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Serienklassiker: "Seinfeld"

Dienstag, 16.11.2021

Die Kult-Sitcom „Seinfeld“ ist zurück: Seit 1.10.2021 sind sämtliche Staffeln bei Netflix verfügbar. Die Wiederbegegnung lohnt nicht nur als 1990er-Flashback, sondern auch weil der dunkle Humor nach wie vor Biss hat.

Diskussion

Wer ein Phänomen nicht so recht zu greifen bekommt, kann sich diesem erstmal über Zahlen nähern: eine vor 23 Jahren abgedrehte Sitcom, die von der American Writers Guild auf Platz 2 der besten je geschriebenen Serien gewählt wurde – und die sich Netflix nun eine halbe Milliarde Dollar kosten ließ, um sie fünf Jahre lang exklusiv ausstrahlen zu dürfen. All dies erklärt freilich den seltsamen Zauber von „Seinfeld“ ebenso wenig wie die dort aufgeworfenen Fragen rund um die zahllosen ungeschriebenen Gesetze, die die Gesellschaft zusammenzuhalten scheinen. Oder die sich die Menschen manchmal auch bloß einbilden. Solche ungeschriebenen Gesetze sind es, an denen sich in den neun Staffeln der Serie vier New Yorker Freunde detailverliebt abarbeiten: Darf man die Beerdigung einer nur entfernt verwandten Tante für ein Softballspiel sausen lassen? Ist es unmoralisch, wenn ein Zahnarzt zum Judentum konvertiert, um Witze über Juden erzählen zu können? Sind Pferde in Wirklichkeit bloß sehr große Hunde? Neben diesen schweren Fragen ging es ferner um: Meisterwerke, die als Phantome in die Filmgeschichte eingingen („Rochelle, Rochelle“). Ungewöhnliche Schauplätze wie ein Parkhaus oder eine Suppenküche („The Soup Nazi“). Und natürlich die zahllosen Gastauftritte zwischen klassischem Hollywood und der späteren neuen Serienwelt, neben zahllosen anderen zum Beispiel von Lawrence Tierney als stahlharter Kriegsveteran, Lloyd Bridges als fitnesswütiger Senior oder Bryan Cranston als konvertierender Zahnarzt.


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Die Väter der Serie: Jerry Seinfeld & Larry David

Eine ganze Menge Stoff also für eine Sendung, die eigentlich als „Show About Nothing“ bezeichnet wurde. Als sie 1989 mit einer ziemlich kurzen Teststaffel begann, war Jerry Seinfeld schon ein erfolgreicher Comedian. Der Fernsehsender NBC war auf ihn aufmerksam geworden. Das Konzept, einen Komiker bei den Alltagssituationen zu begleiten, aus denen er sein Material gewinnt, und ihn anschließend das daraus Geschöpfte vor Publikum ausprobieren zu sehen, stammte aber von Seinfelds Freund Larry David. Als Komiker auf der Bühne kaum erfolgreich, hatte David in Filmen von Woody Allen (etwa im grandiosen „Radio Days“) kleinere Rollen gespielt und schon für die Comedy-Show „Saturday Night Live“ geschrieben – zwar kam nur einer seiner Sketche jemals zur Aufführung, doch lernte David dort Julia Louis-Dreyfus kennen, die in der Sitcom dann Seinfelds Ex-Freundin Elaine spielen sollte. Auch Michael Richards kam über David in die Sendung, als exzentrischer Lebenskünstler Kramer, der einem gleichnamigen Nachbarn Davids nachempfunden war.


Das große Ganze gesellschaftlicher Konventionen, seziert mit unkonventionellem Personal

Das Nichts, um das es immerfort ging, war also das große Ganze gesellschaftlicher Konventionen. Unkonventionell war vor allem das Personal. Vier Freunde, von denen zwei (Elaine und Jerry) einmal ein Paar waren. Die anderen beiden sind über längere Strecken der neun Staffeln arbeitslos. Der eine davon, Kramer, leicht wahnsinnig, aber ständig mit neuen Ideen. Der andere, George, ein einziges Nervenbündel – der heimliche Star der Serie. Als darstellerisch beschränkte Komiker brauchten Jerry Seinfeld und Larry David für George einen hervorragenden Schauspieler. Sie fanden ihn in Jason Alexander. Dem deutschen Publikum (hier liefen die ersten synchronisierten Fassungen erst ab 1996) war Alexander als fieser Geschäftspartner von Richard Gere in „Pretty Woman“ bekannt. Der Sitcom-Seinfeld ist ein Glückspilz, der ständig neue Frauen trifft. Man hat ihn gern um sich – seine Stand-Ups speisen sich aus der treffenden Beobachtung menschlicher Marotten. Für den wirklichen Witz sorgt aber erst der Pechvogel George, ein sich selbst hassender, unglücklicher Mensch: Er gibt der Sitcom die entscheidende Tiefe.

Der bizarre Tod seiner Verlobten Susan in der siebten Staffel – sie hat so viele Umschläge für Hochzeitskarten angeleckt, dass sie an einer Vergiftung stirbt – wirkt auf George wie eine Befreiung. Einer der makabersten Momente in einer Serie, in der für ein Comedy-Format ziemlich häufig gestorben wird. In seiner Schwärze unterscheidet sich „Seinfeld“ deutlich von anderen Kult-Sitcoms wie „Friends“ und „King of Queens“. Deren Protagonist:innen sind liebenswerte Zeitgenossen, welche die eine oder andere Macke haben. Seinfeld und seine Freunde sind dagegen Macken auf zwei Beinen, um sich selbst kreisende Egoisten. Mitgefühl ist nicht so ihre Stärke.


Dreamteam: Larry Seingeld, Jason Alexander, Julia louis-Dreyfus & Michael Richards (© Imago/United Archives)
Verkrachtes Dreamteam: Larry Seinfeld, Jason Alexander, Julia Louis-Dreyfus & Michael Richards (© Imago/United Archives)

Jüdischer Humor

Optisch wird in jeder Szene deutlich, dass es sich um die 1990er-Jahre handelt, das letzte Jahrzehnt vor dem Internet. Als man Sportübertragungen noch auf dem VHS-Rekorder aufzeichnen musste, dafür aber die Illusion vertreten konnte, Menschen ohne Investmentbankereinkünfte könnten sich eine Wohnung in Manhattan leisten. Und dann war da noch der jüdische Humor, oder was man damit so verbindet.

Außer den Erfindern Jerry Seinfeld und Larry David sind auch Julia Louis-Dreyfus und Jason Alexander jüdisch. Die von ihnen verkörperten Figuren Elaine und George sollten es aber nicht sein – NBC wollte das Label „Minderheitenprogramm“ von der Serie fernhalten. Dabei stand gerade George mit seiner alles hinterfragenden Art und der Neigung, sich in Situationen hineinzusteigern, für jüdischen Humor, wie man ihn in mit dem „Stadtneurotiker“ oder „Manhattan“ verband. An Woody Allen orientierte sich Jason Alexander auch tatsächlich – bis ihm aufging, dass es sich bei George um Larry David im Körper eines guten Schauspielers handeln sollte.

Bei den ständigen Nebendarstellern überragen Liz Sheridan – Kindern der 1980er-Jahre als neugierige Nachbarin Raquel Ochmonek aus „ALF“ bekannt – als Jerrys Mutter und Jerry Stiller als Georges Vater. Ein lauter Despot, der sich weigert, Weihnachten zu feiern – und stattdessen einen atheistischen Festtag namens „Festivus“ („for the rest of us“) aus der Taufe hebt. Auch Len Lesser als Jerrys penetranter Onkel Leo sollte ebenso wenig unerwähnt bleiben wie Phil Morris als Kramers Anwalt Jackie Chiles – im Gegensatz zu Johnny Cochran, dem Verteidiger von O.J. Simpson, dem Chiles nachempfunden ist, bleibt dieser jedoch in all seinen Fällen erfolglos.

Die ständige Verletzlichkeit der dauererregten Gesellschaft

In Seinfeld tritt dauernd jemand einem anderen auf den Schlips. Meist unbeabsichtigt, indem er ihn etwa falsch bezeichnet. Oder sich einfach nur keine Gedanken macht. Damit nimmt die Sitcom eine der zeitgenössischen Obsessionen voraus. Die ständige Verletzlichkeit unserer dauererregten Gesellschaft, in der alle sich zu einem Rudel bekennen müssen. Und peinlich darauf achten, dass man ihr schönes Kollektiv ja nicht beleidigt.

Larry David trat außer als Autor und Produzent in „Seinfeld“ vor allem stimmlich in Erscheinung. Am häufigsten in der Rolle des nie sichtbaren Steinbrenner, des eigenwilligen Chefs des Baseballclubs New York Yankees. Seinem lauten, monotonen Vortrag ist eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zur Sprechweise des Präsidentschaftsanwärters Bernie Sanders eigen, wie amerikanische Medien im US-Wahlkampf 2016 bemerkten. Sanders und David kommen beide aus Brooklyn, und der Komiker hat den Politiker inzwischen häufiger bei Saturday Night Live gespielt.


Larry David, bei der Premiere zur 11. Staffel von "Curn Your Enthusiam", 2021 (© IMAGO/ZUMA Wire)
Larry David, bei der Premiere zur 11. Staffel von "Curb Your Enthusiam", 2021 (© IMAGO/ZUMA Wire)

Den an ihn angelehnten George aus „Seinfeld“ sollte Larry David nicht spielen; dafür verkörperte er später eine ähnliche Rolle, sein eigenes Alter Ego, in der HBO-Serie „Curb Your Enthusiasm“ (ab 2000), eingedeutscht als „Lass es Larry“ („Reiß dich zusammen“ wäre vielleicht passender gewesen). In der US-Fernsehgeschichte kam es öfter vor, dass TV-Formate fürs Bezahlfernsehen variiert wurden, wegen der dort größeren erzählerischen Freiheit (so nahm etwa David Simon wesentliche Motive seiner Cop-Serie „Homicide“ Anfang der 2000er in HBO’s „The Wire“ wieder auf). Eine solche Freiheit im Pay-TV war die ausgiebige Verwendung von Schimpfworten und Slang-Jargon. Hiervon machte Larry David in „Curb Your Enthusiasm“ ausgiebig Gebrauch. In seiner so unerschrockenen wie peinlichen Herausforderung auch intimerer Konventionen knüpfte er in derberer Weise an „Seinfeld“ an; sein Serien-Alter-Ego, bei dem jede Äußerung wie das heisere Bellen eines alternden Automaten klingt, lässt sich derart in die Situationen fallen, dass ihm gar nicht bewusst wird, wenn er sich wie ein Schwein benimmt.

„Curb Your Enthusiasm“ gründete auf dem Nachruhm von „Seinfeld“. Dort war Larry David nach der sechsten Staffel ausgestiegen, um sich Filmarbeiten wie dem heute vergessenen „Sour Grapes“ zu widmen. Doch schließlich kehrte er noch einmal zurück zu der Serie, mit der Jerry Seinfeld und er die Sitcom neu erfunden hatten. Und ließ es sich nicht nehmen, die allerletzte Folge zu schreiben. Sie führt die vier Freunde in einen Gerichtssaal. Ein wahrlich ungewöhnlicher Abschluss, über den die Meinungen der Fans allerdings auseinandergingen. So oder so: Der Ruf, eines der originellsten TV-Formate aller Zeiten zu sein, eilt Seinfeld bis heute nach.


Seit dem 1.10.2021 steht die komplette, 180 Folgen umfassende Serie „Seinfeld“ bei Netflix zur Verfügung. Außerdem ist sie als Komplettbox auf DVD (33 Discs) beim Label Sony erschienen (exklusiv beziehbar via Amazon)

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