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Duisburger Wechseljahre

Montag, 06.12.2021

Ein Fazit zu einem Festival im Umbruch und dem schweren Reden über Filme

Diskussion

Der 45. Duisburger Filmwoche (10.-14.11.2021) war nicht anzumerken, dass sich das Festival seit Jahren im Umbruch befindet. Die Absicht, eine überschaubare Zahl gut zusammenpassender Filme zu präsentieren und Filmgespräche als festen Faktor einzubeziehen, ging hervorragend auf. Dennoch ist zu spüren, dass das Festival sich in seinem diskursorientierten Ansatz für die Zukunft wappnen muss.


Meist ähneln die Menschen, die man heute auf Kinoleinwänden sieht, jenen nur bedingt, denen man auf der Straße begegnet. Man kann das vielleicht nachvollziehen, wenn es um die eskapistischen Maskeraden Hollywoods geht (die Maskenpflicht, eine Erfindung von Marvel und DC). Im Kontext eines politischen Festivalkinos wundert man sich aber meist. Die Duisburger Filmwoche, die ich zum ersten Mal besuchte, bildet da seit vielen Jahren eine Ausnahme.

Tatsächlich schien das Programm sehr nahe am spezifischen Ort seiner Verwirklichung gebaut, was im globalisierten Festivaltreiben schon eine große Ausnahme darstellt. Springen Filme auf Festivals sonst von Thema zu Thema, sodass ein je nach persönlichen Vorlieben mehr oder weniger stimmiges Flickenteppich-Allerlei entsteht und gleich wieder zerfällt, gewinnt man in Duisburg den Eindruck von Stringenz und Verortung. Man sagt dann, dass etwas sorgfältig kuratiert wurde und meint eigentlich, dass es überhaupt ein Programm gibt und nicht nur eine Aneinanderreihung von Filmen. Dieses Programm kann man sich auch deshalb leisten, weil die Filmwoche vergleichsweise reduziert daherkommt und es keine Parallelveranstaltungen gibt. Alle sehen also die gleichen Filme. Konkret bedeutet das, dass etwa der Strukturwandel der Kohleregionen in mehreren Filmen (zum Beispiel Derweil von Samuel Heinrichs) und Diskussionen Thema war. Ein Thema, das man auch spürt, wenn man nach den Filmen durch die Stadt zum Hotel spaziert.

 

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Seit 2018 in einer Übergangsphase

Seit 2018 befindet sich dieses schützenswerte Ausnahmefestival in Deutschland in einer Übergangsphase. Vor drei Jahren ist mit Werner Ružička das mehr als drei Jahrzehnte tätige Herz und Gesicht des Festivals von seinem Amt als Leiter der Filmwoche zurückgetreten. Nach zwei Jahren unter der Leitung von Gudrun Sommer, die dieses Jahr ein letztes Mal das parallele doxs!“-Festival, das sich auf Kinder- und Jugendfilme fokussiert, verantwortete, stand die Filmwoche noch im Frühjahr diesen Jahres auf der Kippe. Hintergrund waren unter anderem Verwaltungsschwierigkeiten und interne Reibereien.

Derweil (© Gorgo Film)
"Derweil" (© Gorgo Film)

Das rief den seit 2015 für das Festival arbeitenden Alexander Scholz auf den Plan. Innerhalb kürzester Zeit stellte er ein Team zusammen und trotz der nicht nur pandemiebedingt schwierigen Grundvoraussetzungen ein leicht reduziertes Festival auf die Beine. Die Eröffnungsrede von Scholz gestaltete sich entsprechend emotional. Der Posten der Festivalleitung ist nun offiziell ausgeschrieben. Würde ein Interimscoach bei einem Fußballteam derartige Leistungen vollbringen, wie Scholz das in Duisburg schaffte, würden die Medien fordern, dass er den Job weitermachen sollte.

So oder so lieferte diese Ausgabe einige Indikatoren für wichtige Stellschrauben und mögliche Haltungen für die Zukunft. Die Filmwoche kommt in ihrer diskursorientierten, konzentrierten Form fast anachronistisch daher. Man könnte auch sagen, sie erinnert an das, was das Kino jenseits der reinen Projektion zu leisten im Stande ist. Nach jedem Film siedelt das Publikum aus dem Kino in einen Diskussionsraum. Statt roten Teppichen gibt es kritische Fragen. Statt Cocktailempfänge Protokolle. Zwar gibt es Öffnungen für Online-Formate, aber letztlich wird der physische Raum verteidigt.

Das heißt nicht, dass die Filmwoche ein Festival der alten Hasen wäre. Neue und etablierte Stimmen werden nebeneinandergestellt. Genauso kurze und lange Filme. Es geht um etwas anderes als Schubladen. Duisburg ist eine eigene Schublade und es ist nur zu befürworten, dass die Filmwoche das verteidigt. Denn was heute anachronistisch wirkt, kann morgen schon gefordert werden. Man merkt schon, viel hat sich seit dem Weggang von Ružička nicht verändert, und genau darin liegen Kraft und Baustellen des Festivals in den kommenden Jahren.


Filmgespräche mit bedachtsam gewählten Worten

So überzeugte etwa Shelly Silver mit ihrem Film Girls | Museum, in dem junge Mädchen über Bilder im Museum der bildenden Künste in Leipzig nachdenken und sprechen. In den festgefahrenen Diskursen zu repräsentativer Geschlechterpolitik liefern ihre Positionen einen notwendigen, weil oft überhörten Zusatz. Beinahe unheimlich ist, wie sehr der Film auch das in Duisburg so präsente Sprechen über Filme hinterfragt. Die meist sehr intellektuell und äußerst vorsichtig geführten Gespräche verharren in reflektierten Floskeln, die im Sprechen der Mädchen aus „Girls | Museum“ nur selten anklingen. Filmemacherinnen und Moderatorinnen wählen ihre Worte mit Bedacht, man weiß, dass man heute nicht mehr alles sagen darf; manche sagen dann lieber gar nichts.

Girls / Museum (© House Productions)
"Girls / Museum" (© House Productions)

In vielen Gesprächen gab es drei Typen von Diskussionsteilnehmern. Die diskussionswillige Teilnehmerin, die meist sehr eloquent versucht, theoretische Netze um die Filme zu spannen. Sie arbeitet für das Festival oder ist Journalistin oder Studentin oder (selten) Filmemacherin. Dann gibt es den Filmemacher, der lieber nicht zu viel erzählt und/oder den Zufall und das Scheitern zum künstlerischen Prinzip erhebt, statt zu versuchen, etwas Schlaues und womöglich Falsches über die eigene Arbeit zu sagen. Und schließlich die Mitglieder der Auswahlkommission, die auch als Moderatorinnen fungierten. Sie oszillierten zwischen einem gewissen Zwang zur Bewahrung einer kritischen Diskussionskultur, ihrer aufrichtigen Euphorie und ihrem Interesse für den Film, gelegentlichen Anbiederungen und bereits auf Dutzenden anderer Festivals antrainierten Allerweltsbeobachtungen und -fragen.

Diese verschiedenen Diskussionsteilnehmerinnen fanden nicht immer zueinander. Es wurde viel aneinander vorbeigesprochen. Man wurde den Eindruck nicht los, dass sich nicht nur das Festival in einem Übergang befindet, sondern ganz allgemein das Sprechen über Filme. Das ist sicher keine neue Beobachtung, aber sie drängt sich auf.

In seiner Eröffnungsrede betonte Scholz passend dazu die Relevanz einer Öffentlichkeit und wie sie auf der Filmwoche gemeinsam generiert werde. Gleichzeitig demonstrierte der ziemlich grandiose Festivaltrailer von Michel Klöfkorn, wie sehr die immersive Erfahrung mit den Filmen und Gesprächen auf einen überforderten, rauschhaften inneren Monolog zurückwirft. Der französische Filmkritiker Serge Daney beschrieb einst das Sprechen über Filme als unbedingt notwendigen Ausdruck einer cinephilen Leidenschaft. Was bei ihm als innerer Druck erscheint, der aus den Kinogängerinnen hervorbricht, ist in Duisburg allerdings konstruiert. Nicht nur deshalb gewinnt man den Eindruck, dass auch dort die interessantesten Gespräche auf der Straße, in der Bar oder auf dem Weg ins Hotel stattfinden. Die sich ihrer Öffentlichkeit bewusste Öffentlichkeit bringt auch ein Hemmnis mit sich. Dieses zu überwinden, ist eine große Aufgabe für die Zukunft der Filmwoche.

We Are All Detroit (© Filmproduktion Loeken Franke)
"We Are All Detroit" (© Filmproduktion Loeken Franke)

Der schmale Grat diskursanstoßender Filme

Prinzipiell bewegt sich die Filmwoche mit ihrem Fokus auf diskursanstoßende Filme auf einem schmalen Grat. Themen wie Migration (zum Beispiel Arrival Pointsvon Rheim Alkadhi), Strukturwandel (etwa „We Are All Detroitvon Ulrike Franke und Michael Loeken) oder Geschlechterrollen bewegen sich am Puls der Zeit, auch wenn die Filme nie auf diese Schlagworte reduzierbar sind. Trotzdem bekommt man bei einem Film wie Anmaßung von Stefan Kolbe und Chris Wright das Gefühl, dass er für ein mögliches Streitgespräch programmiert wurde. Der Film nähert sich einem Frauenmörder an, in dem er ihn von zwei Puppenspielern geführt als Puppe auftreten lässt. Gleichzeitig begreift sich der Film bereits als Objekt seines eigenen Diskurses und verhandelt jede ästhetische Entscheidung vor der Kamera mit.

Abgesehen von der ausgestellten Intelligenz und kalkulierten Provokation des Films stellt sich die Frage, ob man interessante Gespräche planen kann. Vielleicht ist das auch eine falsche Unterstellung, aber hier leidet das Festival mit Sicherheit am eigenen Gewicht und der damit verbundenen Erwartungshaltung an die Diskussionen. Es ist auch eine Suche nach der verlorenen Bedeutung des Kinos. Die Stimmungen variieren von nostalgischer Verklärung einer alten Gesprächskultur bis zur politisch korrekten Angstrhetorik. Dass man auch genau und nah an den Filmen jenseits ewiger Urteilszwänge diskutieren und so über das Sprechen ein anderes Verständnis oder andere Perspektiven auf die Arbeit gewinnen könnte, zeigte sich in manchen, aber eigentlich in zu wenig Gesprächen. Wie in der schreibenden Filmkritik bekommt man das Gefühl, dass es ohne wertende Adjektive keinen Diskurs gibt. Das ist natürlich eine falsche Annahme, was aber noch lange nicht heißt, dass sie nicht vorherrschend wäre.

Nichtsdestotrotz hebt sich die Filmwoche enorm von herkömmlichen Sprechweisen über Filme auf Festivals ab. Leider sprechen am Ende des Festivals auch Preise. Das ist aus Sponsorensicht fast überall notwendig und für die ausgezeichneten Filmemacher ein wichtiger Faktor, führt in letzter Konsequenz aber am vorher propagierten Kinobild Duisburgs vorbei. Die generierte Öffentlichkeit bringt so ihre Sieger hervor, statt selbst als Sieger stehenzubleiben. Das gilt zumindest für die Außendarstellung. Für alle, die vor Ort waren, bleibt tatsächlich eine ernsthafte, durchdachte, anregende Auseinandersetzung mit den Filmen hängen. Das ist sehr viel wert in Zeiten, in denen alles egal scheint.

Die Protokolle der Filmgespräche in Duisburg zum Nachlesen.


Hinweis:

Der Autor Patrick Holzapfel verfasste in diesem Jahr im Rahmen der Duisburger Filmwoche einen Essay sowie einige Protokolle.

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