© Nanako Tsukidate (aus „Haruhara-san's Recorder“)

70. Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2021

Donnerstag, 25.11.2021

Das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg feiert 70. Jubiläum

Diskussion

Als hybride Ausgabe beging das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg (11.-21.11.2021) sein 70-jähriges Jubiläum. Dabei gelang dem letztes Jahr neu aufgestellten Festival ein kluger Blick in die Historie ebenso wie eine Präsentation aktueller Filme, die nicht allein für sich standen, sondern untereinander in einen lebhaften Dialog traten.


Das körperliche Empfinden in Höhlen und Kinos mag ein grundsätzlich anderes sein, gemeinsam jedoch ist beiden Räumen nicht nur das Abtauchen in die Dunkelheit, sondern auch das Sichtbarmachen von Bildern durch Licht. Michelangelo Frammartinos kontemplatives Werk Il Buco entfaltet seine Kraft zu großen Teilen aus dieser Verwandtschaft. Hintergrund ist eine historische Expedition in den Abisso del Bifurto in Kalabrien in den 1960er-Jahren, die eine Gruppe junger Männer aus dem Piemont fast 700 Meter unter die Erde führte.

Eine dokumentarische Rekonstruktion ist der Film jedoch nur bedingt. Frammartino interessieren weder die genauen Abläufe noch Abenteuergeist und Gefahr; stattdessen folgt er in einem geradezu meditativen Rhythmus den Speläologen, die über dem Schacht ihr Lager aufschlagen und schließlich in seine labyrinthische Innenwelt hinabsteigen. In einem parallelen Strang wird außerdem ein alter Hirte begleitet, der in der Weite der Landschaft seine Schafe hütet und gelegentlich von oben auf das Treiben herabblickt. Als er im Sterben liegt, wirkt auch sein offener Mund plötzlich wie eine Höhle, in den Sinn kommt einem aber auch Parker Tylers Idee des schlafenden und träumenden Körpers als eine Art Kinoraum. Für seine „visuelle Entdeckungsreise“ wurde „Il Buco“ beim 70. Internationalen Filmfestival Mannheim Heidelberg von der Jury mit dem Hauptpreis bedacht.

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Der Preis lässt sich dabei auch als eine Auszeichnung für das Kino verstehen, denn „Il Buco“ braucht den dunklen Raum und die Leinwand so unbedingt wie die Höhlenforscher Seile und Stirnlampen. Auch wenn das im Hybridformat durchgeführte Festival den Film ebenso als Stream anbot, konnte glücklich sein, wer den Weg nach Mannheim gefunden hatte.

Il Buco (© Coproduction Office)
Il Buco (© Coproduction Office)


Eintauchen in 70 Jahre Festivalhistorie

Im zweiten Jahr unter der neuen Leitung von Sascha Keilholz hat das IFFMH seinen Fokus auf ein Kino, das ästhetische Formen, Grenzen und Diskurse als etwas Bewegliches begreift, weiter gefestigt. Dass dieser Anspruch keine Festivalmode ist, sondern im Gegenteil an eine lange Geschichte anknüpft, wurde mit der Retrospektive programmatisch unterstrichen. Unter dem Titel „Umbrüche und Wendepunkte“ tauchte die Reihe tief in die 70-jährige Festivalhistorie ein und holte dabei so wichtige Filme hervor wie Chris Markers La Jetée (1962), Haskell Wexlers Medium Cool (1969), Satyajit Rays Pather Panchali (1955) und Mahlzeiten (1967) von Edgar Reitz.

Im besten Fall bilden sich zeitgeschichtliche Veränderungen auch in der Form ab, wie insbesondere auch die Arbeiten von Filmemacherinnen wie Gertrud Pinkus, Ula Stöckl und Vera Chytilová zeigten. Nicht nur von ihren Werken, die einen experimentellen Umgang haben mit dem Dokumentarischen, mit Linearität oder auch der Beziehung von Bild und Ton, führten zahlreiche Querverbindungen in den Wettbewerb. Auffallend ist, wie sehr die Programmierung Wert darauf legt, dass die Filme auch untereinander lebhaft kommunizieren: So zählt nicht nur das einzelne Werk, sondern ebenso das Zusammenspiel an Stimmen, Dynamiken und Tonalitäten.

Während Mina Mileva und Vesela Kazakova im bulgarischen Drama Women Do Cry fünf Schwestern in einen regelrechten Hindernisparcours hineinwerfen – Aids-Infektion, Mutterschaft, religiöser Wahn, homophobe Stimmungen im Zuge einer bevorstehenden Gesetzesänderung –, dabei aber ihre geschlechterpolitischen Botschaften allzu transparent auslegen, bündelt die Rumänin Alina Grigore sämtliche Energien in einem undurchschaubar bleibenden Hochspannungsfeld. Hauptfigur in Blue Moon ist eine junge Frau in den Fängen ihrer patriarchalen Großfamilie. Sie möchte weg, zum Studieren nach Bukarest, doch die Männer, allen voran ihr hysterischer Cousin, haben andere Pläne für sie. Irinas Intelligenz stellt für die Familie eine latente Bedrohung dar, auch die Frauen versuchen ihr das Studium auszureden, wollen sie kleinhalten, wie sie selbst kleingehalten werden. Aber auch Irina kann nicht einfach gehen, auf jede Aufsässigkeit folgt ein Zusammenzucken, auf jeden Schritt weg ein zumindest halbes Zurückkommen.

Blue Moon (© Inlight Center)
Blue Moon (© Inlight Center)


Druck von allen Seiten

Dagegen inszeniert Kaltrina Krasniqi in Vera Dreams of the Sea den Kampf ihrer Protagonistin, die nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes unter Druck gesetzt wird, ihre materiellen Ansprüche aufzugeben, in kontrollierten Bildern, deren leise Spannung sich gleichwohl nach außen trägt. In Zero Fucks Given, ausgezeichnet mit dem „Rainer Werner Fassbinder-Award“ für das beste Drehbuch, konzentriert sich das dramatische Feld vor allem auf das Gesicht der Hauptdarstellerin Adèle Exarchopoulos. Als Flugbegleiterin einer Billig-Airline, die sich zwischen den Flügen mit Alkohol und Tinder-Dates betäubt, hat sich Cassandra in eine stumpfe Wiederholungsschleife hineinmanövriert, die zu verlassen bedeuten würde, sich den schmerzhaften Punkten ihres Lebens zu stellen. Neben der Charakterstudie hat das französische Regieduo Julie Lecoustre und Emmanuel Marre stets auch das Strukturelle im Blick. Unter Mitwirkung tatsächlicher Airline-Beschäftigter zeichnen sie ein mitunter tragikomisches Porträt prekärer Arbeitsverhältnisse im neoliberalen Kapitalismus.

Zu den schönsten Filmen des Wettbewerbs zählte ein stiller Film aus Japan, in dem die verhuscht gespielte Melodie auf einer Blockflöte noch zu den deutlicheren Gesten zählt. Im Mittelpunkt von Haruhara-san’s Recorder steht Sachi, eine junge Frau, die gerade an den Rand von Tokio gezogen ist. Kyoshi Sugita zeigt sie in so alltäglichen wie flüchtigen Momenten: bei der Arbeit in einem Café, mit einem Onkel, der zu Besuch kommt, einem Freund, der sie für ein Uniprojekt beim Essen filmt. Wie dazwischen geweht die Bilder einer anderen Frau, noch stiller, sie sitzt auf dem Bett, schaut in sich hinein, mehr braucht es nicht, um zu erzählen, dass sie schmerzlich vermisst wird. Mit vertrauten Erzählungen von Trauerarbeit hat Sugitas filigranes Gebilde wenig gemein. Das Schweigen beim gemeinsamen Essen eines Törtchens, der Blick auf die Projektion einer Videoinstallation in einem Fenster: all das ist Sprache genug. Inspiriert ist „Haruhara-san’s Recorder“ von einem Tanka, einem Kurzgedicht der zeitgenössischen Dichterin Naoko Higashi, die als Drehbuchautorin unter anderem mit Hirokazu Koreeda arbeitete.


Mit markanter Signatur

Als „Novemberfestival“, das am Ende der Festivalsaison und zu Anfang des Winters terminiert ist, hat es das IFFMH in Zeiten der Pandemie natürlich doppelt schwer, so sorgten in diesem Jahr verrückt ansteigende Infektionszahlen für die eine oder andere Absage. Doch trotz schwieriger Umstände behauptet sich Mannheim-Heidelberg in der deutschen Festivallandschaft schon jetzt mit einer markanten Signatur. Dass diese auf noch breiterer Ebene Wahrnehmung findet, wird die Aufgabe der nächsten Jahre sein.

Pather Panchali (© Inlight Center)
Pather Panchali (© Inlight Center)

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