© Sammlung Kothenschulte (Joan Crawford in "Our Dancing Daughters")

Hollywoods erste Fotografin

Mittwoch, 12.01.2022

Ruth Harriet Louise prägte mit ihren Bildern von Stars und Regisseuren in den 1920er-Jahren das Image das Starkinos in Hollywoods mit

Diskussion

Ihre Bilder von Stars wie Greta Garbo oder Joan Crawford trugen wesentlich dazu bei, aus Schauspielern überlebensgroße Ikonen zu machen. Die Fotografin Ruth Harriet Louise, die für das Studio MGM arbeitete, porträtierte in den 1920er-Jahren viele Stars und Regisseure ihrer Ära. Ihren Kamerablick zeichnet eine faszinierende Gleichzeitigkeit von Distanz und Nähe, Natürlichkeit und Stilisierung aus. Ein Porträt anlässlich einer Ausstellung in Göttingen (7.1.-6.2.).


Hollywoods Starruhm wäre nichts ohne die Fotografie. Schon während der Stummfilmzeit überflutete die amerikanische Filmindustrie ihr Publikum mit schillernden Bildnissen, die durch die Künstlichkeit und Eleganz von Komposition, Lichtsetzung oder Retusche „größer als das Leben“ wirkten – und für die sich schließlich, um 1930, ein Begriff etablierte, der noch heute für den Glanz des Kinos steht: Glamour.

Unter den vielen Lichtbildnern, die diesen Stil gemeinsam prägten, stand in erster Reihe eine Frau: Ruth Harriet Louise (1903-1940) war die erste Person, die vom mächtigen Filmstudio „Metro-Goldwyn-Mayer“ als Porträtfotografin angestellt wurde. Von 1925 bis 1930 leitete sie die „portrait gallery“, das hauseigene Porträtstudio.

Geboren am 13. Januar 1903 als Ruth Harriet Goldstein im New Yorker Stadtteil Harlem, war sie die Tochter einer Wienerin und eines aus London stammenden Rabbiners, der ab 1915 in der Kleinstadt New Brunswick im Bundesstaat New Jersey eine progressive Synagoge leitete. Kulturelle Aktivitäten standen in der Gemeinde hoch im Kurs. Ihr Bruder Mark, mit dem sie als Schülerin gemeinsam Musicals aufführte, wurde unter dem Künstlernamen Mark Sandrich später berühmt als Regisseur stilbildender Musicals mit Fred Astaire und Ginger Rogers.


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„Gute Fotografien besitzen eine Seele“

Als Teenager hatte Ruth Harriet Louise ihr Interesse an der Porträtfotografie entdeckt, nachdem sie vom New Yorker Star-Fotografen Nickolas Muray fotografiert worden war. Bis zu ihren 16. Lebensjahr hatte sie Malerin werden wollen, zweifelte aber schließlich an der nötigen Begabung. So jedenfalls liest es sich in einem Artikel vom September 1928 aus der seinerzeit populären amerikanischen Filmzeitschrift „Screenland“: „Es ist ungewöhnlich für ein Mädchen in diesem Alter, die eigenen Beschränkungen zu erkennen. Sie hatte das künstlerische Empfinden. Sie verstand etwas von Komposition und Linie, aber es mangelte ihr an der Fähigkeit, ihre Ideen auszudrücken. So wandte sich dem Zweitbesten zu – der Fotografie.“

Carmel Myers (© Sammlung Kothenschulte)
Carmel Myers (© Sammlung Kothenschulte)

Nach einer Lehrzeit bei Muray machte sie sich im Herbst 1922 mit einem Studio in New Brunswick selbstständig; im Folgejahr änderte sie ihren Namen in Ruth Harriet Louise. Weitere Angestellte gab es nicht, aber ihren für ein provinzielles Fotoatelier hohen Anspruch bezeugt ein eigener Artikel in einer Lokalzeitung: „Gute Fotografien besitzen wie gute Bücher oder eine gut klingende alte Violine eine Seele.“

Nach zweieinhalb Jahren beendete Louise die wenig befriedigende Unternehmung und folgte ihrem Bruder im März 1925 nach Hollywood, der dort in wenigen Jahren vom Requisiteur zum Regisseur aufgestiegen war. Auch dort eröffnete sie sogleich ein kleines Fotostudio. Dass auch diese Unternehmung nach einem halben Jahr wieder schloss, war dagegen eine gute Nachricht: Gerade 22 Jahre alt, wurde sie von Studiochef Louis B. Mayer entdeckt, nachdem er eine Fotoserie gesehen hatte, die sie von ihrer Cousine, der Schauspielerin Carmel Myers, aufgenommen hatte. Auch Myers hatte es in Hollywood – meist besetzt als verführerischer Vamp – zu beachtlichem Erfolg gebracht und spielte gerade in einer der aufwändigsten MGM-Produktionen der Stummfilmzeit, „Ben Hur“.


Distanz und Nähe, Natürlichkeit und Stilisierung

Unvermittelt genoss Louise als erste festangestellte Porträtistin beim Branchenprimus ideale Arbeitsbedingungen. Ihr Atelier wurde in der Dachetage eines der höchsten Studiogebäudes eingerichtet.

Zwischen 1925 und 1930 porträtierte sie sämtliche großen Stars, die dort unter Vertrag waren. Darunter Joan Crawford, Norma Shearer, Marion Davies, John Gilbert, Lon Chaney, Buster Keaton, Robert Montgomery und natürlich die weltweit bewunderte Schönheit, die Schwedin Greta Garbo, deren Erscheinungsbild sie maßgeblich prägte. Auch die wichtigsten Regisseure des Studios setzte Louise für Pressefotos in Szene, darunter den auf Monumentalfilme spezialisierten Cecil B. DeMille und Fred Niblo, verantwortlich für die 4-Millionen-Dollar-Produktion „Ben Hur“.

Deutlich beeinflusst von der New Yorker Broadway-Fotografie und ihrem Lehrer Nickolas Muray, nehmen Ganzkörperstudien einen Großteil ihres Werkes ein. Behutsam tastet sie sich vor zur Großaufnahme. Die großformatigen 8 x 10 Zoll-Negative (25 x 30 Zentimeter) erlaubten ihr beliebige Ausschnittvergrößerungen im Labor. So entstand eine faszinierende Gleichzeitigkeit von Distanz und Nähe, Natürlichkeit und Stilisierung, die das Werk von Ruth Harriet Louise von denen vieler anderer Hollywoodfotografen unterscheidet. John Kobal, der Sammler und Hollywood-Fotografie-Historiker, fand in den vielen Tausend Negativen seiner Sammlung keine Großaufnahme, die Louise belichtet hatte.

Lillian Gish (© Sammlung Kothenschulte)
Lillian Gish (© Sammlung Kothenschulte)

In der Tat scheint sie die nur schwer bewegliche Kamera nie näher als in Brustbild-Distanz eingesetzt zu haben. Erst im Labor legte sie die Ausschnitte ihrer oft erstaunlich intimen Porträtstudien fest – darunter die heute noch oft reproduzierten Studien von Greta Garbos Gesicht. Neben einem Assistenten war ein Retuscheur in ihrem Studio beschäftigt, Andrew Korf, der meist direkt auf den Negativen arbeitete.

Louise arbeitete in ihrem Studio wie eine Filmregisseurin. Die Schauspielerin Lillian Gish verglich sie mit dem Filmemacher, der dem amerikanischen Kino mehr als ein Jahrzehnt zuvor neue künstlerische Perspektiven eröffnet hatte: „Ihre Fotografien waren großartig. Ich nahm Regieanweisungen von ihr an, wie ich es von D.W. Griffith getan hätte.“


„She Bosses the Stars“

Umso mehr müssen die vielen jungen Talente von der Zusammenarbeit mit einer gleichaltrigen Frau in dieser wichtigen Position beeindruckt gewesen sein. An der umfangreichen Zusammenarbeit mit der heute kaum noch bekannten Marceline Day – Buster Keatons Filmpartnerin in „The Cameraman“ (1928) – lässt sich eine besondere Spielfreude ablesen. Unabhängig von konkreten Filmstoffen posierte sie in freien Inszenierungen – etwa bei einer Studie, bei der sie mit den Fingern das Schattenbild eines Hündchens formt.

Die Autorität, mit der sich die junge Fotografin in der Männerdomäne des Filmstudios behauptete, wurde in zeitgenössischen Artikeln besonders hervorgehoben. „She Bosses the Stars“ ist Katherine Alberts Porträtartikel in „Screenland“ überschrieben, der mit den Zeilen beginnt: „Wenn Sie sie über das Lot spazieren gehen sähen, würden Sie denken, sie sei ein Star auf dem Weg von einem Set zum anderen. Sie ist so hübsch wie ein Star, aber statt einer zu sein, kommandiert sie diese.“

Ruth M. Tildesley, eine andere Filmjournalistin, titelt: „Directing Directors: Ruth Harriet Louise, Only Woman Photographer in Hollywood. Doesn’t Mind ‚Bossing‘ Megaphone Men Now“.

Auch wenn Artikel in der damaligen Fanpresse als historische Quellen mit Vorsicht zu genießen sind – so macht der Artikel in „Screenland“ die damals erst 24-jährige noch einmal vier Jahre jünger – entsprechen die Beschreibungen ihrer Arbeitsweise den Erinnerungen von Zeitzeugen.

Um die bei den meisten Stars unbeliebten Fototermine zwischen Dreharbeiten attraktiver zu machen, hatte sie in einer Ecke des dreiräumigen Ateliers ein Grammophon aufgebaut, in einer anderen servierte sie Tee. Requisiten und Geschenke füllten einen gemütlichen Salon. Eine reiche Plattensammlung erlaubte ihr, nicht nur den Geschmack ihrer Gäste zu treffen, sondern, entscheidender, den erwünschten Stimmungsgehalt eines Porträts zu stimulieren. Diese Methode entsprach dem permanenten Musikeinsatz, den ihre Modelle von Filmaufnahmen in der Stummfilmzeit gewohnt waren. Durch geschickte Musikauswahl gelang es Louise aber auch, ihre oft nach langen Dreharbeiten erschöpften Studiogäste wenn nötig aufzubauen.

Marceline Day (© Sammlung Kothenschulte)
Marceline Day (© Sammlung Kothenschulte)

„Gute Ergebnisse bei Fotos werden oft auf merkwürdige Weise errungen“, zitiert Albert die Fotografin. „Ich erinnere mich an eine der besten Sitzungen, die ich je mit Joan Crawford hatte – und von der ich dachte, sie würde schrecklich. Ich musste etwas mit spanischen Kostümen machen. Es sollte lebendig und spritzig sein, und Joan hatte den ganzen Tag fürchterlich hart auf dem Set gearbeitet und war ziemlich schlechter Laune. Mein Herz sank, als ich sie zuerst sah, denn so hätte ich das Gewünschte kaum von ihr bekommen. Aber sie hat das Kostüm trotzdem angezogen, und ich spielte die wildeste spanische Musik, die ich hatte, und redete sehr schnell auf sie ein über Spritzigkeit und Lebendigkeit und bat sie dann vor die Kamera… Wunderbar! Du bist genau wie eine spanische Señorita. Das ist es, zeig deine Zähne, Wunderbar! Die ganze Zeit lief die wilde Musik und nach ein paar Minuten war Joan in genau der richtigen Stimmung, und ich finde, die Ergebnisse sind die besten, die ich je mit ihr hatte.“


Die Etablierung und Lenkung eines Filmstars

Zu Beginn der 1920er-Jahre bildeten sich in der Starfotografie bis heute gültige Muster heraus, die Louise bei MGM entscheidend professionalisierte. Zunächst einmal ist da die Abgrenzung von der Standfotografie, die – meist von anderen Fotografen – parallel zu den Dreharbeiten produziert wird. Nach jeder Aufnahme verharren die Mitwirkenden einige Augenblicke in ihrer Position, damit „Stills“ aufgenommen werden können.

Die Porträtfotografie arbeitete in aller Regel abseits der Kulissen. So war es zum Beispiel möglich, die Stars in geplanten Rollen schon vorab zu inszenieren und wichtige PR-Effekte zu erzielen. Fanmagazine konnten so Erwartungen wecken oder die jeweiligen Besetzungen mit der Leserschaft diskutieren. Eine zweite Funktion war die Etablierung und Lenkung der Medienpersona eines Filmstars. Das klassische Studiosystem, das bis etwa 1960 in Hollywood existierte, war ein Starkino; der Erfolg der Stars bestimmte den Umsatz.

Mehr als heute wurden die damals in der Regel fest angestellten Filmstars auf bestimmte Typen hin besetzt – und Ruth Harriet Louise bediente diese Ansprüche: Greta Garbo war die geheimnisvolle, fremdländische Schönheit; John Gilbert der attraktive Abenteurer und romantische Liebhaber; Lon Chaney der in immer neuen Masken auftretende Outcast im Genrekino; Lillian Gish wurde meist als tragische Unschuld besetzt, Marceline Day stand für die komisch-verspieltere Variante dieses Charakterzugs. Einigen sehr erfolgreichen Stars gelang das Überwinden von Rollenzuweisungen. So begann Joan Crawford als Flapper, wie man in den 1920er-Jahren moderne, selbstbestimmte junge Frauenfiguren nannte, schaffte aber in ihrer fünfzigjährigen Karriere den Wechsel in dramatische oder melodramatische Rollen. Ein anderes Beispiel ist Norma Shearer, deren Aufstieg Louise begleitete: „Ich habe sie drei Jahre fotografiert und habe beobachtet, wie sie sich vom süßen, charmanten Mädchen zu etwas viel Größerem entwickelte. Sie entwickelte eine lebendige Persönlichkeit mit großer Affinität zu starker, dramatischer Arbeit. Sie macht sich viele Gedanken über ihre Porträts. Sie ist immer sehr hilfsbereit, und eines der dankbarsten Modelle, die ich habe.“

Lon Chaney (© Sammlung Kothenschulte)
Lon Chaney (© Sammlung Kothenschulte)

Die inszenatorische Arbeit stand bei Louise im Vordergrund, weniger die aufwändige Lichtsetzung, wie sie in den 1930er-Jahren die Glamour-Fotografie bestimmte.

Auch wenn ihre Zeit bei MGM nur fünf Jahre dauerte, belichtete sie ca. 100.000 Negative. Ihre Bilder wurden weltweit in unzähligen Tageszeitungen, Film- und Fanzeitschriften reproduziert und lieferten die Vorlagen für Magazincover, Programmhefte, Filmplakate und die besonders in Deutschland so beliebten Starpostkarten und Sammelbilder.


Das Ende ihrer Karriere in den 1930er-Jahren

Die Originalabzüge allerdings blieben für die Öffentlichkeit unsichtbar. Sie verblieben in einigen wenigen Zeitschriftenarchiven oder im Besitz der Stars selbst, die ihre kostbaren Beleg-Abzüge gern miteinander tauschten.

1930 beendete sie nach ihrer Hochzeit mit dem Filmregisseur Leigh Jason ihre Karriere bei MGM. Ihre letzte bekannte Session als unabhängige Fotografin – eine Porträtserie mit dem russischen Star Anna Sten, einer damals gefeierten Schönheit – zeigt ihre ungebrochene Meisterschaft. Das fein ausgeleuchtete, erhaben entrückte Porträt vor schwarzem Hintergrund zeigt, dass sie auch den artifizielleren Stil beherrschte, der sich ab etwa 1930 in Hollywood durchgesetzt hatte und bis heute mit dem Begriff Glamour aussoziiert ist. Offenbar gelang es ihr jedoch nicht, vor ihrem frühen Tod 1940 in größerem Maße in ihren Beruf zurückzukehren. Mit dem stilbildenden Glamour-Fotografen George Hurrell engagierte MGM den wohl prominentesten Vertreter der neuen Schule in der Starfotografie als ihren Nachfolger.

Nach Louise erhielten über Jahrzehnte nur noch männliche Fotografen feste Anstellungen in Hollywood-Studios. Ihr Blick veränderte auch die Sicht auf die weiblichen Stars und beflügelte eine andere, eher fetischisierende Ästhetik. Louises oft spielerische Arbeit mit den Stars auf Augenhöhe geriet lange in Vergessenheit – gemeinsam mit der Unschuld des amerikanischen Stummfilms.

Anna Sten (© Sammlung Kothenschulte)
Anna Sten (© Sammlung Kothenschulte)


In der Ausstellung „Hollywoods erste Fotografin: Ruth Harriet Louise“ präsentiert Kurator Daniel Kothenschulte vom 7. Januar bis zum 6. Februar 2022 im Kunsthaus Göttingen einen Querschnitt durch die Arbeiten von Ruth Harriet Louise aus seiner eigenen Sammlung. Bei den Bildern handelt es sich fast ausschließlich um historische Vintage-Prints.

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