© Chloé Galibert-Laîné ("Watching the Pain of Others")

Aus der ersten Person #21: „Watching the Pain of Others“ (2019) von Chloé Galibert-Laîné

Dienstag, 30.11.2021

Penny Lanes Morgellons-Erkundigungen „The Pain of Others“ (2018) setzten der französischen Filmemacherin Chloé Gailibert-Laîné so sehr zu, dass sie ihre Verwirrung zum Gegenstand eines eigenen Films machte: „Watching the Pain of Others“

Diskussion

Penny Lanes Morgellons-Erkundigungen „The Pain of Others“ (2018) setzten der französischen Filmemacherin Chloé Gailibert-Laîné so sehr zu, dass sie ihre Verwirrung zum Gegenstand eines eigenen Films machte: „Watching the Pain of Others“. In ihrem Kracauer-Blog geht Esther Buss dieser nicht-viralen Form filmischer Ansteckung genauer nach.


Mit Penny Lanes „The Pain of Others“ verbindet die französische Filmemacherin Chloé Galibert-Laîné eine eigene Geschichte. Auf dem Filmfestival in Rotterdam, wo „The Pain of Others“ 2018 lief, flüchtete sie während der Vorführung aus dem Kino – „because it made me feel so incredible uncomfortable“, wie sie in einer E-Mail an Penny Lane erklärt. In ihrem eigenen Film „Watching the Pain of Others“ (2019) schreiben sich ihre Zeilen auf einer Desktop-Oberfläche wie von selbst in ein Mail-Fenster, während in einem anderen Bildfenster Penny Lanes Film, den Galibert-Laîné in eben dieser Mail bittet, zu Ende schauen zu können, auch schon abläuft; in einem weiteren Fenster sieht man Galibert-Laîné von der Webcam gefilmt beim Zusehen.

Chloé Galibert-Laîné möchte ihr Unbehagen verstehen und die Verwirrung, die dieses „seltsame Objekt“ in ihr auslöste, in einen größeren Zusammenhang von Krankheit, Empathie, Weiblichkeit und Mediennutzung stellen. Als eine Befragung der eigenen Rezeptionserfahrung ist das „personal desktop diary“, wie Galibert-Laîné es nennt, ein sehr spezielles Subgenre der persönlichen Dokumentation. Die Begrenzung auf die Bildfläche des Computer-Bildschirms, auf dem verschiedene Web-Contents, Kommunikationsfenster und Anwendungen gleichzeitig sichtbar werden, erzeugt das Bild eines vertrauten Raums: Ja, genau, so sieht es aus, wenn Menschen vor ihren Geräten sitzen und „arbeiten“; auch dieser Text entsteht inmitten parallel geöffneter Bildfenster. Als Schauplatz einer ausschließlich netzbasierten Recherche macht der Screen in diesem Fall doppelt Sinn: Auch Tasha, Carrie und Marcia, die an einer mysteriösen Hautkrankheit leidenden Vloggerinnen in „The Pain of Others“, kleben an ihren Bildschirmen, um ihre Erfahrungen mit einem unbestimmten Gegenüber zu teilen.

Zwischen vielen Bildschirmen: "Watching the Pain of others" (Chloé Galibert-Laîné )
Zwischen vielen Screens: "Watching the Pain of others" (© Chloé Galibert-Laîné )

„Watching the Pain of Others“ ist weniger filmkritische Untersuchung als die Beschreibung einer intimen Beziehung zwischen Film und Betrachterin. Sie benutze die erste Person als ein Werkzeug, um die Zusehenden dazu zu bringen, ihr eigenes Betrachten kritisch zu befragen, hat die Filmemacherin in einem Gespräch erklärt: „When I say ‚I’ in the video, it isn’t so much about ‚Chloé Galibert-Laîné’ as a biographical entity as it is about whoever recognize herself in that ‚I’“. Das Ich führt durch den Film, lenkt den Blick in einem treibenden, nie innehaltenden Rhythmus. Einen Raum, sich zu den so zügig miteinander verknüpften Inhalten zu verhalten, gibt es nicht. Der Gestus der Beweisführung, den der Film gelegentlich hat, seine Art, die Rezeptionserfahrung der Filmemacherin in extrem verdichteter Form Gedanke für Gedanke bzw. Klick für Klick sichtbar zu machen, sind gewollte Vorführungen in Beeinflussung und Lenkung.

Galibert-Laîné nimmt den Film auseinander, zerlegt ihn in seine Einzelteile, versucht seine Struktur zu begreifen. Sie öffnet Ordner auf ihrem Schreibtisch, klickt, googelt, taucht ein in die Youtube-Kanäle der „Morgies“ und hebt in einem Essay über das Morgellons-Phänomen Zitate hervor, die sie mit der Sprachausgabe-Funktion von einer weiblichen Computerstimme lesen lässt. Die entscheidende Frage, die der Text stellt, berührt auch sie: An welchem Punkt wird die Empathie für den Schmerz anderer für einen selbst toxisch? An welchem Punkt macht sie krank? Lanes Film, bekennt Galibert-Laîné, mache etwas mit ihrem Körper, sie selbst habe Hautläsionen bemerkt, „I have ... wounds, I don’t know how to call them, that have appeard, that won’t go away, and in other places of my body, too.“ Sie hält ihr Bein in die Webcam, zeigt Fotos, die sie mit ihrem Smartphone gemacht hat und stellt sie vergleichend neben die Bilder der Betroffenen. Selten sei die Viralität von Online-Bildern so relevant gewesen. Mit ihrer Diagnose erinnert Galibert-Laîné daran, dass die Mediennutzung kein vom Körper getrennter Prozess ist. Bilder wandern nicht nur in den Kopf.


Das Produkt einer Ansteckung

Galibert-Laînés Recherche trägt Züge einer Obsession und geht weit über die Morgellons-Krankheit hinaus, wenn jedes Interview mit Penny Lane und jede Kritik zu ihrem Film, gelesen werden muss. Den Wunsch von Tasha, Carrie und Marcia, gesehen zu werden, erkennt Galibert-Laîné schließlich auch an sich. Als sie mit der Filmemacherin ein Skype-Interview führt, und diese sie sofort auf ihre erste E-Mail anspricht, spürt sie Erleichterung – „I felt like I had spent so much time watching, being a spectator, it was an immense relief that at last someone would look back at me ...“.

Watching the Pain of Others“ ist selbst das Produkt einer Ansteckung; der Film gibt das Virus aber nicht weiter. Der filmische Raum ist begrenzt, hermetisch und bei allen Gleichzeitigkeiten doch aufgeräumt – anders als beim „Original“ bleibt die eigene Haut davon unberührt.


Hinweis

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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