© imago/Matthias Reichelt (Helga Reidemeister, M., und der Künstler Jürgen Holtfreter, r.)

Zum Tod von Helga Reidemeister

Montag, 06.12.2021

Ein Nachruf auf die Dokumentaristin Helga Reidemeister (4.2.1940-29.11.2021)

Diskussion

In vielen ihrer Dokumentarfilme, die seit den 1970er-Jahren entstanden, verknüpfte die Dokumentaristin Helga Reidemeister Privates und Politisches. Ihr Kino wider die Tabus erzählte von Gewalterfahrung, Wurzellosigkeit und dem trügerischen Streben nach Geld, aber doch immer wieder auch von der Hoffnung und der Überlebenskraft, Energie aus den Unbilden des Alltags zu schöpfen. Nach langer, schwerer Krankheit verstarb die Filmemacherin am 29. November in Berlin.


Für ihre letzten Filme kehrte die Regisseurin Helga Reidemeister immer wieder nach Afghanistan zurück. Sie wollte, jenseits aller Tagesnachrichten, wissen, was dort wirklich passiert, sie wollte die Traditionen des Landes kennenlernen, die Gewohnheiten und die Kultur. Auf ihren Reisen wurde ihr bewusst, „dass man in Europa und auch in den USA durch mangelnde Aufklärung die wahren Interventionsinteressen hinter einer Ideologisierung versteckt“. Den in den Medien stets gleichen Kriegsszenen setzte sie subtile Alltagsbilder entgegen, ließ Menschen über ihre Gefühle, Sehnsüchte und Träume reden, etwa Hossein, der durch Granatsplitter querschnittsgelähmt war, oder Shaima, die von ihrem Vater zwangsverheiratet wurde. Ein Liebespaar, das gegen den Willen ihrer Familien aneinander festhält.

Der Hoffnung verpflichtet: "Mein Herz sieht die Welt schwarz" (Basis Film Verleih)
Der Hoffnung verpflichtet: "Mein Herz sieht die Welt schwarz" (© Basis Film Verleih)

Mein Herz sieht die Welt schwarz – Eine Liebe in Kabul“ (2009) hieß dieser Film, und danach befragt, ob der Pessimismus, der im Titel mitschwinge, auch ihrer eigenen Haltung zur Lage des Landes entspräche, antwortete Reidemeister: „Nein, denn ich kann gar nicht anders, als dem Prinzip Hoffnung verpflichtet zu sein. Woher sollen denn ohne Hoffnung Überlebenskraft und Energie kommen? Hoffnung gehört auch zu jener Verantwortung, die wir haben.“


Der erste vor dem zweiten Schritt

Das war ein Satz, der wie ein Credo über ihrer eigenen Biografie stand. Helga Reidemeister, geboren 1940 in Halle, ein Kriegskind, mit Erinnerungen, „die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt“, und doch mit der Zuversicht, dass sich die Welt zum Besseren verändern ließe. Zugleich war ihr sehr bewusst, dass vor dem zweiten Schritt der erste kommen musste: vor der Veränderung der sozialen Realität deren kritische Beobachtung und Analyse. Als Sozialarbeiterin im Märkischen Viertel, einem Westberliner „Problemkiez“, hatte sie die Sorgen und Nöte ihrer Umgebung kennengelernt, und dass der Alltag immer auch mit politischen Komponenten durchsetzt ist.

Ihre frühe Arbeit „Der gekaufte Traum“ (1974-77), über eine Arbeiterfamilie in dieser Neubausiedlung, machte den Anspruch deutlich, mit Dokumentarfilm einzugreifen und den Finger auf gesellschaftliche Wunden zu legen. Ihr politisches Bewusstsein war in den Zeiten des studentischen Aufbruchs um 1968 geschärft worden; mit Rudi Dutschke hatte sie eine Zeitlang in einer Wohngemeinschaft gelebt; ihm und seinen Idealen widmete sie auch ihren Film „Aufrecht gehen, Rudi Dutschke – Spuren“ (1988).


In ihrer Zeit oft umstritten

Reidemeisters Filme, die später zu Klassikern des neuen (west-)deutschen Kinos avancierten, waren in ihrer Zeit oft umstritten. So wurde „Von wegen Schicksal“ (1979), das Porträt einer schwerbeschädigten, arbeitslosen, nach zwanzig Jahren Ehe geschiedenen Frau, die sich vor der Kamera unverblümt öffnet und dabei auch vor ihrem Intimleben nicht Halt macht, als exhibitionistisch geschmäht. Auch „Mit starrem Blick aufs Geld“ (1982/83), in dem die Regisseurin den trügerischen Run auf Reichtum skizzierte und dies am Beispiel ihrer eigenen Schwester, einem Fotomodell und Mannequin, exemplifizierte, erfuhr solche Kritik.

Helga Reidemeister wies diese Vorwürfe vehement zurück: „Der Voyeurismus-Verdacht, unter dem ich bei einigen Dokumentarfilm-Saubermännern und -frauen stehe, geht letztlich von der gängigen Vorstellung aus, hinter der Kamera stehe der Filmemacher, das ,handelnde Subjekt‘, vor der Kamera das bewusstlos abgefilmte ,Objekt‘. Denn als Voyeur durch ein Schlüsselloch gucken, meint, hinter dem Schlüsselloch Unwissende heimlich zu beobachten und zu belauschen. Abgesehen davon, dass diese Vorstellung eine diskriminierende Sicht der Darsteller beinhaltet – denn gerade hier werden sie als Objekt gesehen –, ist dagegen für mich die Bereitschaft der Selbstdarsteller zur Mitarbeit – also das Verhältnis Subjekt gegen Subjekt – Selbstverständlichkeit.“

Mit Lars Barthel bei Dreharbeiten in Afghanistan: Helag Reidemeister (Basis Film Verleih)
Mit Lars Barthel bei Dreharbeiten in Afghanistan: Helag Reidemeister (© Basis Film Verleih)

Das Politische im Privaten

Porträts von Frauen, die in überkommenen Rollenmodellen gefangen sind, waren Reidemeister wichtig, um das Politische im Privaten fassen zu können. Doch ihr Lebenswerk ausschließlich auf dieses Thema festlegen zu wollen, würde es auf ungerechtfertigte Weise verkleinern. Denn Reidemeister interessierte sich für so viel mehr. So entwarf sie in „Drehort Berlin“ (1986/87) das Porträt der geteilten Stadt, suchte Menschen und Orte auf beiden Seiten der Grenze auf und ließ eine Ahnung davon entstehen, dass das spezifische Berliner Fluidum weder durch Mauer noch durch Stacheldraht zerstört werden kann. Im Grunde ein Einheitsfilm, drei Jahre vor dem 9. November 1989. Einen Einblick in ostdeutsche Lebenswelten ermöglichte „Im Glanze dieses Glücks“ (1990): Lehrer, Schüler, Arbeiter, aber auch ein Stasi-Psychologe reflektieren ihre Befindlichkeiten unmittelbar nach dem Mauerfall – wobei sich Reidemeister und ihr Co-Regisseur Johann Feindt jeden besserwisserischen Kommentar verkniffen.

Dem Osten und seinen verlorenen Utopien spürte sie auch in „Rodina heißt Heimat“ (1992) nach, in dem sie russische Armeeangehörige nach ihrem Abzug aus Deutschland in die verwandelte Heimat begleitete. Ein Essay über Wurzellosigkeit und Zukunftsangst, mit einer Schlussszene, die lange nachwirkte: Man sieht einen Offizier, der es bisher als wichtigste Aufgabe betrachtete hatte, die Kultur seiner Untergebenen zu fördern, und der nun Einberufungsbefehle für einen möglichen Kriegsfall schreibt. Beschäftigungstherapie, tagelang, nächtelang, wertlos, sinnlos. Ein Albtraum.

Vom Albtraum seiner sich täglich verändernden Stadt befreite sich dann der Held von „Lichter aus dem Hintergrund“ (1998): der Berliner Fotograf Robert Paris, der nach Indien auswandert und dort nach neuen Ufern sucht. Reidemeister, die vor ihrer Filmarbeit auch Malerei studiert hatte, fand für dieses elegische, ebenso sinnliche wie philosophische Traktat über Heimatlosigkeit große Kinobilder, über die sie die weiche, dissonante Musik des Free-Jazz-Posaunisten Konrad Bauer legte.


Gegen Bedenken, Ängste, Tabus

Später drehte die Regisseurin in einem Frauengefängnis in Bayern („Gotteszell“, 2001), befragte hier Mörderinnen, Totschlägerinnen, Dealerinnen und erweiterte deren individuelle Geschichten zum Panoramabild einer von Gewalt dominierten Gesellschaft. Danach kam Afghanistan.

Mit vielen ihrer Filme hat Helga Reidemeister auch gegen eigene Bedenken, eigene Ängste angedreht. Ein Kino wider die Tabus und ein Kino der Zuversicht, trotz alledem.

Helga Reidemeister beim Dreh von "Gotteszell" (Basis Film Verleih)
Helga Reidemeister beim Dreh von "Gotteszell" (© Basis Film Verleih)

Indem ich über ihre Filme schreibe, erwächst der dringende Wunsch, sie auf der Leinwand wiederzusehen. Tatsächlich wäre eine Retrospektive ihres Lebenswerks eine Großtat angesichts der neuen deutschen Filmlandschaft, die zu gern private Befindlichkeiten abfeiert und um den eigenen Bauchnabel kreist, doch zunehmend verlernt hat, sich ins Politische zu öffnen.

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