© DEFA-Stiftung/Wolfgang Ebert (bei Dreharbeiten zu "Wengler & Söhne")

Nachruf auf den DEFA-Kameramann Roland Dressel

Freitag, 10.12.2021

"Stil haben heißt für mich dienen können" - Erinnerungen an Roland Dressel (26.4.1932-5.12.2021)

Diskussion

Der Kameramann Roland Dressel fotografierte in den 1970er- und 1980er-Jahren einige der bedeutendsten DEFA-Filme. Regisseure wie Rainer Simon, Roland Gräf oder Ulrich Weiß schätzten ihn für seine Bilderwelten, die sich den Geschichten unterordneten, aber zugleich mit immer neuen artifiziellen Einfällen aufwarteten. Im Alter von 89 Jahren ist Roland Dressel jetzt in Potsdam verstorben.


Roland Dressels Lieblingsfilm war Bernardo Bertoluccis „1900“. Wer sich die Bilder des Kameramanns Vittorio Storaro ins Gedächtnis ruft, erahnt die Gründe. Schon als Ouvertüre gibt es ein wunderbares Tableau: In einem Raum, an einer langen Tafel, bewegt sich die Kamera von der Totale zur Nahaufnahme der Gesichter, und jede Geste, jeder Augenaufschlag beginnt plötzlich eine eigene Geschichte zu erzählen. Später, im Dorf und auf den Feldern, überschlagen sich dann die optischen Einfälle; die Fabel zweier ungleicher Freunde, eines Armen und eines Reichen, weitet sich zur politischen Chronik des beginnenden 20. Jahrhunderts. „1900“ ist Schaukino von unerhörter Opulenz und Gedankentiefe.

Filme dieser Art wollte Roland Dressel selbst gerne machen: über einzelne, einprägsame Figuren ein Zeit- und Weltbild entwerfen. Tatsächlich gab es bei der DEFA Regisseure, die ganz Ähnliches im Sinn hatten: Rainer Simon, Roland Gräf, Ulrich Weiß. Dass sie aus dem Reservoir der im Babelsberger Studio fest angestellten Kameramänner auf Roland Dressel stoßen würden, war somit nur eine Frage der Zeit. Auch wenn Dressel erst relativ spät, als Fünfzigjähriger, seine besten Filme drehte.


Expressives Schwarz-weiß, hochstilisiert

Zunächst war er, von 1954 an, Standfotograf und Assistent verschiedener älterer Kollegen. Zum klugen Ratgeber wurde ihm Werner Bergmann, der viele Jahre lang die Filme Konrad Wolfs fotografierte. Prägend war für ihn aber auch die Begegnung mit dem tschechische Kameramann Jan Čuřík, dem er bei „Der Fall Gleiwitz“ (1961), einem Antikriegsfilm von Gerhard Klein, assistierte. Čuříks Aufnahmen sahen so ganz anders aus als das, was sonst bei der DEFA fotografiert wurde. Nichts mehr vom alten, flächigen Ufa-Stil, stattdessen expressives Schwarz-weiß, hochstilisiert, geformt zur Grafik, kühl und unerhört.

As 13-Jähriger hatte Roland Dressel Ende 1945 erfahren, dass sein Vater in den letzten Kriegstagen gefallen war. Das Grab lag in Österreich; besuchen konnte er es erst nach dem Fall der Mauer. Filme über den Krieg nahmen in Dressels Schaffen eine besondere Stellung ein: Krieg als Quelle der Entfremdung und Vergiftung aller menschlichen Beziehungen, etwa in „Das Haus am Fluss“ (1986), den Dressel in ein mattes, ermattetes Licht tauchte, oder in „Die Frau und der Fremde“ (1985), ein Kammerspiel in braungrauen Sepiatönen. Das Boxerdrama „Olle Henry“ (1983) über einen Boxer, der nach dem Krieg nicht mehr in den Ring steigen, sondern jeglicher Gewalt absagen will, erschien in Dressels Bildern wie ein Albtraum.

Die Regisseure, mit denen er solche Filme drehte, waren nur wenig jünger als er, Vorkriegs- und Kriegskinder auch sie, und gemeinsam brachten sie einen latent pazifistischen Geist in den DEFA-Film ein.

Dreharbeiten zu "Die Frau und die Fremde" (DEFA-Stiftung/Wolfgang Ebert)
Dreharbeiten zu "Die Frau und der Fremde" (© DEFA-Stiftung/Wolfgang Ebert)


Als eigenständiger Kameramann debütierte Dressel 1974 mit „Das zweite Lebendes Friedrich Wilhelm Georg Platow“. Regisseur Siegfried Kühn teilte diese Groteske in Kapitel ein, die stilistisch ganz unterschiedlich angelegt waren: als Clownsspiel, als grüblerischer Monolog, oder auch als dokumentarisches Cinéma vérité. Dressel konnte sich ausprobieren, in Farbe und Schwarz-weiß, mal ruhig, dann mit wilden Schwenks wie in jener Szene, in der der aus seiner Beschaulichkeit vertriebene alte Bahnwärter (Fritz Marquardt), von der Kamera verfolgt, in großen Sprüngen in eine ungewisse Zukunft aufbricht.

Der Film mit seiner unorthodoxen Sicht auf einen DDR-Arbeiter galt als politisch anrüchig („So ist unsere Arbeiterklasse nicht!“), erhielt Exportverbot und lief zunächst nur mit wenigen Kopien in kleinen Studiokinos. Argumentiert wurde allerdings weniger politisch; die Obrigkeit schob vermeintliche künstlerische Mängel vor, eine ungenügende Beherrschung des Materials zum Beispiel. Dressel, dem die Stilbrüche, Farbsprünge und sonstige „Ungereimtheiten“ durchaus nicht unterlaufen waren, sondern die ihm bewusst zur Verfremdung und ironischen Brechung dienten, musste vier Jahre warten, bis man ihm wieder einen Kinostoff anvertraute.


Ohne jede Schönfärbung

In den 1980er-Jahren fotografierte er einige der besten Filme des Studios. Beispielsweise „Jadup und Boel“ (1980), die Endzeitstudie von Rainer Simon, geprägt vom Ambiente einer verkniffenen DDR-Kleinstadt. Hinter jeder Mauer ein Geheimnis, ein Tabu; dazu die vergammelte Müllhalde vor ihren Toren: Bilder der Agonie. Bewegend die Szene, in der Bürgermeister Jadup (Kurt Böwe) eines Morgens in einen von Wasserdunst beschlagenen Spiegel blickt und sich zu erkennen beginnt: ein stiller Moment, an dem sein ganzes Leben an ihm vorbeizieht. Oder „Das Fahrrad“ (1982) von Evelyn Schmidt: DDR-Realität ohne jede Schönfärbung, die Gesellschaft gespalten in Oben – ein kalter Festsaal, in dem die Nomenklatura sich selbst feiert – und Unten – eine Bar, in der das Leben tobt.

Warmer Bilder, trügerische Hoffnung: "Das Luftschiff" (DEFA-Stiftung)
Warme Bilder, trügerische Hoffnung: "Das Luftschiff" (© DEFA-Stiftung)

In Rainer Simons Parabel „Das Luftschiff“ (1982) über einen Erfinder, der einen Teufelspakt mit der Politik eingeht und dann von ihr ins Abseits verbannt wird, konfrontieren Dressels Bilder warme Motive einer trügerischen Hoffnung mit dem eisigen Interieur einer Nervenklinik. Immer wieder erfasst die Kamera den Hauptdarsteller Jörg Gudzuhn mit genau gesetztem Licht auf Partien seines markant-faltigen Gesichts: Dressel forschte dabei nach Brüchen und Verletzungen einer Seelenlandschaft. Und schließlich, erneut mit Gudzuhn in der Titelrolle, „Fallada – Letztes Kapitel“ (1988) von Roland Gräf: die Exzesse des Dichters, das Toben, die Hoffnung, der Zusammenbruch. Wie schon in früheren Filmen fiel hier auch auf, wie zärtlich die Kamera auf die Darstellerinnen blickte: Jutta Wachowiak, Corinna Harfouch, Katrin Sass, Ulrike Krumbiegel vertrauten Dressel uneingeschränkt.

Gelegentlich hat Roland Dressel über sein künstlerisches Credo gesprochen: „Der Mensch muss dem Menschen mit Würde und Anstand begegnen.“ Und: „Stil haben heißt für mich dienen können, nämlich der Geschichte. Es kommt darauf an, eine gemeinsame Lesart zu finden mit der Regie und dem Szenenbild und für die Besetzung. Das lässt die Bildvorstellungen entstehen. Reibung und Dialog unterstützen die Suche nach nicht austauschbaren optischen Lösungen. Stil im Sinne von ,sofort wiedererkennbar‘ scheint mir eine Fessel zu sein.“

Doch wiedererkennbar war auf jeden Fall, wie offen und abenteuerbereit Dressel auf jeden seiner Stoffe einging, und dass er auch physisch, angeschnallt an Autos oder riesige Kräne oder beim Erklettern höchster Berge (in „Die Besteigung des Chimborazo“, 1989), keine Schwierigkeit scheute, um einprägsame, der Geschichte dienende Bilder zu finden.


„Ich wäre gern klüger geworden“

Ganz am Ende der DEFA führte er die Kamera bei Herwig Kippings „Das Land hinter dem Regenbogen“ (1992), einer radikalen Teufelsaustreibung des gewöhnlichen Stalinismus und einer Eruption der Symbole und Metaphern. Michael Gwisdek holte ihn für sein Kammerspiel „Abschied von Agnes“ (1993), für das Dressel den Bundesfilmpreis erhielt. Schließlich arbeitete er noch mit Helma Sanders-Brahms zusammen: „Mein Herz – niemandem!“ (1997) war ein Film über Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn, mit einer Kamera, die bewusst an expressionistische Vorbilder anknüpft.

Roland Dressel (r.) bei "Zünd an, es kommt die Feuerwehr" (DEFA-Stiftung)
Roland Dressel (r.) bei "Zünd an, es kommt die Feuerwehr" (© DEFA-Stiftung)

Und dann? Dann resümierte er sein Lebenswerk: „Ich selbst wäre gern klüger geworden, wirklich. Fleißiger gewesen. Ich erinnere mich an so unendlich viele Bilder, die ich gespeichert habe und mit mir herumtrage. Auch weil ich nicht mehr arbeite und weil ich älter geworden bin. Das ist eben so.“

Es war ihm in den letzten Jahren eine Freude, für die DEFA-Stiftung an der Digitalisierung seiner Filme mitzuwirken. Tagelang und ohne den Anflug von Müdigkeit half er bei der Licht- und Farbbestimmung, hochinteressiert an technischen Neuerungen, zugleich ein Gesprächspartner, der die Entstehungsgeschichten der Filme mit Witz und Charme zu erzählen wusste. Am 5. Dezember 2021 ist Roland Dressel in Potsdam verstorben.

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