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Der cinephile US-Auteur

Samstag, 08.01.2022

Im Alter von 82 Jahren ist am 6. Januar 2022 der Regisseur, Autor, Produzent und Filmkritiker Peter Bogdanovich gestorben, der mit „Die letzte Vorstellung“ (1971) einen der wichtigsten Filme des New Hollywood drehte

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Peter Bogdanovich war der größte der cinephilen Regisseure Hollywoods. Als das Studiosystem Anfang der 1960er-Jahre in die Knie ging, sprangen ihm filmhistorisch gebildete Enthusiasten wie er zur Seite, die das traditionelle Erzählen mit neuen Themen und einer aufregenden Frische verbanden. Doch das Glück des Anfangs blieb ihm nicht immer hold. Im Alter von 82 Jahren ist er jetzt in Los Angeles gestorben.


Als Jugendlicher soll Peter Bogdanovich (30.07.1939-06.01.2022) bis zu 400 Filme im Jahr gesehen haben. Wie kaum ein Zweiter eignete er sich mit den Jahren ein umfassendes Wissen vom klassischen Hollywoodkino an. Er begann Filmkritiken für die renommiertesten Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben und interviewte alles, was im Filmgeschäft Rang und Namen hatte. Als die Traumfabrik in den 1960er-Jahren zusammenbrach, war er als Regisseur zur Stelle. Gemeinsam mit Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, Robert Altman und anderen erneuerte er das US-amerikanische Kino. Anfang der 1970er-Jahre wurde er mit den Filmen „Die letzte Vorstellung“ (1971), „Is’ was, Doc?“ (1972) und „Paper Moon“ (1973) zu einem der erfolgreichsten Regisseure des New Hollywood. Doch das Glück blieb ihm nicht hold. Misserfolge stellten sich ein. „Ich machte viele Fehler“, gab er später zu.


Der Cinephile

Peter Bogdanovich wurde 1939 als Sohn jugoslawischer Eltern in Kingston im Bundesstaat New York geboren. Mit 15 Jahren schlug er bereits die Richtung ein, die sein Leben fortan bestimmte. Er nahm Schauspielunterricht bei Stella Adler, die sich früh vom Actors Studio und Lee Strasberg distanzierte und 1949 ihre eigene Schauspielschule gegründet hatte. Er begann am Off-Broadway zu inszenieren und wandte sich später dem Film zu. Wie fast zur selben Zeit die späteren Protagonisten der Nouvelle Vague in Frankreich (Truffaut, Godard und andere) wurde er ein gefragter Filmkritiker. Er schrieb für Film Quarterly, Film Culture und vor allem für das Magazin „Esquire“.

Im Auftrag des Museum of Modern Art in New York führte er Retrospektiven durch und verfasste Monografien zu Regie-Stars wie Orson Welles, John Ford und Howard Hawks. Die Filmpraxis lernte er über die Roger-Corman-Schule kennen, die auch für Scorsese oder Coppola prägend war.

Sein erstes eigenes Projekt war „Bewegliche Ziele“ (1968), produziert von Roger Corman. Hier steckte er bereits sein narratives und thematisches Feld ab: ein genauer Blick auf die aktuelle Situation der USA im Kontext der jüngeren Historie und der Geschichte des Films.

Showdown im Autokino: "Bewegliche Ziele" (imago/United Archives)
Showdown im Autokino: "Bewegliche Ziele" (© imago/United Archives)

Der Stummfilmstar Boris Karloff markiert in „Bewegliche Ziele“ die vergangene Zeit; er spielt einen gealterten Schauspieler, einen Dinosaurier des klassischen Hollywoodkinos, der seine Karriere beenden will. Der zweite Handlungsstrang erzählt von einem jungen Mann, der aus den Zwängen der Wohlstandsgesellschaft ausbricht, indem er zum Amokläufer wird und wahllos Menschen erschießt. Beide Handlungsstränge werden erst am Ende in einem Autokino zusammengeführt. Karloff gelingt es ein letztes Mal auf der Leinwand zu wirken – auf den Täter. „Bewegliche Ziele“ ist radikal und provokativ; die Kamera führte László Kovács, mit dem Bogdanovich danach häufig zusammenarbeitete.


Nostalgie und Stillstand

In dem Band zu „New Hollywood“ aus der legendären blauen Hanser-Reihe ging Martin Ripkens hart mit fast allen Bogdanovich-Filmen nach „Bewegliche Ziele“ ins Gericht. In ihnen gäbe es zu wenig Biss, zu viel Nostalgie. „Bewegliche Ziele“ ist ohne Zweifel radikaler, ästhetisch und narrativ, aber auch unausgereifter. Mit dem in Schwarz-weiß gedrehten „The Last Picture Show“ (1971) erreichte Bogdanovich eine kaum noch zu überbietende Sicherheit in der Handhabung der filmischen Mittel. Mit dem renommierten Kameramann Robert Surtees verstand er es, ästhetische Eleganz mit einem neuen (nicht nur nostalgischen) Blick auf die USA der 1950er-Jahre zu verbinden. In der Kleinstadt Anarene dominieren die Grautöne, es herrscht tödlicher Stillstand und das örtliche Lichtspielhaus zählt zu den wenigen Lichtblicken im Leben der jungen Generation.

Doch die Traumfabrik schafft auch eine tiefe Kluft zum grauen Alltag. Sonny (Timothy Bottoms) küsst seine Freundin und blickt währenddessen auf Elizabeth Taylor, die auf der Leinwand in „Vater der Braut“ ihren von Spencer Tracy gespielten Vater verlassen wird. Als Sonny aus dem Kino kommt, wird draußen gerade das Plakat zu „Sands of Iwo Jima“ (1949) von Allan Dwan aufgehängt. Die Komödie, die den Traum von der Versöhnung zwischen den Generationen erzählt, und der Kriegsfilm, der den Sieg der Nation gegen den Feind im Zweiten Weltkrieg feiert (Bogdanovich veröffentlichte 1970 ein Buch über den Regisseur Allan Dwan), sind für nostalgische Gefühle wenig geeignet und vermitteln nur die völlige Ausweglosigkeit im Leben von Sonny und der anderen Jugendlichen in Anarene. Timothy Bottoms, Jeff Bridges und Cybill Shepherd wurden mit „The Last Picture Show“ zu Stars.

Sprungbrett für die Hollywood-Karriere: Jeff Bridges, Cybill Shepherd in "Last Picture Show" (imago/Everett Collection)
Sprungbrett: Jeff Bridges, Cybill Shepherd in "The Last Picture Show" (© imago/Everett Collection)

In Texas gab es eine Zukunft nur in der Ölindustrie, und genau das gelingt dem von Jeff Bridges verkörperten Duane Jackson in dem Sequel „Texasville“ (1990). Nach einem erfolglosen Jahrzehnt versuchte Bogdanovich, an frühere Erfolge anzuschließen. Was lag da näher als ein Sequel zu seinem Klassiker des New Hollywood. Bogdanovich drehte nun in Farbe, doch Duanes Leben ist farblos geblieben, auch wenn er mit dem schwarzen Gold reich geworden ist. Nostalgische Gefühle sind auch hier weniger ausgeprägt, als die Kritik zum Film glauben machen wollte. Denn da ist nicht viel, woran sich die Figuren gerne zurückerinnern. Verpasste Chancen sind trügerisch; was sie anders hätten machen können, ist relativ. Sie sind gefangen in ihren Biografien und in ihrer fehlenden Bereitschaft, wirklich etwas zu ändern.

Insofern passt „Texasville“ sehr gut zur Reagan-Ära (zu Beginn hört man Berichte darüber im Radio). Bogdanovich gelang es jedoch nicht, ästhetisch und narrativ fortzusetzen, was er in den 1970er-Jahren begonnen hatte. Das lag weniger am nostalgischen Stil als vielmehr daran, dass die Konflikte zwischen Männern und Frauen wie eine Soap anmuten. Ungefähr so, als hätte Bogdanovich versucht, der die 1980er-Jahre prägenden Serie „Dallas“ im Kino etwas entgegenzusetzen. Ihm misslang, was Robert Altman, seinem Kollegen aus New-Hollywood-Zeiten, vergönnt war, der sich filmkünstlerisch ebenfalls durch die 1980er-Jahre gequält hatte: Altman feierte mit dem ebenso hochreflexiven wie unterhaltsamen „The Player“ 1992 ein spektakuläres Comeback.


Komik und Tragik

Mit „What's Up, Doc?“ (1972) und ein Jahr später mit „Paper Moon“ bewies Bogdanovich, dass er New Hollywood auch kommerziell zu nutzen verstand. Beide Filme, vor allem aber „What’s Up, Doc?“ mit Barbra Streisand und Ryan O'Neal, waren enorm erfolgreich. Zudem waren es zwei Filme, die deutlich auf Traditionen des Hollywood-Kinos Bezug nahmen. „What’s Up, Doc?“ huldigte der Screwball-Comedy und war in gewisser Weise ein Remake von „Leoparden küsst man nicht“ (1938). „Paper Moon“ handelt von Gangstern on the Road, einem Genre, das in Hollywood schon in den 1930er-Jahren, etwa mit „Gehetzt“ (1937), in den Kinos zu sehen war. Natürlich ist das Gangster-Paar in „Paper Moon“ ungewöhnlich, ein Mann und ein zehnjähriges Mädchen. Tatum O’Neal, Ryan O’Neals Tochter, erhielt für ihre wunderbare Darstellung den „Oscar“ als beste Nebendarstellerin und viele weitere Auszeichnungen.

Ein Klassiker des New Hollywood: "What's up, Doc?" (imago/United Archives)
Ein Klassiker des New Hollywood: "What's Up, Doc?" (© imago/United Archives)

Die nostalgische Rückbesinnung an vergangene Zeiten erwies sich erst in den folgenden Filmen als Sackgasse. Zuerst versuchte Bogdanovich sich mit „Daisy Miller“ (1974) an der Adaption eines literarischen Klassikers, einer Novelle von Henry James. Dann erzählte er mit „Nickelodeon“ (1976) von der Zeit, als Hollywood entstand. Bogdanovich gelang es in „Daisy Miller“ allerdings nur bedingt, in der von Cybill Shepherd verkörperten Titelheldin das Historische mit den seinerzeit aktuellen Fragen der Gleichberechtigung zu verbinden. „Nickelodeon“ konnte er nicht in seinem Sinne zu Ende führen; der Film wurde gekürzt und verändert; übrig blieb nur nettes nostalgisches Stückwerk.

Nach diesem doppelten Misserfolg drehte Bogdanovich drei Jahre lang keinen Film mehr. Anfang der 1980er-Jahre wurde sein Leben selbst zur Tragödie, als Dorothy Stratten, mit der er bei den Dreharbeiten zu „Sie haben alle gelacht“ (1981) eine Beziehung begann, von ihrem Ehemann Paul Snider erschossen wurde. Es dauerte mehrere Jahre, bis sich Bogdanovich davon erholte.

„Texasville“ hätte ein Neuanfang werden können. 2014 drehte er mit „Broadway Therapy“, einer durchaus gelungenen Mischung aus Screwball und romantischer Komödie mit Owen Wilson und Jennifer Aniston, seinen letzten Spielfilm.

Der letzte Spielfilm: "Broadway Therapy" (ZDF/K.C.Bailey)
Der letzte Spielfilm: "Broadway Therapy" (© ZDF/K.C.Bailey)

Sein allerletzter Film „The Great Buster“ stammt aus dem Jahr 2018 und ist eine Verneigung vor Buster Keaton. Überhaupt ist Bogdanovichs dokumentarisches Werk (zumindest für mich) noch zu entdecken. Auch dem Schauspielern ist er während seiner Karriere als Regisseur stets treu geblieben. Am aufregendsten ist sein Auftritt in „Die Sopranos“, wo er in einer Nebenrolle den Psychiater Elliot Kupferberg spielt. Die Rolle des Therapeuten von Jennifer Melfi, die Tony Soprano zu therapieren versucht, ist eine augenzwinkernde Parodie auf das Method Acting, das er in seiner Jugend bei Stella Adler gelernt hatte.

Am 6. Januar 2022 ist Peter Bogdanovich im Alter von 82 Jahren in Los Angeles gestorben.

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