© Filmgalerie 451/Heinz Emigholz (aus dem Filmplakat zu "Airstrip")

Heinz Emigholz – Counter Gravity

Donnerstag, 02.12.2021

Im Berliner Haus der Kulturen der Welt ist derzeit eine umfassende Werkschau der Filme von Heinz Emigholz zu sehen. Parallel dazu ist auch ein voluminöser Reader erschienen

Diskussion

Im Berliner Haus der Kulturen der Welt ist derzeit eine Werkschau von Heinz Emigholz zu sehen, die sein gesamtes, fast 100 Filme zählendes Werk umfasst. Parallel dazu ist ein voluminöses Buch erschienen, das einen umfassenden Blick auf die Arbeiten des „Architekten von Zeit“ wirft.



Der jüngste Film von Heinz Emigholz trägt den Titel „Berlin (Underground)“. Er zeigt 171 abgefilmte Seiten aus den Notizbüchern des Autors, neun Berliner U-Bahn-Stationen, 67 Straßenbäume mit dicken Wurzeln in Buenos Aires und eine sich drehende Figur in Denkerpose. Der Film variiert diese Motive in ständiger Wiederholung, akzentuiert durch stark-rhythmische Musik. 102 Minuten lang. Was hat das alles miteinander zu tun? Das hat alles mit Heinz Emigholz zu tun!

Dieser Filmemacher erklärt nicht. Er zeigt. Und die Zuschauer müssen sehen (wie sie damit zurechtkommen). Emigholz findet es überflüssig, in Filmen alles zu erklären. „Man muss dem Publikum nicht alles vorkauen und es träge machen. Meine Zuschauer müssen mitarbeiten. Zurücklehnen ist bei mir nicht drin.“


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Zwischen 1973 und 2021 hat Heinz Emigholz über 100 kurze, mittellange und lange Filme realisiert, die in Serientiteln katalogisiert sind: „The Basis of Make-Up“, „Miscellanea“, „Photographie und jenseits“, „Streetscapes“. Die Sujets dieser Filme: Emigholz’ Notiz- und Skizzenbücher, Gedanken-Collagen, Architektur als Autobiografie, die Analyse des Filmemachens.

Architektur ist das Stichwort für Emigholz’ Filmarbeit. „Mich reizt, Architektur zu filmen, weil für mich Kinematografie auch eine architektonische Tätigkeit ist.“ Film als Architektur, zusammenbauen von Bildern und Tönen zu einem filmischen Gebäude; die Filmgeschichte kennt viele Beispiele architektonischen Denkens. Das moderne Kino eines Michelangelo Antonioni beispielsweise. Und das von Jacques Tati. Und das frühe Kino von Fritz Lang, der ein gelernter Architekt war.


Ein Meister des genauen Blicks

Heinz Emigholz ist ein Meister des genauen Blicks. Er will die Zuschauer in eine Auseinandersetzung verwickeln, sie nicht manipulieren. Er macht sie zu Komplizen. Sein Kino kann die Zeichenhaftigkeit der Realität darstellen, den Moment festhalten, in dem aus einem Tableau ein lebendiges Bild wird.

Emigholz macht es den Zuschauern nicht leicht. Sich auf seine Filme einzulassen, ist ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Lange hat der Regisseur, Kameramann und Cutter sein Publikum allein gelassen mit den Bildern seines Kameraauges. Bis 2017. Da verblüffte er mit einem Film, der eine Zäsur in seinem filmischen Schaffen markierte, „Streetscapes (Dialogue)“.

Ornamental Schönheit: "Gott in der Wüste" (Filmgalerie 451/Heinz Emigholz)
Ornamentale Schönheit: "Goff in der Wüste" (© Filmgalerie 451/Heinz Emigholz)

Aus einer persönlichen und künstlerischen Krise, die ihn zu dem israelischen Psychologen Zohar Rubinstein führte, einem Spezialisten für Trauma und Resilienz, rettete er sich mit diesem raffiniert konstruierten Film, an dessen Drehbuch Rubinstein mitarbeitete. „Streetscapes (Dialogue)“ ist kein Dokumentarfilm über die eigene Befindlichkeit, sondern eine Inszenierung der eigenen Geschichte. Er lässt einen älteren Filmemacher auf einen jüngeren Analytiker treffen und über die Probleme des Lebens und Arbeitens reden, über Erfolge und Misserfolge, Filmkonzepte, Kameraarbeit und Architektur, über Zeitstrukturen und ungewöhnliche Räume. Das Ganze ist im Dekor der Gebäude der Architekten Julio Vilamajo, Elladio Dieste und Arno Brandlhubert gefilmt. Damit hat sich beides gefunden, Film und Architektur als Autobiographie. Und Heinz Emigholz hatte sich gefunden.


„Counter Gravity“ im Haus der Kulturen der Welt

Im Herbst 2021 wurde im Berliner Haus der Kulturen der Welt eine Werkschau zu Heinz Emigholz eröffnet, die bis zum 3. Januar 2022 das gesamte Werk des Filmemachers zeigt. Gleichzeitig erschien ein von Anselm Franke herausgegebenes Buch mit dem Titel „Counter Gravity. Die Filme von Heinz Emigholz“. Auf 350 Seiten finden sich darin aufschlussreiche Informationen zu allen Emigholz-Filmen, Projektbeschreibungen, Synopsen, ausführliche Gespräche mit dem Filmemacher, Interviews und Pressekritiken.

Vier Essays machen sich auf den Weg, die filmische Sprache von Emigholz zu entschlüsseln. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch untersucht die Tagträume und die Albträume der Architekten und kommt zu dem Schluss: „Die (Architektur)Filme von Heinz Emigholz sind schön, weil sie das Bewegte in der Form freisetzen, Natur nicht als Kontrast, sondern als Medium natürlicher Bilder formieren und damit im Zuschauer jenes glückliche Moment freisetzen, das einen befällt, wenn man einen atmenden Raum betritt, in dem man sich neugierig und angeregt aufhält.“

Atmende Räume: "Parabeton - Piere Luigi Neri und römischer Beton" (Filmgalerie 451/Heinz Emigholz)
Atmende Räume: "Parabeton - Pier Luigi Nevi und römischer Beton" (© Filmgalerie 451/Heinz Emigholz)

Der Musiker und Komponist Andreas Reihse stellt fest: „Wer denkt, dass Musik im filmischen Werk von Heinz Emigholz, wenn überhaupt, dann eine untergeordnete Rolle spielt, denkt mindestens doppelt falsch. Selbst in seinen frühen - stummen - Arbeiten ist sie präsent. Rhythmus, Taktung, Verdichtung, Engführung, ein Spiel mit Kontrasten, Leere, Fülle, mit negativem Raum. Man kann die Filme gut mit Begriffen aus der Musiktheorie fassen. Der Spaß, den das Betrachten dieser Filme bereitet, ist eine Art von ‚visuellem‘ Hören“.

Emigholz selbst beschreibt die Entstehung seiner ersten Filme „Schenec-Tady I-III“, „Arrowplane“ und „Tide“ Anfang bis Mitte der 1970er-Jahre. „Ich hatte in Hamburg auf der Straße einen Stapel amerikanischer Postkarten aus den 1930er-Jahren gefunden, die grellfarbene Vollretuschen von Landschaften in den USA reproduzierten. Einige davon trugen die Aufschrift „Scene Near Schenectady“. Der stottrige Klang des Namens – wie sich erst viel später herausstellte ein indianisches Wort für „Schöne Aussicht“ – überzeugte mich. Ich hatte eine Ausbildung zum Fotoretuscheur hinter mir und das schreiend Nicht-Authentische der Karten war mir im Sinne einer konstruktiven Aufklärung sympathisch.“


Ein singulärer Filmkünstler

Dennis Lim, Programmdirektor Film am Lincoln Center, zeichnet die großen Zusammenhänge in Emigholz’ Filmografie nach. „Manche Künstlerkarrieren schreiten in langsamer Steigerung voran, in einer Bewegung, die einen vielleicht an Fassbinders Anspruch erinnert, mit seinen Filmen ein Haus zu bauen. Manche arbeiten auf die Vertiefung und Klärung lebenslang verfolgter Themen und Obsessionen hin, andere finden ihre Reife in der entschlossenen Zurückweisung früherer Vorstellungen. Fast nie aber begegnet einem ein Künstler, auf den im Grunde alle oben genannten Dinge zutreffen. Bei Heinz Emigholz war dies jedoch zuletzt zu erleben. Nach Dutzenden von Filmen, die er im Lauf von fast fünf Jahrzehnten geschaffen hat, stellt Emigholz noch immer Werke her, die mit dem Rest der zeitgenössischen Filmproduktion nahezu nichts gemein haben.“

"Perret in Frankreich und Algerien" (Filmgalerie 451/Heinz Emigholz)
"Perret in Frankreich und Algerien" (© Filmgalerie 451/Heinz Emigholz)

Ein außergewöhnlicher Filmautor. Ein außergewöhnliches Buch. Ein Lesebuch. Ein Bilderbuch. Auf jeder Seite Fotografien, schwarz-weiß und Farbe, Zeichnungen, Skizzen, Schnittpläne, Collagen, Notizbuchillustrationen, Skizzenbuchseiten, zwölf Seiten Köpfe und Architektur. Und kein Ende. Es geht weiter. Die letzten Seiten des Buches informieren über noch nicht realisierte Projekte. Der letzte Satz des Buches: „Der Dokumentarfilm „Schlachthäuser der Moderne“ mit Arno Brandlhuber und Stefan Kolosko über Kaiser Wilhelm II., den Mörder meiner beiden Großväter, und der monografische Film „Mamani in El Alto“ zum Werk des bolivianischen Architekten und Freddy Mamani Silvestre, sind in Arbeit und werden 2022 fertiggestellt.“

Fotos der Recherche in El Alto machen auf einen attraktiven Film neugierig.


Literaturhinweis



Counter Gravity. Die Filme von Heinz Emigholz. Von Anselm Franke, Heinz Emigholz (Hrsg.). Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln 2021. 352 S., 520 Abb. 36,00 EUR. Bezug: Haus der Kulturen der Welt

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