulturinstitutionen nachzudenken und sie aktiv mitzugestalten.“ Die Verbindung von Dokumentar- und Animationsfilm sind eben das Besondere an DOK Leipzig, so Terhechte: „Die Bandbreite dieser beiden Gattungen ermöglicht ein künstlerisch diverses Programm – vom experimentellen Animationsfilm über unterhaltsame dokumentarische Formen bis hin zu Filmen für das junge Publikum. Ein Programm, das dementsprechend auch das Interesse eines sehr diversen Publikums weckt.“


Ein großer Teil des Filmprogramms von DOK Leipzig ist noch bis zum 14. November online im „DOK-Stream“ zu sehen.


Die Preisträger des 64. Dokfilm-Festivals in Leipzig


Goldene Taube: "Father" von Wei Deng

Silberne Taube: "Bucolic" von Karol Palka

Gewinner Deutscher Wettbewerb: "A Sound of My Own" von Rebecca Zehr

DEFA-Förderpreis: "Nasim" von Ole Jacobs, Arne Büttner

FIPRESCI-Preis: "Words of Negroes" von Sylvaine Dampierre


Der Preis der interreligiösen Jury ging an "May God Be With You" von Cléo Cohen. In der Begründung notierte die Jury: "Der Film erkundet wunderbar filmisch die stille Weitergabe von Werten und Gefühlen der Zugehörigkeit zu einer jüdischen Familie aus dem Maghreb. In subtilen Bildern zeigt der Film, dass individuelle Identität nie feststeht, sondern immer im Fluss ist. Mit Hilfe ihres Körpers – und besonders ihrer Haare – schildert Cléo Cohen die sich konstant verändernden Identitäten jüdischer Menschen im heutigen Frankreich. Diese Identitäten haben ihre Wurzeln teilweise in verschiedenen religiösen und kulturellen Traditionen – jüdisch, christlich oder muslimisch. Der Film untersucht, wie Cohens Familie ihre persönlichen, vielleicht sogar widersprüchlichen Identitäten in einem faszinierenden Dialog mit ihrer Geschichte und dem kulturellen und religiösen Erbe ihres Umfelds entwickelt."

Die interreligiöse Jury in Leipzig: Freek Bakker, Kadija Leclere, Daniel Wildmann, Lothar Strüber (DOK Leipzig)
Die interreligiöse Jury: Freek L. Bakker, Kadija Leclere, Daniel Wildmann, Lothar Strüber (© DOK Leipzig)


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