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Neuer Kinotipp: „Große Freiheit“ von Sebastian Meise

Dienstag, 16.11.2021

Das Drama „Große Freiheit“ von Sebastian Meise um die Kriminalisierung schwuler Männer durch den Paragraphen 175 ist neuer Kinotipp der katholischen Filmkritik.

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Die Große Freiheit, die der Titel von Sebastian Meises Drama heraufbeschwört, ist für die Hauptfigur Hans (Franz Rogowski) lange unerreichbar: Wegen seiner ausgelebten Homosexualität wandert er bis in die 1970er-Jahre mehrmals ins Gefängnis – auf Grundlage des Paragraphen 175, der Homosexualität in Deutschland kriminalisierte. Meise verdichtet in dieser Leidensgeschichte an einem Einzelschicksal eindrucksvoll die Auswirkungen dieses Paragraphen. Der Film, der am 18.11.2021 in den deutschen Kinos startet, wurde dafür nun von der katholischen Filmkritik zum Kinotipp gekürt.

„Große Freiheit“ blättert ebenso anrührend wie aufklärerisch ein düsteres Kapitel deutscher Rechtsgeschichte auf, an dem, das betonte die Jury der katholischen Filmkritik, auch die Sexualmoral der christlichen Kirchen sich mitschuldig gemacht hat: Der 1872 eingeführte, von den Nationalsozialisten verschärfte Paragraph 175 überstand die „Stunde Null“ 1945 und bildete in den ersten beiden Jahrzenten der Bundesrepublik die Basis dafür, dass Gerichte tausende von schwulen Männern mit Strafverfolgung überzogen. Noch 1957 wies das Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen den § 175 mit dem Argument zurück, er entspräche den „sittlichen Anschauungen des Volkes“, welche wiederum auf den „Anschauungen der beiden großen christlichen Konfessionen“ basierten.

Was das konkret für einen homosexuellen Menschen bedeuten konnte, arbeitet „Große Freiheit“ in Form eines Kammerspiels heraus, das in ineinander verschachtelten Episoden die Erfahrungen der Figur Hans von 1945 bis 1973 aufrollt: Der erste Gefängnisaufenthalt ist die unmittelbare Fortsetzung einer KZ-Haft unter den Nazis; zwei weitere Verurteilungen und Inhaftierungen folgen. Im Gefängnis trifft er jedes Mal auf einen Mitgefangenen (Georg Friedrich), der ihm beim ersten Kontakt mit homophober Feindseligkeit begegnet, was im Laufe der Zeit aber in mehr Verständnis und eine ungewöhnliche Freundschaft mündet.

Enger Spielraum: „Große Freiheit“ (© Piffl)
Enger Spielraum: „Große Freiheit“ (© Piffl)

Die Jury der katholischen Filmkritik überzeugte „Große Freiheit“ als herausragendes Schauspielerkino. „Wie schnell ist dahingesagt: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst… Was aber, wenn uns ein Film in aller Ruhe mitunter ebenso verstörende wie aufklärende Bilder vor Augen führt, ja zumutet? ‚Große Freiheit‘ ist keine leichte Kost, aber ein bewegender Film – mit starken Schauspielerleistungen und ganz, ganz dichten (Schmerz-)Szenen.“

An dem Protagonisten Hans beeindruckte die Jury die Tatsache, dass dieser trotz Unrecht, Ausgrenzung und Ablehnung nicht verbittert, sondern „grundsätzlich anderen Menschen zugewandt bleibt. Durch seine humane, aber unnachgiebige Haltung kann er auch zu seinem verhärteten Zellennachbarn Viktor durchdringen“. Anhand der Figur formuliert der Film eindringlich „die existenzielle Frage nach dem, was den Menschen zum Menschen macht, ein Plädoyer für Respekt und Anerkennung für jeden Menschen“.

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