© imago/Cinema Publishers Collection ("Die mit der Liebe spielen")

Passionen: Monica Vitti

Sonntag, 14.11.2021

Göttlich menschlich: Hommage an die italienische Schauspielerin Monica Vitti zum 90. Geburtstag

Diskussion

Durch die Filme mit ihrem Lebensgefährten Michelangelo Antonioni wurde die 1931 geborene Schauspielerin Monica Vitti in den 1960er-Jahren zu einer Ikone des italienischen Kinos; die Ruf der „Diva Antidiva“ ist bezeichnend für eine Zeit, in der die „Goldene Ära“ des Kinos Neuem Platz machte und Geschlechterbeziehungen und -rollen gesellschaftlich neu verhandelt wurden. Eine Hommage anlässlich ihres 90. Geburtstages.


In meinem Arbeitszimmer hängt ein Plakat, das 1993 anlässlich der Michelangelo-Antonioni-Retrospektive im Hamburger Metropolis gedruckt wurde. Darauf ist links Monica Vitti zu sehen, wie sie lässig an einem Treppenaufgang zu einer Kirche lehnt. Sie wird von sage und schreibe elf Männern lüstern angestarrt, von oben auf der Treppe, aber auch von ganz rechts auf der Piazza. Das ist eine eigentümlich überhöhte, surreale Szene – die Frau als Sirene, die die Männer magisch anzieht, aber auch die Frau als Objekt, das unmittelbar Sehnsucht und Begierde auslöst. Die Gefahr, die dabei vielleicht auch von den Männern ausgeht, ist in diesem Moment schon erhalten, und so löst er auch Beklemmung aus.

Plakat der Ausstellung "Antonionio" (Baylon Kino)
Plakat der Antonioni-Retro in Berlin 1993 (© Zeughaus-Kino/Baylon Kino)

Die Szene stammt aus „Die mit der Liebe spielen“ (1959), dem ersten Teil von Antonionis „Trilogie der Einsamkeit“, zu der auch „Die Nacht“ (1960) und „Liebe 1962“ (1962) gehören. Monica Vitti strahlt in diesen drei Filmen Wehmut und Melancholie aus, etwas seltsam Entrücktes und Mysteriöses. „Es sind Chroniken des Verschwindens. Vittis Blick bezeugt die Flüchtigkeit, die Vergeblichkeit der Liebe. Sie droht, verloren zu gehen. Den Gefühlen fehlt der Antrieb, beinahe von Anfang an“, schreibt Gerhard Midding. Unvergessen auch jene Szene, in der sie in „Die Nacht“ während einer Party einsam auf einer Treppe sitzt und ein Buch liest. In „Liebe 62“ werden sie und Alain Delon in einer ikonischen Einstellung durch einen breiten Betonpfeiler getrennt – ein emblematisches Bild der Entfremdung.

Traurig und introvertiert sieht Monica Vitti dem geschäftigen Treiben an der Börse zu. Trotzdem ist sie wunderschön mit den schulterlangen, blonden Haaren, dem frechen Pony, den klaren Augen, die von großer Lebendigkeit zeugen. Ihre Schönheit strahlt eine friedfertige Besonnenheit aus, ihre Präsenz gleicht einem Licht, das alles um sie herum erhellt. Sie ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Überdies gibt es dann auch noch diese raue, gebrochene Stimme, die sich stets zu überschlagen droht.

Monica Vitti kann aber auch ausgelassen sein. In „Die mit der Liebe spielen“ singt sie gut gelaunt einen Liebesschlager, in „Liebe 62“ hat sie sich, verkleidet und geschminkt, von einem Moment auf den anderen in eine blonde Afrikanerin verwandelt, die auf dem Bett einer Nachbarin einen frenetischen Tanz aufführt und dabei einen Speer in der rechten Hand hält, bereit zum Wurf. Und bedeutet die Szene auf dem kleinen Sportflughafen mit seinem endlosen weiten Himmel nicht auch einen Moment unbeschwerter Freiheit?


Sensibilität in einer Welt erkalteter Gefühle

Monica Vitti, die am 3. November 1931 als Maria Luisa Ceciarelli in Rom geboren wurde, ist zu dieser Zeit nicht nur Antonionis Muse, sondern auch seine Lebensgefährtin. Sie ist in der „Trilogie der Einsamkeit“ unverbrüchlich mit seinem Pessimismus verbunden; in einer Welt der Entfremdung und der erkalteten Gefühle zeigt sie Sensibilität und Stärke, ihr ernstes Gesicht verweist aber auch immer darauf, was Antonioni sagen will. „Niemand konnte sich so furchtlos der existenziellen Leere stellen, den Verlust von Sinn und Perspektive so berückend aushalten wie sie.“ (Gerhard Midding)

Ihr vierter Film mit Antonioni ist „Die rote Wüste“ (1964). Vitti spielt darin eine Frau, die an Depressionen leidet. „Sie hat Angst, verhält sich irrational und leidet unter Wahrnehmungsstörungen. (…) Anders als in den Filmen der Trilogie erlebt sie die abreißenden Verbindungen zwischen ihr und der Welt der Männer als Realitätsverlust und physisches Leiden. Ihre Hysterie macht die Risse in der Wirklichkeit sichtbar“, schreibt Claudia Lenssen. Diesmal sind die Haare dunkel und gescheitelt, gelegentlich fallen sie ihr in die Augen, was ihr in einem wundersamen Kontrast etwas Burschikoses verleiht. Man sieht Monica Vitti förmlich an, wie sie als Schauspielerin versucht, der unerklärlichen Psychose ihrer Figur nachzuspüren.

Monica Vitti und in "Rote Wüste" (imago/Milestone Media)
Monica Vitti und Richard Harris in "Rote Wüste" (© imago/Milestone Media)

Michelangelo Antonioni ist einer meiner Lieblingsregisseure (zu dumm nur, dass es da noch so viele andere gibt), „Liebe 62“ ist einer der Filme, die mit auf die einsame Insel müssen (obwohl mir gleich noch zwei Dutzend andere einfallen). Das führt zwangsläufig dazu, dass mich Monica Vitti schon lange begleitet, durch Studium und Berufsleben hindurch, die Schwärmerei hört nicht auf. Von allen italienischen Schauspielerinnen ist sie mir die liebste, noch lieber als Silvana Mangano oder Claudia Cardinale, wegen ihrer ungewöhnlichen Schönheit, ihres Charmes, ihrer Verletzlichkeit, aber auch wegen ihres Humors.


Gib mir deine Augen, Mann!

Denn Monica Vitti ist eine begnadete Komödiantin mit perfektem Timing und überraschenden Gesten. Bestes Beispiel dafür ist die Titelrolle in Joseph Loseys „Modesty Blaise“ (1965), einer Comicverfilmung, die auf dem Höhepunkt der Swinging Sixties mit auffälligen Bildideen und poppigen Dekors angibt. Losey sind die visuellen Möglichkeiten wichtiger als die abenteuerliche Handlung. „Der ganze Film sieht aus wie ein hypertroph verkitschter Eissalon für Hollywood-Millionäre“, echauffiert sich Georg Alexander. Monica Vitti soll als aufregend schöne und erotisch aufgeladene Spionin eine Schiffsladung voller Diamanten retten. So ganz wird nicht deutlich, was sie dafür eigentlich tun muss. Doch darum geht es auch nicht. Monica Vitti soll gut aussehen, und das in jedem Moment. Mal ist sie blond, mal ist sie brünett, manchmal sogar in derselben Einstellung. „Wie du willst“, sagt sie einem Liebhaber und ändert im Nu, einer „Bezaubernden Jeannie“ gleich, ihre blonde Turmfrisur in einen brünetten Bob.

Einmal trägt sie einen Hut mit Schachbrettmuster, passend zum Rock. Ein anderes Mal einen hellen Mantel mit übergroßer Kapuze, die sich wie ein Koffer aufklappen lässt, um das Gesicht zu enthüllen. Ein weiteres Mal ist sie in einem hautengen, schwarzen Einteiler zu sehen – ohne Reißverschluss! „Wie ziehst Du den aus?“, fragt der Liebhaber, in Sorge um das bevorstehende Schäferstündchen; erst später wundert er sich, wie sie überhaupt hineingekommen ist. Am Schluss sieht sie mit Gewand und Kufiya als weiblicher Scheich einfach bezaubernd aus. „Give me your eyes, man“, fordert sie jemand auf, und dann schaut Monica Vitti in einer eingefroren Einstellung den Zuschauer lange an.

"Give me your eyes, man": Monica Vitti in "Modesty Blaise" (imago/Cinema Publishers Collection)
"Give me your eyes, man": Monica Vitti in "Modesty Blaise" (© imago/Cinema Publishers Collection)

Wundervoll frei, kämpferisch und körperbetont ist die Vitti in diesem Film, der ihre Schönheit mit unterschiedlichen Verkleidungen ungeniert auslotet und ausstellt. Und dann dieser italienische Akzent, mit dem sie in der Originalfassung Englisch spricht.


Das Mädchen mit der Pistole

In „Mit Pistolenfängt man keine Männer“ (1968) von Mario Monicelli spielt Monica Vitti Assunta, ein sizilianisches Mädchen, das von Vincenzo Macaluso gekidnappt wurde, mit der Absicht, sie erst zu verführen und dann zu heiraten, um einem sizilianischen Brauch genüge zu tun. Nun folgt sie ihm nach England, um sich zu rächen, in der Handtasche führt sie eine Pistole mit sich: „La ragazza con la pistola“ lautet darum der italienische Originaltitel. Doch das London der „Swinging Sixties“ verändert Assunta von Grund auf, sie emanzipiert sich von ihrer Herkunft, die von männlichem Chauvinismus, extremer Gewalt, einem unvernünftigen Ehrencodex und dem Vorrang der Familie geprägt ist. Jetzt sieht sie Paare, die sich in der Straße küssen, Hippies, Miniröcke, sogar Schottenröcke.

Durch ihre verschiedenen Jobs, vom Hausmädchen bis zur Kellnerin, von der Sängerin bis zum Model, lernt sie eine Gesellschaft kennen, die sehr anders ist als die ihre, toleranter, freier, moderner. Ihr Weg führt sie aus der Dunkelheit ans Licht, das strenge schwarze Kleid weicht Hippie-Klamotten, die hausbackene Kleidung bunter Eleganz. Später wird Assunta sogar für Frieden und Freiheit in den Straßen Londons demonstrieren – eine unglaubliche Verwandlung, die man ohne Monica Vitti gar nicht verzeihen würde. Von der Tragik wechselt sie zur Komik und dann wieder zur Dramatik, immer mit einem Schuss Humor und ironischer Distanz.

Vitti gelingt das Kunststück, sich in zwei verschiedenen Welten und zwei verschiedenen Ären zu bewegen, ihre Darstellung verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart. Wenn sie am Schluss mit offenen Haaren, einreihig geknöpfter Jacke und schwarzer Stepp-Jeans mit Stand- und Spielbein an einem Motorrad lehnt, ist sie endlich in der Moderne angekommen.

Eine ihrer komischsten Rollen: "Eifersucht auf Italienisch" (imago stock&people)
Eine ihrer komischsten Rollen: "Eifersucht auf Italienisch" (© imago stock&people)

Eifersucht auf italienisch“, 1970 von Ettore Scola inszeniert, ist die tragikomische Geschichte eines proletarischen Liebespaares, sie Floristin, er Maurer, das in erotische Komplikationen gerät. Die Frau verliebt sich nämlich in einen anderen Mann und heiratet ihn später sogar. Monica Vitti zwischen Marcello Mastroianni und Giancarlo Giannini und ihre Versuche, eine Menage à trois aufrecht zu erhalten – das ist von Ettore Scola nicht nur brillant geschrieben, sondern auch adäquat und mit einem Sinn für das Spektakuläre verfilmt. Das Private und das Politische gehen hier Hand in Hand, ein Markenzeichen der „commedia all’italiana“, die mit diesem Film vielleicht zu Ende geht. Monica Vitti war selten komischer.


Die „Diva Antidiva“

Der kurioseste Film, den sie gedreht hat, ist zweifelsohne „Lucky Girls“ („Qui comincia l'avventura“), 1975 von Carlo DiPalma inszeniert, den man vor allem als Kameramann von Michelangelo Antonioni und Woody Allen kennt. Monica Vitti spielt eine Motorradbraut, die mit Claudia Cardinale als biederer und gelangweilter Hausfrau quer durch Italien düst. „Hier beginnt das Abenteuer“, heißt die Übersetzung des italienischen Originaltitels, und Monica Vitti ist das Versprechen dazu, ganz in schwarzem Leder, Hose, Jacke, Stiefel und Handschuhe; nur der weiße Schal signalisiert so etwas wie Unschuld.

Zu Beginn steht sie lässig in der Tür der Wäscherei, in der die Cardinale arbeitet. Sie behält den Motorradhelm noch auf und verbirgt so ihr Gesicht und damit ihre Identität. Nur das Quietschen des Leders ist deutlich zu hören – die Vitti ist eine Erscheinung wie aus einer anderen Welt, ein Traum, dem niemand, ob Mann oder Frau, widerstehen kann. Man ahnt, dass Claudia Cardinale der Coolness dieser Frau erliegt und ihr folgen muss, einfach, weil sie ein aufregenderes Leben verspricht. In einer Szene ist die Vitti unerklärlicherweise – und ohne dass gezeigt würde, wie sie sich umzieht – in einem ungemein engen Lederoverall zu sehen, der sie wie eine zweite Haut einschließt – ein Rückgriff auf den nicht zu öffnenden Einteiler in „Modesty Blaise“. Die unmittelbare Berührung des Körpers ist somit verwehrt. Die Vitti soll nur noch angeschaut, bestaunt werden. Sie liegt auf einem heruntergelassenen Friseur-Sessel und lässt sich von einem Jungen mit Bürste die Schenkel, Po und Brüste wienern. Dabei stöhnt sie lustvoll und verdreht die blauen Augen. Es gehört schon sehr viel Mut und Selbstironie dazu, sich einer derart obsessiven, voyeuristischen Szene zu überlassen und dem Zuschauer dabei zum Komplizen zu machen.

In 35 Jahren hat Monica Vitti über 50 Filme gedreht. Von Antonioni bis De Palma, von ernst und anspruchsvoll bis komisch und sinnfrei, sie war die „Diva Antidiva“, die moderne Frau, unabhängig, emanzipiert, in ihren Rollen, aber auch im Privatleben. Monica Vitti ließ sich nicht festlegen. Vielleicht ist sie deswegen nicht so berühmt geworden wie Claudia Cardinale oder Elsa Martinelli, von Sophia Loren ganz zu schweigen.

1989 inszenierte sie mit „Scandalo segreto“ ihre einzige Regiearbeit; zugleich war dies ihr letzter Filmauftritt, später war sie häufiger auf der Bühne und im Fernsehen zu sehen. 1993 veröffentlichte sie mit „Sette sottane“ ihre Autobiografie. 1995 erhielt Monica Vitti bei der Biennale Venedig den „Goldenen Löwen“ für ihr Lebenswerk – die Italiener wissen, was sie an ihrem Star haben.

Fast 20 Jahre war sie nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen. Monica Vitti leidet an Demenz; nach einem langjährigen Aufenthalt in einer Schweizer Klinik lebt sie nun in Rom und wird von Angehörigen gepflegt. Dort feierte sie am 3. November ihren 90. Geburtstag. Das Filmplakat in meinem Arbeitszimmer ist eine ständige Erinnerung an sie.



Hinweise

Das Filmmuseum Turin widmet Monica Vitti in der Mole Antonelliana noch bis zum 30. November eine Fotoausstellung unter dem Titel „Noi Vitti siamo fatte così“ (Wir Vitti sind so gemacht“).


Auf der Plattform MyMovies.it sind bis zum 24. November folgende Filme mit ihr zu sehen:

"L’avventura" von M. Antonioni

"La Notte" von M. Antonioni

"Amore mio aiutami" di A. Sordi

"La ragazza con la pistola" von M. Monicelli

"Teresa la ladra" von C. Di Palma

"Scusa se è poco" von M. Vicario


Die Filme von Michelangelo Antonioni gibt es in verschiedenen Ausgaben (Arthaus, Criterion, Masters of Cinema) als BluRay und/oder DVD. „Qui comincia l’avventura“ ist als italienische Import-DVD erhältlich, aber ohne Untertitel. Auf YouTube ist eine englisch synchronisierte Fassung abrufbar.


Die Veröffentlichung dieses Textes wurde unterstützt von VG Wort, dem BKM und Neustart Kultur.



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