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Die Frau, die kämpft - Lubna Azabal

Mittwoch, 08.12.2021

Ein Porträt der belgisch-marokkanisch-spanischen Schauspielerin Lubna Azabal

Diskussion

Die 1973 in Brüssel geborene Schauspielerin Lubna Azabal verleiht ihren Auftritten auf der Leinwand eine außergewöhnliche Kraft. Sogar da, wo ihre Figuren wie in „Die Frau, die singt“ hart bedrängt werden und ihnen jegliche Sicherheit genommen scheint, lassen sie nie den Gedanken an Unterwerfung aufkommen. Aktuell glänzt sie im Drama Adam“. Ein Porträt einer Kampfkünstlerin.


Lubna Azabal zuzusehen, ist wie Kampfsport. Man sollte nicht ohne Deckung sein, wenn sie den entscheidenden Augenbrauen-Lüpfer macht. Oder ihren Blick wie einen Tacker einsetzt: Ausweichen ausgeschlossen.

Zum Beispiel, wenn sie in Ridley Scotts Der Mann, der niemals lebte (2008) Leonardo DiCaprio beim Lunch scheinbar freundlich fragt, worin denn genau seine Arbeit bestehe. DiCaprio spielt einen Anti-Terror-Spezialisten im Nahen Osten, das Thema ist also schwierig. Er sei politischer Berater, greift ihre Schwester ein. Soso, wendet sich Lubna Azabal beharrlich zu DiCaprio, politischer Berater also, und schneidet ihn in aller Ruhe in Scheibchen: „Warum jetzt, warum nicht schon vor dem Krieg?“ Er stammelt etwas von der „Situation im Irak“, doch wolkige Umschreibungen lässt sie nicht zu. Kurz blitzt ihre obere Zahnreihe auf, ein Lächeln ist es nicht. Man möchte das Gericht nicht sein, dem sie sich nach weiteren Punchs mit klirrendem Besteck wieder zuwendet. Bevor sie DiCaprio mit besagtem Festtacker-Blick einen guten Appetit wünscht.

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Unbedingtheit und Präzision

Selbst solche kleinen Hollywood-Auftritte versieht die 1973 in Brüssel geborene Tochter eines Marokkaners und einer Spanierin mit einer Unbedingtheit und Präzision, die sich förmlich ins Gedächtnis einbrennen. So erregte sie schon zuvor, im palästinensischen Drama Paradise Now von Hany Abu-Assad, internationales Aufsehen. In dem Film, der 2006 den „Golden Globe“ gewann und für den „Oscar“ als bester fremdsprachiger Film nominiert war, spielt sie eine Menschenrechtsaktivistin, die einen Selbstmordattentäter von seinem tödlichen Plan abbringen will. Fern vom Pathos der liebenden oder wütenden Schmerzensfrau gibt sie ihrer Rolle eine irritierende, ja unangenehme Dimension: Ihr Kampf gegen die Irrationalität von Männern, die an „Hirngespinste“ (wie sie sagt) glauben, ist weniger ein Kampf um Mitgefühl und ethisch richtiges Handeln. Es ist ein Kampf um die bessere Strategie.


Mit Tacker-Blick: In "Adam" zeichnet Lubna azbal das komplexe Porträt einer Bäckerin (© Grandfilm)
Mit Tacker-Blick: In "Adam" zeichnet Lubna Azbal das komplexe Porträt einer Bäckerin (© Grandfilm)

Das Pragmatisch-Harte steigert sie in ihrem jüngsten Auftritt, in Adam von Maryam Touzani, bis zur Verhärtung. Als verwitwete Bäckerin, alleinerziehend noch dazu, nimmt sie eher widerwillig eine unverheiratete Schwangere auf; erst als diese sich als äußerst backtalentiert erweist und somit als nützlich fürs Geschäft, darf sie länger bleiben. Liest man den Plot, scheint er zwar vor frauensolidarischen Vorhersehbarkeiten nur so zu triefen. Dass „Adam“ aber im Gegenteil bis zuletzt vor Spannung vibriert, liegt vor allem an Lubna Azabal: Wo andere Verhärmtheit spielen würden, macht sie das Prozesshafte, das Gewordensein eines solchen Seelen- und Körperzustands sichtbar. Sodass eben doch nicht ganz unmöglich – wenn auch unsicher – scheint, dass ihr Panzer auch wieder aufweichen könnte. Eine „Kämpferin“ sei sie und genau deshalb liebe er sie, gesteht in einer Schlüsselszene ein heimlicher Verehrer.


Gebieterische Schönheit

Die gebieterische Schönheit ihrer Züge mit der sanft geschwungenen Nase und den wie aus Versehen zu niedlichen, leicht vorstehenden oberen Zähnen schafft etwas Ähnliches wie hierzulande Nina Hoss: Von einer ernsten, gereiften Lieblichkeit sind beider Gesichter, aus denen in feinen Abstufungen ein fast monströses Wissen hervorschimmern kann. Beiden gemein ist deshalb vielleicht auch, dass nicht Vielseitigkeit das herausragende Merkmal ihrer Kunst ist. Ausflüge ins Romantische (Here), Historische (Coriolanus, Maria Magdalena) oder Komödiantische (Tel Aviv on Fire, 25 Grad im Winter) absolviert Lubna Azabal gekonnt, sie sind aber auch ein wenig egal. Ihr Spiel entfaltet seine nadelfeine Brillanz und böse Wucht vor allem dann, wenn Zeitstrukturen ungewiss werden, Gegenwarten brüchig, Identitäten fraglich. Also jenseits des allzu Gefälligen.

Wie in Denis Villeneuves Die Frau, die singt - Incendies (2010): In einer Rückblende sitzt die von Azabal gespielte politische Gefangene in einer Gefängniszelle auf einem Stuhl. Zwei Schritte schräg hinter ihr steht in schweren Stiefeln der Folterspezialist, der gerufen wurde, weil diese Frau nicht „zu brechen“ ist. Kein Wort fällt. Beide verharren so, sekundenlang. Doch ist in diesem quälend endlosen Moment kein Zittern im Gesicht der Gefangenen. Keine Ergebenheit und keine Panik. Da ist nur Konzentration. Eine furchteinflößende Konzentration.

Trotz schwerer Misshandlungen zeigt sich Lubna Azabals Figur in „Die Frau, die singt“ wehrhaft und unbeugsam (© Arsenal)
Trotz schwerer Misshandlungen zeigt sich Lubna Azabals Figur in „Die Frau, die singt“ wehrhaft und unbeugsam (© Arsenal)

Die Gefängnisszenen seien die schwersten gewesen, sagt Lubna Azabal in einem Interview. Aber nicht, weil es Gefängnisszenen gewesen seien, sondern die ersten, die man gedreht habe. „Auf dem Set bereite ich mich nie vor, ich tue einfach, was von selbst kommt“, sagt sie. Umso beängstigender sei es für sie gewesen, mitten in der Geschichte anzufangen, was bedeutet habe, aus dem Stand durch Misshandlungen und Schwangerschaft hindurchgehen zu müssen. Das erklärt womöglich die fast körperlich spürbare Konzentration in dieser Szene.


Ein Kopf, der keine Unterwerfung kennt

Wenn Lubna Azabal ihren Kopf doch einmal abwendet, wie es etwa in Adam oft geschieht, wo fast nur Close-ups zu sehen sind, dann ist das selten ein Ausweichen. Verlegenheit schon gar nicht. Eher ein Ausholen. Jeden Zwang, jede Unterwerfung, verwandelt sie irgendwann in Aktivität, und wenn Jahre dazwischen liegen, wie in Die Frau, die singt. Und jede Resignation münzt sie um in eine Introspektion, mit der sich ihre Figuren zum Aufrichten bereit machen. Ihr Widerstand erschöpft sich deshalb auch nicht im plötzlichen Aufbegehren. Es kommt darin etwas zum Vorschein, das schon immer unbezwingbar war.

Diese Kraft wusste der französische Regisseur André Téchiné schon früh für sein Werk zu nutzen. Er besetzte die damals noch weitgehend Unbekannte bereits 2001 in Weit weg – Loin und drei Jahre später, in „Changing Times - Vom Verlieren und Wiederfinden der Liebe: Darin tritt sie an der Seite des Dreamteams-auf-Wiedervorlage Catherine Deneuve und Gérard Depardieu in einer Doppelrolle als Zwilling auf: Die eine Schwester lebt ein Leben als Pariserin, samt Tablettensucht, Melancholie und einem unkonventionellen Arrangement mit ihrem schwulen Freund; die andere lebt in Tanger, trägt Kopftuch, rackert in einem Fast-Food-Laden und achtet peinlichst darauf, auf der Straße nicht mit Männern gesehen zu werden.

Kein Verständnis für die „Hirngespinste“ der Männer: Lubna Azabal als Menschenrechtsaktivistin in „Paradise Now“ (© Constantin)
Kein Verständnis für die „Hirngespinste“ der Männer: Lubna Azabal als Menschenrechtsaktivistin in „Paradise Now“ (© Constantin)

Téchiné versteht es wie so oft, den Körper als etwas Seelisches zu fassen, als etwas, das sich gleichzeitig im Einklang und im Widerspruch zum Selbst und zur Umwelt befindet. Allein die Art, wie Lubna Azabal als Pariser Zwillingsschwester im Flughafen eine Treppe hinaufgeht, nachdem ihr Freund sie dort zunächst zurücklässt: wie sie da an der linken Hand entschlossen das Kind führt und an der rechten den Rollkoffer trägt, schmal, aber nicht bedürftig, fragil, aber beherrscht, das ist der Moment, der die Haltungs-Ähnlichkeit zwischen den zwei sonst so unterschiedlichen Schwestern offenbart, ob sie nun Kopftuch tragen oder nicht.


Sie kennen das Schrecklichste und Wunderbarste

Solche Zweiheiten halten die Frauenfiguren Lubna Azabals immer wieder von Neuem aus. Sie sind Westeuropäerinnen und Frauen aus dem Nahen Osten. Sie sind Kennerinnen des Schrecklichsten und des Wunderbarsten, für das es sich dann eben doch immer zu kämpfen lohnt. Denn „es gibt nichts Schöneres als zusammen zu sein“, gibt „Die Frau, die singt“ ihren Kindern mit auf den Lebensweg. In anderen Filmen, bei anderen Darstellerinnen, wäre dies ein Satz ausgestellter Sentimentalität. Vor dem Hintergrund der erzählten Ungeheuerlichkeiten aber, aus dem Mund dieser Kampfkünstlerin, ist dieses Resümee konzentrierter Trost, verabreicht wie ein letzter Schlag.


In "Adam" (© Grandfilm)
In "Adam" (© Grandfilm)

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